{"id":1618,"date":"2022-05-20T17:03:21","date_gmt":"2022-05-20T15:03:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=1618"},"modified":"2022-07-26T16:58:20","modified_gmt":"2022-07-26T14:58:20","slug":"europadaemmerung-ivan-krastev","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=1618","title":{"rendered":"Europad\u00e4mmerung &#8211; Ivan Krastev"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-weight: 300;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-1626\" src=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Europadaemmerung-181x300.jpg\" alt=\"\" width=\"181\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Europadaemmerung-181x300.jpg 181w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Europadaemmerung-617x1024.jpg 617w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Europadaemmerung-768x1274.jpg 768w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Europadaemmerung-926x1536.jpg 926w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Europadaemmerung-1234x2048.jpg 1234w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Europadaemmerung.jpg 1253w\" sizes=\"(max-width: 181px) 100vw, 181px\" \/>Edition Suhrkamp SV 2017 \u2013 144 Seiten<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt;\u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 Der Autor befasst sich kritisch mit dem Wesen der Europ\u00e4ischen Union. W\u00e4hrend die EU noch alle erdenklichen Formen der Integration dekliniert, entwirft Krastev eine Theorie der Desintegration. Er nimmt verschiedene Kr\u00e4fte wahr, die eine Aufl\u00f6sung der EU bef\u00fcrchten lassen. Europ\u00e4er g\u00e4ben als Ziel die \u00dcberwindung der ethnischen Nationalismen an bis hin zur Aufgabe der Nationalstaaten. Wohlstand und soziale Gerechtigkeit k\u00f6nnten durch eine prosperierende kollektive \u00d6konomie erreicht werden. Gleichzeitig w\u00fcrde von einem geradezu infekti\u00f6sen Transfer liberaler Ideen, Wirtschaftsmodelle und politischer Ideen ausgegangen. Getrieben wurden diese Ideen durch den geopolitischen Ost-West-Konflikt, bei dem die sozialistische Sowjetunion indirekt die treibende Kraft war. Auf die sozialistische Konfrontation antworteten die europ\u00e4ischen Demokratien mit einem wirtschaftlichen und politischen Schulterschluss in Form der EU.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach dem Zerfall des Sowjetreiches fehlt jedoch diese konstruktive Bedrohung. Stattdessen entwickelt sich in der EU ein destruktiver Innendruck, wobei streng nationale Loyalit\u00e4ten revitalisiert werden. Ausl\u00f6ser dieser Entwicklungen sind vor allem internationale Krisen (Finanz, Migration, Corona) an deren Ende der Pessimist Krastev in absehbarer Zeit den EU Zusammenbruch prognostiziert. Der finale Dolchsto\u00df wird die anhaltende Migrationskrise sein. Entscheidend ist dabei der Konflikt zwischen dem Autoritarismus an den R\u00e4ndern (Polen, Ungarn) und dem dagegen rebellierenden Zentrum (Frankreich, Deutschland). Migration wird zur Revolution der Moderne. Es ist kein Versuch der System\u00e4nderung von Staaten, sondern der Versuch von Millionen, ihre Lebensumst\u00e4nde zu verbessern. <em>Der Revolution\u00e4r ist der Fliehende<\/em>. Systeme werden unter ihm zusammenbrechen.<strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der europ\u00e4ische Liberalismus wird mit dem zentralen Widerspruch konfrontiert, dass der Geburtstort \u00fcber das Wohl eines Menschen entscheidet. In vielen Analysen wird ignoriert, dass Rechte etwas kosten. Deshalb h\u00e4ngt die Verwirklichung von Rechten auch vom Wohlstand einer Nation ab. Gespeist vom <em>Diktat des globalen Vergleichs<\/em> katalysiert durch das globale Internet entsteht ein Sog zu gr\u00f6\u00dferem Wohlstand. Das Dasein mit einem vergleichsweise geringeren Wohlstand\/gr\u00f6\u00dferer Armut wird weltweit f\u00fcr das Individuum unertr\u00e4glich. Es ist das Trauma einer Welt als globalisiertes Dorf. Migranten werden die Akteure des 21. Jahrhundert sein. Die Erwartung, dass die EU und ihre B\u00fcrger sich zunehmend in eine demokratischere, tolerantere, liberalere Gesellschaft entwickeln werden, wird durch die Fl\u00fcchtlingskrise grundlegend in Frage gestellt. Denn die Fl\u00fcchtlingskrise ist nicht nur eine Migration von Menschen, sondern auch von Argumenten, Emotionen, politischen Identit\u00e4ten und W\u00e4hlerstimmen in den Aufnahmel\u00e4ndern. In der Zeit nach 2015 wird die Fl\u00fcchtlingskrise zum 11. September der EU. Es ist vor allem die Angst vor dem Zusammenbruch der moralischen Ordnung, die zur treibenden Kraft wird, sich gegen Ausl\u00e4nder zu stellen &#8211; weniger die Angst vor Wohlstandsverlust.