{"id":1692,"date":"1994-07-08T13:13:39","date_gmt":"1994-07-08T11:13:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=1692"},"modified":"2023-01-17T13:25:33","modified_gmt":"2023-01-17T11:25:33","slug":"die-brandung-martin-walser","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=1692","title":{"rendered":"Brandung &#8211; Martin Walser"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-1701\" src=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/K1024_Brandung-199x300.jpg\" alt=\"\" width=\"199\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/K1024_Brandung-199x300.jpg 199w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/K1024_Brandung-681x1024.jpg 681w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/K1024_Brandung.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 199px) 100vw, 199px\" \/>Suhrkamp Verlag 1985 \u2013 319 Seiten<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u201eBrandung\u201c ist der sich fortsetzende Zyklus des Alterns, der sich reihende Niedergang der Figur Helmut Halm, dem schon im Roman \u201eEin fliehendes Pferd\u201c (1978) die Lebenskr\u00e4fte davonzutraben schienen. Dort wie auch in \u201eBrandung\u201c blies dem Schwaben ein steter Wind von Niedergang entgegen, der auch mit Todesandeutungen nicht geizte. Halm, der mit dem Vorsatz kokettiert, chronisch verkannt zu werden, sa\u00df auf dem Bodensee 1978 noch im selben Boot mit einem demonstrativ vitalen Freund und Konkurrenten, bis dieser \u00fcber Bord ging. 1985 ruft ihn ein ebenso lauter Studienfreund nach Kalifornien. Und so wie die literarische Figur Halm gealtert ist, nimmt auch die Morbidit\u00e4t seines Umfeldes schicksalhaft zu. F\u00fcr Halm bleibt am Ende nur &#8211; und das ist schon viel wert &#8211; sich an seinen eigenen schwankenden Halm im Wind zu binden. Untersch\u00e4tzt zu sein als Genugtuung. Vielleicht eine Deutung, die der Autor Walser dem Leser vorhalten m\u00f6chte, damit das Leise lauter und seine schriftstellerische Landmarke dauerhaft auf den literarischen Seekarten eingetragen wird? Verdient h\u00e4tte er es, denn das Werk ist eindrucksvoll.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Da ist also wieder dieser schw\u00e4bische Oberlehrer &#8211; in kleinen Karos gestrickt, aber mit einem durchaus befl\u00fcgelten Geist. Eingeengt in der Talsohle des Stuttgarter Stadtkessels, bedr\u00e4ngt vom missverstandenen Kollegium, t\u00f6nt pl\u00f6tzlich der Ruf des alten Studienfreundes Mersjohann, der ihm eine Gastdozentur an der San Francisco Bay anbietet. Befreit vom Schulbeamtenmilieu ziehen er und Ehefrau Sabine samt erwachsener Tochter im Rahmen eines viermonatigen Sabbaticals in die amerikanische Fremde. Der Ab- und Aufbruch, das kalifornische Licht und die bet\u00f6rende Frische der Campusjugend wirken ungemein anregend auf den 55-J\u00e4hrigen, dessen Ausfl\u00fcge sonst auf die Magerwiesen der Schw\u00e4bischen Alb begrenzt sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Ern\u00fcchternd jedoch schon bald die Begegnung mit Mersjohann, der nicht mehr der Alte ist. Zum sarkastischen Alkoholiker mutiert, reserviert er die verbleibende Kreativit\u00e4t f\u00fcr zerm\u00fcrbende Rituale innerhalb seiner korrodierten Ehe. W\u00e4hrend und gerade weil Halm einen durchaus bleibenden Eindruck allseits hinterl\u00e4sst, schl\u00e4gt ihm schon bald Mersjohanns laut vorgetragene Ironie entgegen bis hin zum sp\u00e4teren Vorwurf, Halm wolle ihm die Stelle streitig machen. Auch seine scharfz\u00fcngige Sekret\u00e4rin f\u00fchlt sich in ihrer Zuneigung zu Halm nicht ausreichend ber\u00fccksichtigt. Fortan bilden der Chef und seine engste Mitarbeiterin ein verl\u00e4ssliches Team, das ausdauernd Halms