{"id":1713,"date":"2023-01-23T13:24:32","date_gmt":"2023-01-23T11:24:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=1713"},"modified":"2023-02-27T14:13:28","modified_gmt":"2023-02-27T12:13:28","slug":"hund-wolf-schakal-behzad-karim-khani","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=1713","title":{"rendered":"Hund Wolf Schakal &#8211; Behzad Karim Khani"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-1724\" src=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/K1024_Hund-Wolf-Schakal-196x300.jpg\" alt=\"\" width=\"196\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/K1024_Hund-Wolf-Schakal-196x300.jpg 196w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/K1024_Hund-Wolf-Schakal-670x1024.jpg 670w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/K1024_Hund-Wolf-Schakal.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 196px) 100vw, 196px\" \/><\/p>\n<p>Hanser Berlin2022\u00a0\u00a0 |\u00a0 287 Seiten<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; Eine au\u00dfergew\u00f6hnliche Milieustudie im Mikrokosmos Berlin Neuk\u00f6lln. Eine Pflichtlekt\u00fcre nicht nur f\u00fcr Integrationsbeauftragte. Die zentralen Akteure alle schon sehr fr\u00fch gepr\u00e4gt durch Gewalt, Krieg und Flucht. Dass damit alle \u201eihre Traumata in sich trugen\u201c, erkl\u00e4rt wie d\u00fcnn das Eis ist abzugleiten in eine Welt, die ihre eigenen Spielregeln und Moralvorstellungen definiert. Zu verlockend die Verf\u00fchrungen der libanesischen Gang um Marwan und Heydar um dem vor Schah- und Mullahterror geflohenen iranischen Familienvater Jamshid vor allem seinen Sohn Saam zu entfremden. H\u00e4lt noch der 8j\u00e4hrige der Familienehre stand (wir sind keine Diener) und zwingt seinen kleineren Bruder Nima Frau Winkler die Belohnungsm\u00fcnze zur\u00fcckzugeben, so brechen in dem Ma\u00dfe alle D\u00e4mme, in dem die Peergroup durch Gangsterraprituale und Markenartikel neue Standards setzt. \u201eDrei Steifen Adidas zwei Streifen Caritas\u201c so schlicht das Klassenmodell, da ist das auf die C&amp;A Jacke aufgen\u00e4hte Lacoste Krokodil nur ein kurzes \u00dcbergangsstadium in Saams Abw\u00e4rtsbiographie. Klassenkamerad Heydar wird zum Drahtzieher dieser Entwicklung, sein Rekrutierungsfeld speist sich eigentlich aus Loosern, die er dem Schultheisskneipenmilieu in der \u201eWei\u00dfen Rose\u201c zuf\u00fchrt. Dass an diesem Ort selbst ein Tischkickerspiel gef\u00e4hrliches Machtverschiebungspotential in sich birgt, dass sich hier Dummheit und Macht ein Stelldichein geben, dass sich hier die Einsch\u00e4tzung von Saams Vater Jamshid von der \u201estupiden Hierarchie von Totgeburten\u201c offenbart, all dies sp\u00fcrt Saam ohne daraus jedoch Konsequenzen ziehen zu k\u00f6nnen. Dass gerade an dieser Stelle des Romans der Autor f\u00fcr einen kurzen Moment vom Erz\u00e4hler zum gesellschaftskritischen Kommentator wird und die Verantwortlichkeit des liberalen Rechtsstaats benennt, ist bemerkenswert. \u00a0Vom \u201eRitterschlag\u201c durch Ali Pacino \u00fcber das Verticken von Iceberg-Pullovern oder Scarface-Kopien, \u00fcber Heydars Rolex \u201eBruder\u201cgeschenk f\u00fchrt Sams Weg geradlinig dorthin wo das Gesetz der Gewalt gilt. Erst \u201eder Sound, wenn Fleisch auf Fleisch trifft\u201c, der Schlagring gegen den Zigeuner, macht in dieser arabisch dominierten Gegenwelt das Kind zum Mann. Mit dem Abstieg in die Kriminalit\u00e4t beginnt der Aufstieg im Milieu, in dessen Sprache sich die Handlungsoptionen ausschlie\u00dflich zwischen \u201eficken\u201c und \u201egefickt