{"id":1546,"date":"2021-07-08T10:55:00","date_gmt":"2021-07-08T08:55:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=1546"},"modified":"2021-08-11T11:15:06","modified_gmt":"2021-08-11T09:15:06","slug":"der-geschenkte-gaul-hildegard-knef","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=1546","title":{"rendered":"Der geschenkte Gaul- Hildegard Knef"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-1556\" src=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/K1024_Der-geschenkte-Gaul-199x300.jpg\" alt=\"\" width=\"199\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/K1024_Der-geschenkte-Gaul-199x300.jpg 199w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/K1024_Der-geschenkte-Gaul-678x1024.jpg 678w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/K1024_Der-geschenkte-Gaul.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 199px) 100vw, 199px\" \/>Lingen Verlag 1970 \u2013 364 Seiten<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt;Was f\u00fcr ein au\u00dfergew\u00f6hnliches Buch ! Atemlos, stakkatoartig, S\u00e4tze die nicht zu Ende gebracht werden. Berlin, Hollywood, die Schaupl\u00e4tze vermischen sich, auch teilweise die Zeitebenen. Zeitgeschichte, Theater und Filmgeschichte aus der Sicht einer jungen, wachen und unerschrockenen Schauspielerin, die aber auch M\u00fche hat, im Raubtiergehege der Branche nicht unterzugehen. \u201eEin stecknadelgro\u00dfer Punkt sagte, es war gut, sich von dem Felsen zu st\u00fcrzen\u201c. Wie sie das oberfl\u00e4chliche Getue auf den Partys der gro\u00dfen Studiobosse beschreibt, geh\u00f6rt zu den ganz gro\u00dfen Passagen in diesem fulminanten Buch, das aber gleichwohl gelegentlich auf der Stelle tritt und dann auch etwas erm\u00fcdend wird. Trotzdem :<strong> Note 1\/2<\/strong> (\u00fcn)&lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&lt;&lt; Hildegard Knef alias Hildegarde Neff (amerik.) alias \u201eKraut\u201c (wohlwollend, engl.) &#8211; \u00a0\u00fcber die schon so viel gemeint wurde. Jetzt, 20 Jahre nach ihrem Tod noch einmal nachgelesen. Wer glaubte, sich vage an eine skandalumwitterte Schlagers\u00e4ngerin erinnern zu k\u00f6nnen, irrt. Nicht nur, dass ihr rauchiger Chanson-Rap gef\u00fchlt 25 teils tiefsinnige Langspielplatten rechtfertigte, dass ihre unb\u00e4ndige Schaffenskraft \u00fcber 60 Filme anreicherte, sondern dass sie neben der Musik, Theater und dem Film ebenso die Schriftstellerei mit sieben Werken bereicherte. Die \u00dcbersetzung ihrer Autobiographie <em>Der geschenkte Gaul<\/em> in 17 Sprachen d\u00fcrfte auch dem literarischen Gehalt ihres Werks geschuldet sein. Man darf wahrlich beeindruckt sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Berliner Knef, geboren 1925, Tochter eines wenig sp\u00e4ter an Syphilis gestorbenen Rabauken, gro\u00dfgezogen von Mutter und sorgendem Gro\u00dfvater, Mittelschule, Zeichenlehre f\u00fcr UFA-Trickfilme, Schauspiellehre, Entdeckung als Nachwuchsversprechen. Sie geht mit, fordert, l\u00e4sst sich f\u00fchren und verf\u00fchrt vermutlich. Versinkt in Unzeitgem\u00e4\u00dfem (Krieg, Nachkrieg, Nazis, Alliierte, Armut, Pomp\u00f6ses), wird herausgehoben, gefeiert, umsponnen. Der