{"id":1952,"date":"2024-10-11T13:45:41","date_gmt":"2024-10-11T11:45:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=1952"},"modified":"2024-11-01T12:37:21","modified_gmt":"2024-11-01T10:37:21","slug":"der-magier-im-kreml-giuliano-da-empoli","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=1952","title":{"rendered":"Der Magier im Kreml &#8211; Giuliano da Empoli"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-1951\" src=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/K1024_Der-Magier-im-Kreml-1-192x300.jpg\" alt=\"\" width=\"192\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/K1024_Der-Magier-im-Kreml-1-192x300.jpg 192w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/K1024_Der-Magier-im-Kreml-1-655x1024.jpg 655w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/K1024_Der-Magier-im-Kreml-1.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 192px) 100vw, 192px\" \/>C.H. Beck | 265 Seiten<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; Eingebettet in eine kurze Rahmenhandlung f\u00fchrt uns ein 226seitiger Monolog des Spindoktor Wladimir Baranow ins Innere des Kremlschen Machtapparats. Manch Akteure und Ereignisse sind aus den Medien bekannt, aber dieser Roman deckt das subtile Netz und die Mechanismen dahinter auf, aus denen totalit\u00e4re Herrschaft besteht. Mit dem Zusammentreffen des eiskalten FSB-Apparatschik und Empork\u00f6mmling Putin und dem in der Schule des Medienmoguls Beresowskis gro\u00dfgewordenen jungen Regisseur und ideologischen Strategen beginnt ein raffinierter Plan zu Etablierung absoluter Macht. Der Erfolg des Konzepts speist sich aus dem Zerfall der Sowjetunion. Hinter den kleinen Dem\u00fctigungen wie Gorbatschows Glas Milch statt Wodka, dem Suffkopfimage Jelzins, verbergen sich tiefe Verwundungen der russischen Seele. Da geht es um den Verlust von \u201eHeimat\u201c, die der Roman in einfachen aber eindrucksvollen Bildern beschreibt (300 Millionen Menschen in der UdSSR waren in einer Heimat ausgewachsen und fanden sich pl\u00f6tzlich in einem Supermarkt wieder, die St\u00e4rke und W\u00fcrde des Modells Datscha mit Gem\u00fcsegarten missachtet, Helden der Geschichte durch Hollywood ersetzt). Die 90er Jahre entpuppen sich als Ausverkauf des gro\u00dfen Imperiums: Chaos und westliche Dekadenz, Raffgierkapitalismus, der Aufstieg neuer Oligarchen, Zurschaustellung von \u00c4u\u00dferlichkeitsattributen. Baranows eigene traditionsreiche Familiengeschichte ist ein Spiegel des Niedergangs in der Umbruchphase nach 1989 und vielleicht erkl\u00e4rt sich daraus auch seine Mitt\u00e4terschaft (\u201eMein Vater verlor unter Gorbatschow seine Arbeit, die Privilegien, die Ehre\u201c). \u00a0So schlicht vordergr\u00fcndig das Modell der Wiederherstellung von Ordnung, so erfolgreich: Man vergr\u00f6\u00dfere das Chaos, steigere die Wut und \u00c4ngste des Volkes, benenne einzelne Verantwortliche und strafe sie medienwirksam entweder \u00f6ffentlich ab (Chodorkowki) oder bediene sich dezent willf\u00e4hriger Lakaien (\u201eDas waren nicht wir. Wir schaffen lediglich die Voraussetzung f\u00fcr die M\u00f6glichkeit\u201c so kommentiert Putin den Mord an Beresowski), \u00fcberf\u00fchre privatisierte Unternehmen wieder in staatliche Konglomerate, \u00fcbernehme wieder die Medien (vaterl\u00e4ndische Geschichte statt \u201ebarbarisches und vulg\u00e4res Fernsehen des ORT), schlie\u00dfe ein B\u00fcndnis von Politik, Milit\u00e4r, Sicherheitsapparat kurz, befriedige \u201edie Sehnsucht der Russen nach Vertikalit\u00e4t\u201c: Solcherma\u00dfen vorbereitet kann dann Putin, der