{"id":1587,"date":"2022-01-14T12:46:48","date_gmt":"2022-01-14T10:46:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=1587"},"modified":"2022-02-14T22:21:53","modified_gmt":"2022-02-14T20:21:53","slug":"das-land-der-anderen-leila-slimani","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=1587","title":{"rendered":"Das Land der Anderen \u2013 Leila Slimani"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-1588\" src=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/K1024_Land-der-Anderen-205x300.jpg\" alt=\"\" width=\"205\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/K1024_Land-der-Anderen-205x300.jpg 205w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/K1024_Land-der-Anderen-698x1024.jpg 698w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/K1024_Land-der-Anderen.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 205px) 100vw, 205px\" \/>Luchterhand 2021 &#8211; 379 S.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt;Das \u201eLand der Anderen\u201c ist der erste Band einer als Trilogie konzipierten \u201eFamiliensaga\u201c.<br \/>\nDie Protagonistin Mathilde verl\u00e4sst 1946 ihr els\u00e4ssisches Dorf um ihrem Mann Amine\u00a0 nach Mekn\u00e8s zu folgen. Amine hatte bei den Saphir-Truppen gek\u00e4mpft und Karriere gemacht. Mathilde ist eine \u00fcberdurchschnittlich sinnliche Frau. Ihre pr\u00e4zise geschilderten sexuellen W\u00fcnsche bergen das Risiko einer \u00dcberforderung m\u00e4nnlichen Potenzverm\u00f6gens.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Voll verliebt zerbricht sie sich nicht\u00a0 den Kopf, was sie in Marokko erwarten k\u00f6nnte. Als sie das Hofgut erblickt \u201eerstarrt sie zu Eis\u201c. Oft wird sie den Satz \u201eSo ist das hier\u201c h\u00f6ren m\u00fcssen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein hartes Leben auf dem Land, auch wenn sie von ihrer Schwiegermutter respektvoll und freundlich behandelt wird. Ihrer Schwester schreibt sie Briefe, in denen sie die Realit\u00e4t besch\u00f6nigt. Gelegentlich sch\u00e4mt sich Amine f\u00fcr seine Frau. Konflikte zwischen den Ehepartnern werden unvermeidlich. Nach und nach ist Amine nicht mehr derselbe, den sie im Krieg kennengelernt hatte. Nach dem Tode ihres Vaters kehrt sie nochmals in die Heimat zur\u00fcck. Der viel freiere \u201elifestyle\u201c gef\u00e4llt ihr. Und spielt sie mit dem Gedanken, nicht mehr nach Marokko zur\u00fcckzukehren, obwohl dort Mann und Kinder warten.<br \/>\nDas Buch ist relativ leicht lesbar, da chronologisch geschrieben und in viele Einzelstories, manchmal auch Schmankerl, unterteilt. Das skurrilste d\u00fcrfte die Weihwasserverd\u00fcnnung mit weiblichem Urin sein. Hinzu kommt der erfreulich fl\u00fcssige Erz\u00e4hlstil. Das Private wird auf dem Hintergrund der politischen Entwicklung geschildert. Diese spitzt sich wegen der Unabh\u00e4ngigkeitsbestrebungen zusehends zu. Der Rassismus der Siedler und der Fanatismus der Unabh\u00e4ngigkeitsk\u00e4mpfer verst\u00e4rken sich gegenseitig. Offen bleibt, warum so viele Gebete schr\u00e4g gedruckt im Original zitiert werden. Es soll doch sicherlich niemand bekehrt werden.<br \/>\nEin \u201eZitrangenbaum\u201c, (Zitrone\/Orange), dessen Fr\u00fcchte ungenie\u00dfbar sind, wird immer wieder erw\u00e4hnt. Und Amine denkt, \u201edass in der Welt der Menschen dasselbe galt wie in der Welt der Botanik. Am Ende w\u00fcrde eine Art dominieren, die Orange w\u00fcrde eines Tages die Zitrone verdr\u00e4ngen oder umgekehrt, und der Baum w\u00fcrde wieder essbare Fr\u00fcchte tragen.