{"id":2027,"date":"2024-12-09T11:35:04","date_gmt":"2024-12-09T09:35:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=2027"},"modified":"2025-03-18T10:51:48","modified_gmt":"2025-03-18T08:51:48","slug":"hey-guten-morgen-wie-geht-es-dir-martina-hefter","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=2027","title":{"rendered":"Hey Guten Morgen, wie geht es dir?  \u2013 Martina Hefter"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-2025\" src=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/K1024_Hey-Guten-Morgen-201x300.jpg\" alt=\"\" width=\"201\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/K1024_Hey-Guten-Morgen-201x300.jpg 201w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/K1024_Hey-Guten-Morgen-685x1024.jpg 685w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/K1024_Hey-Guten-Morgen.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 201px) 100vw, 201px\" \/>&gt;&gt;Deutscher Buchpreis 2024, die Latte liegt hoch. Da kann die Kritik auch schon mal heftig ausfallen. Dieses Buch rei\u00dft die Latte nicht, es l\u00e4uft unten durch.\u00a0 Ich werde den Verdacht nicht los, dass andere, literaturfremde Gr\u00fcnde eine Rolle bei der Vergabe gespielt haben:\u00a0 Die Autorin, eine Frau aus der freien, linken Theaterszene Leipzigs, die den woken, mutma\u00dflichen Zeitgeist bedient. Es geht viel um Tatoos, da wird im Text gegendert, da ist \u2013 ernst gemeint \u00a0von einer \u201ePerformerin, weiblich gelesen\u201c die Rede. Das ist selbst in der immanenten Genderlogik, mit Verlaub, offensichtlicher Bl\u00f6dsinn. Die Love-Scammer aus Nigeria, die unz\u00e4hlige Frauen ins finanzielle und emotionale Ungl\u00fcck st\u00fcrzen, ernten viel Verst\u00e4ndnis, r\u00e4chen sie sich doch an den Nachfahren der ehemaligen Kolonialm\u00e4chte.\u00a0 Kritische Recherchen dazu werden beil\u00e4ufig abgetan. (\u201eWas soll man von SPIEGEL TV \u00a0auch erwarten\u201c). \u00a0Das Ballett ist nat\u00fcrlich \u201ekolonialer als die st\u00e4rkste Kolonialmacht, weil es immer an wei\u00dfe K\u00f6rperideale\u201c gekn\u00fcpft ist. Bei geschilderten Fahrscheinkontrollen in Leipzig beobachtet sie, wenig \u00fcberraschend, latenten Rassismus. Das ganze Buch dann selbstredend von einem \u201eSensitivity Reader\u201c gegl\u00e4ttet, der die Autorin auf \u201everborgene Machtgef\u00e4lle und Diskriminierungen aufmerksam machte\u201c, wie die Autorin in einem umfangreichen Nachwort bekennt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein bisschen Namensgebung aus der r\u00f6misch-griechischen und \u00e4gyptischen Mythologie (Jupiter, Juno, Benu) f\u00fcr die Protagonisten und der als Klammer wirkende, d\u00fcstere Lars von Trier Film Melancholia, reichen nicht aus, der Geschichte wirklich Tiefe zu geben. Es h\u00e4tte eine spannende Geschichte werden k\u00f6nnen. Ber\u00fchrende Ans\u00e4tze \u00fcber das Gef\u00fchl von Juno eine Au\u00dfenseiterin zu sein in Kindheit und Jugend gibt es schon. Aber bei den Dialogen mit dem schnell entlarvten Love-Scammer Benu stellt sich trotz vieler \u201eTr\u00e4nenlachsmileys\u201c rasch Langeweile ein. Sie bleiben oberfl\u00e4chlich, man erf\u00e4hrt fast nichts \u00fcber ihn. Der Roman tritt auf der Stelle. Oder ist die \u00d6dnis Programm?