werden\u201c bewegen. Letzteres verlangt in deren Logik nach Rache. Wie die aussieht, erz\u00e4hlt die Geschichte des kriminellen Pal\u00e4stinenserjungen Jamal. Dem\u00fctigung von Saams Bruder Nima durch den Klau seines BMX-R\u00e4dchens, Saam macht im Auftrag des Clanchefs Marwin Jamal zum \u201eFrankenstein von Neuk\u00f6lln\u201c (\u201ewegmachen\u201c lautet die Parole!)) . Erneuter Showdown der beiden T\u00e4ter w\u00e4hrend Saams 6j\u00e4hriger Knastepisode. \u00a0Am Ende von Khanis Roman steht der von Jamal beauftragte Mord an Saam durch einen 15J\u00e4hrigen. Die Fortsetzung einer Geschichte von Gewalt und Gegengewalt ist absehbar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Entwicklung der Biographie des j\u00fcngeren Bruders Nima spielt in einer anderen Liga und ist eher eine Nebenhandlung, h\u00e4tte aber durchaus das Potential einer eigenen Neuk\u00f6ln-Geschichte. Nicht die \u201eWei\u00dfe Rose\u201c sondern der Yard f\u00fcr Skater und Daves Friseursalon bilden neben der reichlich hippen Familien-Maybach Episode (der Name ist Programm)\u00a0 die Kulisse. Das Heroinmilieu scheint gediegener, weniger gewaltt\u00e4tig und doch h\u00e4tte der Leser vom Insider Khani gerne etwas mehr dar\u00fcber zu erfahren, ob in Nimas Gymnasialklasse, deren Zusammensetzung (gro\u00dfartigeTypologie S.147) so wenig der \u201eUrbev\u00f6lkerung\u201c\u00a0 deutscher Bildungslandschaft entspricht, auf dem Weg zum Abitur auch Ans\u00e4tze von Wissen und \u201esoft-skills\u201c vermittelt wurden, die zuk\u00fcnftig Neuk\u00f6lln zu weniger S\u00fcdlibanon machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wo bleibt das Positive? Der Autor Khani ist die Erfolgsgeschichte. M\u00f6gen auch Hund, Wolf, Schakal Assoziationen offenbleiben, dieser Roman ist brillant und dies vor allem in der virtuosen Beherrschung unterschiedlichster Sprachniveaus. Fast jede Seite ein Beleg.\u00a0 Note:<strong> 1 \u2013<\/strong> (ai) &lt;&lt;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; Das richtige Buch zur Silvester Nacht in Berlin! Wer wissen will, wie die Jungs in Neuk\u00f6lln ticken, sollte unbedingt dieses Buch lesen. Spannend, witzig und mit gro\u00dfer sprachlicher K\u00fchnheit f\u00fchrt uns Khani ein in die Kultur der in Berlin gestrandeten Einwanderer aus dem vorderen und hinteren Orient. Saam und sein Bruder Nima sind mit ihrem Vater Jamshid aus dem Iran geflohen. (Jamshid sieht sich allerdings nicht als Fl\u00fcchtling, er befindet sich \u201eauf einer Reise\u201c ). Schnell ger\u00e4t Saam in Kontakt mit Jungs eines kriminellen Clans aus dem Libanon. Obwohl er ihre Dummheit sieht, sieht er auch ihre Macht. Und die fasziniert ihn. Saam findet schnell heraus, dass sich in dem Milieu Hierarchien leicht verschieben lassen, \u201edie auf nichts beruhen als darauf, dass das Justizsystem des Landes eine Milde walten lie\u00df, die sie als Schw\u00e4che fehlinterpretierten\u201c (S.60)\u00a0 Khani will der in \u201eWatte gepackten Mehrheitsbev\u00f6lkerung\u201c mit seinem Buch einen Spiegel vorhalten. Sehr gelungen und sprachlich ein Genuss.