\u201c Meint das Frau Slimani auch? W\u00e4re das nicht zu schlicht gedacht?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine der beiden Widmungen, mit denen das Buch beginnt,\u00a0 regt zu Spekulationen an: \u201cDie Verdammnis dieses Wortes: Rassenmischung, schreiben wir sie riesengro\u00df auf die Seite.\u201c (Edouard Glissant, L\u2018intention po\u00e9tique). Warum verdammt, d\u00fcrfen Rassen sich nicht mischen? H\u00e4tte ein VHS-Kurs \u201eInterkulturelles Lernen\u201c Mathilde vor Entt\u00e4uschungen bewahren k\u00f6nnen? Kritiker spekulieren, dass Le\u00efla Slimani das Drehbuch f\u00fcr einen TV-Dreiteiler im Kopf hatte. Der Wunsch nach Fortsetzung wird auf den letzten Seiten des Buches geschickt geweckt.<br \/>\nWie geht es weiter? Wird die Familie \u00fcberleben?\u00a0 <strong>Note: 2\u00a0<\/strong> (ax) &lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt;1944 lernt die 18j\u00e4hrige Mathilde aus einem els\u00e4ssischen Dorf den 27j\u00e4hrigen in der franz\u00f6sischen Armee dienenden Offizier Amine aus Marokko kennen, heiratet ein Jahr sp\u00e4ter, verl\u00e4sst im M\u00e4rz 1946 Europa um auf dem von Amines verstorbenem Vater ererbten Hof ein neues Leben zu beginnen. Wenig verwunderlich, dass diese Begegnung zweier Kulturen nicht konfliktfrei verl\u00e4uft, werden doch schon mit Amines Entscheidung vor\u00fcbergehend im Haus der Mutter in Meknes zu wohnen, die Rahmenbedingungen dieser Beziehung f\u00fcr Mathilde abgesteckt. \u201eSo ist das hier\u201c bestimmt Amine und die Erz\u00e4hlerin f\u00e4hrt fort: \u201eDiesen Satz w\u00fcrde sie noch oft h\u00f6ren. Und genau in dem Moment begriff sie, dass sie eine Fremde war, eine Frau, eine Ehefrau , ein Mensch, der der Gnade des anderen ausgeliefert war. Amine war jetzt auf seinem Territorium, er war es, der die Regeln erkl\u00e4rte, der sagte, wo es langging, der die Grenzen des Anstands, der Scham und der guten Sitten zog\u201c (12) . Lassen wir einmal die Kategorie \u201ebegreifen\u201c zu diesem Zeitpunkt au\u00dfer Acht, so erweisen sich die Jahre bis zum flammenden Inferno am Ende des Romans f\u00fcr Mathilde doch als ein aufopferungsvoller Kampf um einen Rest Eigenst\u00e4ndigkeit, der sich als umso schwieriger darstellt, als Mathilde als Franz\u00f6sin mit einem marokkanischen Mann auch im franz\u00f6sischen Milieu der Kolonialisten Fremdheit und Alltagsrassismus erlebt. Auch f\u00fcr Amine ist die R\u00fcckkehr in seine Heimat nicht frei von Erfahrungen der Fremdheit (Misstrauen franz. Nachbarsiedler, Dem\u00fctigungen durch koloniale Elite, Omars Vorwurf des Vaterlands u. Religionsverrats). Zudem durchdringt der wachsende Nationalismus immer wieder auch die Sph\u00e4re des Privaten, nicht nur in der Figur Omars. \u00a0Die St\u00e4rke des Romans sind bei aller Voraussehbarkeit des cultural clash die Zwischent\u00f6ne. Da ist nicht alles Martyrium. Da gibt es die liebevolle Zuwendung der Mutter Mousala, da gibt es \u00a0Muttergl\u00fcck mit Aicha und Selim, da gibt es auch einmal den Weihnachtsbaum und sogar Amine als Nikolaus, da gibt es Anerkennung f\u00fcr Amines erfolgreiche Arbeit, da gibt es die kleinen Fluchten in die Avenues der Ville Nouvelle, da gibt es die fast verschw\u00f6rerischen Begegnungen mit Amines 16j\u00e4hriger Schwester Selma, da verwirklicht Mathilde unterst\u00fctzet von dem ungarischen