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bemerkenswert auch die Tatsache, dass die Migrationskrise die politischen Orientierungen umgekehrt hat. Fr\u00fcher vertrauten westliche B\u00fcrger ihren nationalen Regierungen mehr als Br\u00fcssel. \u00d6stliche Staatsb\u00fcrger dagegen trauten EU-Technokraten mehr als ihren korrupten Regierungen. Heute haben sich diese Orientierungen invertiert. Damit hat die Migrationskrise nicht nur zu einer Priorisierung nationaler Interessen im Osten und einer paneurop\u00e4ischen Betonung im Westen gef\u00fchrt, sondern auch eine neue Ost-West-Spaltung bewirkt. Selbst humanit\u00e4re Grunds\u00e4ulen geraten ins Wanken. Inzwischen scheint die Genfer Fl\u00fcchtlingskonvention von 1951 veraltet, war sie doch vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkrieges und faschistischer Unterdr\u00fcckung formuliert worden. Die Konvention war nie gedacht f\u00fcr den Massenexodus zwischen Kontinenten. Pervertiert wird diese Situation durch die Tatsache, dass Vertriebene vielfach erfolgreich als politische Waffe eingesetzt wurden und werden. Dieser Missbrauch ist deshalb m\u00f6glich, weil man sich ein humanit\u00e4res Manifest gegeben hat, das in letzter Instanz globalen Massenmigrationen nicht gewachsen ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Neben diesen durch internationale Krisen katalysierten Zersetzungsprozess, gibt es weitere Widerspr\u00fcche, die Krastev als Paradoxien wahrnimmt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Das osteurop\u00e4ische Paradoxon<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Warum sind die ehemals europafreundlichsten L\u00e4nder des Ostens die gr\u00f6\u00dften Migrationskritiker? Die Fremdenfeindlichkeit osteurop\u00e4ischer L\u00e4nder ist historisch gewachsen. Diese multiethnischen L\u00e4nder gingen erst im 19. Jahrhundert aus dem Zerfall der Gro\u00dfreiche Deutschland, \u00d6sterreich-Ungarn und Russland hervor &#8211; verbunden mit umfassenden ethnischen S\u00e4uberungen. Nachdem etwa aus Polen Juden, Ukrainer und Deutsche vertrieben oder ermordet worden waren, bildete sich die weltweit homogenste Gesellschaft mit 98% ethnischen Polen heraus. Viele westeurop\u00e4ische L\u00e4nder dagegen waren und bleiben bis heute nach dem Zerfall ihrer Kolonialreiche und tolerierter Einwanderung gemischte Ethnien. Bemerkenswerterweise geh\u00f6ren osteurop\u00e4ische B\u00fcrger jedoch selbst zu den migrationsfreudigsten in der EU. So haben z.B. mehr als 2 Millionen Bulgaren ihr Land, das nur 7 Millionen Einwohner z\u00e4hlt, verlassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die europ\u00e4ische Integration Osteuropas ist nicht nur ein wirtschaftliches Projekt, sondern soll vor allem die Unumkehrbarkeit des demokratischen Wandels in den postkommunistischen Staaten garantieren. Das Verfahren st\u00fctzt sich dabei auf das Prinzip von Zuckerbrot und Peitsche. Mit der schnellen Abfolge internationaler Krisen macht sich jedoch inzwischen eine illiberale Wende bemerkbar. Die Migrationskrise entwickelt dabei die gr\u00f6\u00dfte Dynamik. Populistische Parteien mausern sich zur Stimme bedrohter Mehrheiten. Extrem im Osten, aber explosionsartig auch im Westen. Populismus wird zum europ\u00e4ischen Mainstream.