{"id":1998,"date":"2001-09-14T12:11:22","date_gmt":"2001-09-14T10:11:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=1998"},"modified":"2024-11-03T13:15:42","modified_gmt":"2024-11-03T11:15:42","slug":"small-world-martin-suter","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=1998","title":{"rendered":"Small World \u2013 Martin Suter"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-2010\" src=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/K1024_small_world-197x300.jpg\" alt=\"\" width=\"197\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/K1024_small_world-197x300.jpg 197w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/K1024_small_world-673x1024.jpg 673w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/K1024_small_world.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 197px) 100vw, 197px\" \/>Diogenes, 1997 \u2013 324 Seiten<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Bemerkenswerter Roman f\u00fcr eine gerontologisch voranschreitende Gesellschaft. Die Alzheimer Erkrankung wird ernst und zugleich unterhaltend beleuchtet. Dabei ist das Plotger\u00fcst aus kriminologischen Stangen aufgestellt. Einfache Sprache kontrastiert mit einer ausgekl\u00fcgelten inhaltlichen Schachtelung. Am Ende steht die unorthodoxe Auf\u2013 und Erl\u00f6sung. Dem Protagonisten Konrad Lang wird durch Verwerflichkeit anderer das wahre Leben geraubt. Mit progressivem Ged\u00e4chtnisverlust b\u00fc\u00dft er es ein zweites Mal ein. Und gerade das schenkt ihm ein neues Dasein und erhellt das vorangegangene.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Konrad Lang (63) ist Verwalter und Hausmeister des Koch<sup>schen<\/sup> Feriensitzes auf Ibiza. Seine ersten Anzeichen von Alzheimer werden deutlich, als er f\u00e4lschlicherweise die repr\u00e4sentative Villa in Brand setzt. Er hatte einen Holzstapel neben statt im Kamin entz\u00fcndet. Die Kochs &#8211; unter strenger F\u00fchrung der alten Unternehmergattin Elvira &#8211; internieren den hilflosen Mann in einer Mietwohnung unweit ihres Wohnsitzes in der Schweiz. Aus einem unverstandenem Grund f\u00fchlen sie sich verantwortlich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Konrad versucht sich zwischen bescheidenen Ritualen von Mittagessen in der Sozialstation, Alkoholsucht und wenigen Sozialkontakten einzurichten. Bis Rosemarie Haug in sein Leben tritt und eine r\u00fchrige Seniorenliebe entfacht. Rosemarie best\u00e4rkt ihn in seiner Selbstfindung, gibt ihm ein neues Wertgef\u00fchl und die Kraft, dem Alkohol zu entsagen. Am schwersten wiegt die Losl\u00f6sung von der dominierenden Familie Koch. Ein Leben lang war er als Sohn einer angeblichen Freundin des Hauses integriertes Mitglied der Familie. Als solches war seine ihm zugeschriebene Rolle die des Spielgef\u00e4hrten und Adjutanten des Chefsohnes Thomas Koch. Nun, parallel zur voranschreitenden Losl\u00f6sung von der Familie, hat er das Gef\u00fchl, zum ersten Mal in seinem Leben einen ihn erf\u00fcllenden und selbstst\u00e4ndigen Platz einzunehmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tragischerweise schreitet die Demenz so weit voran, das sie letztlich die erhoffte Ehe mit Rosemarie unm\u00f6glich macht. Er findet nicht mehr aus dem Supermarkt heraus, vergisst den eigenen Namen, trocknet vollgen\u00e4sste W\u00e4sche im Backofen. Eines nachts verl\u00e4uft er sich im verschneiten Forst. Man findet ihn, doch sind drei Zehen abgefroren. Er wird station\u00e4r eingewiesen. Er entgleitet sich selbst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine zweite Frau, die er als solche jedoch kaum noch wahrnimmt, tritt in sein Leben. Simone Koch (23). Als frustrierte und betrogene Gattin des designierten Familienoberhaupts Urs Koch (28) bietet ihr der samariterhafte Einsatz f\u00fcr Konrad die M\u00f6glichkeit, sich in der Familie zum ersten Mal zu behaupten. Sie holt Konrad aus der geschlossenen Klinik und richtet ihm auf dem eigenen Anwesen eine perfekt eingerichtete Sozialstation mit ausgebildetem Personal ein. Videokameras helfen, Konrad vor gef\u00e4hrlichen Dummheiten zu bewahren. Gerne w\u00fcrde sie Konrads Erinnerungsverm\u00f6gen mit Bildern aus der Kindheit stabilisieren, doch verweigert die Hausherrin und Schwiegermutter die Alben. Simone kopiert kurzerhand die Erinnerungsst\u00fccke