Zar, \u00fcbernehmen. Die Wiederherstellung alter russischer Gr\u00f6\u00dfe bedarf auch eines propagandistischen Instrumentariums, dessen sich Baranow im Schutze des Zaren meisterhaft bedient. Da wird Geschichte durch lineare Freund-Feind-Bilder glattgeb\u00fcgelt: Orangene Revolution &#8211; eine CIA Inszenierung , Georgien, Kirgisistan &#8211; von westlichen Finanzm\u00e4rkten unterwandert, Staatsstreich-Phantasien, kurz, \u00a0die \u201eDekadenz des Westens\u201c ist die eigentliche Bedrohung des russ. Imperiums. Auf der Basis solcher Verschw\u00f6rungstheorien ist es auch schl\u00fcssig, dass es Baranow gelingt um die zwielichtigen Gestalten von \u201ePutins Petersburger Freunden\u201c (Biker-Gangs) selbst die popul\u00e4ren Gruppen der alternativen Szene zur patriotischen Phalanx zu versammeln. Gelingt es dann noch mit dem Propagandaerfolg der Olympischen Spiele in Sotschi schl\u00fcssig zu vermitteln, die Krim einen Monat danach zur\u00fcckzuerobern, \u201eweil sie uns geh\u00f6rt\u201c, dann ist dem Magier im Kreml die Anerkennung Putins sicher (\u201eEs war klar, dass er die Spiele als den H\u00f6hepunkt seiner Herrschaft betrachtete\u201c). Dass Baranows \u201eraffinierte L\u00f6sung\u201c, auch die Ukraine durch eine der Moskauer Chaostheorie entsprechende Befreiung durch den Zaren wieder ins Imperium zur\u00fcckzuholen, nicht aufgehen und er sich schlie\u00dflich doch dem Kriegsdiktat beugt ((\u201eals der Zar diesen Krieg beschlossen hatte, tat ich alles in meiner Macht stehende, ihn zu Erfolg zu f\u00fchren\u201c), macht ihn &#8211; mit einer \u201everdreckten Puppe\u201c aus dem Schutt des Dombass in der Hand letztlich zu einer tragischen Figur. \u201eKein gro\u00dfer Regisseur h\u00f6chstens Komplize\u201c, die Schl\u00fcsselstelle auf S. 234 weist die Spur.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Baranows Demission vom Hof bedeutet die R\u00fcckkehr zu der Bibliothek seines Gro\u00dfvaters. Und w\u00e4hrend Putin der Merkelsche Labrador als \u201eeinziger Berater bleibt, dem er voll und ganz vertraut\u201c weitet sich der Blick Baranows und entfernt sich zunehmend von der realen Diktatur im Kreml. Von Samjatins dystopischem Roman \u201eWir\u201c aus den 20er Jahren (er hat im Roman eine Klammerfunktion) \u00fcber die LSD-gesch\u00e4digten Kalifornier der Milit\u00e4rtechnologie, \u00fcber das Menetekel von Atombombe, Virus, Sensoren- und Roboterarmeen f\u00fchrt alles zu der Gewissheit, dass es mit er Menschheitsgeschichte dem Ende zugeht. W\u00e4hrend Kap. 30 mit dem noch offenen Kampf zwischen der doch recht christlich anmutenden \u201eAnkunft des Herrn\u201c und der recht prosaischen \u201eApokalypse\u201c des letzten vom Computer erzeugten Algorithmus endet, keimt im Schlusskapitel noch ein kleiner Schimmer von Hoffnung auf und auch mir tat es gut, aus dem Auge eines 5 j\u00e4hrigen M\u00e4dchens zu vernehmen, das dem Magier im Kreml als \u201ePapa\u201c doch nicht alle Menschlichkeit abhandengekommen war. Dass sich hinter Anja auch eine Xenja-Geschichte verbirgt, soll nicht unerw\u00e4hnt bleiben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Roman vermittelt differenzierte Einblicke in das System Putin. Er ist zugleich ein Psychogramm des modernen Zaren wie seines propagandistischen Begleiters und zeigt, was unter russischer Seele zu verstehen ist. Der italo-schweizer Autor, ein Kenner des politischen Intrigenspiels, Realit\u00e4t und Fiktion eng verschr\u00e4nkt. Dass der Roman am Schluss sich apokalyptisch entfernt, um dann doch wieder in die private Geborgenheit zur\u00fcckzukehren, bleibt allerdings r\u00e4tselhaft.