Krieg steuert 1945 auf den totalen Zusammenbruch zu, Flucht und Erotik mit dem nazih\u00f6chsten Filmmanipulator Ewald von Demandowsky, eigene Volkssturmmorde, grausame Irrwege \u00fcber Panzer-gewalzte Leichenfelder, Hunger. Selbstaufgabe trifft unb\u00e4ndigen \u00dcberlebenswillen. Sie \u00fcberlebt. Der Aufstieg einer h\u00fcbschen 20-J\u00e4hrigen. Das mordende Deutschland pl\u00f6tzlich mit einem reizenden Gesicht. Findet Anschluss bei der Unterhaltung amerikanischer und russischer Besatzer. Eine solide Schauspielausbildung durch lebenslang verehrte LehrerINNEN Pommer und Bongers fruchten: der erste Nachkriegsstar Deutschlands wird geboren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der j\u00fcdisch-amerikanische Offizier Kurt Hirsch stellt ihr nach, bet\u00f6rt sie, heiratet sie, leitet sie \u00fcber London in die USA. Das Life Magazin widmet ihr eine Titelstory. Ein Siebenjahresvertrag wird unterschrieben. Wohlstand, aber gro\u00dfe Anpassungsschwierigkeiten. Die Schwiegereltern verurteilen sie als deutsche Kriegsverbrecherin. Sie schreibt: \u201eIch wei\u00df nicht wie ich mit dem deutschen Schuldgef\u00fchl, das ich haben sollte und doch nicht haben kann, fertig werden sollte\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die amerikanische Filmindustrie wagt nicht die Kriegsdeutsche, die anders als Marlene Diedrich nicht aus Nazideutschland geflohen war, zu pr\u00e4sentieren. Paradoxerweise erh\u00e4lt sie komfortable Schecks aber keine Filmrollen. 1950 erscheint ihr deutscher Film \u201eDie S\u00fcnderin\u201c. Eine Sekundennacktszene, die Liebe einer Prostituierten und der Doppelsuizid am Filmende bewirken einen nie dagewesenen Aufruhr. W\u00e4hrend sieben Millionen Neubundesb\u00fcrger in die Kinos dr\u00e4ngen, greift das Bundesverwaltungsgericht ein. Landtagspr\u00e4sidenten und h\u00f6chste Kirchenvertreter rufen zum Boykott des Films auf. Die Polizei muss gewaltbereite Pro- und Contra-Demonstranten trennen. Ber\u00fchmt und ge\u00e4chtet flieht sie zur\u00fcck in die USA. Doch Hollywood bleibt sich treu: gierig, oberfl\u00e4chlich, ausfallend. Die Parties dienen der Sichtung und machen krank. \u201eUm die Studios hatten sich jene Schw\u00e4rme niedergelassen, die von den \u00c4ngsten der dort Agierenden lebten, allen voran, in sturmfest verankerten Nestern, eine Schar Psychiater.\u201c Auch Knefs widerspr\u00fcchliches Gem\u00fct entgleitet. \u201eIch hasse den Hass. Hasse, dass ich ihn empfinde, ihm unterliege, k\u00f6rnig-kratzig wie Teerpappe, brennesselig, gallig, kurzatmig, als m\u00fcsse er vom Fleck kommen\u2026Mit der Angst, h\u00e4ndchenhaltend mit dem Schuldgef\u00fchl vereint\u201c. Durch alles wabert mit penetrantem Gestank auch ihre Angst. Die Angst verlassen zu werden, allein in den Wirren des Lebens Entscheidungen f\u00e4llen zu m\u00fcssen, die Angst nicht gen\u00fcgend Kraft f\u00fcr den richtigen Weg aufbringen zu k\u00f6nnen. Die Angst wird sich durch ihr ganzes Leben ziehen. Vermeidungsangst setzt enorme Kr\u00e4fte und Produktivit\u00e4t frei, zersetzt aber auch ihre Psyche und Physis. Mehr als 60 Operationen, die kaum ein Organ auslassen. Ihre Krankenakte stellt