{"id":1638,"date":"2022-07-21T13:12:11","date_gmt":"2022-07-21T11:12:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=1638"},"modified":"2022-08-02T14:20:39","modified_gmt":"2022-08-02T12:20:39","slug":"hast-du-uns-endlich-gefunden-edgar-selge","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=1638","title":{"rendered":"Hast Du uns endlich gefunden- Edgar Selge"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-1640\" src=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/K1024_Selge-187x300.jpg\" alt=\"\" width=\"187\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/K1024_Selge-187x300.jpg 187w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/K1024_Selge-640x1024.jpg 640w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/K1024_Selge.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 187px) 100vw, 187px\" \/>Rowohlt 2021 &#8211; 302 Seiten<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&lt;&lt;Eine im wahrsten Sinne schonungslose Abrechnung von Edgar Selge mit seinem Vater gleichen Namens. Schonungslos auch deshalb, weil Selge auch sich selbst nicht schont. Am Ende bleibt trotz der zwingenden Solidarisierung mit einem durch einen unerbittlichen Vater gepeinigten Jungen bei mir auch nicht mehr so viel Sympathie f\u00fcr den Autor \u00fcbrig. Seine Seelenlage und die durch ein musikalisches Zwangssystem dominiertes, gro\u00dfb\u00fcrgerliches Elternhaus erz\u00e4hlt Selge brillant. Genial auch, wie er den Schulweg als Z\u00fcndschnur zwischen zwei explosiven Ort beschreibt: Der Schule und seinem Elternhaus. In einer Szene traut sich der Junge den schlagenden Vater endlich zu fragen: \u201eHat dich dein Vater auch geschlagen\u201c? \u201eNein, hat er nicht\u201c. Die Nachfrage:\u00a0 \u201cWarum schl\u00e4gst du dann mich?\u201c traut sich der junge Edgar dann nicht mehr zu stellen. Er begreift es einfach nicht, warum ihn sein Vater schl\u00e4gt, der doch so lebendig der ganzen Familie aus den Br\u00fcdern Karamasow vorliest und f\u00fcr seine 400 Gefangenen ein f\u00fcrsorglicher Gef\u00e4ngnisdirektor ist. \u201eWarum! Er! Mich! Schl\u00e4gt!\u201c. Und den er doch liebt.<br \/>\nEr schreibt seine Geschichte erst auf, als das ganze Land w\u00e4hrend der Pandemie lahm liegt. Die Welt da drau\u00dfen fragt ihn: \u201eMensch Edgar, sag, was los ist! Meine Liebe zu meinem Vater. Das ist es, was los ist. Ich will nicht zugeben, von jemand geschlagen zu werden, den ich liebe\u201c. \u201eIch will auch nicht einer sein, der den liebt, der ihn schl\u00e4gt. Eine Schl\u00fcsselstelle (S.131) und ein Dilemma, aus dem er sich nicht l\u00f6sen kann. Denn er schildert seinen Vater, seine Mutter auch seinen Bruder Andreas mit einer gnadenlosen, zuweilen auch kalten Distanzlosigkeit, dass man seine Liebe nicht mehr erkennen kann. Als er seinem sterbenden Bruder Andreas auch noch einen Schluck Wasser verweigert, ist ihm klar, dass dies grausam ist. Er h\u00e4lt sie aus. Seine H\u00e4rte.