\u00a0 <strong>Note: 1 \u2013<\/strong> (\u00fcn) &lt;&lt;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 In seinem Debutroman bricht der persischdeutsche Autor den Verhau eines stockdunkln Kellerverlieses auf mit Blick in die tiefb\u00f6se Unterwelt von Berlin-Neuk\u00f6lln. Migrationsschicksal, Schulabbruch, Familienentfremdung, Gruppendynamik, Kleinkriminalit\u00e4t, Drogenwirtschaft, Mord, Gef\u00e4ngnis. Von A bis Z das Alphabet des Niedergangs vorbei am deutschen Rechtsbewusstsein. B.K.Khani \u00f6ffnet mit dem Gang durch das Milieugeb\u00e4ude aber auch einen Dachverschlag, in dem die Seelenzust\u00e4nde seiner Opfert\u00e4ter von erhellendem Licht beleuchtet werden. Was sind die Beweggr\u00fcnde, was Entwicklungsstrudel, was Lebensengp\u00e4sse? Die Triebkr\u00e4fte sind Ich-\u00dcberh\u00f6hung, Erniedrigung, Gewaltlust, Machtzeremonien, Respektperversion. Der ganze Mist. Das Werk von B.K.Khani ist jedoch kein Sachreport sondern ein literarisches Meisterwerk, das auf eine erstaunliche Weise Emotionalit\u00e4t und Erkenntnis so miteinander paart, dass das Entsetzen eingehegt und das Wissen in anspruchsvolle Prosa gekleidet wird. Grandios.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Mittelpunkt steht die Familie Homayoon. In Persien der 70er Jahre lernt der Student Yamshid im sozialistischen Schulterschluss gegen das amtierende Schah-Regime die Kommilitonin kennen, die er sp\u00e4ter heiraten wird. Zwei S\u00f6hne werden sie haben. Die Mutter wird fr\u00fch von den Kindern getrennt. Ermordet von dem nachfolgenden Ayatollah Regime, das auch den agitierenden Vater zum Kr\u00fcppel schie\u00dft. Er fl\u00fcchtet mit den Buben nach Deutschland, dem <em>Achtungland<\/em>. Achtung Bosch. Achtung Benz. Achtung Beckenbauer. Das Land disziplinierter Erfolgsgeschichten. Der Vater wird Taxifahrer, aber ohne Erfolge und nie heimisch in der kapitalistischen Fremde. Komfort w\u00e4re ohnehin Verrat an marxistischen Idealen. Laut Yamshid stehen auch die aufkeimenden Depressionen und psychosomatischen Tics seiner schulpflichtigen S\u00f6hne in dieser Wohlstandsgesellschaft den beiden nicht zu, solange in Teheran Kinder Schlachthofm\u00fcll nach Essbarem durchw\u00fchlen m\u00fcssen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Nicht-Heimat hei\u00dft jetzt Berlin, Ghetto-Berlin. Eingepferchte Nationalit\u00e4ten. Die Perser bringen historischen Stolz mit, den sie bei Arabern nicht erkennen k\u00f6nnen. Als Perser sind sie <em>Verlierer<\/em> mit erhobenem Haupt. Araber sind <em>Verlorene<\/em>. Die Ursprungsdeutschen dagegen sind bem\u00fcht: die hilfsbereite Nachbarin, die einf\u00fchlsame Lehrerin, die toleranten Schwiegereltern <em>in spe<\/em>. Die Beh\u00f6rden haben Luft nach oben. Der deutsche Richter \u00fcberzeugt durch Fairness. F\u00fcr die beiden S\u00f6hne wird jedoch im Laufe der Zeit die Clique zwingend. Dem Vater entgleiten die S\u00f6hne. Das Milieu garantiert, vom Sumpf verschluckt zu werden. Und so kommt es auch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Saam ist bei der Einreise 1988 neun Jahre alt, sein Bruder Nima erst vier. Als Nima der Nachbarin die Tasche tr\u00e4gt und spontan einen Obolus erh\u00e4lt, zwingt der Gr\u00f6\u00dfere den unbedarften Kleinen das Geld zur\u00fcckzugeben \u2013 Perser seien keine k\u00e4uflichen Diener. Saam, der Hauptprotagonist des Buches, ger\u00e4t schnell in die Einflusssph\u00e4re des libanesischen Jungen Heydar, der wie seine gr\u00f6\u00dferen Br\u00fcder schon fr\u00fch mit beiden Beinen im kleinkriminellen Untergrund verwurzelt ist. Willk\u00fcrlich gew\u00e4hlte Feindbilder, Schl\u00e4gereien als Reifepr\u00fcfung, Knochenverst\u00fcmmelungen durch Schlagringe, Narben durch Rasierklingenwaffen, eigene Verletzungen als stolz vorgef\u00fchrte Premiumnoten. Der langsame Ein- und Abstieg scheint unumst\u00f6\u00dflichen Naturgesetzen zu folgen. Ein bissenthemmter Dobermann f\u00fcr Territorialanspr\u00fcche wird rekrutiert. \u00dcberf\u00e4lle auf Sp\u00e4tis zum Warmlaufen, Einsatz