sich als \u201eMuseum des Grauens\u201c dar. Unz\u00e4hlige Zusammenbr\u00fcche, vermutlich zwei Jahrzehnte Morphinabh\u00e4ngigkeit. Der ganze Mist wird ihr Muss. Eine Insel bleibt ihr dennoch: die B\u00fchne, die Studioarbeit, das Eintauchen in fremde Rollen, wenn sie jemand anderes sein darf und dadurch bei sich selbst ist. Und stets heftet sie sich an einen Mann. Drei Ehem\u00e4nner werden es am Ende, ungez\u00e4hlte Liebhaber zwischendurch. In den USA l\u00e4sst sie sich zudem von ihrer Mutter kuratieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">1954 kommt der fulminante Durchbruch: die erste Deutsche, die in einer Hauptrolle in einem Broadway Musical deb\u00fctiert. <em>Hildegarde Neff<\/em> in <em>Silver Stockings<\/em>. Fast 500 Mal tritt sie auf. Pr\u00e4sidenten, kulturelle Weltgr\u00f6\u00dfen, Konkurrentinnen applaudieren. Sie wird vor\u00fcbergehend zur Gesandten, zum Gesicht eines neuen Deutschland. W\u00e4hrend vor Ersch\u00f6pfung ihr Lebendgewicht auf 44 kg sinkt, schie\u00dft der Ruhm ins Astronomische. Nach zwei Jahren bricht sie zusammen und ihren Erfolg ab. Flucht aus Knebelvertr\u00e4gen, Flucht aus den USA.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zur\u00fcck in Deutschland beginnt eine Neubesinnung. Chanson und Literarisches r\u00fccken in den Vordergrund. Dennoch bleibt sie umstritten, liefert sich Schlammschlachten mit der Regenbogenpresse. Hat eine treue Anh\u00e4ngerschaft und offene Feindschaften. Das Geld wird knapp, ein neuer Vertrag mit einem holprigen Filmstart \u2013 nicht gut, weil doch in der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung eine Schauspielerin so gut ist wie ihr letzter Film. Inzwischen ist sie mit Tonio (David Cameron) liiert. 1970 wird er fast Witwer, als Knef ihm mit 45 unter dramatischen Umst\u00e4nden Tochter Tinta (Christina) schenkt. Tinta wird ihr ein neuer Ankerplatz. Damit endet die Biographie 32 Jahre vor ihrem Lebensende.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch wenn das Werk deutlich kompakter sein k\u00f6nnte, \u00fcberzeugt Knef mit sprachlichem Feinsinn verbunden mit einem Tiefenblick, der ihr erlaubt eine Vielzahl von Nuancen bei Begegnungen, Charakteren und Ich-Zust\u00e4nden zu transportieren. So gelesen, wenn sie z.B. den gesch\u00e4tzten Regisseur Barlog skizziert: \u201e\u2026l\u00f6ste scheinbar spielerisch einen klebrigen Satz, eine nicht zu streichende Szene, beatmete sie, lie\u00df sie leben, diktierte, ohne Diktator zu sein, stichelte stachelte ohne Sadismus. Disziplin im Chaos, unmelodramatische Ernsthaftigkeit zwischen Zynismus, \u2026er schuf die glorreichste Theaterzeit.\u201c Hierbei schreibt sie mitunter lakonisch, manchmal verletzend, h\u00e4ufig kritisch wie auch selbstkritisch, sicher auch fabulierend. Gro\u00dfartig etwa die verst\u00f6rende Darstellung US-amerikanischer Alltagsph\u00e4nomene von Hot Dog bis zu architektonischer Tristesse oder die entbl\u00f6\u00dfende Partysymbolik wiederkehrender Hollywood Sonntage oder Schul-Torturen des p\u00e4dagogischen Nahkampfs oder die Intensit\u00e4t des Kriegsgrauens oder oder\u2026Wahrlich: Hildegard Knef \u2013 eine Schriftstellerin.