\u00a0\u00a0 <strong>Note: 2\/3<\/strong> ( ai)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; Der \u201eMagier im Kreml\u201c ist der r\u00e4tselhafte, geheimnisvolle Wadim Baranow, der 15 Jahre lang engster Berater und spin doctor des \u201eZaren\u201c, Vladmir Putin war.\u00a0 Der Ich-Erz\u00e4hler verfolgte wie viele andere politischen Beobachter die wenigen bekannten Mutma\u00dfungen \u00fcber Baranows T\u00e4tigkeit, bevor er Jahre sp\u00e4ter in Moskaus Archiven zuf\u00e4llig auf Spuren Baranows trifft. Er besch\u00e4ftigt sich n\u00e4mlich mit dem Schriftseller Jewegeni Samjatin, der 1922 den hellsichtigen, dystopischen Roman \u201eWir\u201c schrieb, in dem quasi 100 Jahre Entwicklung von Gesellschaft und Technik \u00fcbersprungen wurden. Unter den social media Kan\u00e4len, die der Ich-Erz\u00e4hler zu jener Zeit seiner Recherchen verfolgte, war auch ein gewisser Nicolas Brandeis, ein Pseudonym, das auch Baranow benutzte. Das wusste der Ich-Erz\u00e4hler allerdings zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Er vermutete einen Studenten in einer 1 Zimmer Wohnung. Dieser Brandeis zitiert auf seinem Kanal immer wieder Samjatin. Als der Ich-Erz\u00e4hler mit einem Samjatin Zitat antwortet, meldet sich Brandeis und bietet ein Treffen an. Bei diesem Treffen zeigt ihm Brandeis\/ Baranow das Original eines Schreibens von Samjatin an Stalin, in dem er um Gnade und die Erlaubnis, die UdSSR zu verlassen, bittet. F\u00fcr Baranow ist Stalin ein K\u00fcnstler, ein K\u00fcnstler allerdings, dessen \u201eKunst\u201c unweigerlich ins Konzentrationslager f\u00fchrt. Die erste H\u00e4lfte des zwanzigsten Jahrhunderts sei ein satanischer Wettstreit zwischen K\u00fcnstlern wie Stalin, Hitler und Churchill gewesen. Dann kamen die B\u00fcrokraten. Aber nun seien wieder die K\u00fcnstler dran.\u00a0 Damit wird klar, wie er Putin sieht: In der Nachfolge von Stalin und Hitler. Und er habe eine Zeitlang dessen Handlanger gespielt, sei nun aber im Ruhestand. Der Ich-Erz\u00e4hler muss rasch gemerkt haben, mit wem er es zu tun hat. Im Buch selbst wird dieser Moment allerdings nicht thematisiert. In diesem raffiniert gestrickten Rahmen erf\u00e4hrt man schon sehr viel \u00fcber die Person Baranow und seine Sicht auf die Welt im Allgemeinen und das Sowjetsystem im Besonderen. Den Hauptteil des Buches (von Kapitel 3 bis 30), nimmt dann allerdings die Erz\u00e4hlung Baranows \u00fcber seine Zeit im Kreml ein.<br \/>\nDas Sch\u00f6ne an Literatur ist, dass man die Welt mit den Augen einer Person sehen kann, die einem nicht sympathisch ist. Da Empoli gelingt dies durch eine gro\u00dfartige Prosa, die psychologischen Tiefgang hat. Der \u201eMagier\u201c Baranow hat Putin begleitet von seinen Anf\u00e4ngen als Petersburger KGB-Mann bis zu dem Zeitpunkt, an dem seine Dienste nicht mehr gefragt oder auch nicht mehr n\u00f6tig waren. Seine Arbeit bestand haupts\u00e4chlich darin, den \u201eFluss der Wut zu steuern und zu verhindern, dass si sich staut.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vom Auftritt des betrunkenen Jelzin in den USA, als sich Pr\u00e4sident Clinton vor Lachen bog und die Bilder um die Welt gingen und sich traumatisch ins russische Ged\u00e4chtnis eigebrannt haben, \u00fcber die Oligarchen Beresowski\u00a0 (Verbannung ins Exil) \u00a0Chordokowski \u00a0(10 Jahre Straflager) bis zu den Pyschospielchen mit Putins Labrador bei Merkels Besuch, dem Krieg im Donbas und die hybride Kriegf\u00fchrung : Die Ereignisse sind historisch, die Namen echt. Wir erleben dies durch die Augen eines Insiders, der bei allen Inszenierungen die F\u00e4den zieht und der die russische Gesellschaft und Seele kennt, die Stalin verkl\u00e4rt und f\u00fcr die die mafi\u00f6se Struktur des Staates normal ist.