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eEin Roman, der sein Versprechen nicht einl\u00f6st\u201c, urteilt Katharina Teutsch im Deutschlandfunk. Da kann ich mich anschlie\u00dfen.&lt;&lt;\u00a0<strong> Note 5+<\/strong> (\u00fcn)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; In Martina Hefters Roman gr\u00fc\u00dft mit aufweckendem Grundton die in prek\u00e4ren Verh\u00e4ltnissen lebende Protagonistin Juno. Sie gr\u00fc\u00dft nicht nur ihren schwerkranken Lebenspartner und einen virtuell-realen Nigerianer im <em>Social Media<\/em> Universum, sondern auch sich selbst. Es ist ein motivierendes Atmen, w\u00e4hrend der Feinstaub schicksalhafter Nebel sich schon lange in ihrem Umfeld festgesetzt hatte. Ihr Partner, von fortgeschrittener multipler Sklerose gezeichnet, ist zwingend auf ihre Hilfe angewiesen. Der gemeinsame Lebensunterhalt ist f\u00fcr sie als freischaffende K\u00fcnstlerin nicht garantiert. Das Selbstwertgef\u00fchl der gut F\u00fcnfzigj\u00e4hrigen auf der Ballettb\u00fchne wird immer mehr in Frage gestellt. Es ist ein atemloses Hasten vor dem B\u00fchnenbild ihres Dasein. Und doch findet Juno und das Geschehen dieses Plots festen Halt. Ja, er bleibt am Ende mit einer hellen Aura in Erinnerung des Lesers ohne kitschig zu werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Vordergr\u00fcndig gruppiert sich das Geschehen um einen Internet Dialog. Es ist eine andere B\u00fchne. Juno f\u00fcllt die schlaflosen N\u00e4chte mit provozierenden Abenteuern auf Internet-Kontaktb\u00f6rsen. Sie wirft die Angel aus, bietet sich als kleinen Frischfang, um im n\u00e4chsten Moment die anbei\u00dfenden M\u00e4nner blo\u00dfzustellen. Es ist ein Wechselspiel auf Augenh\u00f6he. Die L\u00fcge ist der Ball, den sich beide Seiten zuwerfen. Die M\u00e4nner\/Frauen\/Diverse tragen Fake-Namen, leben im Fake-Luxus, machen Fake-Versprechungen. Am Ende wollen sie Geld oder Sex oder beides. Juno dagegen will Unterhaltung. Was zun\u00e4chst nur als Ablenkung begann entwickelt Suchtcharakter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u00dcberraschend gewinnt einer dieser Kontakte an Stabilit\u00e4t und macht eine Metamorphose durch. Um das anspruchslose Zwiegespr\u00e4ch zwischen Juno und dem Nigerianer Benu sortiert die Autorin ein zunehmend komplexer werdendes Psychogramm der Protagonistin. Juno sendet Stichworte an Benu. Diese sind vor allem Aufh\u00e4nger f\u00fcr die eigenen Gedankeng\u00e4nge. \u00dcber den Fremden im \u00c4ther geht Juno immer st\u00e4rker auf sich selbst zu. Schleichend gibt sie immer mehr von sich preis &#8211; so wie Benu offensichtlich auch von sich. Ihr Misstrauen wird schlie\u00dflich von Zuneigung verdr\u00e4ngt. Es wird in dem Moment laut und vernehmlich, als Benus Profil auf der Love Scammer Plattform leer bleibt. Am Ende erscheint diese Virtualit\u00e4t selbst virtuell. Realer wird gleichzeitig Junos In-sich-Ruhen. Der zerst\u00f6rerische Planet <em>Melancholia<\/em> entschwindet aus ihrem Horizont.