{"id":1985,"date":"1996-02-09T17:32:51","date_gmt":"1996-02-09T15:32:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=1985"},"modified":"2024-11-03T13:16:50","modified_gmt":"2024-11-03T11:16:50","slug":"der-sandmann-e-t-a-hoffmann","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=1985","title":{"rendered":"Der Sandmann- E.T.A. Hoffmann"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-2011\" src=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/K1024_Sandmann_ETA-183x300.jpg\" alt=\"\" width=\"183\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/K1024_Sandmann_ETA-183x300.jpg 183w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/K1024_Sandmann_ETA-624x1024.jpg 624w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/K1024_Sandmann_ETA.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 183px) 100vw, 183px\" \/>Insel Taschenbuch 1986 (1817)\u2013 84 Seiten<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 In der Farbgebung der schwarzen Romantik thematisiert der Autor den progressiven Verfall eines Protagonisten. Eingekerkert in das selbst errichtete Gef\u00e4ngnis des Ichs, wider aller Befreiungsbem\u00fchungen des mitf\u00fchlenden Umfeldes zerst\u00f6rt der Gefangene Beziehungen der Liebe, verirrt sich in vernichtenden Wahnvorstellungen und findet erst durch den gewaltsamen Tod Ruhe durch Ausl\u00f6schung. Es sind Bilderszenen von verst\u00f6render Intensit\u00e4t. Es sind Filml\u00e4ufe von seelischen Abgr\u00fcnden unverstandener oder vager Genese. F. Kafka und S. Freud folgen dem Verm\u00e4chtnis von E.T.A Hoffmann. Der Leser ist ergriffen und ver\u00e4ngstigt. Steckt in jedem von uns diese Wucht der Selbstzerst\u00f6rung?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 F\u00fcr die Erz\u00e4hlung bedient sich Hoffmann einer ungew\u00f6hnlichen Konstruktion aus drei Elementen. Es ist ein heute nicht mehr \u00fcberzeugender literarischer Aufbau: In Briefen an die geliebte Clara und deren Bruder l\u00e4sst der Autor den Protagonisten Nathanael ein fr\u00fchkindliches Trauma berichten. Dann schaltet sich der auktoriale Erz\u00e4hler ein, um die weise Braut Clara vorzustellen und Nathanaels Verwirrungen pathologisch einzuordnen. Sie legt ihrer Studentenliebe Nathanael dar, dass sein wiederbelebtes Trauma nicht auf Wirklichkeit baue. Somit br\u00e4uchte er keine Furcht zu haben. Nathanael l\u00e4sst die Bewertung nicht gelten und man\u00f6vriert sich statt dessen nur tiefer in die Strudel des Ertrinkens. In einem dritten Abschnitt wechselt der Autor auf die klassische Erz\u00e4hlebene, um in einer finalen Episode die zerst\u00f6rerische Verblendung in absurder Auspr\u00e4gung zu beschreiben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den Briefen erinnert Nathanael an wiederholte Besuche eines \u00e4ngstigenden Bekannten seines Vaters. Gr\u00e4sslich anzuschauen, Kinder zu Tode erschreckend, mit dem Vater n\u00e4chtens alchemistische Versuche durchf\u00fchrend. Die Kinder wurden ins Bett geschickt mit dem Hinweis, es sei der Sandmann. W\u00fcrden die Kinder zu diesem Zeitpunkt noch nicht schlafen, w\u00fcrde er Sand in die Augen streuen bis diese blutig aus dem Sch\u00e4del springen. Bei einer dieser Sitzungen kommt der Vater durch eine Explosion zu Tode. Der Sandmann, den Nathanael als den Glasbl\u00e4ser Coppelius erkennt, soll die Rache des Jungen erfahren. Vor allem auch, weil der Sandmann st\u00e4rker denn je in den Tr\u00e4umen des erwachsenen Nathanaels w\u00fctet. Die Schwester r\u00e4t in einem Antwortschreiben zum Erwachen, zum Gewahrwerden, dass die empfundene Bedrohung ausschlie\u00dflich eingebildeten \u00c4ngsten entspringt. Doch Nathanael bleibt geradezu obsessiv gefangen im Kokon seiner Albtr\u00e4ume. Er will seinen Coppelius.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im abschlie\u00dfenden Erz\u00e4hlabschnitt entdeckt Nathanael zuf\u00e4llig im Nachbarhaus eine bet\u00f6rend sch\u00f6ne Frau, die allerdings durch mechanisch wirkende Bewegungen auff\u00e4llt. Er verliebt sich unsterblich in sie und verliert dabei seine Bindung zu Clara. Auf einem Ballabend tanzt er sogar mit der Fremden und erkl\u00e4rt der Wortkargen seine grenzenlose Liebe. Unter dem Gel\u00e4chter der Umstehenden erst wird ihm gewahr, dass er in seiner Verblendung einem Betrug aufgesessen ist, denn die Dame Olimpia ist eine hochentwickelte Puppe des Erfinders Professor Spalanzani. Ein prompter Nervenzusammenbruch f\u00fchrt zur Einlieferung ins Tollhaus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit Verlassen der Anstalt findet Nathanael zur\u00fcck zur geliebten Clara. Doch schon wenig sp\u00e4ter folgt auf einem Ausflugsturm der tragische R\u00fcckschlag. Ein grauer Busch, in Erinnerung an die graue Erscheinung des Sandmann, scheint auf Nathanael zuzuschweben. Im Wahn droht er zun\u00e4chst die Geliebte vom Turm zu sto\u00dfen, bis er selbst in den Tod springt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine zentrale Bedeutung im Text kommt dem Auge zu: das Auge als Pforte in das Hirn, Sitz von Bewusstsein und \u00c4ngsten. Das Auge kann schon durch Sand dauerhaft gesch\u00e4digt werden. Derjenige, der Sand streut, nimmt nicht nur das Augenlicht, sondern die Seele. Nicht mehr sehen k\u00f6nnen, hei\u00dft am Leben nicht mehr teilzuhaben. Allein die Furcht vor diesem Verlust, mag bereits in den Wahnsinn treiben. Das Auge kann auch get\u00e4uscht werden. Allein schon durch den beobachteten Ausschnitt des Daseins. Nathanael schaut vernichtend verengt auf seine Angstvision, genauso wie er sich t\u00e4uschen l\u00e4sst beim Blick durch das ihm geschenkte Fernglass, mit dem er Olimpia heimlich beobachtet. Der vermeintlich genauere Blick ins Detail raubt den lebenserhaltenden \u00dcberblick.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch wenn das Format nicht \u00fcberzeugt, auch wenn die Episode nicht gelungen wirkt, wohnt dem Werk eine Sogwirkung inne, die \u00c4ngste sch\u00fcrt. Eine zeitlose dunkle Faszination wohnt dem Werk inne.\u00a0 <strong>Note: 4<\/strong> (ur)&lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Insel Taschenbuch 1986 (1817)\u2013 84 Seiten &gt;&gt;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 In der Farbgebung der schwarzen Romantik thematisiert der Autor den progressiven Verfall eines Protagonisten. 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