Arzt Dragon Palosi ihren Plan der l\u00e4ndlichen Bev\u00f6lkerung medizinisch zu helfen. Aber letztendlich \u00fcberwiegt in Mathilde doch das Gef\u00fchl, \u201ein einer Welt zu leben, wo sie nicht hingeh\u00f6rte\u201c, ein Bekenntnis gegen\u00fcber der Schwester Irene, die sie nach dem Tod ihres Vaters im Elsass besucht, ein Schl\u00fcsselepisode, die die innere Zerrissenheit Mathildes psychologisch feinf\u00fchlig beschreibt. \u00a0Dass es bei Momentaufnahmen alternativer Lebensentw\u00fcrfe bleibt, ist vielleicht nicht zuletzt der Empathielosigkeit der Schwester zu verdanken. Die R\u00fcckkehr ins Amines Haus ist mehr als der endg\u00fcltige Abschied von der eigenen Kindheit im Elsass .Etwas zu pathetisch beschreibt die Autorin Mathilde in den Armen der 7j\u00e4grigen Aicha: \u201eIhre Mutter war ein Soldat, der von der Front heimkehrte, ein siegreicher, ein verwunderter Soldat, der unter seinen Medaillen Geheimnisse verbarg\u201c. Der martialischen Metaphorik entkleidet, offenbart dies die Seelenlage Mathildes, der bewusst ist, dass sie f\u00fcr die Kinder \u201ealles aufgegeben hatte. Gl\u00fcck, Leidenschaft, Freiheit\u201c. Das rigide Korsett gesellschaftliche Zw\u00e4nge bestimmt auch das Schicksal der zweiten zentralen Frauenfigur Selma, der erst 16j\u00e4hrigen Schwester Amines. Fr\u00fch rebellisch, von \u201eirritierender Sch\u00f6nheit\u201c, der zehn Jahre \u00e4ltere Bruder Omar wei\u00df wie ihr Hang zur Auflehnung zu z\u00fcgeln w\u00e4re \u201eBesser, man pr\u00fcgelte sie vorbeugend, sperrte sie ein, ehe sie eine Dummheit beging und es zu sp\u00e4t ist.\u201c Omar bel\u00e4sst es nicht bei Drohungen. \u00a0Die Abwesenheit der Br\u00fcder nutzt Selma zur Befreiung und findet anfangs in Mathilde eine Komplizin. Nicht die Gassen der Medina, die Avenues der Ville Nouvelle und ihre Verlockungen wecken Selmas Interesse. Und sie entdeckt, die gutgemeinten Ratschl\u00e4ge Mademoiselles Fabre missachtend, die \u201eVersuchungen unter unseren Schleiern und R\u00f6cken\u201c und in der Gestalt eines jungen franz\u00f6sischen Piloten nimmt das Verh\u00e4ngnis seinen Lauf. Ein harmloses Schaufensterfoto des P\u00e4rchens, von Amine zuf\u00e4llig entdeckt, f\u00fchrt zum dramatischen H\u00f6hepunkt. Die Schwester entehrt, die Schande \u00f6ffentlich gemacht, der junge Mann noch gar ein Franzose, dazu die eigene Frau als Mitwisserin, das verlangt in dieser \u201eUn\u201ckultur nach Rache. Blind vor Wut schl\u00e4gt Amine Mathilde, richtet die Pistole auf die ganze Familie \u201eIch werde euch alle t\u00f6ten\u201c und nur der hilflose Ruf \u201ePapa\u201c des kleinen Selim erinnert die m\u00e4nnliche Bestie an einen Rest Menschlichkeit. W\u00e4hrend auf den Stra\u00dfen Marokkos der Kampf um Unabh\u00e4ngigkeit und Freiheit beginnt, herrscht im Haus der Familien vielfach Finsternis. F\u00fcr die erst 8j\u00e4hrige Aicha ist der Anblick der blutenden Mutter und Selmas wenig \u00fcberraschend. Sie \u201ekannte diese Frauen mit den blauen Gesichtern. Sie hatte sie oft gesehen, die M\u00fctter mit den halb zugeschwollenen Augen, den violetten Wangen, die M\u00fctter mit aufgeplatzten Lippen. Damals dachte sie sogar, daf\u00fcr h\u00e4tte man Schminke erfunden. Um die Schl\u00e4ge der M\u00e4nner zu verbergen.