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Mit dem Fortschreiten der Seitenzahlen rahmt Martina Hefter die kurzen Internet-Dialoge immer mehr durch auktoriale Erz\u00e4hlstr\u00e4nge ein. Die Tiefenschichtung der Gestalt Juno tritt zunehmend an die Oberfl\u00e4che. R\u00fcckblicke in die holprige Kindheit. Alltagsersch\u00f6pfung im Hier und Jetzt. Aufopferung f\u00fcr den gen\u00fcgsamen Partner. Erf\u00fcllung im kreativen Tanz. Ihre n\u00e4chtlichen Ventile f\u00fcr den seelischen \u00dcberdruck. Wir beginnen den Menschen Juno zu kennen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Juno war fr\u00fch die Au\u00dfenseiterin. In der Schule gemieden, sich nicht einf\u00fcgend. Ein bisschen Punk, ein bisschen Fr\u00fchintellektuelle. Die extravaganten zerschlissenen Klamotten, das vorzeitige Eindringen in die Astrophysik, die irrwitzige Begeisterung f\u00fcr das Ballett. Freie Theatert\u00e4tigkeit am Existenzminimum, Liebschaften, keine Kinder, aber einen lieben Jupiter, ihr kranker Lebenspartner. Noch jetzt kreisen die Himmelsk\u00f6rper mit stabiler Gravitation umeinander.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 In diesem Lebenslauf werden auch Werte neu justiert. L\u00fcge. Wahrheit. Love Scamming ist L\u00fcge. Oder wird nicht auch das angeboten, was der Selbstwahrnehmung &#8211; vielleicht auch der Selbstl\u00fcge &#8211; entsprechen soll? Was \u00e4ltere Frau vom fremden Mann h\u00f6ren will? Dass es eine Restattraktivit\u00e4t gibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Oder das Ballett. Auch nur eine F\u00e4lschung jenseits der Wirklichkeit. Bilder ohne Realit\u00e4t. Oder, die von Juno bem\u00fchten und in den Sternbildern verewigten Mythologien. Sentenzen der Unwirklichkeit. Der L\u00fcge? Ist Fantasie L\u00fcge? Und wenn ja, braucht Wahrheit dann nicht immer wieder eine ordentliche Portion davon? Juno ist mehr als eine n\u00e4chtliche Love Scamming Kandidatin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass all das nicht ohne Schwermut ist, ruft Hefter auch mit einem wiederkehrenden Motiv in Erinnerung. Der Kinofilm <em>Melancholia<\/em>: ein vagabundierender Planet zerst\u00f6rt die Erde. Nicht zerst\u00f6rt wird bis zuletzt die N\u00e4he zweier Schwestern. Und das just in dem Moment, wo die eine gerade heiratet. Juno ist fasziniert von dem Film, weil er nichts besch\u00f6nigt. Hier also ohne L\u00fcge. Aber ohne Fortsetzung. Immerhin hat die Melancholie ein Ende.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu guter Letzt ist erstaunlich (aber ermutigend), dass dieser Roman Anerkennung in Form des Deutschen Buchpreises findet, obwohl das Ende nur bedingt offen ist und vieles sich zum Positiven wendet. Junos erste eigene Ballettinszenierung wird bejubelt, Jupiters Romanmanuskript findet ein gro\u00dfes Verlagshaus, ein Buchpreis entsch\u00e4rft die Finanzsorgen, Jupiter kehrt nach einem erneuten MS Schub stabilisiert aus dem Krankenhaus zur\u00fcck. Fast eine undeutsch positive Machart. Befremdlich bleibt jedoch die (Buchpreis-f\u00f6rderliche?) auferlegte Zensur. Mit Dank erw\u00e4hnt die Autorin das <em>sensitivity reading<\/em>, und meint damit die ausw\u00e4rtige Sprach- und Inhaltskontrolle ihres Werkes, um allen Gender-, Rassismus- und antizipierten Kritikpunkten der lesenden \u00d6ffentlichkeit gerecht zu werden. Der Pfad zur Rasterliteratur? Auch wenn diese Form der vorauseilenden <em>political correctness correction<\/em> wie eine Verpflichtung zum <em>main stream<\/em> klingt, bleibt dennoch gen\u00fcgend Lesestoff. <strong>Note: 2 \u2013<\/strong> (ur)&lt;&lt;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; Lieber als jetzt \u00fcber ihr Buch zu schreiben, h\u00e4tte ich ihre multimediale Performance \u201eSoft War\u201c in der Dependance des Leipziger Schauspielhauses angeschaut. Aber alle sieben Vorstellungen waren ausverkauft.