\u00a0 Note : <strong>1\/2<\/strong> ( \u00fcn)&gt;&gt;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; Kein Zweifel. Edgar Selge ist ein gl\u00e4nzender Erz\u00e4hler. Hier arbeitet ein 73J\u00e4hriger ausgehend von pr\u00e4genden Kindheitserinnerungen eines 12J\u00e4hrigen eine Familiengeschichte ab, in der sich zugleich typische Z\u00fcge deutscher Nachkriegsgeschichte widerspiegeln. Was mit der Schl\u00fcssellochperspektive des Grundsch\u00fclers Edgar im Hauskonzertritual des Gef\u00e4ngnisdirektors und Vaters 1960\u00a0 beginnt, endet im nachgeholten fiktiven Gespr\u00e4ch mit dem verstorbenen Bruder Andreas 2021, ein Epilog der erstmals \u00a0Z\u00fcge von dem tr\u00e4gt, was den vorausgehenden Kapiteln fehlt: Empathie. \u00a0Ein Vater \u201eunter dem ich so sehr gelitten habe\u201c und zugleich jetzt aus dem Abstand \u201eWellen der Liebe. Die Zeitebenen ver\u00e4ndern sich innerhalb der Kapitel. Die fr\u00fchen Erinnerungen pr\u00e4gt eher die Atmosph\u00e4re der Bedr\u00fcckung. \u201eMein Gef\u00e4ngnis trage ich immer in mir herum\u201c (149) ist der therapeutische Schl\u00fcsselsatz dieser Familiengeschichte. Schon die Hausmusikinszenierungen vor gediegenen \u201eAkademikerpaaren aus unserer Kleinstadt\u201c und bildungsfernen jugendlichen Straft\u00e4tern bilanziert Edgar n\u00fcchtern: keine Idylle, keine Freude \u201eWir k\u00e4mpfen hier t\u00e4glich hart um ein Zusammenleben\u201c, ob Mozart oder Schubert-Duo \u201eMusizieren ist Anstrengung, Drill, manchmal auch Erniedrigung\u201c, gar von \u201eIrrenanstalt\u201c und \u201eMusikanstalt\u201c ist die Rede. Und in der Tat ist das Setting eingangs freudlos. Der musizierende Gef\u00e4ngnisdirektor im \u00dcbungsstress, der angereiste Profigeiger ein wirklicher Tonangeber, die musikalisch und organisatorisch \u00fcberforderte Mutter und ein gro\u00dfer Teil des Publikums, das weniger an Klaviersonaten als am Wiederkennen des selbst gefertigten Mobilar Interesse zeigt. Dass dem inneren Gef\u00e4ngnis nach dem 1. Fluchtversuch des 8 J\u00e4hrigen\u00a0 weitere Fluchtversuche folgen (m\u00fcssen) erkl\u00e4rt dem 12j\u00e4hrigen\u00a0 der \u00a0reichlich therapiekundige (!)10 Jahre \u00e4ltere Bruder Werner: \u201eDeine Wirklichkeit ist dein Vater\u201c. Und so wird sowohl Edgars Besessenheit f\u00fcrs kindliche Kriegsspiel wie auch seine Verwandlungskunst in Dr. Baumanns Dachbodenschule f\u00fcr \u201eSchwererziehbare\u201c (Wiege der Schauspielkunst!) letztlich zum Ersatz von dem, was neben Steinway, \u00a0Klaviersonaten und \u00a0sonnt\u00e4glichen Dostojewski-Leseritualen auf der Strecke bleibt: Kulturgutpflege statt Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit, Pr\u00fcgelp\u00e4dagogik statt Hilfestellung f\u00fcr Schulangst und pubert\u00e4res Verhalten. Einzig die beiden \u00e4lteren Br\u00fcder Martin und Werner sind St\u00fctzen im Orientierungschaos des 12j\u00e4hrigen. Sie ordnen auch ein, was Edgar nach kurzer Abwesenheit der Eltern mit \u201eDrecksh\u00e4nden im Fl\u00fcgelzimmer\u201c (gro\u00dfartig!!) im B\u00fccherschrank entdeckt. F\u00fcr diese \u00e4ltere Br\u00fcdergeneration ist klar. Diese Widmungsgener\u00e4le sind alles \u201ereisende Henker und Schl\u00e4chter\u201c. Das Kapitel \u201eMagenstiche\u201c ist das Glanzst\u00fcck dieses Buches, weil es zwei Trag\u00f6dien offenbart: Die kollektive Verdr\u00e4ngung der NS-Geschichte und die individuelle Trag\u00f6die der