{"id":172,"date":"2001-07-26T17:48:11","date_gmt":"2001-07-26T15:48:11","guid":{"rendered":"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/?p=172"},"modified":"2023-11-22T18:28:20","modified_gmt":"2023-11-22T16:28:20","slug":"karl-heinz-ott-ins-offene","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=172","title":{"rendered":"Ins Offene &#8211; Karl-Heinz Ott"},"content":{"rendered":"<p><em><strong><a href=\"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/K640_Ins_offene_geschnitten.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-171\" src=\"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/K640_Ins_offene_geschnitten-184x300.jpg\" alt=\"K640_Ins_offene_geschnitten\" width=\"184\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/K640_Ins_offene_geschnitten-184x300.jpg 184w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/03\/K640_Ins_offene_geschnitten.jpg 480w\" sizes=\"(max-width: 184px) 100vw, 184px\" \/><\/a>Residenz Verlag 1999, 139 Seiten.<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; Ott fokussiert in seinem Werk auf eine parasit\u00e4re famili\u00e4re Symbiose, in der eine Mutter dem Sohn die Zuwendung f\u00f6rmlich aussagt. Wir folgen den Aufzeichnungen des Sohnes, dessen Seele durch die Gef\u00fchlsgewalten zerfurcht wurde und vielleicht doch die Kraft bewahrt, sich ins Offene zu \u00f6ffnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mutter Hilde lebt in einem oberschw\u00e4bischen Dorf, gepr\u00e4gt von Kleingeist, religi\u00f6ser Kompromisslosigkeit und famili\u00e4rer Enge. Als 40-J\u00e4hrige noch immer ledig, beginnt sie eine lebensfrohe Liaison mit einem Familienvater, wird schwanger, treibt mit Stricknadeln ab und wird \u00f6ffentlich ge\u00e4chtet. Mit einer zweiten Schwangerschaft versucht sie den Textilh\u00e4ndler zu binden. Dieser verl\u00e4sst und st\u00fcrzt sie in einen seelischen Abgrund, aus dem sie nie wieder entkommt. Wegen des unehelichen Kindes (der Ich-Erz\u00e4hler) wird sie vom gr\u00f6\u00dften Teil der Familie versto\u00dfen. Fortan w\u00e4chst der Junge isoliert mit Mutter und Gro\u00dfmutter auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So wie die Gro\u00dfmutter noch als 80-J\u00e4hrige ihre Tochter Hilde anzuketten und schmerzhaft zu erniedrigen vermochte, so setzt Hilde mit ihrem Sohn die emotionale Kasernierung fort. W\u00e4hrend die Gro\u00dfmutter das Ende ihres gequ\u00e4lten und qu\u00e4lenden Daseins jedoch in einer geschlossenen Anstalt verbrachte, bleibt der <em>epileptischen Seele<\/em> ihrer Tochter die Freiheit, das Gem\u00fct ihres Sohnes im d\u00f6rflichen Habitat geistiger Verseuchung zu vergiften. Nach dem Tod der Gro\u00dfmutter renoviert Hilde in einem vergeblichen Emanzipationsausbruch ihr gemeinsames Haus, um darauf von Schuldgef\u00fchlen versch\u00fcttet zu werden. Hilde definiert ihr Seelenheil allein durch ihren Sohn, den sie wie ein eigenes Organ inkorporiert. Seine Versuche, als Heranwachsender dem Nest zu entfliehen, empfindet sie als Lebensbedrohung. Schon dem Kind gegen\u00fcber arbeitet sie mit vorauseilenden Schuldzuweisungen, die keine seelischen Grenzen kennen. Die Formen der negativen Bindungen spiegeln die \u00f6rtlichen und ihre religi\u00f6sen \u00dcberzeugungen wider, die von einem r\u00e4chenden, egoistischen Gott dominiert werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Selbst als die krebskranke Hilde im Angesicht ihres Todes im Hospital ihren Sohn empf\u00e4ngt, verf\u00e4ngt sie sich in den hergebrachten, qu\u00e4lenden Ritualen des Vorwurfs und strafenden Schweigens. Erst im letzten Moment \u00e4u\u00dfert die Mutter die lapidare Selbstkritik \u201eich, \u2026 ein \u2026 L\u00e4stermaul\u201c. Die Empfindungen des Sohnes lassen vermuten, dass dieses Wort die maso-sadistischen Ketten dieser Zweierbeziehung, in der der Junge nicht nur Sohn war, sondern auch als ausdauernder Ersatz-Gatte diente, sprengen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zwischenzeitlich besucht er die bedeutungsarmen St\u00e4tten seiner ihm fremd gewordenen Heimat. Auch wenn sie zun\u00e4chst abweisend wirken, entdeckt er \u00fcberraschend Requisiten, die Licht-erf\u00fcllt sind. Vielleicht wird die triste Vergangenheit sich erhellen. Als Sch\u00fcler hatte er hier Albert Camus\u00b4 Verfilmung \u201eDer Fremde\u201c gesehen und sich vorgenommen, sich Gelassenheit zu verordnen, auch wenn er wie der Fremde in der nordafrikanischen W\u00fcste zum Tode verurteilt werden sollte, weil er am Grab seiner Mutter keine Anteilnahme zeigte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Plot ist ausgesprochen handlungsarm angelegt. Die beklemmende Beziehungsenge wirkt be\u00e4ngstigend dicht und ersch\u00fctternd, wenn das Leben zur am Tod gemessenen <em>Schlaflosigkeit<\/em> verk\u00fcmmert. Trotz der K\u00fcrze bleibt das Werk nicht frei von erm\u00fcdenden Wiederholungen. Sprachlich brilliert der Autor, und bei mehr inhaltlicher Bewegung k\u00f6nnten daraus gl\u00e4nzende Werke werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr Eltern-Beziehungsgesch\u00e4digte ein interessantes Werk. <strong>Note:<\/strong> 2\u2013 (ur)&lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Residenz Verlag 1999, 139 Seiten. &gt;&gt; Ott fokussiert in seinem Werk auf eine parasit\u00e4re famili\u00e4re Symbiose, in der eine Mutter dem Sohn die Zuwendung f\u00f6rmlich aussagt. 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