{"id":2055,"date":"2000-02-11T15:26:49","date_gmt":"2000-02-11T13:26:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=2055"},"modified":"2025-02-28T15:28:15","modified_gmt":"2025-02-28T13:28:15","slug":"oertlich-betaeubt-guenter-grass","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=2055","title":{"rendered":"\u00d6rtlich bet\u00e4ubt &#8211; G\u00fcnter Grass"},"content":{"rendered":"<p>Steidl Verlag \u00a0(1969) \u2013 283 Seiten<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt;Grass diagnostiziert in <em>\u00d6rtlich bet\u00e4ubt<\/em> eine literarische Multimorbidit\u00e4t, deren zeitgeschichtliche Symptome auf einem zahn\u00e4rztlichen Behandlungsstuhl sediert werden. Intoniert von einer kieferkranken P\u00e4dagogengestalt. Mit Betonung der immer nur kleinen Schritte im Konfliktfeld der Gegenwart. Eben die <em>Tretm\u00fchle der Vernunft<\/em>. Formal kleidet der Autor die Gedanken in assoziative Gewitter, woraus sich eine un\u00fcbersichtliche Wetterlage f\u00fcr den Leser entwickelt. Streckenweise durchaus originell, im Ganzen jedoch unterk\u00fchlt. Auf einen Handlungsstrang verzichtet Grass weitgehend. Ja, man kann die Orientierung verlieren und sich im Kreise drehen. Ist das Zeitkritik?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Hauptprotagonist Starusch, Gymnasiallehrer f\u00fcr Deutsch und damit auch Geschichte, steht im Widerstreit mit seinen diffus progressiv politischen Anspr\u00fcchen. Gepr\u00e4gt von den Umw\u00e4lzungen der 68er-Jahre und der inzwischen angepassten Rationalit\u00e4t, die neben jedem F\u00fcr auch mit einem Wider lieb\u00e4ugelt. Wie in einem bewegten Stillstand verfangen. Sein literarischer Gegenpol ist der Sch\u00fcler Scherbaum. Sympathisch, intelligent, politisch entflammt f\u00fcr Gerechtigkeit und radikalisiert durch seine Freundin Vero. Um die Berliner gegen Napalm und den Vietnamkrieg aufzur\u00fctteln, plant er seinen Dackel auf dem Kudamm zu verbrennen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Verbrennen oder nicht verbrennen bleibt die durchg\u00e4ngige Frage. Der Selbstredner Starusch monologisiert in R\u00fcckenlage w\u00e4hrend einer langwierigen Kieferbehandlung. Dabei purzeln unter dem Einfluss wiederholter Lokalan\u00e4sthesie autobiographische Elemente, Personen und Visionen assoziativ durcheinander und hinterlassen verwaschene Engramme. Zahn\u00e4rztlicher Eingriff und die als Dialoge verkleideten Diskurse teilen die Monotonie, nur unterbrochen vom gelegentlichen Murmeln des behandelnden Arztes.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Interessante Einflechtungen stellen lediglich Aspekte der Familie Krings dar, mit der Starusch fast verwandt geworden w\u00e4re. Vater Krings war Zementbaron und hartgesottener Militarist. Als Ex-Feldmarschall gehasst, dann kriegsgefangen, schlie\u00dflich heimgekehrt. Tochter Linde war Verlobte von Starusch bis die Beziehung auseinanderbrach. Ausl\u00f6ser des Zerw\u00fcrfnisses war die Liaison mit Elektriker Schlottau. Schlottau diente als Gefreiter unter ihrem Vater. Linde hoffte nun &#8211; \u00fcber den nur im Stehen praktizierten Sex &#8211; von Schottau Hintergr\u00fcndiges \u00fcber ihren Vater zu erfahren. Der Liebesverlust entfachte in Starusch farbenfrohe Mordphantasien, ohne dass es zum Vollzug gekommen w\u00e4re.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Seitensprung wurde weiter ins Absurde verfremdet, in dem sich das neue Paar mit aller Inbrunst von der Wertewelt des Feldmarschalls absorbieren lie\u00df. Ins Groteske gesteigert, stellten sie am Ende zu dritt in naiv-befremdlicher Weise in riesigen Sandkastenspielen Details des Russlandfeldzuges nach. Mit ver\u00e4nderten Strategien m\u00fcsste der Krieg nachtr\u00e4glich doch noch zu gewinnen sein. Der Militarismus ging viral.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Roman bewegt sich nicht, und er bewegt nichts. Auch prosaisch bleibt er bet\u00e4ubt. Es scheint Schmerz da zu sein, aber unter \u00f6rtlicher Bet\u00e4ubung wird er weder gesp\u00fcrt, noch hat er Konsequenzen. Die Zahnbehandlung ist abgeschlossen, doch der Kiefer bereitet neue Probleme. Der Hund wird nicht verbrannt. Die kleine Pseudoterroristin Vero heiratet einen anderen und wird Stammgast in angesagten Kudamm Konditoreien. Die Lehrerkollegin Seifert gebiert sich als selbstkasteiender Erzengel samt Schuldanspruch mit unbegrenzter Haltbarkeit. Nachtr\u00e4glich entsetzt \u00fcber ihre fr\u00fcheren BDM-Aktivit\u00e4ten im Nazideutschland, ist f\u00fcr sie jetzt der Sch\u00fcler Scherbaum Zukunftshoffnung und moralisches Idol. Doch ihre Selbstemp\u00f6rung erweist sich als labil. Die \u00fcberschie\u00dfenden Heilserwartungen an den Sch\u00fcler und die Zeitenwende zerbr\u00f6seln augenblicklich als das Hundeopfer aus dem zeitgen\u00f6ssischen Programm gestrichen wird. Auch Scherbaum sieht die Dinge inzwischen relativierter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Roman kann als Gesellschaftskritik verstanden werden in einer Zeit, in der politische Aufarbeitung historischer Verbrechen weitgehend ausbleibt. Eine Zeit, die davon lebt, Zusammenh\u00e4nge zu relativieren, intellektuell zu versanden und deshalb zu paralysieren. Bet\u00e4uben. Aber eben nur \u00f6rtlich. Ernst gemeint, aber literarisch nicht wirklich gelungen. <strong>Note: 3\/4<\/strong> (ur)&lt;&lt;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Steidl Verlag \u00a0(1969) \u2013 283 Seiten &gt;&gt;Grass diagnostiziert in \u00d6rtlich bet\u00e4ubt eine literarische Multimorbidit\u00e4t, deren zeitgeschichtliche Symptome auf einem zahn\u00e4rztlichen Behandlungsstuhl sediert werden. 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