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Das westeurop\u00e4ische Paradoxon<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Warum hat die politische Mobilisierung der j\u00fcngeren Generation Westeuropas, die betont EU-freundlich und liberal eingestellt ist, nicht zu einer paneurop\u00e4ischen Massenbewegung gef\u00fchrt? Vermutlich auch, weil sich die Bewegung selbst in einen unl\u00f6sbaren Widerspruch verfangen hat. Einerseits favorisiert diese neue kosmopolitische Revolution die Aufl\u00f6sung der Nationalstaaten hin zu einer liberalen, grenzenlosen Europ\u00e4ischen Republik. Gleichzeitig werden aber regulative EU-Institutionen vehement abgelehnt, womit ein abgestimmtes europ\u00e4isches Miteinander unm\u00f6glich wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Das Br\u00fcsseler Paradoxon.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Warum gibt es so viele Ressentiments der Br\u00fcsseler F\u00fchrung gegen\u00fcber, wo sie doch die meritokratische Elite Europas darstellt? Eigentlich sollte eine Meritokratie als System mit den talentiertesten und f\u00e4higsten Menschen in F\u00fchrungspositionen sogar gegen\u00fcber einer Demokratie (Herrschaft der Mehrheit) \u00fcberlegen sein. Tats\u00e4chlich entsteht der Eindruck, dass meritokratische Politik Ungleichheit schafft und diese durch Unterschiede in der Leistungsf\u00e4higkeit begr\u00fcndet. Die Eliten selbst werden dabei als illoyal wahrgenommen, die aufbauend auf ihre Kompetenzen wie Hochleistungsfu\u00dfballer beliebig die Vereine wechseln. Entsprechend versprechen im Gegenzug populistische Parteien, Eliten zu nationalisieren. <em>Sie versprechen den Menschen nicht sie zu retten, sondern bei ihnen zu bleiben. Sie versprechen nicht Kompetenz, sondern Intimit\u00e4t.<\/em> \u00c4hnlich \u00fcbrigens wie auch vom ehemaligen amerikanischen Pr\u00e4sidenten Trump praktiziert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Das Paradoxon von Referenden<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine M\u00f6glichkeit, die Arbeit der EU zu unterlaufen, sind Referenden. Diese werden als direkte Demokratie dem entr\u00fcckten Br\u00fcsseler Diktat entgegengehalten. Manche sehen in Referenden die wirkungsvollste politische Teilhabe innerhalb einer Demokratie. Andere sehen sie als perverseste M\u00f6glichkeit zur Manipulation der Massen. Bei gleichzeitig gestellten Fragen: \u201eWollen Sie Steuerk\u00fcrzungen?\u201c und \u201eWollen Sie die Erh\u00f6hung der Sozialausgaben?\u201c wird die Mehrheit beides bejahen, obwohl es sich widerspricht. EU-Skeptiker haben entsprechend z.B. in Ungarn (Nicht-Aufnahme von Fl\u00fcchtlingen) und den Niederlanden (Nicht-Assoziation der Ukraine) mittels Referenden EU-Politik untergraben. Fairerweise muss angemerkt werden, dass Referenden wie z. B. w\u00e4hrend der griechischen Finanzkrise die europ\u00e4ische Fiskalpolitik phasenweise gest\u00e4rkt haben. Referenden bleiben ein \u00e4u\u00dferst zweischneidiges Schwert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Und Russland?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Russische und osteurop\u00e4ische Eliten sehen in den Zersetzungsprozessen innerhalb der EU Reminiszenzen an den Zerfall der Sowjetunion. Von Russland wird der EU-Zerfall offensichtlich gezielt gef\u00f6rdert, worauf auch die zun\u00e4chst erstaunliche N\u00e4he zu rechtspopulistischen Parteien wie der AFD in Deutschland und der franz\u00f6sischen Front National beruht. F\u00fcr Russland ist ein sich zersetzendes Europa geopolitisch von Vorteil.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Krastevs Empfehlung<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei allem Pessimismus empfiehlt Krastev dennoch, die Kompromissbereitschaft zu erh\u00f6hen. Vers\u00f6hnung zwischen den Kontrahenten sollte h\u00f6chste Priorit\u00e4t haben. EU-Mitglieder sollten nicht versuchen, den innereurop\u00e4ischen Gegner zu besiegen, sondern u.U. Teile der gegnerischen Politik zu integrieren. Im Rahmen der Migrationskrise als ernsteste Bedrohung geh\u00f6ren gut gesch\u00fctzte Au\u00dfengrenzen als eines dieser Entgegenkommen dazu.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Kritik an Krastev.