<br \/>\nEin Buch, das einen kl\u00fcger zur\u00fcckl\u00e4sst, dazu mit\u00a0 \u00fcberzeugender literarischen Qualit\u00e4t und psychologischem Tiefgang.\u00a0 <strong>Note: 2<\/strong> ( \u00fcn) &lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; Der Roman zeichnet die letzten 30 Jahre russischer Geschichte nach und beschreibt beeindruckend Putins (\u201eZar\u201c) Aufstieg. Der Ich-Erz\u00e4hler wird von Wadim Baranow (\u201eMagier\u201c) eingeladen, der\u00a0 Putin 15 Jahre lang beraten hat. Eine Nacht lang erz\u00e4hlt er \u00fcber seine Beraterzeit. Baranow ist ein Pseudonym f\u00fcr Wladislaw Surkow.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das System Putin: F\u00fchrung und Autorit\u00e4t gepaart mit Skrupellosigkeit. Putin befriedigt die Sehnsucht seiner sich nach dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums erniedrigt f\u00fchlenden Landsleute nach Anerkennung und Respekt. Nebenbei erf\u00e4hrt man manch Kurioses wie zum Beispiel die Hundephobie Angela Merkels oder den Namen von Putins riesigem Labrador.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Giuliano de Empoli hat bisher nur Sachb\u00fccher geschrieben. W\u00e4hrend der Lekt\u00fcre fragte ich mich, ob ein Sachbuch (etwa Michael Thumann: Revanche) \u201emehr\u201c gebracht h\u00e4tte, als dieser letztlich fiktionale Text. Im letzten der 31 Kapitel steht etwas unvermittelt und idyllisch Baranows f\u00fcnfj\u00e4hrige Tochter im Mittelpunkt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der letzte Satz des Buches:\u201cDrau\u00dfen fiel leise Schnee\u201c erinnert mich an mein liebstes Weihnachtslied und\u00a0 kontrastiert mit den apokalyptischen Ahnungen der beiden vorletzten Kapitel. Sie bieten schwere Kost: \u201eDie Menschheitsgeschichte endet mit uns.\u201c\u00a0 Unerfreulich, vor allem f\u00fcr die nach uns. Und echt hart der Blick nach vorne: Roboter werden die Welt regieren. Das ausf\u00fchrliche Zitieren von Versen der Offenbarung (21,3) bleibt mir unverst\u00e4ndlich: \u201eSiehe da! Die H\u00fctte Gottes bei den Menschen!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hoffentlich wird es nicht ganz so schlimm&#8230;\u00a0 <strong>Note:\u00a0\u00a0\u00a0<\/strong> ( ax) &lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; Der geb\u00fcrtige italo-schweizerische Schriftsteller ist nicht nur Professor der Politikwissenschaft in Paris, sondern war auch Berater &#8211; vielleicht sogar Spindoctor &#8211; des italienischen Ministerpr\u00e4sidenten Renzi. In diesem, seinem ersten Roman, ist der Hauptprotagonist Baranow Spindoctor. Der Rasputin des modernen Zaren, der Einfl\u00fcsterer und Designer des aktuellen Putinismus. Tats\u00e4chlich ist die Figur dem zeitgen\u00f6ssischen und inzwischen in Ungnade gefallenen W. Surkow nachempfunden, der jahrelang als <em>Magier des Zaren<\/em> auftrat und die Aura um Putin dirigierte. Es ist ein Roman der politischen Innenansicht. Eine fiktionalisierte Zeitgeschichte. Ereignisse, Katastrophen und Morde sind authentische Details des Hier und Jetzt. Personen werden mit Klarnamen benannt und sind dabei gl\u00e4nzend in einen literarischen Gesamtwurf eingearbeitet. Ohne Zeigefinger, aber letztlich entbl\u00f6\u00dfend, vordergr\u00fcndig w\u00fcrdigend und hintergr\u00fcndig offenbarend. Seelisch-physische Gewalt des Systems wird wie ein unabwendbares Naturereignis vermittelt. Der Zar Putin profiliert sich als der, der diese Natur neu erfinden l\u00e4sst. Der Erfinder voller Eifer ist Baranow.