von Schusswaffen bis zum gescheiterten \u00dcberfall auf eine Apotheke. Der Apotheker im Kiez zieht \u00fcberraschend als erster seine Waffe und verletzt Saam schwer. Man musste nur seiner Blutspur folgen, um ihn f\u00fcr Jahre hinter Gitter zu bringen. Sein Komplize Heydar kann entkommen und wird nicht verraten. Ehrensache. So bleibt die br\u00fcderliche Freundschaft des gewaltt\u00e4tigen Duos unsterblich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der kleinere Bruder Nima dagegen meidet die Gewaltarena und den zunehmend entfremdeten Bruder, findet Freude und Freunde beim unerm\u00fcdlichen Skaten, macht Abitur und wird von <em>high end girls<\/em> umschw\u00e4rmt. Die wohlhabende, urdeutsche Familie von Josephine empf\u00e4ngt ihn mit offenen Armen und organisiert schon bald einen Ausbildungsplatz. Nima macht sich prima. Doch im tiefsten Inneren sp\u00fcrt er einen Kulturriss. Josephine und alle Angebote hinter sich lassend, kehrt er ins Milieu zur\u00fcck &#8211; nicht in den grenzen- und kulturlosen Rambokrieg, sondern in die stille Geborgenheit \u00fcberschaubarer Kokaingesch\u00e4fte. Statt schwarzem Audi 8, geparkt in der zweiten Reihe, eine Mercedes A-Klasse mit Sylt-Aufkleber. Kleine Wohngemeinschaft in der Geld-gewaschenen Eigentumswohnung mit Fischgr\u00e4tenparkett. Ein Dasein im Dauerauftragsmodus. Er will nicht mehr wollen. Ihm reicht der gediegene Frieden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Saam verbringt derweil sechs Jahre hinter Gittern. Auch hier regiert und verfolgt das Kiezmilieu. Saam steht auf einigen Rechnungen. Schl\u00e4gereien im Knast zwingen ihn in zweimonatige Isolationshaft, die ihn f\u00fcr immer belasten wird. Mentale Deprivation, Alptr\u00e4ume, Paranoia, kognitive Verluste. Eine Symptomatik, die sein nur noch kurzes Leben infiltriert, obwohl er sichtbare Besserung lebt, im Gef\u00e4ngnis eine Ausbildung als Koch abschlie\u00dft und fr\u00fchzeitig in den offenen Reha-Vollzug entlassen wird. Diese Situation nutzend wird sein Todesurteil vollstreckt, als ein 15-j\u00e4hriger Nachwuchskiller ihn mit einem LKW \u00fcberf\u00e4hrt und vollst\u00e4ndigkeitshalber noch das Hirn aus dem Sch\u00e4del schie\u00dft. Saam hatte vor Jahren einen Araber f\u00fcrchterlich entstellt. Dieser hatte sein k\u00f6rperliches und mentales Gesicht verloren, nicht aber seine r\u00e4chende Geduld. Damit endet die Geschichte. Der Sumpf w\u00e4hrt ewiglich. Ein neuer Zyklus beginnt mit einer hochmotivierten Nachwuchsgeneration im deutschen Toleranzmorast.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor allem zwei Dinge machen dieses Buch der Rollentiere Hund Wolf Schakal so wertvoll. Da ist zum einen der von B.K.Khani unpr\u00e4tenti\u00f6s vermittelte Erkenntnisgewinn in die Logik einer Gegenwelt, die grundlegende Werteprinzipien der Gesellschaft nicht im Geringsten teilt. Alles, aber auch wirklich alles, hat in dieser M\u00e4nnerwelt mit Machtverschiebung zu tun, selbst wenn es nur um Mikrometer geht. <em>\u201eWeil wir L\u00f6wen sind. Wir schleichen uns nicht heimlich an. Wir gehen da raus, fressen ihre Kinder und gucken ihnen dabei in die Augen. Das hat mit Stolz zu tun\u201c<\/em> (Originalton Hydar). Und wenn einer Schw\u00e4che zeigt, disqualifiziert er sich als unw\u00fcrdiger Auss\u00e4tziger. Das Klima der Angst. Der Terror breitet sich im Kopf aus. Und weil jeder das meiden will, \u00fcbernimmt er den Codex. Das Perpetuum mobile in nicht-enden-wollender Dynamik rotiert. \u00dcberlegene Aggression ist die W\u00e4hrung und davon sollte jeder