Mutter, die gleichsam psychosomatisch zum Ausdruck bringt, im Leben alles falsch gemacht zu haben, ein bittere Abrechnung mit der ihr von \u201ediesem Mann\u201c zugewiesenen Frauenrolle : Allt\u00e4gliche Sisyphusarbeit, \u00a0Schwiegermutters zarter Streuselkuchen und Apfelsaftepisode mit \u201ebl\u00f6den Psychologen\u201c sind fr\u00fche Ausschnitte aus der kleinen Welt. Die entscheidende Dimension jedoch er\u00f6ffnet erst der Besuch der 83j\u00e4hrigen Mutter 1997 bei der M\u00fcnchner Ausstellung \u201eVerbrechen der Deutschen Wehrmacht\u201c sp\u00e4te Belege f\u00fcr Ausblendung der Wirklichkeit und die Unf\u00e4higkeit zu trauern. Da wird der Magenstich zum lebensgef\u00e4hrlichen Magendurchbruch. Dass sich noch in der Erinnerung der 52j\u00e4hrige Edgar daf\u00fcr sch\u00e4mt seine Mutter Monate vor ihrem Tod mit einem Foto von den Kratzspuren an den W\u00e4nden in den Gaskammern konfrontiert zu haben, zeigt wie schmal der Grad zwischen notwendiger Aufarbeitung und famili\u00e4rem Schonraum ist. Jedenfalls bleibt der bittere Abschied von der Mutter \u201eNimm deine Sachen und hau ab, ich will dich hier nicht mehr sehen\u201c nur nachvollziehbar, weil noch in der Stunde des Todes jedes gegenseitige Verst\u00e4ndnis \u00fcber die Vergangenheit fehlt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Abschied vom Vater dagegen, wenige Jahre nach seiner Pensionierung, fr\u00fch aber daf\u00fcr standesgem\u00e4\u00df als Kontrastprogramm. Kein derbes \u201eHau ab\u201c, die schonungslose Konfrontation mit der T\u00e4tergeneration scheint ihm erspart geblieben zu sein (Das Hauskonzert beim Juden Brand hat schon gen\u00fcgt!), deshalb kein Magenstich sondern Herzinfarkt am hei\u00dfen Strand von Ischia und R\u00fcckkehr in die Wohnung des Cellistensohnes Werner. Bildungsb\u00fcrgerlich musikalisch ist die Kulisse, der 4.Akt der Aida gibt das Motto \u201eLeb- wohl, o Erde, Tal der Tr\u00e4nen\u201c und Dali zerlaufende Uhren gibt\u2019s noch dazu. Der Fiktion an dieser Stelle etwas zu viel. Friedlich jedenfalls der Abgang eines autorit\u00e4ren Vaters, der Kultur als Schutzraum zelebriert, geschichtsblind, mit viel Sinne f\u00fcr Sekund\u00e4rtugenden, aber fast ohne \u00a0W\u00e4rmestrom und Sensibilit\u00e4t.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Buch von Edgar Selge ist letztlich eine Traumabew\u00e4ltigung und ein Beleg, dass Kr\u00e4nkungen auch gro\u00dfartige schauspielerische und literarische Sch\u00f6pfungskr\u00e4fte freisetzen k\u00f6nnen .\u00a0 Note: <strong>1\/2<\/strong> (ai)&lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; Den Besprechungen der beiden Lesefreunde kann ich nur zustimmen. Alles Wichtige ist gesagt. Ich kann mich kurz fassen. Edgar Selges Sp\u00e4tling, genauer gesagt sein Erstling, an dem er f\u00fcnf Jahre lang gearbeitet hat, ber\u00fchrt mich mehr als viele andere B\u00fccher. Woran k\u00f6nnte es liegen? Der junge Edgar hat es nicht leicht. Seine Eltern wollen ihn von seinem \u201eHang zur Unaufrichtigkeit\u201c befreien. Unentwegt und mit allen Mitteln. \u201eKommunismus und Kitsch\u201c bedrohen die Welt des musikalischen und gebildeten Vaters. Seine \u00dcbergriffigkeit gegen\u00fcber den eigenen S\u00f6hnen macht ihn zu einer mehr als problematischen Figur. Die Mutter leidend, voller tragischer Momente.