{"id":1697,"date":"2002-09-13T13:20:57","date_gmt":"2002-09-13T11:20:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=1697"},"modified":"2023-01-17T13:35:40","modified_gmt":"2023-01-17T11:35:40","slug":"tod-eines-kritikers-martin-walser","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=1697","title":{"rendered":"Tod eines Kritikers &#8211; Martin Walser"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-1703\" src=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2002\/09\/K1024_Tod-eines-Kritikers-193x300.jpg\" alt=\"\" width=\"193\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2002\/09\/K1024_Tod-eines-Kritikers-193x300.jpg 193w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2002\/09\/K1024_Tod-eines-Kritikers-659x1024.jpg 659w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2002\/09\/K1024_Tod-eines-Kritikers.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 193px) 100vw, 193px\" \/>Suhrkamp Verlag 2002 \u2013 219 Seiten<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&lt;&lt; Ein Buch &#8211; ein Politikum. Ein Politikum, weil es mit einem monolithischen Plot den deutschen Literaturbetrieb zerbr\u00f6selt. Ein Politikum, weil es lebende Teilnehmer des gegenw\u00e4rtigen Literatur- und Medienbetriebs in einen Parodie-Zusammenhang stellt, der von genial originell bis dekadent diffamierend reicht. Ein Politikum auch, weil deutsche Anspr\u00fcche auf antisemitische T\u00e4terschuld tangiert werden, ohne dass auch nur eine anti-semitische Passage im Text zu finden w\u00e4re. Gerade der letzte Punkt wird im Nachhinein umso bedeutungsvoller, weil die Reaktion der deutschen Intelligenzija auf Walsers Werk so absurd ausgefallen ist, dass man dem real existierenden Journalismus nichts anderes als eine pathologische Verblendung attestieren muss. An erster Stelle muss hier nat\u00fcrlich die Frankfurter Allgemeine Zeitung genannt werden, deren Herausgeber Schirrmacher schon vor Erscheinen des Romans den gr\u00f6\u00dften in der BRD denkbaren Vorwurf formulierte: \u201eTod eines Kritikers\u201c sei antisemitisch, u.a. weil der einflussreichste deutsche Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki verspottet werde. Der inzwischen verstorbene M.R.-R. war Mitarbeiter der FAZ und Jude.<br \/>\nWalser hat mit seinem Literaturkrimi einen Schl\u00fcsselroman verfasst, in dem die b\u00f6sartige Eigenn\u00fctzigkeit von Schriftstellern, Literaturwissenschaftlern, Kritikern, Medienexperten und Verlegerinnen die Wirkkr\u00e4fte sind. Keiner dieser `Ungewaschenen` tr\u00e4gt ein wei\u00dfes Hemd. Auch der mittelm\u00e4\u00dfige Romanautor Lach als Hauptprotagonist nicht. Die teils der Wirklichkeit entliehenen Leben lassen vermuten, dass Walser mit der Hauptfigur auch ein selbstkritisches Portrait seiner eigenen Person entworfen haben k\u00f6nnte. In diesem Sinne w\u00fcrde er sich genauso wenig wie sein Umfeld schonen, das unschwer wiedererkannt werden kann. Am Ende wird der Leser erfahren, dass in diesem Krimi ein Mord nie geschah. Ja sogar, dass die Geschehnisse auch innerhalb des Romans vielleicht nie stattfanden, dass die ganze Erregung nur Inhalt eines inneren Monologs war? Phantasien eines bitter entt\u00e4uschten Literaten mit m\u00e4\u00dfiger Qualifikation? Vielleicht ein kultivierter Walser mit kulturlosen Mordgel\u00fcsten? Man wei\u00df es nicht.<br \/>\nDie Rahmengeschichte. Der Literaturwissenschaftler Landolf (\u00bd Walser) erf\u00e4hrt entsetzt, dass der von ihm gesch\u00e4tzte Schriftsteller Hans Lach (ebenfalls \u00bd Walser) mit Mordvorwurf an dem Fernsehliteraturkritiker Andr\u00e9 Erl-K\u00f6nig (Marcel Reich-Ranicki) inhaftiert wurde. Landolfs Begegnung mit dem Inhaftierten ist von Schweigen gepr\u00e4gt. Lach macht nicht die geringsten Anstalten, sich zu verteidigen. Im Bem\u00fchen, Lachs Unschuld dennoch zu beweisen, interviewt Landolf Zeitgenossen des Literaturbetriebs und studiert das Video der Sendung, in der Andr\u00e9 Erl-K\u00f6nig Lachs neuestes Werk verriss. Auch bewertet er Aussagen \u00fcber den folgenden Empfang, bei dem Lach Andr\u00e9 Erl-K\u00f6nig drohte, und analysiert Lachs zur\u00fcckliegende Ver\u00f6ffentlichung mit dem Titel: Der Wunsch, Verbrecher zu sein.