{"id":1886,"date":"2001-11-27T18:52:41","date_gmt":"2001-11-27T16:52:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=1886"},"modified":"2023-11-27T19:03:07","modified_gmt":"2023-11-27T17:03:07","slug":"ein-regenschirm-fuer-diesen-tag-wilhelm-genanzino","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=1886","title":{"rendered":"Ein Regenschirm f\u00fcr diesen Tag &#8211; Wilhelm Genazino"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-1892\" src=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/K1024_Genazino_Regenschirm-190x300.jpg\" alt=\"\" width=\"190\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/K1024_Genazino_Regenschirm-190x300.jpg 190w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/K1024_Genazino_Regenschirm-650x1024.jpg 650w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/K1024_Genazino_Regenschirm.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 190px) 100vw, 190px\" \/>Hanser Verlag, 2001 | 173 Seiten<\/p>\n<p>&gt;&gt; Der Rahmen: labiler Charakter b\u00fc\u00dft Lebensabschnittsgef\u00e4hrtin ein und schl\u00e4gt hart auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er ist Mitvierziger, arbeitsferner Akademiker ohne Anstellung. Im fr\u00fcheren Leben Redaktionsmitglied einer Tageszeitung, heute gelegentlich als Schuhtester unterwegs. Auf den Sohlen edler Prototypen macht er kleine Schritte in einer \u00fcberschaubaren Welt. Dabei ergeht er sich banal oder philosophisch, kurzatmig fragmentiert oder ausholend \u00fcber Sein und allzu Menschliches.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u00dcber allem schwebt ein Lebenszweifel mit der wiederkehrenden Frage, ob er ohne Genehmigung am Leben ist. Tats\u00e4chlich steht er mehr neben dem Leben als in ihm zu gehen. Er schlie\u00dft sich schlie\u00dflich in seinen vier W\u00e4nden ein. Holt sich Kindheitstr\u00e4ume zur\u00fcck, indem er ein Zimmer mit buntem Herbstlaub f\u00fcllt. Er entwirft Schweige-Wochenpl\u00e4ne und Umh\u00e4ngeschilder mit Sprechverboten. Schon als Jugendlicher beherrschte ihn das Grundgef\u00fchl, sich nicht behaupten zu k\u00f6nnen. Im Erwachsenenalter verfestigt sich diese Selbstwahrnehmung. Sie raubt ihm Antrieb und Frohsinn. Der Zustand belastet nicht nur ihn. Als schlie\u00dflich seine seelisch angeschlagene Freundin, von deren Fr\u00fchrente er lebt, seine Unt\u00e4tigkeit nicht l\u00e4nger ertr\u00e4gt, bleibt er verlassen zur\u00fcck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Erstaunlich und f\u00fcr den Leser angesichts dieser literarischen Charakterinszenierung nicht nachvollziehbar, dass in diesem Mann ein Schelm und Lebensk\u00fcnstler steckt. Belustigend verziert er Wehmutsanfl\u00fcge mit Frauennamen, um sie verh\u00f6hnen zu k\u00f6nnen und damit dem suizidalen Sprung in die Fluten entgegenzuwirken. Eigen- und Fremdwahrnehmung sind nicht in Deckung zu bringen. Er selbst zelebriert f\u00fcr sich einen isolierenden Grauschleier, w\u00e4hrend seine Umwelt ihn freudig begr\u00fc\u00dft, erotisch begehrt, als Mitarbeiter gewinnen will, seine N\u00e4he und sein Verst\u00e4ndnis sucht. Frauen, die ihm kaum etwas zu bedeuten scheinen, leuchten in vielen Farben in seiner Dunkelheit auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Auf einer Party wird er zum genialen, tiefsch\u00fcrfenden Alleinunterhalter. Er erfindet aus dem Stehgreif ein Institut f\u00fcr Ged\u00e4chtniskunst speziell f\u00fcr Menschen, die ihr Leben als anhaltenden Regentag empfinden. Er f\u00fchrt erfindungsreich und einf\u00fchlsam Therapiedoppelstunden durch und bringt prompt Heiterkeit in den Lebensnovember ergrauter B\u00fcroangestellter. Ein Regenschirm f\u00fcr diesen Tag. Das Loch, in dem sein labiler Charakter sitzt, ist mit einem erstaunlich erfrischenden Unterhaltungswert vergesellschaftet. Oder ist das nur ein Traum?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Am Ende bewegt sich sogar etwas. Eine Jugendfreundin \u00f6ffnet ihr Herz, zieht in seine Privatsph\u00e4re. Prompt sp\u00fcrt er die Motivation einen Redakteursposten anzunehmen. Das neue Motto lautet: nicht l\u00e4nger blinder Passagier im eigenen Leben zu sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Sprache des Buches ist luftig und heiter \u2013 vor allem zum Ende hin. Erm\u00fcdend jedoch die sprunghaften Assoziationen, die konzeptionelle Inkonsistenz des Hauptprotagonisten und inhaltliche Widerspr\u00fcche.\u00a0 <strong>Note: 2\/3<\/strong> (ur) &lt;&lt;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hanser Verlag, 2001 | 173 Seiten &gt;&gt; Der Rahmen: labiler Charakter b\u00fc\u00dft Lebensabschnittsgef\u00e4hrtin ein und schl\u00e4gt hart auf. Er ist Mitvierziger, arbeitsferner Akademiker ohne Anstellung. 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