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Ductus ein Werk mit sprachlicher Eleganz. Man ist fast erstaunt, wie flie\u00dfend es gelingt, dem schn\u00f6den Sachbuchalltag eine erkennbar leuchtende Konnotation zu verleihen. Vielleicht auch aus diesem Grund &#8211; oder gerade deshalb &#8211; verortet der Autor den Hauptprotagonisten Baranow in einer intellektuell gepr\u00e4gten Dynastie. Die W\u00e4nde voller B\u00fccher, die K\u00f6pfe voller Visionen. Schon die Verwandtschaft \u00fcberzeugte mit literarischem Bewusstseins, das allein die russische Seele ersch\u00f6pfend spiegeln konnte. In diesem Geiste offenbart sich Baranow in einer einzigen Nacht einem Fremden gegen\u00fcber und wir nehmen daran teil.<br \/>\nDie Rahmenhandlung ist mager und ein wenig bem\u00fcht. Der Ich-Erz\u00e4hler ist Literaturwissenschaftler und Bewunderer des russischen Schriftstellers Samjatin, der tats\u00e4chlich 1920 in seinem Werk \u201eWir\u201c eine entmutigende Politpsychosystem-Analyse entwarf, die mit geradezu hellseherischem Weitblick die Verwerfungen von Stalin bis Putin vorwegnahm. \u00dcber einen Chat-Blog kommt der Ich-Erz\u00e4hler mit Baranow in Kontakt. Denn auch er ist einer der wenigen Kenner des l\u00e4ngst verstorbenen Vision\u00e4rs.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Baranows Urahnen waren breitschultrige Aristrokaten. Ihr Leben war gepr\u00e4gt von gro\u00dfvolumigen Auftritten und literarischem Mitteilungsbed\u00fcrfnis. Sein Vater dagegen wechselte das Genre und entwickelte sich fr\u00fch zum \u00fcberzeugten Apparatschik mit dem Lebenstraum von einer ehrenvollen Grabgedenkst\u00e4tte. Baranow nun vereint die kontr\u00e4ren Ahnenz\u00fcge. Kreativ, gegebenenfalls unkonventionell, loyal, zur\u00fcckhaltend, analytisch, intellektuell, effizient, weitgehend emotionslos, gewissenhaft und gewissenlos.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die russische Spezies zeichnet ein stabiler Charakter aus, der die Gesellschaften seit Jahrhunderten pr\u00e4gt. Eine l\u00e4hmende Schicksalsergebenheit h\u00e4lt sie in geduckter Haltung. Gleichzeitig setzen sich Einzelne ab \u2013 vom Zaren \u00fcber Stalin bis zu Putin, rei\u00dfen die Macht an sich und perfektionieren die Unterdr\u00fcckung. Die wirkungsvollste Form der individuellen Disziplinierung ist die grundlose Bestrafung. Sie macht ein Berechnen unm\u00f6glich, l\u00e4hmt nachhaltig und verhindert die Gegenwehr. Es bleibt im Verschwommenen, wer der direkte Widersacher ist. Es ist nicht erkennbar, mit wem Verbr\u00fcderung helfend w\u00e4re. Nur eine kleine \u00d6ffnung f\u00fchrt von den namenlosen Massen zu den M\u00e4chtigen. Die N\u00e4he zum Zaren ist das bestimmende Privileg. Der Weg dorthin verl\u00e4uft auf Speichel, der emsig geleckt werden will.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So hatte es fr\u00fcher immer funktioniert bis Gorbatschow kam. Perestroika und Glasnost hie\u00dfen die Gespenster bis hin zum Zusammenbruch der Parteidiktatur. Der augenblickliche Zerfall des Reiches und der schmerzliche Verlust der nationalen Identit\u00e4t folgten postwendend. Im n\u00e4chsten Moment wurde der Systemwechsel ausgerufen als der betrunkene Jelzin den blanken Raubtierkapitalismus verordnete. Jede Form von Ordnung kollabierte. Gro\u00dfkopfete, die in den Wandelwirren beherzt zugriffen, eigneten sich uns\u00e4gliche Reicht\u00fcmer an. Die Massen dagegen verarmten noch mehr. Die Sicherheit brach zusammen und ein bestialischer Nahkampf entbrannte im