<br \/>\nAlso doch zum Buch, auf dessen R\u00fcckseite zu lesen ist \u201eMartina Hefter hat ein g\u00f6ttliches Buch geschrieben\u201c (FAZ). Das steigert die Vorfreude. Der Inhalt des Romans ist dem Lesenden sicherlich bekannt. Es gew\u00e4hrt wertvolle Einblicke in das Leben kulturschaffender Menschen, die am unteren\u00a0 Existenzminimum leben und auf den gro\u00dfen Durchbruch hoffen. \u00dcberraschend auch, wie selbst diese Welt von B\u00fcrokratie gepr\u00e4gt wird. W\u00e4re ich im T\u00e4towiergewerbe t\u00e4tig, w\u00fcrde ich das Buch kostenlos verteilen. Soviel kostenlose Werbung in einem Buch f\u00fcr eine problematische K\u00f6rperverletzung. Eher \u00e4rgerlich. Die Rechtfertigung der afrikanischen Love-Scammer mit der fr\u00fcheren kolonialen Ausbeutung des afrikanischen Kontinents ist problematisch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesen bildet: Ich wei\u00df jetzt, dass ein Tr\u00e4nenlachsmiley nichts mit Lachs zu tun hat und dass das Sturzb\u00e4cheweinen-Emoji sparsam verwendet werden sollte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sympathisch finde ich, dass die Autorin am Ende auf anderthalb Seiten \u201evielen wunderbaren Menschen\u201c f\u00fcr ihre Begleitung dankt.\u00a0 <strong>Note: 3<\/strong>\u00a0 (ax)&lt;&lt;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt;Da wird ein Roman gehypt (Die FAZ spricht von einem \u201eg\u00f6ttlichen Buch\u201c), aber der Leser wird entt\u00e4uscht. Dabei sind die zwei Welten der Performancek\u00fcnstlerin Juno mit ihrem MS erkrankten Mann Jupiter und die vorwiegend n\u00e4chtliche Gegenwelt der Scamming- und Chatszene mit der Schl\u00fcsselfigur Benu eigentlich Stoff f\u00fcr eine gro\u00dfe Geschichte. Stattdessen bilanziert die allwissende Erz\u00e4hlerin n\u00fcchtern: \u201eJuna Isabella Block schreibt immer morgens zwischen sieben und acht im Bett, wenig sp\u00e4ter geht\u2019s los zum Tanzen, manchmal schreibt sie auch abends und nachts. Einen Text \u00fcber Tattoos, den Planet Melancholia, \u00fcber \u00e4ltere Frauen, Love-Scammer, Nigeria.\u201c (129). Diese Zusammenfassung h\u00e4tte sicherlich nicht zum Deutschen Buchpreis gereicht. Heutzutage dagegen all das, was sich unter der Kategorie \u201eZeitgeist\u201c und \u201ewoke\u201c subsummieren lie\u00dfe. Dazu h\u00e4tte es allerdings nicht des peinlichen Schlussdanks der Autorin bedurft. Wer selbst zum Schreiben einen \u201eSensitivity Reading\u201c Coach (weiblich gelesen!!) ben\u00f6tigt, der sollte es beim Tanzen belassen. <strong>Note: 4<\/strong> (ai) &lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&gt;&gt;Deutscher Buchpreis 2024, die Latte liegt hoch. Da kann die Kritik auch schon mal heftig ausfallen. 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