{"id":1756,"date":"2007-06-26T18:31:37","date_gmt":"2007-06-26T16:31:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=1756"},"modified":"2023-03-26T18:40:56","modified_gmt":"2023-03-26T16:40:56","slug":"john-updike-terrorist","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=1756","title":{"rendered":"Terrorist  &#8211; John Updike"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-1764\" src=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/K1024_Terrorist-193x300.jpg\" alt=\"\" width=\"193\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/K1024_Terrorist-193x300.jpg 193w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/K1024_Terrorist-659x1024.jpg 659w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/K1024_Terrorist.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 193px) 100vw, 193px\" \/>Rowohlt 2006 |\u00a0 397 Seiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt;Vermutlich unter dem zutiefst bedrohlichen Eindruck anhaltender Terroranschl\u00e4ge als Ausdruck eines religi\u00f6s motivierten <em>culture clash<\/em> ver\u00f6ffentlicht Updike 2006 diesen Roman, der versucht die Terrorist-Werdung eines jungen US-Amerikaners muslimischen Glaubens zu thematisieren. In London waren ein Jahr zuvor bei vier gleichzeitigen, islamistischen Bombenanschl\u00e4gen 50 Menschen get\u00f6tet und 700 verletzt worden. 2004 ver\u00fcbten islamistische Terroristen zehn abgestimmte Bombenexplosionen mit 193 Toten im Madrider Bahnverkehr. Und auch die koordinierten Anschl\u00e4ge auf das Pentagon und WorldTrade Center mit fast 3000 Opfern lagen erst f\u00fcnf Jahre zur\u00fcck. Updike verzichtet in seinem Werk weitgehend auf eine wertende Gegen\u00fcberstellung von Glaubensrichtungen. Stattdessen hebt er die politkriminelle Problematik auf eine individuell-soziologische. Sein unbescholtener Hauptprotagonist Ahmed ger\u00e4t unter den Einfluss eines demagogischen Eiferers. Im letzten Moment vor einem geplanten Terrorakt, bahnen sich Zweifel in dem jungen Mann ihren Weg und verhindern die Katastrophe. Kann der Autor \u00fcberzeugen? Kaum.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Der Inhalt. <\/strong>Ahmeds Geschichte bewegt sich zwischen \u201eDiese Teufel wollen mir meinen Gott nehmen\u201c (S.7) und \u201eDiese Teufel haben mir meinen Gott genommen\u201c (S. 397). Ahmed ist tiefgl\u00e4ubiger Muslim, einsam aber gefestigt inmitten seiner High School Kommilitonen, deren Oberfl\u00e4chlichkeit, Moralarmut und Konsumabh\u00e4ngigkeit ihn zunehmend absto\u00dfen. Seine biedere Fr\u00f6mmigkeit, sein Anstand und sein zur\u00fcckgezogenes Wesen provozieren Hohn und t\u00e4tliche Angriffe durch die Klassenkameraden. Nur die gleichaltrige Joryleen f\u00fchlt sich mit ihm verbunden, ohne dass sich zwischen ihnen eine tiefergehende Freundschaft entwickelt. Obwohl Ahmed ihre anz\u00fcglichen Ann\u00e4herungen nicht sch\u00e4tzt, bedeutet sie ihm so viel, dass er ihr in die Kirche, dem <em>Ort des falschen Glaubens<\/em>, folgt, um sie im Kirchenchor zu erleben. Auch die freundliche Aufnahme in der Gemeinde \u2013 symbolhaft dargestellt durch ein kleines M\u00e4dchen, das an ihn gelehnt einschl\u00e4ft \u2013 kann seine abgrundtiefe Ablehnung des <em>teuflischen Irrglaubens <\/em>nicht beeinflussen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fr\u00fch vom Vater verlassen, w\u00e4chst Ahmed mit seiner Mutter allein auf. Als Schwesternhelferin verdient sie den mageren Unterhalt. Als expressive Malerin erntet sie keine Anerkennung. Als Verlassene verf\u00e4ngt sie sich immer wieder in den Armen fremder M\u00e4nner. Ihr Sohn verachtet sie daf\u00fcr. Dennoch verbietet sein Respekt vor der Mutter, sie offen zu kritisieren. Halt findet Ahmed stattdessen bei Scheich Rashid, dessen einziger Sch\u00fcler er \u00fcber viele Jahre ist. In fast t\u00e4glichen Sitzungen pr\u00e4gt der Imam den suchenden Geist mit Koransuren und inbr\u00fcnstigen Interpretationen. Die Absicht, das historische Weltbild in die Gegenwart zu zwingen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Literarischer Gegenspieler von Ahmed ist der Beratungslehrer Jack Levy, der es nicht hinnehmen will, dass Ahmeds intellektuelle F\u00e4higkeiten der Glaubensdoktrin zum Opfer fallen sollen. Der Imam hatte weiterf\u00fchrende Ausbildungsst\u00e4tten als Hort des Unglaubens verdammt. Levy selbst ist ein dem Menschen zugewandter Charakter. V\u00e4terlich, weise, aber bestimmt. Andererseits haben Jahrzehnte vergeblicher Bildungsarbeit seine Kr\u00e4fte aufgezehrt: Jugendliche, die desinteressiert durch das Leben driften; ein Bildungssystem, das keine Orientierung bietet; eine Ehefrau, die aus falsch verstandener Verantwortung f\u00fcr seine beruflichen Entt\u00e4uschungen zu grenzenloser Fettleibigkeit neigt. Ein fehlender Glaube an sich oder eine \u00fcbergeordnete F\u00fcgung geben Levy das Gef\u00fchl, ein zu <em>d\u00fcnnes<\/em> Leben zu f\u00fchren. Symbolhaft schwankt seine kastrierte Katze durch das Bild. Wohlbeh\u00fctet, Gefangene eines geschlossenen Systems. Nachts von \u00c4ngsten ums Mobiliar gehetzt. Von nichts gef\u00e4hrdet, au\u00dfer einer inneren Leere.