Alltag untergr\u00e4bt. Nicht verborgen bleibt ihnen nat\u00fcrlich eine attraktive Studentin, die um Halms Aufmerksamkeit buhlt. Halm ist bet\u00f6rt von ihrer Vitalit\u00e4t und der sonnensamtenen Gl\u00e4tte der ewig in Shorts ausgef\u00fchrten schlanken Beine, die fast t\u00e4glich auf seinem Beratungsstuhl Platz nehmen. Er droht sich platonisch, fast pr\u00e4pubert\u00e4r hilflos in diese Studentin zu verlieben. Literatur wird fortan als Br\u00fcckenschlag von beiden Seiten bem\u00fcht. Mit theatralischer Heftigkeit proben sie laut Heine und andere Beziehungsautoren. Vor allem aber ein Shakespeare Sonett, in dem ein Paar die Zuneigung unbeholfen in Beschimpfungen kleidet. So wird auch Halm zum verliebten Gockel <em>Malvolio<\/em>, mit dem er inzwischen die grellbunte Kleiderwahl teilt. Halm ist berauscht, auch wenn der Selbstzweifel sein zuverl\u00e4ssiger Begleiter bleibt. Eine Liaison wird es nicht werden, wohl aber ein in der Katastrophe endender Reigen, als Halm so ausgelassen mit der jungen Dame tanzt, dass sie beide krankenhausreif st\u00fcrzen. Halms gen\u00e4hte Platzwunde wird verheilen, doch ihre Gehkr\u00fccken werden dem M\u00e4del das Leben kosten, als sie Wochen sp\u00e4ter in ein Auto eingeklemmt sich nicht rechtzeitig aus dem in die kalifornische Brandung gest\u00fcrzten Wagen befreien kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Halms Initialvision vom mental nach oben offenen Lebensraum jenseits des Atlantiks verengt sich zunehmend durch ern\u00fcchternde, durch groteske, durch fatale Einschnitte, die die kraftvolle Brandung kalifornischen Lebens zu einer einengenden, lebensbedrohenden Gewalt werden lassen. Zusammenbr\u00fcche, Psychoterror, Todesf\u00e4lle. Seiner \u00e4u\u00dferen Emigration und inneren \u00d6ffnung folgt der ersch\u00f6pfte R\u00fcckzug. Der alternde Mann war stets vor dem unvermeidbaren Niedergang auf der stillen Flucht. Schlie\u00dflich wird Halm nach seiner R\u00fcckkehr vom \u00fcberschaubaren schw\u00e4bischen Alltag mit Gattin Sabine geerdet, w\u00e4hrend die vermeintlichen Leuchtfeuer erloschen sind: die Studentin ist t\u00f6dlich verungl\u00fcckt, die Ehe des Studienfreundes gescheitert &#8211; nicht wie prophezeit seine &#8211; Mersjohann mit Suizid aus dem Leben geschieden, Sabines Vater an Krebs verendet, Halms Schulleiter \u00fcberraschend vom Herzinfarkt hingestreckt, der Cocker Spaniel Otto \u00fcberfahren. Am Ende des Romans hei\u00dft es: \u201eAlles tat sich zusammen und forderte ihn auf zu gestehen, da\u00df er sich jetzt daheim f\u00fchlte.\u201c Halm ist bei sich angekommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr Walser h\u00e4tte vieles nur ein <em>deja vu<\/em> sein k\u00f6nnen. Tats\u00e4chlich war es mehr, denn zahlreiche Amerikaaufenthalte und eigene Dozentenerfahrungen dort erlaubten ihm authentisch und mit \u00fcberraschender Detailtiefe Campusszenen, Smalltalk-Tristesse, genauso wie Lebenslust und geistige Freir\u00e4ume zu durchstreifen. Selbst der fatale Tanz mit einer Studentin samt Sturz geh\u00f6rt zu seiner Lebensgeschichte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Lesegenuss. Dicht, stilistisch \u00fcberraschend, unaufdringlich, gut. Ein Werk, das man gerne wieder in die Hand nimmt.\u00a0 <strong>Note : 2+<\/strong> (ur)&gt;&gt;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Suhrkamp Verlag 1985 \u2013 319 Seiten \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u201eBrandung\u201c ist der sich fortsetzende Zyklus des Alterns, der sich reihende Niedergang der Figur Helmut Halm, dem schon im Roman \u201eEin fliehendes Pferd\u201c (1978) die Lebenskr\u00e4fte davonzutraben schienen. 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