<br \/>\nAndr\u00e9 Erl-K\u00f6nig wird fl\u00e4chendeckend als gottgewaltiger Terminator eingestuft, der sich auf Kosten anderer selbst zelebriert. In seiner Fernsehsendung \u201eSprechstunde\u201c pflegt er Gegenwartsliteratur<br \/>\nmittels eines schlichten Entweder-Oder-Schemas zu sezieren. Jeweils ein Roman wird jubilierend pr\u00e4miert, w\u00e4hrend ein zweiter vernichtend dem Altpapier \u00fcbergeben wird. Beim letzten Auftritt traf es Lachs Roman \u201eM\u00e4dchen ohne Fu\u00dfn\u00e4gel\u201c. W\u00e4hrend die Frau im Roman gar nicht vorkommt, scheint das Romanpersonal mehr Namen zu umfassen als ein Telefonbuch wiedergeben kann. Der Roman d\u00fcrfte tats\u00e4chlich misslungen sein.<br \/>\nAuch beim erfolglosen Autor Streiff (wer ist gemeint?), der nach wie vor von seiner berufst\u00e4tigen Frau ausgehalten werden muss, wird Landolf nicht wirklich f\u00fcndig. Leider ist dieser nur in Gegenwart seiner Frau autorisiert auszusagen. Statt auf den Fall Lach einzugehen, problematisiert er seine eigene, ihm von Andr\u00e9 Erl-K\u00f6nig vorenthaltene Anerkennung auf seine im Pilgrim Verlag (Suhrkamp) erschiene \u201eTulpen-Trilogie\u201c. \u00c4hnlich die Verleger-Gattin Pilgrim (Ehefrau Ulla Berk\u00e9wicz des Suhrkamp Verlegers Unseld), die inzwischen einen Negativkatalog \u00fcber Andr\u00e9 Erl-K\u00f6nig erarbeitet hat. Entgegen den Gepflogenheiten hatte sie Lach zum Empfang nach der Fernsehsendung ins Verlegerhaus in der Hoffnung geladen, sich wenigsten einmal gegen\u00fcber ihrem Gatten profilieren und Andr\u00e9 Erl-K\u00f6nig br\u00fcskieren zu k\u00f6nnen. Wie auch Streiff hat sie Lachs Buch zur Heilsschrift erhoben und hofft, dass er durch den vermuteten Mord zu ihrem wahren Helden reifen wird. Leider kann bisher die Leiche des vermissten Erl-K\u00f6nigs nicht gefunden werden. Verhalten indifferent und intellektuell entschwebend bleibt dagegen Prof. Wesendonck (J\u00fcrgen Habermas).<br \/>\nSp\u00e4ter dr\u00e4ngen sich die Geschwister Henkel (Walter und Inge Jens) als Zeugen auf, vergessen dabei sogar Lach, belasten den von ihnen lange gef\u00f6rderten Andr\u00e9 Erl-K\u00f6nig und erwarten \u2013 sollte je ein Buch \u00fcber den Fall geschrieben werden \u2013 als Ziehvater der Aufkl\u00e4rung in den Mittelpunkt ger\u00fcckt zu werden. Wirklich glitschige Hintergrundsinformationen liefert jedoch Prof. Silberfuchs, genannt \u201eSilbenfuchs\u201c (Chefkritiker der S\u00fcddeutschen Zeitung Joachim Kaiser). Hans Lach verschweige vermutlich sein wasserdichtes Alibi, um die brandneue Beziehung seiner au\u00dferehelichen Exfreundin, mit der er zur vermuteten Tatzeit schlief, zu schonen. Lach, ein Ehebrecher mit Anstand? (Walser teilte sich zeitweise mit seinem Verleger Unseld die Geliebte Corinne Pulver, Schwester der Schauspielerin Liselotte Pulver. Walser hatte zudem mit der Verlegergattin Augstein ein Verh\u00e4ltnis und einen Sohn.)<br \/>\nAls dann die Gattin von Andr\u00e9 Erl-K\u00f6nig (die oft betrogenen Teofila Reich-Ranicki) mit weitsichtigem Kalk\u00fcl den Mord zugibt, kehrt der Totgesagte prompt unversehrt zu seiner Gattin zur\u00fcck und gesteht schmunzelnd, dass er sich lediglich mit einer Nachwuchsliteratin zur\u00fcckgezogen hatte. Das Publikum verzeiht und ist begeistert von der Dramaturgie. Landolf zieht sich seinerseits zur\u00fcck mit der Verlegergattin, die kurz vorher Witwe geworden war (Unselds Ehefrau Ulla Berk\u00e9wicz; Unseld war gestorben und hatte ihr den Suhrkamp Verlag \u00fcbertragen). Im inneren und \u00e4u\u00dferen Exil auf Fuerteventura beginnt Landolf unter dem Einfluss frischer Seeluft dieses Buch zu schreiben. Dabei n\u00e4hert er sich stilistisch dem von Lach in der Gef\u00e4ngnispsychiatrie gef\u00f6rderten Noch-nicht-Autor Mani-Mani (H\u00f6lderlin) an, der in absurden Fragmenten denkend schreibt. Lach wird auch bei fantastischen Fragmenten verharren. Das Ende suggeriert, dass Lach und der Erz\u00e4hler Landolf dieselbe Person sind, und der vermeintliche Kriminalfall nur eine rachs\u00fcchtige Imagination des Autors Landolf\/Lach.