und beginnt mit Konrad eine geduldige Ged\u00e4chtnistherapie. Konrad formuliert erstaunliche, wenn auch r\u00e4tselhafte Zusammenh\u00e4nge, die vermuten lassen, dass die \u00f6ffentlich bekannte Familiensaga verf\u00e4lscht wurde. Auch der Hausherrin bleibt dieser Erkenntnisprozess nicht verborgen. Ihre hochgradige Verunsicherung treibt sie schlie\u00dflich zu einem Mordanschlag. Sie infundiert Konrad eine \u00dcberdosis Insulin. Konrad kann knapp dem Tod entgehen, w\u00e4hrend die Hausherrin prompt durch Videoaufzeichnungen belastet wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Schuld \u00fcberf\u00fchrt, suggeriert Elvira den zuk\u00fcnftigen Kocherben, dass sie ihr Erbe verlieren werden, sollte der Mordversuch publik werden. Nachforschungen w\u00fcrden dann ergeben, dass Thomas Koch in Wirklichkeit der Sohn von Elviras Schwester sei und Konrad ein leiblicher Sohn aus erster Ehe von Elviras verstorbenem Gatten. Elvira gesteht, dass sie und ihre Schwester den alten Koch durch eine \u00dcberdosis Insulin ermordet h\u00e4tten. Durch ein Stilllegen des Haussitzes samt Personal verbunden mit einer langen Abwesenheit, w\u00e4re es den Schwestern gelungen, die Spuren zu verwischen. Den beiden kleinen Buben w\u00e4re durch einen bewusst verwirrenden, gemeinsamen Mutter-Mutter-Sohn-Sohn Alltag ein ver\u00e4ndertes Familienbewusstsein eingetrichtert worden. Elvira w\u00e4re zur Mutter von Thomas, die Schwester zu Konrads Mutter geworden. Das Vertauschen der Kinder h\u00e4tte Elvira erm\u00f6glicht, Thomas, den Sohn ihrer Schwester, zum Alleinerben des Koch Imperiums zu machen. Tats\u00e4chlich lassen sich Konrads diffuse Erinnerungs\u00e4u\u00dferungen so deuten. Wenn der Leser durch diese Verschachtelung in der Verschachtelung nicht nachhaltig verwirrt wurde, wird er ahnen, dass diese Darstellung erlogen ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weil sie mit den zwei Insulinanschl\u00e4gen hochgradig belastet bleibt, sieht die Hausherrin nur den Ausweg, aus dem Leben zu scheiden. Der folgende Suizid bleibt jedoch als solcher unerkannt, geht er doch in einem t\u00f6dlichen Autounfall unter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Ende durchschl\u00e4gt der auktoriale Erz\u00e4hler den gordischen Knoten der Familiensaga. Elvira war zun\u00e4chst Hausm\u00e4dchen bis sich eine Liaison zwischen ihr und dem verwitweten Koch entwickelte. Koch war Vater des kleinen Thomas. Die verschlagene Elvira (19) erwirkte die Ehe mit dem alkohols\u00fcchtigen Witwer (57). Elvira hatte inzwischen ihre Schwester mit deren vermeintlichen Sohn Konrad ins Haus geholt. Tats\u00e4chlich war Konrad der aus einer Vergewaltigung hervorgegangene Sohn von Elvira selbst. Nachdem die damals 14-j\u00e4hrige schwangere Elvira aus ihrem Heimatdorf verwiesen worden war, war der \u00e4lteren Schwester der neugeborene Konrad angeh\u00e4ngt worden. Im neuen Domizil der Kochs angekommen, eigneten sich die beiden Schwestern die sch\u00f6nreiche Unternehmerwelt kaltbl\u00fctig an, indem sie schon ein Jahr nach Elviras Hochzeit dem alten Koch eine \u00dcberdosis Insulin verabreichten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie allen anderen bleiben auch Konrad diese Hintergr\u00fcnde verborgen. Literarisch folgt der Lichtung der Familientragik eine Aufhellung des Krankheitsverlaufs. Als schlie\u00dflich ein forschender Neurologe Konrad eine noch nicht zugelassene anti-plaque Therapie erm\u00f6glicht, kann das Fortschreiten der Degeneration gestoppt werden. Sogar regenerative Besserungen deuten sich an (<em>seien wir gro\u00dfherzig &#8211; ein wenig Kitsch muss erlaubt sein<\/em>).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Roman, der dem Vergessenen die Kraft des Erinnerns verleiht. <strong>Note: 1 \u2013<\/strong> ( ur)&lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diogenes, 1997 \u2013 324 Seiten &gt;&gt; \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Bemerkenswerter Roman f\u00fcr eine gerontologisch voranschreitende Gesellschaft. Die Alzheimer Erkrankung wird ernst und zugleich unterhaltend beleuchtet. Dabei ist das Plotger\u00fcst aus kriminologischen Stangen aufgestellt. Einfache Sprache kontrastiert mit einer ausgekl\u00fcgelten inhaltlichen Schachtelung. 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