\u00a0 <strong>Note: 2<\/strong> (ur) &lt;&lt;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&lt;&lt; Im &#8222;Geschenkten Gaul&#8220; ist viel Interessantes \u00fcber den Zweiten Weltkrieg, sein apokalyptisches Ende und drei Jahrzehnte Nachkriegsgeschichte zu erfahren. Interkontinental. Eine so aufregende Karriere wie die von Hildegard Knef findet man selten. Von der verkleideten Soldatin, zur Filmschauspielerin, zur S\u00e4ngerin und Schriftstellerin. Beindruckende Polyvalenz. Eine Ulmerin halt. Dort war der Protest gegen die s\u00fcndige Schauspielerin nach dem ber\u00fchmten Film besonders virulent. Aber inzwischen gibt es an der Donau einen Hildegard-Knef-Platz. Ende gut, alles gut.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das vorliegende Buch, ein Bestseller, wurde in 17 Sprachen \u00fcbersetzt. Die \u00dcbersetzer\/innen beneide ich nicht. Soviel (zuviel?) w\u00f6rtliche Rede in der Berliner Umgangssprache gab es noch nie. Wirkt zwar authentisch und lokalkoloristisch, aber schwer zu \u00fcbersetzen. Was w\u00e4re, wenn ein Hesse oder gar ein Schwabe sich dergleichen erlauben w\u00fcrde? Die 16 Kapitel sind von unterschiedlicher literarischer Qualit\u00e4t. Die Schilderungen der Gro\u00dfeltern, die N\u00e4he zum j\u00e4hzornigen Gro\u00dfvater Karl beeindrucken und \u00fcberzeugen. Oder die dramatischen Szenen vom Kampf um Berlin. Die junge Frau verkleidet sich als Soldat, weil sie nicht vergewaltigt werden will. Auch die datierten Tagebucheintragungen wirken authentisch, knapp, pr\u00e4zise. Oder die eingef\u00fcgten datierten Briefe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weniger gilt dies f\u00fcr die vielen Seiten mit w\u00f6rtlicher Rede von sag mir wer die Namen sind, vielen Menschen. Kann ein Mensch ein derart gutes Ged\u00e4chtnis haben? Die Struktur des Buches wirkt patchworkig, der Stil durch die Zusammenballung von Substantiven oder Adjektiven immer wieder manieristisch. Manchmal aber auch ganz woke: &#8222;&#8230;\u00fcberfraute mich.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schon in jungen Jahren wei\u00df Hildegard genau was ihr gef\u00e4llt und was nicht. \u00dcber eine Seite lang z\u00e4hlt sie Negtives auf (S.78). &#8222;Ich hasse, ich ha\u00dfte, ich hasse&#8220;. Dagegen: &#8222;Ich schmeckte, ahnte, wollte Sch\u00f6nheit&#8220; (S.79). Klare Ansage, klares Weltbild.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit ihrem ersten Mann Kurt Hirsch reist sie in die USA. Dessen j\u00fcdische Eltern lehnen die Deutsche ab. Hirsch bricht deshalb mit ihnen. Bewegend. Ich verfluche dich&#8220;, schreit der Vater seinen Sohn an. Das tut weh.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcber die Route 66 nach Hollywood. Erniedrigende Einstellungsrituale der Produzenten. Lange vor Harvey Weinstein. Und eigentlich fast so wie sich der Provinzler Hollywood vorstellt: klatschig, hedonistisch, egotripig. Die Gespr\u00e4che oft ein Sammelsurium von Belanglosigkeiten. Die Arbeitsbedingungen in der Filmstadt bewegen sich zwischen Fr\u00fchkapitalismus und Sklavenhaltergesellchaft. Die unendlichen M\u00fchen, bis ein Musical (&#8222;Silk Stockings&#8220;) auff\u00fchrungsreif ist, werden ausf\u00fchrlichst dargestellt. Da flie\u00dfen Blut&amp;Tr\u00e4nen und Hilde verliert 10 Pfund. Der restaurative Zeitgeist der F\u00fcnfziger Jahre verschont die Autorin nicht und immer wieder wird sie in Zeitungen verleumdet. Das Buch endet mit der Geburt der Tochter. Irmgard Knef, die vom B\u00f6blinger Ulrich Michael Heissig geschaffene Zwillingsschwester, zeichnet ein etwas anderes Bild ihrer Schwester. Aber das w\u00e4re ein neues Fass.