Alltag. Es war unmenschlich. Dann brachte ein einflussreicher <em>brain tank<\/em> unter einem Fernsehmogul den namenlosen Putin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Baranow ist in dieser Zeit mittelloser Schauspieler, als er Eintritt in das neu etablierte Fernsehen findet. Fernsehen \u2013 <em>das neuralgische Herz der neuen Welt, das mit seinem magischen Gewicht die Zeit kr\u00fcmmte und auf alles den phosphoreszierenden Widerschein des Verlangens projizierte<\/em> (S70). Die Massen verlieren \u00fcber Nacht die Unterdr\u00fcckung und wachen orientierungslos in einem Supermarkt auf. Die Fernsehmacher mit Baranow produzieren derweil vulg\u00e4ren Trash, laut und l\u00e4ssig. Das Leben ist frei bei v\u00f6lligem Kontrollverlust. W\u00e4hrenddessen rettet der Fernsehmilliard\u00e4r Beresowski noch einmal die Wiederwahl des mental verwahrlosten Jelzin und wird selbst zum heimlichen Herrscher \u00fcber Russland. Ihm schwebt ein neues, altes Russland vor. Sicherheit nach innen und St\u00e4rke nach au\u00dfen. Eine Nation mit Stolz. Die Partei der Einheit wird gegr\u00fcndet, w\u00e4hrend der eloquente Baranow zum Kernmitarbeiter avanciert. Gemeinsam \u00fcberzeugen sie den farblosen Chef des Inlandgeheimdienstes Putin, als Ministerpr\u00e4sident anzutreten. \u00d6ffentlich unverbraucht, vertrauensw\u00fcrdig, ausbauf\u00e4hig. Nach Z\u00f6gern stimmt Putin zu, Baranow wird sein engster Vertrauter. Die Grundidee lautet: die degenerierte gegenw\u00e4rtige Horizontalit\u00e4t sei zu \u00fcberwinden und die alte Vertikalit\u00e4t mit klaren Machtstrukturen wiederherzustellen. Gesagt, getan. Ein gl\u00fccklicher &#8211; oder arrangierter? &#8211; Zufall spielt dem neu gew\u00e4hlten Pr\u00e4sidenten in die H\u00e4nde. Die verheerenden Terroranschl\u00e4ge auf Moskauer Wohnblocks werden fundamentalistischen Tschetschenen zugeordnet, worauf Putin als entschlossener R\u00e4cher auftritt. Das ist der wahre Inthronisationsmoment des neuen Zaren. Es war schon immer viel \u00fcberzeugender auf Gefahren zu reagieren, als sie im Vorfeld zu verhindern. Mit Gewalt gewinnt die Vertikale augenblicklich an \u00dcberzeugungskraft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Putin baut die Strukturen radikal um. K\u00f6pfe rollen. Patriotische <em>Silowiki<\/em> der Sicherheitsdienste bilden die neue Elite. Privilegien werden neu vergeben. Oligarchen d\u00fcrfen walten, wenn sie dem System n\u00fctzlich sind. Von der Politik m\u00fcssen sie sich jedoch fernhalten. Beresowski will genau das nicht wahrhaben. Beim Untergang des russischen Atom-U-Bootes in der Barentsee zwingt er Putin den Urlaub abzubrechen und an einem vom Fernsehen arrangierten Treffen mit den M\u00fcttern ertrunkener Matrosen teilzunehmen. Putin, der niemanden mehr \u00fcber sich duldet, zieht Konsequenzen. Der Fernsehmogul verliert seinen Sender, muss das Land verlassen und wird sp\u00e4ter in seinem Londoner Exil erh\u00e4ngt aufgefunden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch Baranow ist konspirativ unterwegs, trifft allerlei Au\u00dferparlamentarische, Jugendbewegte, Rechtsradikale, Rocker, Spinner vieler Richtungen. Alles Suchende, denen er Unterst\u00fctzung organisiert und das neue patriotische Weltbild unterjubelt. Dabei gesteht er: <em>Ich hatte in meinem Leben nichts anderes getan, als die Elastizit\u00e4t der Welt, ihre unersch\u00f6pfliche Neigung zu Paradoxien und Widerspr\u00fcchen zu vermessen<\/em> (173). Das um Putin inszenierte politische Theater ist die kr\u00f6nende Vollendung dieser T\u00e4tigkeit. Auf der anderen Seite m\u00fcssen