{"id":184,"date":"2004-12-03T18:13:38","date_gmt":"2004-12-03T16:13:38","guid":{"rendered":"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/?p=184"},"modified":"2023-11-22T18:29:56","modified_gmt":"2023-11-22T16:29:56","slug":"markus-werner-am-hang","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=184","title":{"rendered":"Am Hang- Markus Werner"},"content":{"rendered":"<p><em><strong><a href=\"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/K640_am_hang.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-41\" src=\"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/K640_am_hang-196x300.jpg\" alt=\"K640_am_hang\" width=\"196\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/K640_am_hang-196x300.jpg 196w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/K640_am_hang.jpg 480w\" sizes=\"(max-width: 196px) 100vw, 196px\" \/><\/a>S. Fischer Verlag 2004, 190 Seiten.<\/strong> <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0&gt;&gt;Eingebettet in einen langatmigen Dialog begegnen sich zwei M\u00e4nner, die offensichtlich dieselbe Frau teilen. Allen drei gemeinsam scheint das Dasein am seelischen Hang: zunehmend in Gefahr abzugleiten, schon gest\u00fcrzt oder sich in der sicheren Talsohle w\u00e4hnend, um dann doch von der herabst\u00fcrzenden Lawine unkontrollierter Gef\u00fchle erschlagen zu werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Thomas Clarin, 35 J., Beziehungen konsumierend, ist Scheidungsanwalt; vermutlich aus Passion, weil er die menschliche Natur f\u00fcr bindungsunf\u00e4hig h\u00e4lt und der Paarbindung keine Chance gibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Felix Bendel alias Thomas Loos, 50 J., ist seelischer Witwer, wuchtig an Gestalt und rhetorischer Pr\u00e4senz, vereinsamt, Musiker und Lehrer \u00fcberholter Sprachen; im Normalleben sprachlos geworden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beide treffen zuf\u00e4llig in einem Schweizer Berghof aufeinander, kommen schleppend ins Gespr\u00e4ch und k\u00f6nnen trotz anhaltender Fremdheit nicht unterdr\u00fccken, ihre Privatsph\u00e4re nach au\u00dfen zu kehren. Beide sind Zur\u00fcckgelassene einer an diesem Ort verlorenen Liebe. Clarin l\u00e4sst Valerie und die kurze Sto\u00dfliebe aufleben, welche hier vor einem Jahr ein lustloses Ende fand. Loos beklagt den Verlust seiner Ehefrau Bettina, die er vor einem Jahr durch einen tragischen Badeunfall verloren hatte. Die Liebe sei grenzenlos gewesen, beeintr\u00e4chtigt lediglich von der k\u00f6rperlichen Empfindsamkeit seiner Frau, die vor allem durch den Blitzschlag-Tod einer Freundin aus dem Gleichgewicht geworfen worden sei. Als dann noch ein Hirntumor drohte, h\u00e4tte sich eine Pers\u00f6nlichkeitsver\u00e4nderung eingeschlichen, die ihrer gemeinsamen Beziehung schweren Schaden zugef\u00fcgt h\u00e4tte. Wertigkeiten h\u00e4tten sich verschoben. So w\u00e4re am Tag der Diagnose nicht der Tod bedeutungsvoll gewesen sondern das verstimmte Klavier daheim. Sofort h\u00e4tte sie den Klavierstimmer kommen lassen, der daraufhin geschmackloser Weise auf dem Anrufbeantworter den Wunsch verewigte, nicht nur ihre F\u00fc\u00dfe k\u00fcssen zu wollen. Das Zwiegespr\u00e4ch unter den M\u00e4nnern verl\u00e4uft sprunghaft, gepr\u00e4gt von Loos erm\u00fcdenden Ausf\u00fchrungen, die &#8211; durchsetzt von sarkastischer Intelligenz &#8211; einen Weltenhass atmen. Clarin dagegen fehlt die letzte