\u201c Die Antwort Mathildes auf diese Erniedrigung ist eine Dem\u00fctigung Amines auf ganz anderer, sicherlich psychoanalytisch zu deutender Ebene. Mit fast animalischer Begierde (wir erinnern uns an Mathildes Lust und Leidenschaft am Romananfang!), Kategorien wie Scham und Sitte missachtend, gewinnt sie f\u00fcr einen Augenblick Herrschaft \u00fcber das, was Amine mit der R\u00fcckkehr nach Marokko als Maxime vorgab: \u201eAmine war jetzt auf seinem Territorium, er war es, der die Regeln erkl\u00e4rte, der sagte, wo es langging, der die Grenzen des Anstands, der Scham und der guten Sitten zog\u201c. Dem Ausbruch folgt, die Realit\u00e4ten einer r\u00fcckw\u00e4rtsgewandten patriarchalischen Gesellschaft anerkennend, die Unterwerfung. Aus Mathilde macht der islamische Rechtsgelehrte in einer an L\u00e4cherlichkeit grenzenden Zeremonie \u201eMariam\u201c. Dass Selmas Vergehen zeitgleich mit der Zwangsverheiratung von Amines homosexuellem Waffenbruder Mourad bestraft wird, stellt nach Au\u00dfen zwar die Ordnung wieder her, ist aber letztendlich eine Doppelbestrafung. Was folgt, bleibt f\u00fcr den Leser irritierend. Mathilde spricht Selma gegen\u00fcber von \u201einnerer Freiheit\u201c, davon, \u201edass man lernen m\u00fcsse, sich drein zu schicken\u201c. Das ist zwar Selbstaufgabe, aber Einsicht in die Notwendigkeit eines Systems, das noch einen l\u00e4ngeren Weg zur Aufkl\u00e4rung hat. Zum Romanschluss weitet sich das Private nochmals in Politische. Die Unabh\u00e4ngigkeit Marokkos, die Vertreibung der Kolonialisten ist nicht mehr aufzuhalten. Vom eigenen Haus aus verfolgt Amines Familie den Feuerball, der die L\u00e4ndereien der franz\u00f6sischen Siedler zerst\u00f6rt. Dass gerade die 8j\u00e4hrgie Aicha, die entgegen Amines Botanikgesetz vom \u201eZitrangenbaum\u201c, ja die Frucht zweier Kulturen ist, das Inferno und damit die Vertreibung der einen Kultur mit dem wenig kindlichen Schlachtruf \u201eSollen sie doch brennen\u2026.sollen sie verschwinden. Sollen sie krepieren\u201c begleitet, bleibt das Geheimnis der Autorin, das selbst in dem angek\u00fcndigten Folgeband der Familiensage schwerlich zu l\u00fcften sein d\u00fcrfte.\u00a0 <strong>Note: 2<\/strong> ( ai) &lt;&lt;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; Das Land der Anderen ist nicht nur ein geographischer Ort. Tats\u00e4chlich sind es Territorien verschiedener Modalit\u00e4ten. Seelische Zust\u00e4nde, Kulturr\u00e4ume, Wertesysteme, politische \u00dcberzeugungen, Ethnien, Nationen und Nationalit\u00e4ten, Hautfarben. Slimani gruppiert diese Daseinsfl\u00e4chen um ihre Protagonistin Mathilde. Mathilde: zun\u00e4chst in wilder Aufbruchstimmung beginnend in den letzten Kriegstagen im Elsass, dann der Liebe folgend nach Marokko auswandernd, zweifelnd. Zur\u00fcckkehren wollen und dann doch nicht k\u00f6nnen. Begleitet von Auseinandersetzungen akzeptiert sie schlie\u00dflich die bleibenden Widerspr\u00fcche und findet dadurch ihre Bestimmung. Doch es geht nicht nur um ihr Irren in fremden Gefilden. In ihrem Umfeld suchen, straucheln und verzweifeln ebenso ihr marokkanischer Ehemann, ihre Kinder, Verwandte, Bekannte und werden zu T\u00e4tern und Opfern zwischen den Welten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die zwanzigj\u00e4hrige Mathilde aus der franz\u00f6sischen Provinz sehnt sich nach Liebe. Die Kriegs\u00e4ngste lernt sie mit sexueller Obsession zu bes\u00e4nftigen. Dann ziehen Soldaten durch das Dorf. Unter ihnen der sch\u00f6ne Amine aus Marokko. Er gewinnt sofort ihr Herz und das Versprechen, ihm nach Marokko zu folgen. Der Muslim heiratet die Christin. Mathilde