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Situation der Eltern wird genial komprimiert zusammengefasst: \u201eDer Krieg ist verloren, der Nationalstolz im Eimer, die Nachkriegszeit haben sie \u00fcberstanden, mit Ach und Krach, aber die Kultur ist \u00fcbrig geblieben.\u201c (Seite 18) Ein gro\u00dfes Thema, die Musik. Beethoven zum Beispiel: \u201eDiese Musik ist voller Erlebnis, da geht es um was.\u201c (Seite 42). Ja um was denn? Gleichzeitig ist Musik ein gro\u00dfer Stress. Die Mutter weint, weil der Profigeiger ihr die geigerischen Grenzen aufzeigt. Zum Kotzen, sorry. Die sogenannte U-Musik existierte schon damals, hat aber Hausverbot bei Selges. Gemeinsames famili\u00e4res Singen mit Papa am Piano kommt nicht vor. Es muss Klassik sein. Und es wird gestorben. Auf sehr unterschiedliche und brutale Weise. Das Verhalten der todkranken Mutter gegen\u00fcber ihrem Sohn, unfassbar.Wie Edgar verzweifelt um das Leben seines j\u00fcngeren Bruders k\u00e4mpft, das geht unter die Haut.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei der Buchvorstellung in T\u00fcbingen sagte Selge: \u201cIch glaube, Kinder haben die F\u00e4higkeit, furchtbare Dinge zu erleben und nicht an ihnen zugrunde zu gehen. Resilienz nennt man das.\u201c(Schw\u00e4bisches Tagblatt vom 13. Mai 2022). Edgar Selge muss sich diese Resilienz \u00fcber die Kindheit hinaus bewahrt haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mein zus\u00e4tzlicher \u201eLekt\u00fcremehrwert\u201c: viel Gl\u00fcck gehabt mit meiner unbeschwerten Kindheit in der Kleinstadt auf der Ostalb, mit Eltern, die wussten, wer sie sind und nicht mehr sein wollten und ihre Kinder selbst-und bedingungslos liebten. Sie erz\u00e4hlten mir von einem Nachbarn, der nach Dachau kam, von Bespitzelungen in Gottesdienst, von einer Hausdurchsuchung durch die Gestapo. Meinen Eltern, dem Schicksal oder auch Gott, gro\u00dfen Dank. Note : <strong>1\/2<\/strong> ( ax)&lt;&lt;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; <em>Hast du uns endlich gefunden<\/em> ist der Ausruf, den Edgar Selge in dieser autobiographischen Reflexion im Traum seiner Mutter in den Mund legt. Wie im Traum alles eine Inszenierung des Tr\u00e4umenden ist, so spricht in diesen Worten nicht die Mutter, sondern der Autor. Das Anliegen: eine widerstreitende Sehnsucht des inzwischen 70-j\u00e4hrigen die Eltern endlich \u201ezu finden\u201c. Die famili\u00e4ren Schlachten sind geschlagen. Den erbitterten K\u00e4mpfen folgt nach der Ersch\u00f6pfung der tiefe Wunsch nach Ausgleich. Selge war ersch\u00fcttert, dass er den liebte, der ihn qu\u00e4lte. Vor allem seinen Vater, diesen disziplinierenden Justizbeamten. Auch wenn das Werk von traurigen, nachdenklich stimmenden und erstaunlichen Daseinswiderspr\u00fcchen und Alltagskonflikten durchzogen ist, wird vor allem gegen Ende immer deutlicher, dass Selge wei\u00df, dass er zuerst das Bild seines Vaters in sich zerst\u00f6ren muss, bevor er das sie beide Verbindende reanimieren kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Selge bedient sich