{"id":1992,"date":"2005-10-05T12:03:54","date_gmt":"2005-10-05T10:03:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=1992"},"modified":"2025-02-28T15:48:52","modified_gmt":"2025-02-28T13:48:52","slug":"nachtzug-nach-lissabon-pascal-mercier-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=1992","title":{"rendered":"Nachtzug nach Lissabon \u2013 Pascal Mercier"},"content":{"rendered":"<p>Hauser Verlag 2004 \u2013 495 Seiten<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Es ist der Roman einer Erkenntnisreise. Die Daseinsfrage <em>Wer bin ich \u2013 h\u00e4tte mein Leben ein anderes sein k\u00f6nnen?<\/em> kleidet der Autor prosaisch in das Format einer Fuge \u2013 eines sich wiederholenden Motivs, dessen musikalische Glieder gegeneinander versetzt sind. Der Protagonist sucht sich heute selbst, indem er sich auf die Suche nach einem anderen von gestern macht. Die beiden Schicksale sind zwar grundlegend verschieden; die gemeinsamen Motive aber die gleichen: Ethik, Aufrichtigkeit, Einsatz, Zielstrebigkeit, Tiefgr\u00fcndigkeit, Selbstzweifel und geradezu versessene Huldigung der Sprache. Die Erwartung des Ersten ist es, durch das Durchdringen des Zweiten zu sich selbst zu finden. Der Antrieb dazu scheint nicht mehr als ein zuf\u00e4lliger Impuls zu sein. Aber pl\u00f6tzlich wird das Wollen \u00fcberw\u00e4ltigend und sprengt alle Konventionen. Der Protagonist ist Gymnasiallehrer, tritt eines Tages wortlos aus dem Klassenzimmer und kehrt nicht zur\u00fcck. Der unverstandene Ausl\u00f6ser war ein Schock, die Wegbeschreibung ein Zufall, die Suche hochkonzentriert, die L\u00e4uterung im Ungef\u00e4hren. Selbst am Ende k\u00f6nnen wir kaum wissen, ob der Zug angekommen ist in jenem Leben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im beschaulichen Bern ger\u00e4t der vergeistigte Lateinlehrer Gregorius durch den von ihm vereitelten Sprung einer Portugiesin von einer Br\u00fccke aus dem Jahrzehnte langen Gef\u00fcge seines kleinen, geordneten Lebens. Es h\u00e4tte das Ende ihres Lebens sein k\u00f6nnen. Vielleicht dr\u00e4ngt sich ihm die Frage auf, ob er nicht auch schon lange am Ende seines Seins angelangt ist. Als er am gleichen Tag das Buch \u201eDer Goldschmied der Worte\u201c entdeckt, veranlasst ihn ein unbestimmter Drang die Spurensuche nach dem Autor des Buches aufzunehmen \u2013 hatte dieser sich doch als Arch\u00e4ologe der Seele gesehen. Der Name des portugiesischen Autors: Amadeu Prado aus Lissabon.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ohne Nachricht zu hinterlassen, bucht er spontan den Nachtzug nach Lissabon. Es wird eine Reise in die Dunkelheit mit der vagen Erwartung, dass das Licht des folgenden Tages auch seine Lebensschatten aufl\u00f6st. Die \u00fcberst\u00fcrzte Reise ist ein Kontrapunkt in seinem beengten Leben. Er: \u00e4ngstlich, hilfesuchend, im Ungewissen, welches Ziel der Aufbruch hat, aber dennoch eine gro\u00dfe Tragweite vermutend. Kaum des Portugiesischen m\u00e4chtig, k\u00e4mpft er sich durch die autobiographischen Aufzeichnungen von Prado und meint, Parallelen zu sich selbst zu erkennen. Vielsagend geht seine alte Brille zu Bruch. Mit der neuen, eleganteren, der er sich widerstrebend anvertraut, erscheint die Welt transparenter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Lissabon schl\u00fcpft er mit einem neuen Anzug in eine neue Haut und erlangt behutsam eine Leichtigkeit, die ihm den Mut gibt, sich auch anderen Menschen gegen\u00fcber zu \u00f6ffnen. Den Aufzeichnungen des Autors folgend beginnt er nach und nach Zeitzeugen von Prada ausfindig zu machen bis aus den Mosaikst\u00fccken ihrer Erz\u00e4hlungen ein umfassendes Bild entsteht. Das dargestellte Leben von Prado scheint Charakterz\u00fcge von Gregorius widerzuspiegeln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Prado entpuppte sich fr\u00fch als unglaublich intelligenter Knabe, dem &#8211; wie Gregorius &#8211; Sprache ein Heiligtum war. Der strenge Vater und h\u00f6chster Staatsrichter f\u00fcrchtete fr\u00fch, vom Sohn