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Trotz vieler interessanter Aspekte malt Krastev ein einseitig negatives Bild der EU. Die EU sei fortlaufend mit Krisenspaltungen konfrontiert, die in absehbarer Zeit den Zusammenbruch bewirken werden. Die Finanzkrise spaltete in Nord und S\u00fcd, der Brexit zwischen Kern und Peripherie, die Fl\u00fcchtlingskrise in Ost und West, die Ukrainekrise 2014 zwischen Falken und Tauben bzgl. des Umgangs mit Russland.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die vielen, teils bedrohlichen Krisen und ihre Bew\u00e4ltigungen (!) k\u00f6nnen jedoch ebenso als nicht endende Reihe von Erfolgsgeschichten interpretiert werden. Dies ist umso eindr\u00fccklicher, da es sich um v\u00f6llig unterschiedliche Bedrohungen handelte (Binnenpartizipation an Arbeitsm\u00e4rkten und den Sozialsystemen, Finanz-, Russland-, Migrations- und Coronakrise). Im Moment vollzieht sich mit dem aktuellen (2022) Russland-Ukraine Krieg ein schwer vorstellbares historisches Ereignis, welches eine ungeahnte Solidarit\u00e4t unter den EU-Mitgliedern bef\u00f6rdert. Alle Binnenkonflikte treten weitgehend in den Hintergrund. Die EU ist so vital wie noch nie mit einer gewissen Nachhaltigkeitsgarantie. Da die russische Bedrohung vermutlich langfristig bleiben wird, ist mit dem alten Feind der befriedende Zwang zur Einheit wiederbelebt. <em>Bizarr aber real, die kurative Wirkung eines V\u00f6lkerrechtsverbrechens<\/em>.\u00a0 \u00a0 \u00a0<strong>Note:3+\u00a0 <\/strong>(ur) &lt;&lt;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt;Ivan Krastevs \u201eEuropad\u00e4mmerung\u201c ist gewiss eine kluge Bestandsaufnahme des Dilemmas der Europ\u00e4ischen Integration. Vor allem sein Blick auf die so unterschiedlichen historischen Voraussetzungen der \u201emitteleurop\u00e4ischen Staaten\u201c (gemeint die osteurop\u00e4ischen Staaten) f\u00fchrt uns nicht nur in der Migrationsfrage die Krisenanf\u00e4lligkeit der EU vor Augen. Dennoch erscheint mir sein anfangs ge\u00e4u\u00dfertes Untergangsszenario (Sturz des Kontinents in Unordnung, Zusammenbruch liberaler Demokratien an den R\u00e4ndern Europas, Kollaps mehrerer Mitgliedstaaten, Traum eines freien und geeinten Europas d\u00fcrfte ausgetr\u00e4umt sein, s. S.17) nicht zu seiner nachfolgenden differenzierten Analyse zu passen. Krastev benennt zwar die Sprengkr\u00e4fte: Finanzkrise, Schuldenunion, Migration, Brexit, Wiedererstarken von Nationalismen und Populismus, Institutionen- und Meritokratenbashing, verweist aber zugleich in seinem Schlusskapitel neben den Br\u00fcsseler \u201eKoh\u00e4sionsbem\u00fchungen\u201c auf die \u00f6konomischen und sicherheitspolitischen Bindungskr\u00e4fte. Dabei stellt er aus meiner Sicht zu Recht fest, dass nur die Kunst \u201est\u00e4ndiger Improvisation und Flexibilit\u00e4t\u201c und die Bereitschaft zum Kompromiss (Interessensausgleich starker und schwacher , westeurop\u00e4ische und mitteleurop\u00e4ischer Staaten) das \u00dcberleben der EU sichern kann. Das bedeutet sich zu den Widerspr\u00fcchen der Demokratie, der universellen Menschenrechte und des Liberalismus zu bekennen und das nicht nur bei Krastevs Forderung nach gut gesch\u00fctzten Au\u00dfengrenzen und seiner Absage an Referenden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ob es Europa noch d\u00e4mmert &#8211; die Geschichte wird\u2019s letztlich beantworten.<br \/>\n<strong>Note: 2\/3<\/strong> (ai)&lt;&lt;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt;\u00a0Im Untertitel \u201eEin Essay\u201c. Also der Versuch, Fragen in knapper Form zu beantworten. Die Themen: Risiken eines Zerfalls, einer Desintegration der Europ\u00e4ischen Gemeinschaft, Tendenzen zur Renationalisierung. Dem Risikofaktor Fl\u00fcchtlingskrise (2015) wird dabei ein sehr gro\u00dfer Stellenwert einger\u00e4umt. In West-und Mitteleuropa und vor allem Osteuropa wurde damals darauf sehr unterschiedlich reagiert. Inzwischen gilt das nicht mehr. Insgesamt wurde die Fl\u00fcchtlingskrise meiner Meinung in den f\u00fcnf Jahren nach Erscheinen des Essays akzeptabel bew\u00e4ltigt. Auch andere Aussagen sind \u00fcberholt. Bulgarien, Griechenland und Slowenien w\u00fcrde heute im Fall einer gr\u00f6\u00dferen Sicherheitskrise sicher eher im Westen als bei Russland Beistand suchen (Seite 12).