{"id":1559,"date":"2021-10-15T16:53:20","date_gmt":"2021-10-15T14:53:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=1559"},"modified":"2021-11-15T11:55:42","modified_gmt":"2021-11-15T09:55:42","slug":"hard-land-benedict-wells","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=1559","title":{"rendered":"Hard Land &#8211; Benedict Wells"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-1564\" src=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/K1024_Hard-Land-216x300.jpg\" alt=\"\" width=\"216\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/K1024_Hard-Land-216x300.jpg 216w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/K1024_Hard-Land-738x1024.jpg 738w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/K1024_Hard-Land.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 216px) 100vw, 216px\" \/><\/p>\n<p>Diogenes 2021 \u2013 347 Seiten<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&lt;&lt; Ein &#8222;coming of age&#8220; Roman, d.h. ein Roman \u00fcbers Erwachsenwerden. Davon gibt es nicht wenige. Wells hat einen ber\u00fchrendes Werk vorgelegt, das schon die Verfilmung in Stil und Figurentableau in sich tr\u00e4gt. Sogar der Soundtrack wird indirekt mitgeliefert. Erz\u00e4hlt wird aus der Perspektive des 16 j\u00e4hrigen Sam Turner, der in Kleinstadt Brady\u00a0 \/ Missouri einem dr\u00f6gen Sommer (&#8222;Ein Berg von Langeweile&#8220;) entgegensieht, der sich dann als Sommer seines Lebens erweisen wird. Wells bedient sich des klassischen Settings in Filmen wie &#8222;American Graffiti&#8220; oder &#8222;Stand by me&#8220;, die er als Vorbilder nennt und die auch seine Protagonisten in Brady immer wieder anschauen und zitieren. Was als Text manchmal die Grenze zum Kitsch touchiert oder auch \u00fcberschreitet, kommt im Film sicher anders r\u00fcber und das kann man in Kauf nehmen, wenn man den Roman als Film liest. Wie Sam die Trauer \u00fcber den Tod seiner Mutter und auch die gest\u00f6rte Beziehung zu seinem Vater<br \/>\n(&#8222;Dad hatte sein Schweigen an eine Verst\u00e4rkerbox angeschlossen&#8220;)\u00a0 verarbeitet , ist sehr einf\u00fchlsam erz\u00e4hlt. Wells findet auch gro\u00dfartige Bilder \u00fcber die Grenze zwischen Jugend und Erwachsenenzeit. <strong>Note : 2+ (<\/strong>\u00fcn)&lt;&lt;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&lt;&lt; Der Buchdeckel war zugeklappt, aber das Gef\u00fchl \u201eEuphancholie\u201c blieb, stieg vom Bauch in den Kopf. Eine Wortsch\u00f6pfung der Gef\u00e4hrtin des Romanprotagonisten, die viel \u00fcber den Inhalt verr\u00e4t.<br \/>\nEin ber\u00fchrender Roman \u00fcbers Erwachsenwerden, neudeutsch \u201eComing of age\u201c, der sich f\u00fcr die Integration in den Schulunterricht eigne. So wird f\u00fcr das Buch geworben. Vorher sollte aber noch eine Lekt\u00fcrehilfe im Klett-Verlag erscheinen.<br \/>\nDer erste und der letzte Satz des Buches haben es in sich: \u201eUnd dann schaute sie mich an und l\u00e4chelte.\u201c Zu zweit im engen Ruderboot, drau\u00dfen auf dem See. Oh, wie sch\u00f6n, was wird da nur passieren. \u201eIn diesem Sommer verliebte ich mich, und meine Mutter starb\u201c, der erste Satz, der den Inhalt grosso modo zusammenfasst, eine erste Orientierung f\u00fcr den Leser. Samuel Turner, 16 Jahre, Au\u00dfenseiter, und Ich-Erz\u00e4hler k\u00e4mpft gegen \u00c4ngste aller Art. Besserung bringt nicht die Schulpsychologin, sondern die Bekanntschaft mit der etwas \u00e4lteren Kirstie, und die Aufnahme in die Kino-Clique, zu der Kirstie und zwei \u00e4ltere Jungs geh\u00f6ren. Die in f\u00fcnf Teile gegliederte Erz\u00e4hlung gewinnt im dritten Teil an Fahrt und Intensit\u00e4t. Sehr bewegend wird erz\u00e4hlt, wie der Sohn auf den Tod der Mutter, die an einem Hirntumor litt, reagiert. Sam im Wechselbad seiner Gef\u00fchle, mutterlos, ergreifend. Das Faible f\u00fcr Friedh\u00f6fe teile ich mit ihm. Die Mutterbeziehung war ungleich intensiver als die zum Vater. Eigentlich ein Klassiker. Der Vater wiederum verstand sich besser mit der cleveren Tochter und Schwester Jean. Richtig aufregend wird es, wenn die \u201eMutproben\u201c geschildert werden, die Kirstie (ein Sadoluderchen?) von Sam verlangt. Die vielen Querverweise auf Musik, Kino und Literatur sind\u00a0 f\u00fcr kulturell gut Informierte sicherlich ein Genu\u00df. F\u00fcr mich eher nicht. Der permanente Zeigefinger: sooviele Bildungsl\u00fccken, tja.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Benedict Wells finde ich recht sympathisch, nicht nur weil ich seine Liebe zu Barcelona teile. Seine Augen: die personifizierte \u201eEuphancholie\u201c mit deutlichem \u00dcbergewicht zur Cholie. Sprachlich ist er breit aufgestellt. Ganz lyrisch, wenn der Tag sich aus der Nacht sch\u00e4lt, aber auch ganz n\u00fcchtern, sachlich, ja salopp: \u201eTrauer ist kein Sprint, Trauer ist ein Marathon.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann noch die Ego-Frage, wie war das eigentlich bei mir damals mit dem Erwachsenwerden in der schw\u00e4bischen Provinz 1963 . Irgendwie weniger aufregend. Die Gro\u00dfmutter, nicht die Mutter starb 1963. Eine Kirstie? Wenn \u00fcberhaupt, erst viel sp\u00e4ter. Pr\u00e4gend der erste Auslandsaufenthalt bei einer franz\u00f6sischen Familie. Wange, keine Zunge. Keine Songs, daf\u00fcr Chansons. Dieser Plot w\u00fcrde h\u00f6chstens f\u00fcr eine very very short story mit 7 statt 49 Geheimnissen reichen. Aber besser so. Lieber Max als Sam. Dankgebet nach oben.\u00a0 <strong>Note: 2\u2013<\/strong> (ax) &gt;&gt;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&lt;&lt; Mit dem noch 15j\u00e4hrigen Sam erleben wir ein St\u00fcck Erwachsenwerden, sehr verdichtet, kaum ein Jahr umfassend. Einschneidend wird f\u00fcr den unsicheren Au\u00dfenseiter und Einzelg\u00e4nger ein Ferienjob im Kino \u201eMetropolis\u201c, das in jeder Beziehung zum Gegenpol des \u201everschlafenen Siebzehntausend- Einwohner Kaffs\u201c Crady in Missouri wird. Nicht nur, dass hier mit den angehenden Collegestudenten Hightower, Cameron und Kirstie die Geschichte einer pr\u00e4genden Freundschaft entsteht, das Kino und der Film er\u00f6ffnen Sam neben Musik und Gitarre auch einen Zugang in bisher verschlossene Ausdruckswelten. M\u00f6gen auf den ersten Blick die Initiationsrituale der Gruppe\u00a0 \u2013 was macht ein Mann zum Mann \u2013 Horrorfilme, Wellensurfen, Klippenspringen, Saufen, Kiffen, \u00a0\u2013 reichlich abgegriffen erscheinen, so sind sie im Falle von Sam neben dem Standardprogramm pubert\u00e4rer Entwicklung doch subtiler. Scheint Grady zun\u00e4chst nur f\u00fcr eines gut: \u201ezum Weglaufen\u201c, so findet Sam in der Beziehung mit den drei Freunden schrittweise aus der Selbstisolation. Das famili\u00e4re Umfeld, die Allgegenwart der Todesangst um die liebevolle Mutter, die Fremde und Sprachlosigkeit des arbeitslos gewordenen Vaters, sind Sams seelische Wunden. Wells gen\u00fcgen zwei S\u00e4tze um diese Wunden f\u00fcr den Leser sp\u00fcrbar zu machen: \u201eDer Tod sa\u00df die ganze Zeit bei uns am K\u00fcchentisch\u201c und \u201eEs gab zwei Sorten von Stille, die neutrale Sorte und dann noch die Stille meines Vaters.