Transgender-Getriebene, \u00d6kofundamentalisten und in Kathedralen obsz\u00f6n auftretende Frauenbands nicht ber\u00fccksichtigt werden, da die Emp\u00f6rung der \u00d6ffentlichkeit ob dieser Querulanten der autorit\u00e4ren Obrigkeit von allein Punkte einbringen. Ansonsten gilt im In- und Ausland das Konzept gegenseitiger Neutralisierung. Man f\u00f6rdert gegeneinander opponierende Parteien, damit sie gest\u00e4rkt sich gegenseitig niederringen. Black Panther versus Suprematics. Tiersch\u00fctzer versus J\u00e4ger. Dar\u00fcber hinaus generiert sich reale Macht schon allein durch die irreale Angst vor ihr. Entsprechend hilfreich ist es, wenn der Westen meint, dass der Osten sie mit Fake News flutet und ihre IT Systeme unterl\u00e4uft. N\u00e4chtliche Fantasien lassen das Chaos aufbl\u00fchen. Mission completed.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch als der ihm fragw\u00fcrdig erscheinende Ukraine Krieg inszeniert und Baranow auf alle internationalen Sanktionslisten gesetzt wird, bleibt Baranow als Gefangener seiner selbst und seines Landes deprimiert zur\u00fcck. Er quittiert seine langj\u00e4hrige T\u00e4tigkeit im Schatten des Zaren und wird Privatier. Putin wird ihn nicht ersetzen. Der Zar lebt jetzt nur noch aus sich selbst heraus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Neben den eingestreuten politischen Episoden (Clintons Lachkrampf \u00fcber Jelzin, Merkel im Kreml mit Hund, Winterolympiade im subtropischen Sotschi etc.) l\u00e4sst der Autor auch gelegentliche Emotionen im gef\u00fchlsarmen Baranow aufflammen. Z\u00fcndfunke ist die schillernde Sch\u00f6nheit Xenja, die ihn anhaltend in Bann h\u00e4lt und letztendlich seine sp\u00e4te Tochter Anja, die allein ihn zu einem anderen Menschen verzaubert. Bemerkenswert ist die Intensit\u00e4t dieser Passagen, die auch dem Verdacht widerstehen, kitschig zu sein. Selbst diese sind gelungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Ende des Werkes legt der Autor da Empoli Baranow eine d\u00fcstere Prognose in den Mund: die Welt werde mit den &#8211; vor allem vom Westen &#8211; vorangetriebenen IT Instrumenten die Menschheit in den Ruin dirigieren. Bereits das unschuldige Gesch\u00f6pf Anna wird diesem Niedergang zum Opfer fallen. Diktatorische Maschinen werden die Gewaltherrschaften lebender Diktaturen perfektionieren und diese verdr\u00e4ngen. Auch wenn das Erz\u00e4hlfinale etwas entglitten daherkommt, bleibt das Gesamtwerk eine erhellende Lekt\u00fcre der russischen Postmoderne ohne als trockene Systemanalyse des Putinismus zu langweilen.\u00a0 <strong>Note: 2\u2013<\/strong> (ur) &lt;&lt;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>C.H. Beck | 265 Seiten &gt;&gt; Eingebettet in eine kurze Rahmenhandlung f\u00fchrt uns ein 226seitiger Monolog des Spindoktor Wladimir Baranow ins Innere des Kremlschen Machtapparats. Manch Akteure und Ereignisse sind aus den Medien bekannt, aber dieser Roman deckt das subtile &hellip; <a href=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=1952\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1952"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1952"}],"version-history":[{"count":5,"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1952\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2007,"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1952\/revisions\/2007"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1952"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1952"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1952"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}