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Autor hat viel, sehr viel Material verarbeitet. Oft beginnen die S\u00e4tze in etwa so: Wie x oder y in seinem Buch x ausgef\u00fchrt hat&#8230;\u201c. Referate. Manchmal verzettelt sich der Autor. Zum Beispiel bei der Schilderung des Flugzeugabsturzes von Smolensk vom 10. April 2010. So verliert man den Faden. Man lernt aber auch manch Neues. Zum Beispiel was einen Meritokraten auszeichnet. Auch Jos\u00e9 Saramagos Roman\u201eEine Zeit ohne Tod\u201c war mir nicht bekannt. W\u00e4re vielleicht mal ein Buch f\u00fcrs Seniorenquartett?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Vergleich der Mauer in Berlin mit den inzwischen in USA und Mitteleuropa gebauten Z\u00e4unen scheint mir problematisch. Der \u201eAntifaschistische Schutzwall\u201c sollte ja nicht die Westdeutschen daran hindern, das Gebiet der DDR zu betreten. Er war f\u00fcr die Bewohner des eigenen Landes gedacht und forderte vermutlich mehr Menschenleben als die neuen Z\u00e4une.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Insgesamt ist das Buch eine gute und hilfreiche Zusammenschau einer hochkomplexen Thematik. Wird es zum Zerfall der Europ\u00e4ischen Union kommen? Ich hoffe nicht, nicht nur weil Deutschland von der Integration profitiert. Ich vermute, dass die Europ\u00e4ische Union nicht zerfallen wird, solange Zahlungen in Milliardenh\u00f6he nach Osten flie\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Frage, ob und warum die Demokratien sich in einer Systemkrise befinden, beunruhigt mich st\u00e4rker. Die Wohlstandszuw\u00e4chse fallen in autokratischen L\u00e4ndern h\u00f6her aus als in Demokratien, zum Beispiel in China. 2021 lebt 45,7 Prozent der Weltbev\u00f6lkerung in demokratischen Staaten. Ein Jahr zuvor waren es noch 49,4 Prozent. Wird sich der Abw\u00e4rtstrend der Demokratien fortsetzen? Note: <strong>2\u2013<\/strong> (ax)&lt;&lt;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&lt;&lt; Krastevs Analyse \u00fcber den Zustand Europas ist 2017 erschienen, also vor dem Einmarsch der Russen in die Ukraine. Ist sie von der Geschichte \u00fcberholt worden und vielleicht sogar obsolet? Im Gegenteil!\u00a0 Zwar sind die Europ\u00e4er durch den Krieg in der Ukraine zusammenger\u00fcckt, aber die Bruchlinien, die Krastev beschreibt und die seit der sog. Fl\u00fcchtlingskrise 2015 offen zu Tage traten, sind immer noch vorhanden. Es ist ein Verdienst Krastevs, dass darauf aufmerksam zu machen, dass die osteurop\u00e4ischen Mitglieder der EU in vielen Feldern eine ganz andere Sichtweise wie die klassischen westeurop\u00e4ischen Gr\u00fcndungmitglieder der EU haben. Gerade dies zeigt sich nun auch im Ukraine Krieg, in der Staaten wie Polen oder die Balten viel offensiver agieren.<br \/>\nDie Renationalisierung der EU, die mit der Fl\u00fcchtlingskrise begann, hat Krastev zufolge zu einer neuen OST-WEST Spaltung der EU gef\u00fchrt.\u00a0 Diese Spaltung ist durch den Ukraine Krieg nicht etwa aufgehoben, sondern offensichtlicher geworden. Der kosmopolitische Kern der EU ist im Westen der EU akzeptiert, im Osten nicht. Osteuropa war in der Vergangenheit multiethnisch, sie wollen nicht dahin zur\u00fcck. Polen baut einen Zaun zu Belarus. In Ungarn ist die Regierung immer noch ganz anders unterwegs als sich dies die Zentraleurop\u00e4er vorstellen, in Italien steht eine Regierung mit Neofaschisten vor der T\u00fcre, in Frankreich siegt Macron nur knapp und EU feindliche Kr\u00e4fte von links und rechts \u00a0waren kurz vor einem Sieg. \u00a0Die Gefahr f\u00fcr Europa ist nicht vorbei. Die D\u00e4mmerung h\u00e4lt an.\u00a0\u00a0 Note: <strong>2<\/strong> (\u00fcn) &gt;&gt;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Edition Suhrkamp SV 2017 \u2013 144 Seiten &gt;&gt;\u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 Der Autor befasst sich kritisch mit dem Wesen der Europ\u00e4ischen Union. 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