\u201c Erst der Tod von \u201eMom\u201c erm\u00f6glicht \u201eDad\u201c sich Sam gegen\u00fcber zu \u00f6ffnen. Eindr\u00fccklich wie die Pr\u00e4gungen der Kindheit fortwirken. Den Grundton des gesamten Romans bringt mit der pfiffigen Figur Kirstie deren intimes Notizb\u00fcchlein auf den Begriff, in dem mit der Wortkombination von Euphorie und Melancholie ein Lebensgef\u00fchl einer ganzen Jugendgeneration beschrieben wird: \u201eEuphancholie\u201c. F\u00fcr Sams bildet der Friedhof und die Institution des Larry daf\u00fcr die \u00e4u\u00dferen Koordinaten. Den dramatischen H\u00f6hepunkt dieser Polarit\u00e4t bildet die zeitliche Koinzidenz seiner ausgelassenen Geburtstagsparty und die Todesstunde der Mutter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weitaus st\u00e4rker als Hightower und Cameron beeinflusst Kirstie Sams Erwachsenwerden. Liebevoll zugewandt nicht nur im Umgang mit Sams Trauer um die Mutter, flippig wenn es um Mutproben und Abenteuer geht, belesen (Rimbaud !), trinkfest, sprachlich forsch wenn es im bigotten Grady um Sex vor der Ehe geht, aber kontrolliert zur\u00fcckhaltend, wenn es um Sams sch\u00fcchterne Ann\u00e4herung geht (gl\u00e4nzend: von Sam eher gedacht oder ertr\u00e4umt als vollzogen), mit dem noch kindlichen Kieselsteinchen an Sams Fenster immer da, wenn man sie braucht, sp\u00e4ter dann abtauchend in den Collegemonaten in NY, aber doch f\u00fcr Sam gerade dann mit der R\u00fcckkehr nach Grady sehr gegenw\u00e4rtig, wenn es mit der Enth\u00fcllung von William J. Morris \u201eHard Land\u201c Geheimnis \u00a0im Schlusskapitel \u201eNummer 49\u201c gemeinsam mit Sam im Ruderboot hinaus auf den \u201eLake Virgin\u201c geht. Und dann \u201eauf der Mitte des Sees\u201c erf\u00fcllt sich \u201edie Geschichte des Jungen, der die See \u00fcberquert und als Mann zur\u00fcckkehrt.\u201c Soweit eine stimmige Adoleszenz-Geschichte. 2+<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was meine Lesefreude an Benedict Wells Roman entscheidend tr\u00fcbt, ist der zum Teil pathetisch aufgeladene \u00dcberbau des Morrisschen Gedichtzyklus, dem ja Wells Roman seinen Titel verdankt. Wir erfahren schon anfangs, dass Sams buchkundige Mom den Gradydichter durchaus in die Tradition von Walt Whitman stellt. Die Qualit\u00e4tslatte liegt damit sehr hoch, die \u201e49 Geheimnisse\u201c, die der Held des Zyklus in Grady verborgen wei\u00df bringen es aufs Ortsschild und das Thema des Helden, n\u00e4mlich ein Junge, der den See \u00fcberquert und als Mann zur\u00fcckkehrt, wird mit dem Zyklus von Morris\u00a0 zum literarischen Kanon, den Inspektor Colombo, ein Lehrer der sympathischen Art \u00a0im Gegensatz zum Erdkundelehrerekel, allj\u00e4hrlich den Highschoolern vermittelt. F\u00fcr die zwei m\u00e4nnlichen Kumpel Hightower und Cameron scheint der Zyklus weniger pr\u00e4gend als f\u00fcr Kirstie und Sam, ist doch vor allem f\u00fcr letzteren der Schulstoff Teil seiner Biografie und das insbesondere durch den Einfluss von Kirstie und deren vom Inspektor mit der Note 1 geadelter Interpretation von \u201eHard Land\u201c. Inhaltlich und sprachlich ist allerdings das, was uns Wells als Zyklusfragmente im Roman pr\u00e4sentiert allerdings eher d\u00fcrftig und dem Kitsch nicht fern. Zwei wunderbaren Zeilen \u201eKindsein ist wie einen Ball hochwerfen, Erwachsenwerden ist, wenn er wieder herunterf\u00e4llt\u201c zeigen, was an literarischer H\u00f6he