<br \/>\nStilistisch entfacht Walser eine gewaltige Flutwelle vor allem in der sehr umf\u00e4nglichen Charakterisierung des Erl-K\u00f6nigs, der Geschwister Henkel oder der Fernseh-Sprechstunde. Beeindruckend. Die Kreativwogen brechen in hoher Taktfolge gegen die Psychofestungen, dramaturgische Schaumkronen intonieren Siedepunkte der Eitelkeiten, bet\u00f6rende Wort-Gischt bl\u00e4st dem erstaunten Leser ins Gesicht. Ein gigantisches Literaturspektakel wird inszeniert. Diese Naturgewalten kann der Walser.<br \/>\nDie Inhalte dagegen changieren von buntblumiger Helligkeit bis weit in die Dunkelheit des Fremdsch\u00e4mens. Etliches tut richtig weh. Formulierte Dinge, die man auch von denen des \u00f6ffentlichen Betriebs nicht lesen m\u00f6chte, die man nicht mag. Nach allzu heftigen Protesten wurden daraufhin Folgeauflagen des Buches von allzu verletzenden Passagen befreit. Auch der handlungsarme Plot kommt \u00fcber eine monotone Einseitigkeit nicht hinaus. Ein Indiziensammelmarathon mit dem Tenor: Der Erl-K\u00f6nig hat Strafe verdient. Lach war es nicht. Viele andere aber hatten Grund genug. Das wirkt nach 200 Seiten erm\u00fcdend.<br \/>\nEine erste kritische Auseinandersetzung mit den literarischen Inquisitionsp\u00e4psten der Gruppe 47 hatte Walser schon 1965 in Erfahrungen und Leseerfahrungen publiziert. Dort wurden die Gro\u00dfkopfete wie Reich-Ranicki et al. im Kapitel Brief an einen ganz jungen Autor mit origineller und gehaltvoller Respektlosigkeit beschrieben. Das war kurz und lustvoll. Vielleicht h\u00e4tte Tod eines Kritikers auch mehr Bewegungsfreude wie im Roman Der Musterjude von Rafael Seligmann geholfen. Dort werden die egomanischen Triebkr\u00e4fte der Medienlandschaft \u00e4hnlich dem Literaturbetrieb auch in vernichtender Klarheit offengelegt. Seligmann l\u00e4sst dabei bizarre Missst\u00e4nde entstehen, weil die deutsche Leser- und Polit-\u00d6ffentlichkeit zwingend auf ihren antisemitischen Schuldkomplex besteht. Und wenn man schon kein aktuelles Opfer hat, f\u00fcr das man schuldig ist, dann definiert man sich eins, um die T\u00e4terrolle \u00fcberzeugend b\u00fc\u00dfen zu k\u00f6nnen. In Tod eines Kritikers ist die Verteilung der vermeintlichen T\u00e4ter- und Opferrollen im Nachhinein erzwungen worden und hat eine der peinlichsten Entgleisungen des selbsts\u00fcchtigen Kultursystems hervorgebracht \u2013 wie eine bittere Realsatire in Anlehnung an Seligmann. Auch eine humoristische Tiefensicht \u00e1 la Hilmar Klute ist eine Alternative. In seinem Roman Was dann nachher so sch\u00f6n fliegt sind es die \u00fcbersch\u00e4umenden Tr\u00e4ume eines Zivildienstleistenden und Noch-nicht-Schriftstellers, der F\u00fchrungskr\u00e4fte wie Grass, B\u00f6ll, Reich-Ranicki, Jens und andere der Gruppe 47 nach seinem Gusto tanzen l\u00e4sst. Auch hier werden die bekannten, teils peinlichen Eigenschaften der Gro\u00dfmeister offengelegt. Aber auf eine verdauliche Art. Durch die Brille des pubertierenden Jungliteraten wirken sie geradezu r\u00fchrend sympathisch und verlieren dennoch nicht ihren Biss.<br \/>\nIn ferner Zukunft wird man vielleicht literaturhistorisch den Fall als zirkul\u00e4res Kontinuum preisen. Die Wirklichkeit wird zum Romaninhalt transkribiert, worauf dieser wieder zu Wirklichkeit transformiert wird. Die finale Stufe w\u00e4re das Perpetuum mobile, wozu die moralisierende deutsche Seele durchaus in der Lage w\u00e4re.<br \/>\nF\u00fcr den am deutschen Literaturbetrieb interessierten Leser ist der Roman samt seinem Nachspiel somit ein Muss. Literarisch bleibt er umstritten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Noten<\/strong>: Pflicht: 4; K\u00fcr 2\u2013 (ur)&gt;&gt;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Suhrkamp Verlag 2002 \u2013 219 Seiten &lt;&lt; Ein Buch &#8211; ein Politikum. Ein Politikum, weil es mit einem monolithischen Plot den deutschen Literaturbetrieb zerbr\u00f6selt. 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