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ahmed schlie\u00dft die Schule ab, macht nach Plan des Imam den LKW-F\u00fchrerschein und wird an ein Gebrauchtm\u00f6belgesch\u00e4ft arabischer Auswanderer vermittelt. Langatmig wird der Leser durch die unspektakul\u00e4ren Kleinst\u00e4dte New Jerseys gef\u00fchrt. Man beobachtet die wiederholte Auslieferung angeschlagener M\u00f6bel. Wenig \u00fcberzeugend beschreibt der Autor die von Ahmed wahrgenommene inhaltsarme, wert-lose US-amerikanische Lebensart. Ohne nachvollziehbare Begr\u00fcndungen entpuppen sich sp\u00e4ter die kleinb\u00fcrgerlichen M\u00f6belh\u00e4ndler als Terrorsympathisanten, die Geld, Sprengstoffchemikalien und einen pr\u00e4parierten LKW besorgen. Ahmed wird reibungslos als Selbstmordattent\u00e4ter rekrutiert. Er soll im Hudson River Tunnel zwischen Staten Island und Manhattan w\u00e4hrend des Berufsverkehrs das Inferno ausl\u00f6sen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein kleiner kriminaltechnischer Spannungsbogen ohne \u00dcberzeugungskraft folgt am Schluss. Der Firmenmitarbeiter Charly war CIA-Provokateur und hatte den geplanten Anschlag zum Jahrestag des Angriffs auf das World Trade Center vorangetrieben. Er wurde jedoch von Islamisten zu fr\u00fch enttarnt und gek\u00f6pft. Entsprechend verlieren sich die Spuren f\u00fcr das CIA beim M\u00f6belhaus, so dass Ahmed nicht dingfest gemacht werden kann. Bei der Terrorfahrt steht \u00fcberraschend Levy gestikulierend am Wegesrand. Ahmed nimmt ihn prompt auf. Der erste Schritt zur\u00fcck. Bes\u00e4nftigend wirken auch winkende Kinder im PKW vor Ahmeds LKW. Er z\u00fcndet den riesigen Sprengsatz nicht. Die Vernunft siegt im literarischen Alltag. Ende.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bis zu diesem Ende rutscht der Leser auf allzu plakativ-kitschigem Matsch dahin. Dieser beinhaltet willk\u00fcrlich zusammengeschaufelte Komponenten. Beispiele: Levy, der vermeintlich Integere teilt mit Ahmeds Mutter ein reges Geschlechtsleben, das in keinem Bezug zu Ahmeds Entwicklung steht. Joryleen wird vor Ahmeds geplanter Todesfahrt von Charly als Prostituierte gebucht, um Ahmed schon auf Erden auf die Begegnung mit dem Heer himmlischer Jungfrauen einzustimmen. Levy steht zuf\u00e4llig genau an der vielspurigen Ausfallstra\u00dfe vor dem Tunnel, als Ahmed einfahren will. Ahmed l\u00e4sst ihn prompt einsteigen und sich kurzerhand \u00fcberzeugen, direkt zur Polizei zu fahren, um sich selbst anzuzeigen. Das wirkt fast albern. Insgesamt ein \u00e4u\u00dferst bem\u00fchter Plot, erm\u00fcdende Textpassagen, die das magere Geschehen nicht voranbringen. Dazwischen Plattit\u00fcden und Frivolit\u00e4ten (\u201eich habe deine Mutter gebumst\u201c). Erstaunlich auch, dass trotz der breiten Darstellung von Ahmed, der Typus blass und statisch bleibt. Die Entwicklung zum Selbstmordattent\u00e4ter ist kaum nachvollziehbar. Einzig \u00fcberzeugend und literarisch getroffen erscheint die Gestalt Levy. Ansatzweise auch erkennbar ist die Gesellschaftskritik, die ausnahmslos alle Gestalten dieser Episode als Versager, Verlierer, Entr\u00fcckte, Gesichtslose oder T\u00e4ter zeigt. Teils werden die Charakterz\u00fcge in einer direkten oder indirekten Kausalit\u00e4t zur Gesellschaft gruppiert. Doch selbst bei den beiden Antipoden wird kein \u00fcberzeugender Kontrast aufgebaut: auf der einen Seite der atheistische Jude Levy mit einem Glauben an das Menschliche nicht aber an Gott. Auf der anderen Seiter der Muslim Ahmed mit fanatischem Gottesglaube aber ohne Empfinden f\u00fcr das Menschliche.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fazit: Ein eindrucksloser Roman mit zu wenigen sprachlichen H\u00f6hepunkten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Note:<\/strong> 3\/4 (ur)\u00a0 &lt;&lt;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rowohlt 2006 |\u00a0 397 Seiten. &gt;&gt;Vermutlich unter dem zutiefst bedrohlichen Eindruck anhaltender Terroranschl\u00e4ge als Ausdruck eines religi\u00f6s motivierten culture clash ver\u00f6ffentlicht Updike 2006 diesen Roman, der versucht die Terrorist-Werdung eines jungen US-Amerikaners muslimischen Glaubens zu thematisieren. 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