{"id":1766,"date":"2006-02-18T18:22:16","date_gmt":"2006-02-18T16:22:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=1766"},"modified":"2023-03-29T18:28:57","modified_gmt":"2023-03-29T16:28:57","slug":"die-rote-alfred-andersch","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=1766","title":{"rendered":"Die Rote &#8211; Alfred Andersch"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-1770\" src=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/K1024_Die-Rote-195x300.jpg\" alt=\"\" width=\"195\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/K1024_Die-Rote-195x300.jpg 195w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/K1024_Die-Rote-664x1024.jpg 664w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/K1024_Die-Rote.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 195px) 100vw, 195px\" \/>Diogenes Taschenb\u00fccher 1974 (1960) \u2013 235 Seiten<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; Nach dem n\u00fcchternen Realismus von <em>Sansibar oder Der letzte Grund<\/em> (1957) erscheint drei Jahre sp\u00e4ter das eher dem Unterhaltungsroman nahestehende Werk <em>Die Rote<\/em>. Das zentrale Anliegen des Autors \u201eFlucht\u201c wird jedoch auch hier in den Protagonisten ein weiteres Mal variiert. Die Hauptperson Franziska fl\u00fcchtet zwar nicht vor der historischen Vergangenheit, im weiteren Sinne aber vor den Zust\u00e4nden, die daraus erwachsen sind. Ihre Zufallsbegegnungen auf dieser Flucht sind wiederum M\u00e4nner, in denen der erst 15 Jahre zur\u00fcckliegende Weltkrieg tiefe Spuren hinterlassen hat. Das Ende der Geschichte bietet keine L\u00f6sung in diesem Geflecht an, wohl aber eine Ahnung, die auch eine Hoffnung sein kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Handlung.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Franziska (30) ist die ohne politischen Hintergrund teil-emanzipierte, streitbare Dolmetscherin, die sich in vier Sprachen verst\u00e4ndigt. Ein Kind des aufstrebenden Nachkriegsdeutschlands mit vagen Sehns\u00fcchten nach Wohlstand, anspruchsvollem Freiraum und partnerschaftlicher Geborgenheit. Genau diese verweigert ihr Herbert, den sie sich vor drei Jahren als Gatten nahm. Den Entschluss fasste sie erst, nachdem Herberts Vorgesetzter ihr die Ehe verweigerte. Aus tiefer Entt\u00e4uschung fl\u00fcchtet sie \u00fcberst\u00fcrzt in das nekrophile November-Venedig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Der Ire Patrick O`Malley opfert Lebenszeit, um eine Rache abzuarbeiten, die er als S\u00fchne einer erzwungenen Schuld verkl\u00e4rt. Als britischer Spion wurde er im Kriegsdeutschland gefasst und nur deshalb von der Todesstrafe verschont, weil er einen britischen Kollaborateur verriet, der dies mit dem Leben bezahlte. Das daraus erwachsene Schuldgef\u00fchl entwurzelte O`Malley. Da er den Nazi-Schergen Kramer f\u00fcr sein Umschwenken bei den Verh\u00f6ren verantwortlich macht, sucht er sich mit einem geplanten Mord an Kramer zu befreien. Tats\u00e4chlich macht er ihn in Venedig ausfindig. Als er ihm jedoch begegnet, verharrt er geradezu paralysiert, weil seine homosexuelle Sanftheit die herrische H\u00e4rte von Kramer nicht zu durchdringen vermag. Einander durchschauend umkreisen sich beide wie ein psychologisches Terror-Mobil\u00e9. O`Malley kommt dabei jedoch nur die entw\u00fcrdigende Rolle eines bedeutungslosen Insekts zu.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zuf\u00e4llig begegnet O`Malley Franziska. Er erkennt schnell, dass sie eine Person ist, deren Gerechtigkeitssinn und innere St\u00e4rke Kramer f\u00fcrchten m\u00fcsste, wenn Franziska sich gegen ihn wenden sollte. Franziska bleibt verborgen, dass O`Malley sie instrumentalisieren will, als er sie in Einzelheiten seiner Leidensgeschichte einweiht. Bei einem erniedrigenden Treffen mit Kramer stellt sich prompt das von O`Malley antizipierte Beziehungsgeflecht ein: Franziska greift emotionsgeladen Kramer an, Kramer beginnt die \u00f6ffentliche Entlarvung durch Franziska zu f\u00fcrchten. Er verfolgt sie. Diesem von O`Malley kalkulierten Mechanismus folgt Kramer bis er Franziska auf O`Malleys Boot stellen kann. O`Malley gelingt es in dieser Situation, Kramer zu einem mit Strychnin vergifteten Bier einzuladen. Kramer bezahlt dies mit dem Leben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Franziska wendet sich ab. O`Malley muss schmerzlich erkennen, dass der Rachemord seine Ursprungsschuld nicht tilgt, sondern weiter steigert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In eingestreuten Parallelepisoden erf\u00e4hrt der Leser von einem Fabio Crepaz. Ehemals kommunistischer Partisan, inzwischen zutiefst entt\u00e4uscht von den verlorenen politischen Idealen, hat er jede ernste Bindungsf\u00e4higkeit verloren. Stattdessen ist er in die Rolle eines mittelm\u00e4\u00dfigen Orchestermusikers gefl\u00fcchtet. Musik als Seelenbalsam. Am Ende des Romans kreuzen sich die Wege von Fabio und Franziska. Beim Leser wird die Vermutung gesch\u00fcrt, dass beide einander \u00fcber die psychischen Abgr\u00fcnde hinweghelfen k\u00f6nnten. Das Ende bleibt jedoch offen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Der Kern des Romans k\u00f6nnte in der Methapher der Riesenratte liegen, die mit ihrem Nest den Kaminabzug eines venezianischen Klosters verstopft. Als sie aufgescheucht wird, kommt es mit dem Klosterkater zu einem f\u00fcr beide t\u00f6dlichen Kampf. Entsprechend sind auch die Lebenswege und Seelen der Hauptfiguren blockiert. Die Aufarbeitung kann \u00e4u\u00dferst schmerzhaft sein, vielleicht sogar vernichtend. Der Gewinn w\u00fcrde ein freier Durchzug in den Luftsch\u00e4chten des Daseins bedeuten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein gutes Werk, das individuelle und politische Verstrickungen in einen spannenden, tiefsch\u00fcrfenden Zusammenhang bringt.\u00a0 <strong>Note:<\/strong> 2 (ur)&lt;&lt;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diogenes Taschenb\u00fccher 1974 (1960) \u2013 235 Seiten &gt;&gt; Nach dem n\u00fcchternen Realismus von Sansibar oder Der letzte Grund (1957) erscheint drei Jahre sp\u00e4ter das eher dem Unterhaltungsroman nahestehende Werk Die Rote. 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