m\u00f6glich gewesen w\u00e4re. Dass sich hinter den mehrfach angedeuteten 49 Geheimnissen des Gedichtzyklus im Wesentlichen nur <strong>eine<\/strong> \u201eversteckte Pointe\u201c verbirgt und diese &#8211; jedem Zauber von Metaphern und Allegorien entraubt &#8211; auf Sex und Phallussymbole reduziert ja gar banalisiert wird, bleibt das Geheimnis von Wells. Mir jedenfalls h\u00e4tte das Schlussbild des Filmromans &#8211; ein Ruderboot mit abgelegter Sonnenbrille zum Verst\u00e4ndnis des endg\u00fcltigen Erwachsenseins gen\u00fcgt.\u00a0 <strong>Note: 3<\/strong> (ai)&lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; In Wells Roman ist <strong><em>Hard Land<\/em><\/strong> das Epos eines Heimatdichters, das Ende des 19. Jahrhunderts den Auszug eines Jugendlichen beschrieb. Dieser entzog sich suchend der empfundenen Enge, um als Mann zur\u00fcckzukehren. Benedict Wells benutzt das fiktive 90-Strophen Gedicht als Folie, vor der er eine klassische <em>Coming-of-Age<\/em> Episode vorf\u00fchrt. Klassisch, weil der Handlungsstrang schlichten Routinen folgt. Das Personal sind wie \u00fcblich ein angstgest\u00f6rter 16-J\u00e4hrige aus einer auseinanderbrechenden Familie und eine ihn aufrichtende kleine Clique, in der jede Figur einen g\u00e4ngigen Literaturtypus (Schwuler, Schwarzer, rote Zora) darstellt. Zeitpunkt und Ort (\u00f6de Sommerferien in sterbender Kleinstadt) folgen ebenso dem g\u00e4ngigen Muster. Am Ende steht die L\u00e4uterung und der erfolgreiche Moment der Mann-Werdung. Und obwohl der Plot nur eingeschr\u00e4nkte Originalit\u00e4t birgt, durchzieht das Werk eine warme Str\u00f6mung, von der man sich als Leser bereitwillig forttreiben l\u00e4sst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Grady, Missouri, USA, 1985. Sam (15) ist isoliert in dem gesichtslosen Kaff, isoliert in der Schule, isoliert unter den Gleichaltrigen, die den Einzelg\u00e4nger meiden und mobben. Seine Familie ist gespalten. Die \u00e4ltere Schwester Jean eigent\u00fcmlich, aber schon ber\u00fchmt als alternative Drehbuchautorin in Kalifornien. Der Vater arbeitslos, stumm und ohne Bezug zu Tom. Die Mutter, Inhaberin einer kleinen Buchhandlung, verst\u00e4ndnisvoll, aber am Ende ihrer Lebenskr\u00e4fte, niedergeworfen durch einen Hirntumor. Als die Sommerferien drohen, \u00fcbernimmt Sam einen Nebenjob im \u00f6rtlichen Kino, das kurz vor der Schlie\u00dfung steht. Drei Jugendliche teilen die Aufgaben mit ihm. Die Kinotochter Kirstie, der schwarze Baseball King <em>Hightower<\/em> und Cameron, Spross einer beg\u00fcterten Familie. Nach anf\u00e4nglicher Ablehnung wird er ins Team aufgenommen. Als besonders empathisch erweist sich die wilde Kirstie, obwohl ihre betont laute Umgangsform dies nicht vermuten l\u00e4sst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sam sp\u00fcrt das neue Gleichgewicht, sp\u00fcrt das neue Selbstwertgef\u00fchl, wenn sie zu viert auf Feten einlaufen, wenn er mit dem Sportler Hightower durch die W\u00e4lder joggt, wenn die deutlich \u00e4ltere Kirstie ein wenig Erotik und viele gute Gespr\u00e4che spendet, wenn die Gang ihn an Abenteuerritualen teilhaben l\u00e4sst. Dazu geh\u00f6rt auch das H\u00fcgelrodeo, bei dem einer versucht, auf der Ladefl\u00e4che stehen zu bleiben, w\u00e4hrend der Pick-up \u00fcber Bodenwellen rast. Die ultimative Segnung erfolgt in einer privaten Kinonacht. Die schlichte Regel lautet, bei jedem der vielen Toten eines ma\u00dflosen Trashfilms einen Whiskey zu kippen. Sam \u00fcberlebt deutlich gezeichnet, aber