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir belassen es bei eins und eins das macht zwei und &#8230;.<strong>Note : 2\u2013(<\/strong>ax)&lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; Missgl\u00fcckt ist in Hildegard Knefs Buch allein der Titel. Der Salinger-Verweis macht ihn nicht besser. Was uns die Autorin hier von den 20er Jahren bis ins Jahr 1970 \u2013 die Chronologie immer wieder durchbrechend, berichtet, geht weit \u00fcber die Autobiographie eines Weltstars hinaus. Es ist ein Dokument deutscher Kriegs- und Nachkriegsgeschichte, aber vor allem der schonungslose Einblick in die Film- und Kinogeschichte Hollywoods. Da besucht ein 17j\u00e4hriges M\u00e4dchen mit grauenhaftem Berliner S und viel zu tief liegender Stimme die staatliche Filmschule in Babelsberg, wird von der Ufa entdeckt, Else Bongerts\u00a0 f\u00f6rdernd besch\u00fctzende Hand begleitet die Knef lebenslang, verl\u00e4sst 1948 mit ihrem ersten Ehemann Martin Hirsch, einem tschechischen Juden, Deutschland. Der Makel einer \u201ewar bride\u201c, die gehypte Erwartung einer \u201eneuen Greta Garbo\u201c, auf der Route 66 geht\u2019s zum Ziel, das Hildegard Knef entwaffnend ehrlich und naiv beschreibt: \u201eIch muss es schaffen. Was, wei\u00df ich nicht genau, au\u00dfer ber\u00fchmt werden, anerkannt, beliebt.\u201c \u00a0Im Ostk\u00fcsteneldorado wartet zun\u00e4chst etwas ganz anderes, wobei allein die Englischstunden bei Miss Cunninghum als notwendiger Berufseinstieg verbucht werden k\u00f6nnen. Ist der misslungene Versuch Hildegard Knef eine wahlweise \u00f6sterreichische oder Naziopfer-Identit\u00e4t zu geben noch historisch nachvollziehbar , so tritt mit\u00a0 dem Hollywood Produzenten und Starregisseur Mr. Selznick eine Figur auf, die eine der Schattenseiten von Hollywood bis heute zu Weinstein zeigt. Ist diese 1. Begegnung nur peinlich-primitiv, so entzaubert die Autorin auch sprachlich brilliant, was sich hinter den Fassaden und Kulissen abspielt. Poolparties als Jobb\u00f6rse, M\u00e4nnerkl\u00fcngel, Klatsch, Missgunst, Anbiederung, Ausbeutung in jeder Form. Die Schauspieler dem \u201eStudiodespotismus\u201c schutzlos ausgeliefert und mit kargen Wochenschecks abgespeist. Nicht verwunderlich, dass sich um dieses Milieu eine Schar Psychiater, Sekten, Magier und Astrologen tummelt, deren sympathischster noch Marlene Dietrichs Hausastrologe Carroll Righter ist, der auch f\u00fcr die Autorin zu einem entscheidenden Ratgeber wird. \u00dcberhaupt ist Marlene Dietrichs geradezu m\u00fctterliche Zuwendung gegen\u00fcber Hildegard Knef, bei aller Spleenigkeit und Tablettensucht, in diesem Moloch r\u00fchrend und sicherlich entscheidend, dass die Knef in dieser fr\u00fchen Phase ihrer