gen\u00fcgend im Beutel haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Autor B.K.Khani spricht nur bedingt \u00fcber die Wechselwirkung von Gesellschaft und Milieu. Und dennoch ist der Roman ein Spiegelbild der deutschen Naivit\u00e4t. Die praktizierte Toleranz wird als l\u00e4cherliche Schw\u00e4che verstanden, die lasche Strafverfolgung als stimulierendes Katz-und-Maus Spiel. Schon f\u00fcr die halbstarken Kids sind es Beifang-Erfolge, wenn die begleitenden Sozialarbeiter in die Depression getrieben werden. Als die Sparkassen wegen anhaltender \u00dcberf\u00e4lle das Bargeld abschaffen, wird das als Kapitulation vor den Gangs gefeiert. \u201e<em>Es gibt auch Gesetze nicht. Staat nicht. \u2026 Polizei nicht. Wenn sie \u00fcberhaupt kommt, kommt sie irgendwann, und irgendwann gibt es nicht, es gibt nur jetzt. Und es gibt den Sound, wenn Fleisch auf Fleisch trifft. \u2026 Brechende Gesichter gibt es.<\/em>\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gerade wegen der brutalen Zeichnung dieser Welt, ist es umso \u00fcberraschender, dass B.K.Khani dieses Bild mit beeindruckendem Sprachspiel skizziert. Das ist nichts anderes als hohe Literatur. Wenn z.B. die Fl\u00fcchtlingskinder diese unbarmherzige, fremde Sprache lernen m\u00fcssen: \u201e<em>Sie erfuhren zun\u00e4chst von der Existenz, dann von der Dringlichkeit und schlie\u00dflich von der Willk\u00fcr deutscher Artikel. Dass es nicht <strong>die<\/strong>, sondern <strong>das<\/strong> M\u00e4dchen hei\u00dft und dass <strong>Geld und Waffe nicht m\u00e4nnlich<\/strong> sind.<\/em>\u201c Oder wenn sie die Lakritz von der m\u00fctterlichen Nachbarin nicht ablehnten, weil sie Lakritz f\u00fcr Schokolade hielten, lernten sie, \u201e <em>dass H\u00f6flichkeit etwas sein konnte, das ungenie\u00dfbar salzig schmeckte und nicht schmelzen wollte<\/em>\u201c. Das Buch ist reich an diesen empathischen Formulierungen.\u00a0 Gro\u00dfartig.\u00a0 <strong>Note:<\/strong> \u00a0\u00a0 1 (ur)&lt;&lt;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&lt;&lt; Alter, echt, ein cooles Buch. Da kann ein kleiner Pisser vom Neckar mal sehen, wie es im Sp\u00e4ti in Berlin so zugeht. In Neuk\u00f6lln genauer. Will ja keinen Stress machen, aber in sp\u00e4testens 50 Jahren sind wir hier vielleicht genau so weit. Geduld, Geduld. Jetzt erst mal einen Wodkashot, da schreibt&#8217;s sich&#8217;s leichter. Ich merke, dieser Besprechungsstil wird dem Buch doch nicht gerecht. Daf\u00fcr ist der Roman zu komplex.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er beginnt in Teheran auf einer Dachterrasse, wo der kleine Saam mit Insekten spielt (dies Faible wird ihn\u00a0 lebenslang begleiten) und zusehen muss, wie sein Vater Jamshid verhaftet wird. Die Verhaftung nimmt jedoch ein unerwartet gutes Ende, der Vater kann mit seinen S\u00f6hnen Saam und Nima ausreisen. Als Kommunist hatte Jamhid gegen den Schah gek\u00e4mpft. Seine Frau war von den Mullah-Schergen get\u00f6tet worden. Schweden, Sowjetunion, Jugoslawien, Deutschland stehen zur Auswahl. Es wird das \u201eAchtungsland\u201c (S.29) Deutschland. Dabei ist Deutschland doch das Epizentrum des strukturellen und nicht strukturellen Rassismus\u2026 ? Im S\u00fcden hat sich das anscheinend immer noch nicht herumgesprochen. Und warum in Deutschland dann nach Neuk\u00f6lln und nicht nach \u00dcberlingen oder gar T\u00fcbingen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Deutschen werden insgesamt irritierend positiv dargestellt. Frau Winkler, pensionierte Lehrerin, unterrichtet die beiden Jungs in Deutsch. Familie Maybach, eine alternativ b\u00fcrgerliche Familie, zeigt sich sehr offen und gastfreundlich gegen\u00fcber Nima. Mit dem Richter, der Saam verurteilt, w\u00e4re Saam gerne befreundet. Und Gymnasiast Nima beklagt sich nie \u00fcber schulische Diskriminierung. Andere kommen nicht so gut weg. \u201eKlauten, logen und erpressten\u201c hei\u00dft es \u00fcber die Araber, die Saam w\u00e4hrend seiner Zeit im Knast kennenlernt. \u201eDie T\u00fcrken waren etwas umg\u00e4nglicher, aber auch selten interessant.