gesegnet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kirstie, deren literarische Rolle es ist, Sam zu profilieren, fordert und f\u00f6rdert. Sam geht mit, ist angezogen von ihrer Zuwendung und ihrer dosierten erotischen Ausstrahlung. Ihr Geschenk zu seinem 16. Geburtstag ist eine Pr\u00fcfung, mit der sie Sam auf eine neue innere Sicherheit festlegen will. Z\u00f6gernd folgt er ihr und besteht alle drei \u00dcbungen: stiehlt zum ersten Mal in seinem Leben einen Lippenstift, springt mit ihr von einer Felskante in den <em>Lake Virgin<\/em> und spielt auf der Gitarre einen Song vor. Ordnungsgem\u00e4\u00df macht es in Sam einen Rucker.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gerade an dieser Stelle kann der Schriftsteller Wells sich eine Kitschklitterung nicht verkneifen. Sams Eltern hatten ihn zu einem Geburtstagsessen eingeladen, zu dem der Sohnemann jedoch nicht erscheint. W\u00e4hrend er mit den Kumpels tief ins Glas schaut, stirbt an diesem Abend die Mutter an ihrem Tumor. Sam qu\u00e4len Selbstvorw\u00fcrfe. Der Vater wird ihn jedoch sp\u00e4ter freisprechen, da seine Mutter zun\u00e4chst traurig, dann aber gl\u00fccklich gewesen sei, da Sam endlich Freunde gefunden habe. So betrachtet konnte sie erleichtert aus dem Leben scheiden. Trotzdem kommt es noch zu einem dramaturgischen Kulminationspunkt. Sam versteckt sich in einer verfallenden Waldh\u00fctte, weil er an der vom Vater fehlgeplanten Beerdigung nicht teilnehmen will. Kirstie findet und tr\u00f6stet ihn im gemeinsamen Schlafsack, w\u00e4hrend n\u00e4chtlicher Gewitterdonner das Geb\u00e4lk erzittern l\u00e4sst. Auch seine kalifornische Schwester erscheint am Morgen danach und \u00fcberzeugt ihn von einem Plan. Sam willigt ein. Wir ahnen: eine neue Pr\u00fcfung steht bevor. Minuten vor dem Toten-Gottesdienst vertritt Sam sich im Ort noch ein wenig die F\u00fc\u00dfe. Prompt sch\u00fctten mobbende Zeitgenossen ihren Milkshake \u00fcber ihn aus, worauf Sam &#8211; jetzt schon selbstbewusster &#8211; den Jungs entschlossen den Seitenspiegel vom Auto abtritt. Die folgende Schl\u00e4gerei ruiniert ihm zwar den Traueranzug und die Z\u00e4hne, doch eilt er unerschrocken zur Kirche, durchschreitet blutverschmiert den Mittelgang durch die wartende Trauergemeinde, um wenig sp\u00e4ter vor der versammelten Gemeinde zu Ehren seiner Mutter den Punkrock Song <em>Dancing With Myself<\/em> zu gr\u00f6len, w\u00e4hrend seine Schwester mit gewaltiger Orgelbegleitung aus den H\u00f6hen der Kirche \u00fcberrascht. So vielsagend wie der Songtitel ist Sam seinem Selbst n\u00e4hergekommen. P\u00fcnktlich zum Ende der Sommerferien ist Sam so weit erstarkt, dass er den Abschied seiner drei Weggef\u00e4hrten, die ihre Zukunft in der Ferne suchen m\u00fcssen &#8211; wenn auch leidend &#8211; \u00a0verkraftet. Zur\u00fcck in der Schule ebnet der Literaturlehrer mit dem Gedichtepos <em>Hard Land<\/em> Sam die letzte steinige Wegstrecke zu sich selbst. Sams Vater offenbart sich. Auch er war ein Opfer seiner qu\u00e4lenden Familie. Die Aussprache f\u00fchrt die bis dahin sprachlosen M\u00e4nner zusammen und gibt dem arbeitslosen Vater die Kraft, den verwaisten Buchladen seiner verstorbenen Frau auch ohne Literatur- und Kaufmannskenntnisse wieder zu er\u00f6ffnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie das F\u00fchrungspersonal des Romans so sind auch die Nebenrollen mit schicksalstr\u00e4chtigen Lebensl\u00e4ufen hinterlegt. <em>Hightower<\/em> hatte als Schwarzer nur eine Chance, weil er sich