{"id":2051,"date":"2000-04-14T15:16:12","date_gmt":"2000-04-14T13:16:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=2051"},"modified":"2025-02-28T15:16:33","modified_gmt":"2025-02-28T13:16:33","slug":"die-glut-sandor-marai","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=2051","title":{"rendered":"Die Glut &#8211; Sandor Marai"},"content":{"rendered":"<p>Piper Z\u00fcrich \u00a0(1942\/1998) \u2013 224 Seiten<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0&lt;&lt; M\u00e1rai widmet sich in diesem Werk Fragen wahrer Freundschaft; wie seelische und gesellschaftliche Antipoden Grenzen negieren und sie am Ende doch nicht niederrei\u00dfen k\u00f6nnen. Wie Liebe zwischen den Geschlechtern und tiefste Verbundenheit zwischen M\u00e4nnern, engste B\u00fcnde hervorbringen und lebenstiefste Gr\u00e4ben aufrei\u00dfen. Und dass Prinzipientreue und Verletzungen ewig wirksam bleiben. So beschrieben zwischen zwei grundverschiedenen M\u00e4nnern und einer Ehefrau in der K.u.K Monarchie \u00d6sterreich-Ungarns, der Heimatregion des Autors.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In seinem 75. Lebensjahr wartet General Hendrik immer noch asketisch vereinsamt in seinem Karpaten-Schloss auf den hassgeliebten Freund Konrad, der sich vor \u00fcber 40 Jahren in die Tropen absetzte. Beide waren schon als Kinder wie unzertrennliche Zwillinge; besuchten gemeinsam die Kadettenschule; absolvierten den Wiener Milit\u00e4rdienst um die Jahrhundertwende und schienen trotz ihrer Gegengesetzlichkeit aneinander geschwei\u00dft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hendrik: stark, lebenszugewandt, unternehmungslustig, prinzipientreu aber emotionslos, reich und aus wohlhabendem Geschlecht. Konrad dagegen aus armem Elternhaus, introvertiert, musikalisch-vertr\u00e4umt, aber ebenso prinzipientreu. Trotz Freundschaft gew\u00e4hrten sie sich \u00fcbereinstimmend nicht den gesellschaftlichen und finanziellen Ausgleich untereinander. Ebenso blieb f\u00fcr beide vom jeweils anderen ein bedrohliches, unverstandenes und beneidetes Wesenselement. Verborgen und unerreichbar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vermutlich war es eine stille Entfremdung von Hendrik, die Konrad zusammen mit dessen Frau Krisztina veranlasste, einen t\u00f6dlichen Jagdunfall zu konzipieren, dem Hendrik jedoch nicht zum Opfer fiel. Konrad hatte im dem Moment, als Hendrik die T\u00f6tungsabsicht erkannte, den Mut zum finalen Schuss verlassen. Der entlarvte Attent\u00e4ter floh in die Tropen und blieb 41 Jahre verschollen. Hendrik, der eine Teilnahme seiner Frau vermutete, verlie\u00df auch sie augenblicklich. Fortan versank er in einer inneren und \u00e4u\u00dferen Immigration. Seitdem verharrte er paralysiert in diesem Leerraum \u2013 gest\u00fctzt nur von seiner inzwischen 91-j\u00e4hrigen Ersatzmutter, der fr\u00fcheren Amme, die ihm eine verst\u00e4ndnisvolle, lautlose und einf\u00fchlsame Dienerin blieb.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Gewissheit, das Leben ohne Aussprache nicht beenden zu k\u00f6nnen, treffen die Kontrahenten noch einmal aufeinander. Konrad erhofft vermutlich durch eine Beichte seelische Befreiung. Hendrik dagegen will ihm zuvorkommen und die Wahrheit nehmen, um den Schmerz zu s\u00fchnen. Da Henrik in einem vorauseilenden Monolog die Ereignisse mit detektivischem Sp\u00fcrsinn faktengenau abhandelt, bleibt Konrad nur Schweigen. Dadurch wird ihm tats\u00e4chlich die erhoffte Absolution vorenthalten. Die Schuldzuweisung wirkt umfassend. Obwohl Mordversuch und Ehebruch vordergr\u00fcndig die Hauptvorw\u00fcrfe darstellen, entpuppt sich der Verrat an ihrer M\u00e4nnerfreundschaft als die bedeutendste Verletzung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0Trotz des im Grunde sehr schlichten, geradlinigen Handlungsablaufs, gelingt dem Autor eine anhaltende Elektrisierung. Dies erscheint umso bemerkenswerter, da die monologischen Reflexionen des Hauptprotagonisten in der Anlage monoton ausgelegt sind. Dennoch bleibt der Leser im Geflecht der Beweisf\u00fchrung gebannt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Letztlich steuert der Roman auf zwei Fragen zu. Hat die Ehegattin den Komplott mit geplant und haben die beiden Freunde vielleicht ihre Lebenskraft nur aus dem Niedergang dieser Frau ziehen k\u00f6nnen? Nach der Trennung verendete sie vereinsamt an Auszerrung. Beide M\u00e4nner durften sich sicher sein, dass der Rivale von ihr nicht mehr bevorzugt werden w\u00fcrde. Die erste Frage wird im Werk vorab mit ja beantwortet. Die zweite Frage bleibt unbeantwortet. Da der Plot als Ganzes in diesen Fragen seinen Kulminationspunkt erreichen soll, ist am Ende Leseentt\u00e4uschung vorprogrammiert, denn der Spannungsbogen wird letztlich nicht vollendet.\u00a0 <strong>Note: 2\/3<\/strong> (ur)&gt;&gt;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Piper Z\u00fcrich \u00a0(1942\/1998) \u2013 224 Seiten \u00a0&lt;&lt; M\u00e1rai widmet sich in diesem Werk Fragen wahrer Freundschaft; wie seelische und gesellschaftliche Antipoden Grenzen negieren und sie am Ende doch nicht niederrei\u00dfen k\u00f6nnen. 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