ob seiner Intelligenz blo\u00dfgestellt zu werden. Fortan rang der kleine Prado schmerzhaft mit seiner unerf\u00fcllten Vaterliebe. Diese Erfahrungen verdichtete Prado zu der Annahme, dass Eltern stets qualvolle Lasten auf ihre Kinder \u00fcbertragen. In Folge entschied er sich gegen eigene Kinder und lie\u00df sich sterilisieren. Aufrichtigkeit war ihm unverzichtbar. Umso qu\u00e4lender waren die Selbstvorw\u00fcrfe, als er seine Zeugungsunf\u00e4higkeit seiner fr\u00fch verstorbenen Frau Fatima verheimlichte, die allzugerne auf eine Familie gebaut h\u00e4tte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend der Salazar-Diktatur war Prada als Arzt von seinen Patienten sehr gesch\u00e4tzt worden. Nachdem er jedoch aus \u00e4rztlichem Pflichtgef\u00fchl auch einem Polizeischl\u00e4chter das Leben gerettet hatte, wurde Prada allgemein ge\u00e4chtet. Im Sinne einer Wiedergutmachung schloss er sich im Untergrund dem Widerstand an, den sein alter Freund O`Kelly mit seiner Lebensgef\u00e4hrtin Estef\u00e2nia leitete. Als O`Kelly aus politischen Motiven seine Freundin ermorden wollte, rettete Prado auch sie. Auf der gemeinsamen Flucht ins spanische Finisterre versuchte Prado den Lebensanschluss, war er doch von Estef\u00e2nia geradezu besessen. Doch sie verweigerte sich ihm. Prado musste erkennen, dass es ihm wie O`Kelly erging. Dieser hatte extra einen Fl\u00fcgel gekauft, um Estef\u00e2nias Lieblingslied einzu\u00fcben bis ihm klar wurde, dass er dieses Lied in seinem verbleibenden Leben nicht mehr w\u00fcrde lernen k\u00f6nnen. Die Lebensentt\u00e4uschung dieser Reise zerm\u00fcrbte Prada bis auch er schlie\u00dflich einem Hirnaneurysma erlag.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gregorius offenbart sich im Laufe der vielen Gespr\u00e4che ein Beziehungsgeflecht voller Widerspr\u00fcche, Forderungen, Anfeindungen, erf\u00fcllter und unerf\u00fcllter Liebe, Anerkennung und Ablehnung. Der Sohn m\u00f6chte den Vater lieben, der ihn aus Angst jedoch ausgrenzt. Die Lehrer sind geblendet von der fr\u00fchreifen Intelligenz des Sch\u00fclers und f\u00fcrchten ihn zugleich. Der Ehemann verheimlicht den schicksalstr\u00e4chtigen Sterilisationseingriff seiner Frau. Seine Schwester liebt den Bruder abg\u00f6ttisch und dr\u00e4ngt sofort in sein Leben, als dessen Gattin stirbt. Der Arzt setzt die \u00e4rztliche Ethik \u00fcber die politische Verantwortung und verliert damit die Wertsch\u00e4tzung vieler. Der Freund schenkt dem anderen Freund eine Apotheke, entf\u00fchrt ihm aber sp\u00e4ter die Freundin. Die Freundin will von ihm nicht geliebt werden und untergr\u00e4bt sein Lebensrettungsmotiv. Der Freund stellt die politischen Motive \u00fcber die humanit\u00e4ren und will seine Freundin eliminieren, weil ihr l\u00fcckenloses Ged\u00e4chtnis eine Gefahr f\u00fcr den Widerstandskampf darstellen k\u00f6nnte, sollte sie unter Folter der Diktatorh\u00e4scher Geheimnisse verraten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beim Anblick all dieser Details ist Gregorius entflammt, fasziniert, zweifelt, fl\u00fcchtet vorr\u00fcbergehend zur\u00fcck in die Schweiz, recherchiert weiter, \u00a0bis er an das Ende von Prados Buch gelangt. Gregorius kehrt schlie\u00dflich von Lissabon &#8211; seinem Finisterre \u2013 an den eigenen Ursprungsort zur\u00fcck. Doch hat der Erkenntnisprozess ihn befreit? Das Leben bleibt ein Torso. Auch f\u00fcr ihn. Zu guter Letzt ist auch er wie Prado t\u00f6dlich am Organ der Erkenntnis erkrankt und endet mit einem Hirntumor.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein feinf\u00fchlender, wortgewaltiger Roman eines Autors, der wegen fr\u00fchen Selbstzweifeln ein Pseudonym w\u00e4hlte und im wahren Hier und Jetzt Peter Bieri hei\u00dft. <strong>Note: 2\/3<\/strong> ( ur)&lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hauser Verlag 2004 \u2013 495 Seiten &gt;&gt;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Es ist der Roman einer Erkenntnisreise. 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