{"id":1941,"date":"2001-03-10T17:40:51","date_gmt":"2001-03-10T15:40:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=1941"},"modified":"2024-07-10T17:44:13","modified_gmt":"2024-07-10T15:44:13","slug":"im-land-der-letzten-dinge-paul-auster","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=1941","title":{"rendered":"Im Land der letzten Dinge &#8211; Paul Auster"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-1942\" src=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/K1024_Im-Land-der-letzten-Dinge-182x300.jpg\" alt=\"\" width=\"182\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/K1024_Im-Land-der-letzten-Dinge-182x300.jpg 182w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/K1024_Im-Land-der-letzten-Dinge-622x1024.jpg 622w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/K1024_Im-Land-der-letzten-Dinge.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 182px) 100vw, 182px\" \/>Rowohlt 1989 \u2013 199 Seiten<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Paul Auster skizziert im Science Fiction Setting das hoffnungslose Ausgeliefertsein einer suchenden Protagonistin in einer verlorenen Welt. Es ist die vage letzte Apokalypse eines entmenschlichten Kontinents, in der Politik kaum noch in Erscheinung tritt. Der Verfall des Humanen ist so weit vorangeschritten, dass der zerst\u00f6rerische Mikrokosmos eines jeden ganz und gar bestimmend wird. Auster l\u00e4sst in dem gew\u00e4hlten Metropollabyrinth jeden namenlosen Nachbarn zur Hy\u00e4ne werden. Der Alltag ist erbarmungslos vernichtend, sodass der vorzeitige Freitod in jedem Falle als Erl\u00f6sung begriffen werden muss. Gesellschaftliche Strukturen, geregelte Arbeitsprozesse und einvernehmliche Ordnungen fehlen ebenso wie Zukunft und Ziele. Das Dasein folgt nur noch dem Reflex, das Leben lebend durchzubringen oder es selbstbestimmt zu beenden. Jeder h\u00e4utet jeden. Ein Skalp hat nur einen materiellen Wert. Die generalisierte Verantwortungslosigkeit kennt keine Schuldigen mehr, da es keine Unschuldigen mehr gibt. Anklage wird nicht erhoben. Von keinem und niemand. In diesem desastr\u00f6sen Strudel verliert auch der Einzelne sich selbst. Nicht zuletzt auch deshalb, weil Zeit keine messbare Gr\u00f6\u00dfe mehr ist. Vergangenheit und Zukunft als M\u00f6glichkeit verblassen vollst\u00e4ndig. Der Mensch verk\u00fcmmert zur grenzenlos destruktiven Kreatur. Der Autor entwirft die Vision eines erschreckenden Endzustands und meint damit vermutlich die Tendenzen unserer Gegenwart.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Die neunzehnj\u00e4hrige Anna Blume reist voller Verzweiflung in das <em>Land der letzten Dinge<\/em> auf der Suche nach ihrem verschollenen Bruder. Er war als Journalist dort verschwunden. Auch zu Samuel Farr hatte der Verlag jeden Kontakt verloren, nachdem man ihn geschickt hatte, nach dem Kollegen zu fahnden. Anna schreibt, um sich nicht zu verfl\u00fcchtigen. Es ist ein endloser Brief, der keinen Adressaten mehr kennt. Dieses sich selbst gegen\u00fcber vergewissern h\u00e4lt sie am Leben. Den Brief lesen wir hier.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Ersch\u00fcttert wird sie sofort in die neue Rolle einer Isolierten gezwungen, die nur noch f\u00fcr das \u00dcberleben lebt. Sie kriecht durch Gossen, vagabundiert versteckt im Schatten des Drecks, stiehlt, fl\u00fcchtet, verliert jeden Bezug. Erst als sie beginnt Schrott und Abf\u00e4lle zwischen den Ruinen zu sammeln um sie zu verkaufen, haben die Tage eine traurige Orientierung. Ihr Moralempfinden verbietet ihr noch die allgegenw\u00e4rtigen Leichen zu berauben. Auch liefert sie keine Verstorbenen in die Transformationszentren, die nichts anderes als Heizkraftwerke sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Der grausame Alltag hat diverse Suizid-Bewegungen ins Leben gerufen. Rennervereinigungen trainieren kompromisslos, um durch \u00dcberlastung des Herzens den Tod herbeizuf\u00fchren. In jedem Distrikt bieten Liquidationsagenturen f\u00fcr teures Geld M\u00f6rder an, die in einem unerwarteten Moment blitzartig Leben ausl\u00f6schen. Selbstmordspr\u00fcnge von Hochh\u00e4usern l\u00f6sen bei Passanten eine beklemmende Begeisterung aus, zielen sie doch auf die heimliche Sehnsucht eines jeden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Dann rettet Anna einer \u00e4lteren Dame namens Isabel das Leben, als diese bedroht wird. Aus Dankbarkeit bietet sie der obdachlosen Anna Unterkunft. Dem folgenden Versuch einer Vergewaltigung durch Isabels verhassten Ehemann kann sie nur knapp entgehen. Als sie ihn aus Angst erw\u00fcrgt, versp\u00fcrt sie als Zeichen ihrer Verrohung zum ersten Mal Freude. Um vor den Nachbarn ein respektables Bild abzugeben, t\u00e4uschen die beiden Frauen seinen selbstbestimmten Suizid vor, in dem sie den Leichnam unbemerkt vom Hochhausdach sto\u00dfen. Die Form des Endes ist die letzte verbleibende W\u00e4hrung auf dem Wertekonto. Als auch die alte Isabel verstirbt, \u00fcberfallen augenblicklich Nachbarn das Heim und treiben Anna in die unmenschlich kalte Winternacht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Anna findet Zuflucht in der Nationalbibliothek, in der bereits zahllose Intellektuelle campieren und sinnlos palavern. \u00dcberraschend findet sie dort auch Samuel Farr, der ebenfalls erfolglos nach ihrem Bruder gefahndet hatte. \u00dcber z\u00e4he Phasen des Misstrauens hinweg n\u00e4hern sich beide an. Eine Liebe bl\u00fcht auf im Schutt des Infernos und f\u00fchrt sogar zu einer Schwangerschaft, die es seit ewigen Zeiten im <em>Land der letzten Dinge<\/em> nicht gegeben hatte. Anna verliert jedoch bei einem Sturz aus gro\u00dfer H\u00f6he das Ungeborene. Sie war aus Verzweiflung durch ein Fenster gesprungen, als man sie in ein Menschenschlachthaus gelockt hatte, um sich an ihrem Leben und dem des F\u00f6tus zu bereichern. Zu diesem Zeitpunkt verliert sie den Kontakt zu Sam, da zwischenzeitlich die Nationalbibliothek mit hunderten Toten abbrannte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einem gl\u00fccklichen Zufall hat sie zu verdanken, dass sie schwerstverletzt aufgelesen und ins Woburn Asylheim gebracht wird. Als sie weitgehend wieder hergestellt ist, gliedert sie sich in die Arbeit des Hauses ein und wird Evaluatorin f\u00fcr neue Bewerber. Bis zu 20 Personen wird einige Tage kostenlos Unterkunft und Verpflegung geboten, wenn sie besonderen H\u00e4rteanspr\u00fcchen gen\u00fcgen. So sitzt denn auch pl\u00f6tzlich der totgeglaubte Sam vor ihr. Er wird aufgenommen und \u00fcbernimmt eine fingierte Arztstelle, in dem er mit gro\u00dfen Erfolg Menschen als Quasi-Mediziner Trost bereitet, auch wenn wenig sp\u00e4ter der Tod deren Leben vernichtet. Das Ende des Woburn Hauses wird unabwendbar, als Sam einen Jungen erschie\u00dft. Dieser hatte bereits zahlreiche G\u00e4ste des Hause mit einem Maschinengewehr niedergem\u00e4ht. Den Jungen hatte die grenzenlose Entt\u00e4uschung getrieben, dass die anderen G\u00e4ste nicht die Leiche seines Gro\u00dfvaters gegen die Polizei verteidigt hatten, damit sie nicht in einem Transformationszentrum verheizt w\u00fcrde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Anna und Sam planen schlie\u00dflich aus der Stadt zu fliehen. Ob es gelingen wird, ob sie jemals irgendwo ankommen werden, ist unwahrscheinlich. Die Hoffnung ist zun\u00e4chst nur, den kommenden Tag zu erleben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein bedr\u00fcckendes Werk. Bedr\u00fcckend auch, weil Auster nicht Naturgewalten, sondern die Natur des Menschen als Quelle der Vernichtung identifiziert. Der Absturz der Evolution.\u00a0 <strong>Note : 3 \u2013<\/strong> (ur)&lt;&lt;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rowohlt 1989 \u2013 199 Seiten &gt;&gt; \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Paul Auster skizziert im Science Fiction Setting das hoffnungslose Ausgeliefertsein einer suchenden Protagonistin in einer verlorenen Welt. Es ist die vage letzte Apokalypse eines entmenschlichten Kontinents, in der Politik kaum noch in Erscheinung &hellip; <a href=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=1941\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1941"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1941"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1941\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1943,"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1941\/revisions\/1943"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1941"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1941"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1941"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}