dabei literarisch eines hilfreichen Instruments. Er l\u00e4sst den Grundsch\u00fcler Edgar erz\u00e4hlen. Die kindliche Flapsigkeit macht Ersch\u00fctterendes unterhaltsam ohne den ernsten Inhalt zu verwischen. Naive Ich-Betonung des Buben macht die Disziplinierungsprinzipien der Eltern plausibel. Tragik wird zur Komik und bleibt dennoch tragisch. Die Kunst des Autors liegt vor allem darin, mit dem Sprachgebrauch eines fr\u00fchreifen Lausbubs eine Tiefensicht zu erlauben und dennoch die literarische Gestalt des Kindes durchg\u00e4ngig zu erhalten. Letztlich wird dadurch auch erreicht, dass das Autorit\u00e4tsgef\u00e4lle innerhalb der Familie als \u00fcberm\u00e4chtig nachempfunden werden kann. Entsprechend kann der Leser umso eindr\u00fccklicher die verbissenen Befreiungsversuche des kleinen Edgar nachvollziehen. Und nat\u00fcrlich hat der anerkannte Schauspieler Selge Sprache. Sprache, die grandios zwischen den Welten beider Generationen Br\u00fccken schl\u00e4gt, die anr\u00fchrt und betroffen macht, aber immer auch von Witz und Leichtigkeit befl\u00fcgelt wird. So etwa als Vaters Rohrstock auf ihn niederf\u00e4hrt: \u201eDann packt er mein Genick und biegt meinen K\u00f6rper \u00fcber die Ehebetten \u2026 Der hei\u00dfe Urin rinnt mir ins Hosenbein. Du Schwein!, st\u00f6\u00dft er aus, h\u00f6rbar angestrengt. Ja, das ist auch f\u00fcr ihn ein k\u00f6rperlich fordernder Vorgang.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Selbst die profunden Sachkenntnisse musikalischer Darbietungen will man dem Grundsch\u00fcler abnehmen. Der Author schafft den flie\u00dfenden \u00dcbergang der Sprachwelten, wenn der Wicht im wohlwollenden Kennerton die v\u00e4terlichen Intonationen fr\u00fcher Bachfugen als \u00fcberst\u00fcrzt und ein wenig atemlos beschreibt. In Edgar steckt Potential. Aber er will es nicht nutzen. Auch musikalisch nicht, obwohl er schon als Sch\u00fcler von Klassik ergriffen ist.\u00a0 Edgar braucht die Pflichtverletzung, braucht den Widerspruch. Edgar sp\u00fcrt sich erst in der verbotenen Grenz\u00fcberschreitung. Edgar ist ein notorischer Dieb. Edgar streut unhaltbare Versprechen. Edgar schl\u00e4gt vor den Kopf. Selbst jene, die ihm nahe sind. Wenn er der platonisch geliebten Klassenkameradin einen Viertelliter Pausenkakao in die wundersch\u00f6nen Haare sch\u00fcttet, um ihren Blick ernten zu k\u00f6nnen. Wenn er den \u00fcbergewichtigen, lieben Nachbarn durch Klingelstreiche durch die Wohnung scheucht. Ja, es hat sogar etwas von eigenwilliger Selbstzerst\u00f6rung. Ein wiederkehrender Reflex, den Edgar gelegentlich bereut. Ein Reflex, der ihm viel h\u00e4ufiger jedoch unb\u00e4ndige Freude bereitet. Als der Vater w\u00e4hrend der sonnt\u00e4glichen Lesestunde Dostojewskis \u201eBr\u00fcder Karamasow\u201c abhandelt, meint der Kleine den Sog der Selbstzerst\u00f6rung zu erahnen, der nicht nur die Karamasows, sondern auch ihn bet\u00f6rt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was sich einstellt, ist ein labiles Gleichgewicht, in dem elterliche Willk\u00fcr, kindliche Renitenz, Schicksalsleiden und seine hartn\u00e4ckige Resilienz die Wirkkr\u00e4fte sind. Trotz schmerzlicher Niederlagen steigt der