diese sportlich erk\u00e4mpfen konnte. Seine Mutter verlie\u00df seinen Vater und heiratete den tiefgl\u00e4ubigen Stiefvater von <em>Hightower<\/em>. Als seine Mutter \u00fcberraschend starb, war es der Stiefvater, der dem Stiefsohn mit Glauben und harter Arbeit Halt gab. Cameron dagegen war der ewige Versager im Angesicht seines ungemein gesch\u00e4ftst\u00fcchtigen Vaters: schwul, orientierungslos, frei von Ehrgeiz. Zu guter Letzt ist es aber Cameron, der das dahinsiechende Grady rettet, indem er mit dem Geld seines Vaters das ortsbestimmende \u201eLarry\u00b4s\u201c wieder er\u00f6ffnet, dem kleinen Ort ein neues Kommunikationszentrum gibt und Sam als Mitarbeiter anstellt. Am Ende des Romans werden Gedichtfolie und Handlungsstrang zusammengef\u00fchrt als Kirstie noch einmal zu Besuch kommt. Sie rudert mit Sam \u00e4hnlich der lyrischen Vorlage <em>Hard Land<\/em> auf den <em>Lake Virgin<\/em> (!) hinaus, um Sam zu entkorken und den Mann in ihm zu befreien. Damit l\u00fcftet und bel\u00fcftet sie das selten entschl\u00fcsselte Geheimnis des Gedichtes, wie der \u00fcber den See heimkehrende Jugendliche zum Manne reifte: durch Sex (Zitat S.335). \u00a0\u00a0Danke, Kirstie!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Benedict Wells hat nicht den packenden psychologischen Anspruch einer Emma Cline, die in ihrem <em>Coming-of-Age<\/em> Roman <strong><em>The Girls<\/em><\/strong> eine Pubertierende verzweifelt den Halt einer quasi gro\u00dfen Schwester suchen l\u00e4sst, selbst als diese als Mitglied der <em>Charles Manson Family<\/em> grausam mordet. Auch wenn der Plot von <strong><em>Hard Land<\/em><\/strong> zun\u00e4chst wie eine <em>creative-writing<\/em> \u00dcbung anmutet, so bringt die Idee eines vom Sch\u00fcler zu interpretierenden Heimatgedichtes als roter Faden eine interessante zweite Ebene in das Werk, das in gewissem Ma\u00dfe durch eine dritte erg\u00e4nzt wird: Kinofilme als Fixpunkte einer Pers\u00f6nlichkeitsentwicklung. David Gilmore schrieb zwar schon 2009 den biographischen Roman <strong><em>Unser allerbestes Jahr<\/em><\/strong>, in dem eine Vater-Sohn Ann\u00e4herung und schlie\u00dflich die innere Wegfindung des gestrandeten 16-J\u00e4hrigen \u00fcber unerm\u00fcdliche Filmabende gelingt. Wenn also nicht neu, so passt dennoch das Konzept von Film und Kino ebenso in Wells Werk<em>.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Durchg\u00e4ngig \u00fcberzeugend ist die Sprachf\u00fchrung. Wie selbstverst\u00e4ndlich teilt man als Leser jeden Atemzug mit dem Ich-Erz\u00e4hler. Auch wenn <em>Hard Land<\/em> nicht die umwerfende Wirkung von <strong><em>Tschick<\/em><\/strong> des verstorbenen Wolfgang Herrndorf erreicht, scheint <em>Hard Land<\/em> ebenso auf eine Verfilmung angelegt. Daf\u00fcr sprechen nicht nur der \u201eAbspann &amp; Credits\u201c (S.341) und der schon ver\u00f6ffentlichte, 15 Titel umfassende \u201eSoundtrack\u201c (S.343), sondern vor allem der gradlinige Aufbau mit seinen farbfrohen Effekth\u00f6hepunkten. Haben wir gar ein Drehbuch gelesen? Schauen wir mal.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Note: 3<\/strong> (ur) &lt;&lt;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diogenes 2021 \u2013 347 Seiten &lt;&lt; Ein &#8222;coming of age&#8220; Roman, d.h. ein Roman \u00fcbers Erwachsenwerden. Davon gibt es nicht wenige. Wells hat einen ber\u00fchrendes Werk vorgelegt, das schon die Verfilmung in Stil und Figurentableau in sich tr\u00e4gt. 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