\u201c Und dazu geistert auch noch das Unwort \u201eZigeuner\u201c durch den Text. Vielleicht erkl\u00e4rt es sich so, dass das Buch in Klagenfurt durchfiel?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch zur\u00fcck nach Berlin. Saam ger\u00e4t schnell in problematische Gesellschaft. Mit einem jungen Libanesen begeht er \u00dcberf\u00e4lle. Beim zw\u00f6lften \u00dcberfall schie\u00dft das Opfer zur\u00fcck und verletzt Saam. Seinen Kumpanen und Verf\u00fchrer verr\u00e4t er nicht. Vier Jahre Gef\u00e4ngnis mit alles. Auch Einzelhaft. Jamal, den er einmal verpr\u00fcgelt hatte, taucht im Gef\u00e4ngnis auf. Dessen Rache wird ihm nach der Entlassung zum Verh\u00e4ngnis werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kriminalit\u00e4t hatte es leicht gemacht, Respekt, Status und Macht zu erlangen. Hier dominieren starre Weltbilder. Denken in Hierarchien. \u201eHierarchien (\u2026) die auf nichts beruhten als darauf, dass das Justizsystem des Landes eine Milde walten lie\u00df, die sie als Schw\u00e4che fehlinterpretierten.\u201c Justizkritik? F\u00fcrwahr kein leichtes Leben: \u201cImmer mit oben und unten. Mit auslachen und ausgelacht werden, mit ficken und gefickt werden.\u201c Behzad Karim Khani gelingen viele verdichtete und gleichzeitig gro\u00dfartige S\u00e4tze.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vater Jamshid schl\u00e4gt sich als Taxifahrer durch. Er leidet, weil er sieht, wie sich seine S\u00f6hne entwickeln. Dabei bewahrt er seine W\u00fcrde und wundert sich \u00fcber mancherlei in Deutschland (\u201ePflanzenabfallverordnung\u201c). Die Sprache ist sehr facettenreich. Poetisch, wenn Insekten beschrieben werden, lakonisch unterk\u00fchlt beim Charakterisieren von Menschen, aber auch brutal. Die Vierbuchstabenw\u00f6rter fehlen nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie soll es weitergehen mit Deutschland, mit der Migration? Der Autor Behzad Karim Khani ist optimistisch und fordert, \u201edass man uns als die unumg\u00e4ngliche Notwendigkeit anerkennt, die wir hier darstellen. Davon, verstanden zu haben, das wir weder N\u00e4hr-noch Schadstoff in der Blutbahn dieses Landes sind, sondern das Blut selbst. Und davon, dass wir gar keine Zustimmung der Mehrheitsgesellschaft brauchen, die es ohnehin in anderthalb bis zwei Generationen nicht mehr geben wird. Da kann sich die politische Mitte, die Rechte noch so aufregen, drohen und irre Parteien w\u00e4hlen. Mehr als einen Ausdruck ihrer zunehmenden Irrelevanz bekommt sie nicht hin.\u201c (wochentaz vom 18.-24. Februar 2023). Na denn, schau mer mol.\u00a0 <strong>Note ( 1\/2)<\/strong> (ax) &lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hanser Berlin2022\u00a0\u00a0 |\u00a0 287 Seiten &gt;&gt; Eine au\u00dfergew\u00f6hnliche Milieustudie im Mikrokosmos Berlin Neuk\u00f6lln. Eine Pflichtlekt\u00fcre nicht nur f\u00fcr Integrationsbeauftragte. Die zentralen Akteure alle schon sehr fr\u00fch gepr\u00e4gt durch Gewalt, Krieg und Flucht. 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