tr\u00e4umt von Freiheit, vom Ausbrechen aus den heimatlichen Kerkern, von den Farben Afrikas. Doch schon bei der Ankunft in Rabat 1947, erscheint Amine wie verwandelt, die Welt wirkt fremd, die Regeln abweisend. Nach Monaten der Notunterkunft bei der Schwiegermutter, ziehen sie in die d\u00fcrre Ein\u00f6de, wo Amine ein St\u00fcck Land vom Vater geerbt hat. Die Wohnbedingungen sind primitiv, das Dasein einsam und niederdr\u00fcckend. Mit unb\u00e4ndigem Eifer versucht Amine dem verwaisten St\u00fcck Erde Ertr\u00e4ge abzuringen. Der Ackerbau scheitert an der d\u00fcnnen Krume, die wenigen Rinder werden ihm gestohlen. Erst mit Hilfe eines emigrierten ungarischen Arztes gelingt ihm nach vielen Jahren der Anbau von Datteln und Orangen. Doch dann droht der B\u00fcrgerkrieg.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrenddessen werden Tochter A\u00efscha und Sohn Selim geboren. Die verschlossene A\u00efscha erweist sich als hochbegabt, \u00fcberspringt Klassen und wird von \u00e4lteren Klassenkameradinnen gemobbt, worauf auch die Nonnen des Tagesinternats kaum Einfluss haben. Mathilde besteht auf dem kostspieligen Bildungsweg, w\u00e4hrend Amine die Entscheidung immer wieder in Zweifel zieht. Als Vater tritt er ebenso wenig in Erscheinung wie als liebender Ehegatte, ist er doch ganz der Entwicklung seiner Landwirtschaft verpflichtet. Von Kindern und Ehegattin fordert er stattdessen H\u00e4rte, Gehorsam, Unterordnung und Leidensbereitschaft. Mathilde verzweifelt, droht an der Einsamkeit und der strengen Bindung an Hof und Herd zu zerbrechen. Trotz des Unmuts ihres Gatten richtet sie schlie\u00dflich eine &#8211; wenn auch \u00e4rmliche &#8211; medizinische Beratung ein, die von der kranken Landbev\u00f6lkerung dankend angenommen wird und ihr eine Sinnbestimmung in der ewigen Wiederkehr h\u00e4uslicher Routinen gibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als ihr Vater stirbt, bricht sie allein nach Frankreich auf. Die Entfremdung vom nordafrikanischen Eheleben lassen den Entschluss reifen, die Familie zu verraten und nicht nach Marokko zur\u00fcckzukehren. Als sie jedoch im Moment gr\u00f6\u00dfter Zweifel sich ihrer Schwester Ir\u00e8ne offenbart, lebt der alte Hass der Schwestern erneut auf. Ir\u00e8ne zeigt nicht das geringste Interesse, auf die Schwester einzugehen. \u00dcber Jahre hatte auch Mathilde in Briefen Ir\u00e8ne belogen und von den paradiesischen Zust\u00e4nden im Ausland fabuliert, um ihren Neid zu entfachen. Mathilde akzeptiert schlie\u00dflich, dass sie ihrem gew\u00e4hlten Lebensweg ausgeliefert ist. Mit dem festen Willen, die Schicksalsumst\u00e4nde anzunehmen, kehrt sie gefasst nach Marokko zur\u00fcck. Angekommen, nimmt sie zus\u00e4tzlich zu ihren kr\u00e4ftezehrenden Aufgaben auch Amines senile Mutter Mouilala auf. Sie war standesgem\u00e4\u00df als muslimische Ehefrau stets eingesperrt. Ihre einzige Begegnung mit dem st\u00e4dtischen Leben waren gelegentlich verbotene Blicke durch die Ritzen der verschlossenen Fensterl\u00e4den.