unverw\u00fcstliche Edgar immer wieder in den Ring. Sein \u00fcberm\u00e4chtiger Gegner ist der Vater. Wer ist das? I. Weltkriegsveteran, degradierter Jugendgef\u00e4ngnisdirektor, Sympathisant inhaftierter Nazigr\u00f6\u00dfen, gebildeter Antisemit und preu\u00dfischer Ordnungsh\u00fcter vor allem in Erziehungsfragen. Lateinstunden mit dem Vater tragen das Gesicht von Folterritualen. Bedrohungen gibt es f\u00fcr den Vater vor allem zwei: Kommunismus und Kitsch. Dieser Mann ist auch belesener Bildungsb\u00fcrger und vor allem Musiker. Besessen von Beethoven und Kollegen verbringt er jede freie Minute Piano \u00fcbend, um in Konzerten vor die 400 Jugendstraft\u00e4ter seiner Anstalt und die Honoratioren des Rotary Clubs zu treten. Klassik ist f\u00fcr ihn die \u00c4sthetik rigoroser Ordnung, in der jeder Laut unmissverst\u00e4ndlich definiert ist. Passgenau in der Wertewelt der Autorit\u00e4tsperson Selge senior.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und dennoch hat der Alte auch eine f\u00fcrsorgliche Seite, die jugendliche Straft\u00e4ter vor dem erbarmungslosen Erwachsenenstrafvollzug bewahrt in der Hoffnung, doch noch ein vermurkstes Einzelschicksal zum Besseren wenden zu k\u00f6nnen. Auch \u00fcberrascht er als Ehemann, der die verzweifelte Frau auff\u00e4ngt, als sie in der vierten Fahrpr\u00fcfung in das Schaufenster ihres gesch\u00e4tzten Handarbeitsladens rast. Aufrichtige Tr\u00e4nen vergie\u00dft er mit der Mutter seiner f\u00fcnf S\u00f6hne, von denen zwei fr\u00fchzeitig starben. Einer beim Spielen mit einer Handgranate, der andere als Student auf Grund eines Nierenleidens. Ja, er hat auch W\u00e4rme.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr Edgar sind die beiden deutlich \u00e4lteren Br\u00fcder S\u00e4ulen der Zuversicht. Junge M\u00e4nner, die ungestraft am Esstisch Widerspruch leben, liberale Ideen hochhalten, Kriegsschuld benennen und ihm klammheimliche Lebenshilfe gew\u00e4hren. Ein einziger Trost im Familienkreise. Denn die zarte Mutter ist mit ihrer eigenen Verzweiflung so ausgelastet, dass sie Edgar keinen Ausgleich bieten kann. Ihre Lebensentt\u00e4uschung ist allumfassend. Statt der Haushaltsmonotonie, der Gef\u00e4ngnisallgegenwart, der patriarchalischen Ehemann- und S\u00f6hnewelt w\u00e4re ihre Berufung die einer Lyrikerin gewesen. Stattdessen verzehrt sie sich im Kreise drehend. Letztlich bleibt sie unvers\u00f6hnlich und wird auch am Sterbebett den immer noch aufs\u00e4ssigen Edgar fortschicken. Trotzdem oder gerade deshalb scheint der Schauspieler Selge sich als Autor seiner Familie anzun\u00e4hern. Schreiben schafft Frieden. Hast du uns endlich gefunden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein sehr gutes Buch. Ein guter Ton. Auch eine kleine Kultur- und Zeitgeschichte. Ein p\u00e4dagogisches Panoptikum. Wirklich lesenswert. <strong>Note: 1<\/strong>\u00a0 (ur) &lt;&lt;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rowohlt 2021 &#8211; 302 Seiten &lt;&lt;Eine im wahrsten Sinne schonungslose Abrechnung von Edgar Selge mit seinem Vater gleichen Namens. Schonungslos auch deshalb, weil Selge auch sich selbst nicht schont. 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