Ernsthaftigkeit. Der gut aussehende Junggeselle mit Neigung zum anspruchsvollen Stil, bleibt leichtlebig der Oberfl\u00e4chlichkeit verhaftet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am dritten Tag erscheint Loos nicht zur Verabredung. Es hei\u00dft, er sei kommentarlos abgereist. Als sich herausstellt, dass er unter falschem Namen auftrat, dr\u00e4ngt sich die prinzipielle Frage nach dem Wahrheitsgehalt seiner Erz\u00e4hlungen auf. Clarins sp\u00e4tere, erotische Ann\u00e4herung an Valeris Freundin Eva entschl\u00fcsselt Clarins Valerie als Loos\u00b4 Bettina \u2013 beide M\u00e4nner liebten tats\u00e4chlich dieselbe Frau. Zun\u00e4chst hatte nur Loos\/Bendel die schmerzhafte Gleichzeitigkeit erkannt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bendel verirrt sich in ein L\u00fcgengeb\u00e4ude &#8211; vor allem mit sich selbst. Die verlorene Liebe zu seiner Frau war blind verkl\u00e4rt. Den Badeunfall gab es nie \u2013 gestorben war Bettina nur in Bendel. Beengt im Ehe-Dasein griff Bettina nach den Todesbegegnungen gierig nach dem Leben. \u201eIch will keinen Himmel, der am Fenster kleben bleibt\u201c \u2013 sie wollte kein <span style=\"text-decoration: underline;\">Bild<\/span> von einem Himmel, sondern den Himmel selbst. Ein erotisches Doppelleben war die Folge. Doch laut Eva war das Blau dieses Lebens nicht das des Himmels, sondern das des tr\u00fcben Blues, das sich in einem entt\u00e4uschten, isolierten Dasein in der Fremde fortsetze. \u201eEs muss das Herz bei jedem Lebensrufe bereit zum Abschied sein und Neubeginne\u201c \u2013 ohne dass sich der Tag erhellt h\u00e4tte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Drei Menschen rutschend am Hang und auch der Leser hat keinen Boden unter den F\u00fcssen. 190 Seiten wenig bewegte M\u00e4nnergespr\u00e4che. Wenig erbaulich und wenig belebend die Raum greifende indirekte Rede, die eine unerfreuliche Lesedistanz schafft. <strong>Note<\/strong>: 4+ (ur)&lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 10pt;\"><em><strong>Nachtrag.<\/strong> Fast ein Jahrzehnt nach der Erstver\u00f6ffentlichung erreicht die Verfilmung des Romans die deutschen Kinos. Auch wenn der Film die l\u00fcckenhafte Komposition der Romanfiguren &#8211; vor allem von Valerie \/ Bettina &#8211; nicht korrigiert, so wagt das Drehbuch doch bereichernde Umdichtungen, die die erm\u00fcdende Langatmigkeit der Romandialoge auff\u00e4ngt und zudem mit einem bewegten und im Detail g\u00e4nzlich ver\u00e4nderten Ende aufwartet. Bendel schie\u00dft Clarin mit jener Kugel nieder, die laut Filmdramaturgie Bendel f\u00fcr seinen Selbstmord bereit gehalten hatte. Die Ironie des Schicksals wird hier zu einem Kreisschluss bem\u00fcht, da Clarin in der Eingangsszene Bendel in der letzten Sekunde davon abh\u00e4lt, sich vor einen Nahverkehrszug zu werfen. Die Rettung des einen Leben, wird folglich zur Bedrohung des anderen. Damit vollzieht der Roman eine raffinierte Umkehr, denn Clarin stahl unwissentlich Bendels Lebensentwurf mit seiner Ehefrau, die in Verkehrung der Wertigkeiten zwar das physische Leben zur\u00fcckgewinnt aber einen Beziehungstod stirbt.<\/em><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>S. Fischer Verlag 2004, 190 Seiten. \u00a0&gt;&gt;Eingebettet in einen langatmigen Dialog begegnen sich zwei M\u00e4nner, die offensichtlich dieselbe Frau teilen. 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