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrenddessen spitzt sich die nationale Kolonialfrage zu. Bewaffnete Aufst\u00e4nde fordern zunehmend die franz\u00f6sischen Besatzer heraus. Brandschatzungen, Hinterhalte, Terrorakte und brutale Vergeltung pr\u00e4gen den Alltag. Amines Bruder Omar, der sich dem bewaffneten Untergrund angeschlossen hat, verurteilt Amine als verr\u00e4terischen Kollaborateur der Franzosen, hat dieser doch im zweiten Weltkrieg mit Auszeichnung in der franz\u00f6sischen Armee gegen Nazideutschland gedient, das drauf und dran war, das koloniale Frankreich niederzustrecken. Omar prophezeit, dass die Nationalbewegung auch Amine abstrafen wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrenddessen mausert sich Amines deutlich j\u00fcngere Schwester Selma zur begehrenswerten Pers\u00f6nlichkeit. Prompt von einem franz\u00f6sischen Piloten schwanger geworden, droht Amine mit Mord nicht nur an Selma, sondern auch an Mathilde, die er als Kupplerin verd\u00e4chtigt. Nach zweit\u00e4gigem R\u00fcckzug in die Wildnis, kommt er zu einem milderen Urteil: Mathilde wird gezwungen, die franz\u00f6sischen Wurzeln endg\u00fcltig zu kappen und zum Islam zu konvertieren. Selma wird mit dem kriegsgesch\u00e4digten, gewaltt\u00e4tigen Mourad zwangsverheiratet. Mourad war Weggef\u00e4hrte von Amine, dem er in homosexuellem Verlangen bis auf dessen Hof gefolgt war. Bemerkenswerterweise bewahrt diese an sich verurteilte, sexuelle Andersartigkeit Selma vor \u00dcbergriffen durch Mourad.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Slimani r\u00fcckt das Schicksal der europ\u00e4ischen Mathilde in der nordafrikanischen Fremde in den Vordergrund. Erwartungsgem\u00e4\u00df kollidieren auf dieser Lebensb\u00fchne Kultur-, Moral- und Religionswiderspr\u00fcche. Verbunden damit werden auch Wunden geschlagen, die das unterschiedliche Rollenverst\u00e4ndnis in Ehe und Familie bluten lassen. Das B\u00fchnenbild des Romans ist jedoch vielf\u00e4ltiger. So wie Mathilde unter der unertr\u00e4glichen Enge ihres marokkanischen Daseins leidet, beklagen beim Heimatbesuch auch ihre ehemaligen Freundinnen, in welcher Eint\u00f6nigkeit sie in ihren els\u00e4ssischen Familien leben und kaum das Dorf verlassen k\u00f6nnen. Weitere Szenen in diesem Schauspiel sind die konkurrierenden Welten der marokkanischen Br\u00fcder ebenso wie die der franz\u00f6sischen Schwestern, wenn auch mit ganz anderen Inhalten. Nicht verschont von der Zerrissenheit bleibt Amine als zweiter Hauptprotagonist. Er f\u00fchlt sich einerseits dem Wertekanon seiner Heimat verpflichtet, andererseits versucht er europ\u00e4ische Fortschrittlichkeit zu leben. Den Franzosen zwar ergeben, wird er von diesen als dunkelh\u00e4utiger Afrikaner deklassiert, entsprechend einem lupenreinen Rassismus in kolonialer Tradition. Von den Landsleuten wird er als Handlager der Kolonialherren und Verr\u00e4ter arabischer Sitten verurteilt, der die Ausbruchsversuche seiner Gattin toleriert. Amine ist Vertriebener in allen Lagern: der Nation, der Kultur, der Ehe.<br \/>\nEin kolonialgeschichtlicher Roman, dessen individuelle Aspekte zeitlos g\u00fcltige Konflikte problematisieren. Nur schade, dass offensichtlich die \u00dcbersetzung von Fehlgriffen durchsetzt ist. Oder muss den Lesern das franz\u00f6sische Original verwundern? Sonst bleibt der Roman sprachlich unauff\u00e4llig. In jedem Falle interessant die Ausgestaltung des Plots.\u00a0 <strong>Note: 2 \u2013<\/strong> (ur) &lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Luchterhand 2021 &#8211; 379 S. &gt;&gt;Das \u201eLand der Anderen\u201c ist der erste Band einer als Trilogie konzipierten \u201eFamiliensaga\u201c. Die Protagonistin Mathilde verl\u00e4sst 1946 ihr els\u00e4ssisches Dorf um ihrem Mann Amine\u00a0 nach Mekn\u00e8s zu folgen. 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