{"id":179,"date":"2004-07-10T18:06:52","date_gmt":"2004-07-10T16:06:52","guid":{"rendered":"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/?p=179"},"modified":"2023-11-22T18:29:41","modified_gmt":"2023-11-22T16:29:41","slug":"irvin-d-yalom-und-nietzsche-weinte","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=179","title":{"rendered":"Und Nietzsche weinte &#8211; Irvin D. Yalom"},"content":{"rendered":"<p><em><strong><a href=\"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/weinte.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-181\" src=\"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/weinte-189x300.jpg\" alt=\"weinte\" width=\"189\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/weinte-189x300.jpg 189w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/weinte.jpg 278w\" sizes=\"(max-width: 189px) 100vw, 189px\" \/><\/a>Piper 2001, 447 Seiten.<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt;Eine literarische Fiktion mit vielen authentischen Details aus dem Leben von Nietzsche und der Geburtsstunde der Psychoanalyse. Lou Salome, eine \u00e4u\u00dferst selbstbewusste, hoch intelligente und von Nietzsche begehrte Studentin bittet den Wiener Arzt Dr. Breuer, Nietzsche zu behandeln. Dr. Breuer war bekannt geworden durch eine neuartige \u201eRedetherapie\u201c, die erste Psychoanalyse. Der suizidale Nietzsche d\u00fcrfe jedoch weder von Lous Initiative noch von der Tatsache erfahren, dass Dr. Breuer Nietzsches N\u00f6te bekannt seien. Als Nietzsche sich in Dr. Breuers Behandlung begibt, beginnt ein anspruchsvolles Ringen, bei dem Nietzsche nur somatische, nicht aber psychische N\u00f6te eingesteht. Trotz einer raffinierten Gespr\u00e4chsstrategie, die wie ein ereignisreiches Schachspiel tobt, bleibt Dr. Breuer erfolglos. Erst als er Nietzsche nach einer Tabletten\u00fcberdosis zur Behandlung qu\u00e4lender Migr\u00e4nezust\u00e4nde vor dem Tod rettet, \u00f6ffnet sich Nietzsche soweit, dass Dr. Breuer einen letzten genial erscheinenden Schachzug anzubringen wagt: er t\u00e4uscht verwechselte Rollen vor und bittet Nietzsche, ihn, Dr. Breuer, mit seiner philosophischen Weisheit aus einer tiefen Sinnkrise zu befreien. Nietzsche sagt zu.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es folgen vier ereignisreiche Wochen mit t\u00e4glichen Sitzungen, in denen das Rollenspiel \u00fcberraschend zur Wirklichkeit wird. Nietzsche gef\u00e4llt sich in seiner Rolle, kann er als gesellschaftlich Abseitsstehender endlich Macht ergreifen. Sofort \u00fcbernimmt er die dominierende und immer \u00fcberzeugendere Therapeutenrolle, w\u00e4hrend Dr. Breuer sich zunehmend hilflos erlebt. Schlie\u00dflich wird Breuer g\u00e4nzlich auf seine wuchernde Seelenqual zur\u00fcckgeworfen. Tats\u00e4chlich hat sich Dr. Breuer von seiner Frau und Familie v\u00f6llig entfremdet. Fast hemmungslos f\u00fchlt er sich von der jungen, sch\u00f6nen Patientin Berta Pappenheim (in der medizinischen Literatur mit dem Synonym \u201eAnna O.\u201c) angezogen. Aus Eifersucht hatte seine Frau ihn gezwungen, ihre Behandlung abzubrechen. Seitdem wird er von nicht enden wollenden Begierdetr\u00e4umen zermartert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von Lou erf\u00e4hrt Dr. Breuer andererseits, dass Nietzsche in \u00e4hnlicher Weise Lou verfallen sei, ohne dass Lou die erkl\u00e4rte Liebe erwidern k\u00f6nne oder wolle. Lous Zur\u00fcckweisung hatte Nietzsche mit zutiefst verletzenden Schm\u00e4hbriefen beantwortet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Laufe der immer einseitiger werdenden Begegnungen f\u00fchrt Nietzsche Dr.Breuer zu dem entscheidenden Erkenntniskern. Nicht Bertha selbst sei die Ursache seines Leids, sondern nur ein resultierendes Symptom. Entscheidend sei vielmehr die \u201eBedeutung\u201c: Bertha stehe symbolisch f\u00fcr Jugend und Leben. Sie sei der Fluchtpunkt f\u00fcr Dr. Breuer in seiner Angst vor Alter, Verfall und Tod.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In einem literarisch einfachen, aber genialen Kunstgriff wird der Leser daraufhin in ein t\u00e4uschend echtes Tranceerlebnis gef\u00fchrt, das Sigmund Freud, ein Sch\u00fcler von Dr. Breuer, an Breuer vornimmt. Hierbei erlebt Breuer traumatisch, dass seine auf junge Frauen gerichteten Begierden \u00a0erfolglos bleiben m\u00fcssen, da sie den Kern des Verlusttraumas nicht treffen und ihn entsprechend vereinsamt zur\u00fccklassen. Dr. Breuer erwacht gel\u00e4utert aus der Hypnose.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf Nietzsches Flehen hin wendet Dr. Breuer &#8211; diesmal im Wachzustand \u2013 die Bewusstmachung des Verlusttraumas von Lou bei Nietzsche an, wobei er ihm offen von seiner Aussprache mit Lou berichtet. Die einsetzende Schmerzerfahrung l\u00e4sst Nietzsches harten Kern schmelzen, auch wenn er aus seiner inneren Gefangenschaft letztlich nicht befreit werden kann.<\/p>\n<p>Ein fesselnder Roman eines psychologischen Entwicklungsdramas, das seinesgleichen sucht. Sehr lesenswert. <strong>Note: 1\u00a0 <\/strong>(ur)&lt;&lt;<\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">\u00a0* Dr. Breuer und Nietzsche kannten sich nicht, wohl aber Nietzsche und Lou.<br \/>\nAnna O. war Patientin von Dr. Breuer.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Piper 2001, 447 Seiten. &gt;&gt;Eine literarische Fiktion mit vielen authentischen Details aus dem Leben von Nietzsche und der Geburtsstunde der Psychoanalyse. 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