Karriere nicht daran zerbricht. Auch die sp\u00e4teren erfolgreichsten und zugleich kr\u00e4ftezehrendsten Musicaljahre als Ninotschka in Cole Porters\u00a0 Broadwayshow \u201eSilk Stocking\u201c sind\u00a0 zumindest ohne Marlene Dietrichs Kochk\u00fcnste und Medikamentenschrank nicht zu schaffen. Allein Herb Greens unkonventioneller Gesangsunterricht f\u00fcr die Knef (\u201eIch kann nicht singen\u201c) ergibt Momente von Heiterkeit. Ansonsten Fremd- und Selbstausbeutung: 44 kg,,\u00a0 5 Uhr Fr\u00fchproben, 6 Tage die Woche t\u00e4glich 2 Auff\u00fchrungen jeweils mehr als 3 Stunden, auch wenn \u201edie Kraut die Masern\u201c hat, zwei Jahre ausverkauft, Welterfolg, die Kasse klingelt, bei der Autorin bleibt, in Geldgesch\u00e4ften v\u00f6llig unerfahren, wenig h\u00e4ngen (\u201eviel bleibt nicht \u00fcbrig\u201c), au\u00dfer Ruhm und ein ruin\u00f6ser Gesundheitszustand, der sp\u00e4testens 1968 mit der schwierigen Geburt ihrer Tochter Christina aktenkundig wird. Nachdem die Knef &#8211; von Amerika entt\u00e4uscht-\u00a0 schon einmal 1950 zu Dreharbeiten von Willi Forsts \u00e4u\u00dferst\u00a0 erfolgreichen und skandalumwitterten Film \u201eDie S\u00fcnderin\u201c \u00a0nach Deutschland zur\u00fcckkehrt, verl\u00e4sst sie 1956 endg\u00fcltig als Weltstar die New Yorker Szene, ohne in Deutschland trotz grandiosem Empfang und\u00a0 Vertrag bei der neugegr\u00fcndeten &#8211; aber von Knef als reichlich unprofessionell beurteilten-\u00a0 \u00a0Ufa im deutschen Film erneut zu re\u00fcssieren. In den 60er Jahren erfolgreicher ist die Autorin in franz\u00f6sischen, italienischen und englischen Filmen, wobei die Begegnung mit dem englischen Schauspieler David Anthony Palastanga, Knefs 2. Mann und Vater der Tochter, biografisch entscheidend ist. Die Episoden an der Seite von \u201eTonio\u201c, ob w\u00e4hrend einer Theatertournee durch Deutschland in, der Form gen\u00fcgend, getrennten Hotelzimmern, ob die Fahrt an die Amalfik\u00fcste nach Positano mit Felsklippenassoziation, das Haus am Starnberger See, eine abenteuerliche Autofahrt nach Rom oder die Tage im Schweizer St. Moritz, all diese Szenen durchzieht ein W\u00e4rmestrom, ein pers\u00f6nlicherer Ton, der \u2013Marlene Dietrich und Else Bongers\u00a0 Passagen ausgenommen &#8211; den eher n\u00fcchtern beschreibenden Passagen des autobiographischen Romans ansonsten fehlt. In jeder Beziehung ungeschminkt ist dieses Buch, nichts ist all\u00fcrenhaft. Bodenst\u00e4ndigkeit dominiert, auch in der innigen Beziehung zur Mutter. Das who is who der amerikanischen und deutschen Film, Theater- und Kulturszene ist eher eine Randnotiz, kein Glamour.John Steinbeck oder Otto Hahn als Musicalgast am Broadway oder Henry Millers Besuch in Ulm \u2013 alles \u00a0fast nebenbei. Schl\u00fcssellochperspektive, Erotisches \u2013 f\u00fcr Voyeure entt\u00e4uschend. Was die 45j\u00e4hrige Hildegard Knef da auf ihrer Schreibmaschine mit Blick auf das Furtw\u00e4ngler Haus in St, Moritz schreibt, ist sicherlich im wesentlichen eine authentische Bestandsaufnahme einer au\u00dfergew\u00f6hnlichen Schauspieler-Karriere. Ja, sie hat es geschafft, fragt sich nur um welchen Preis. Wie sie schreibt, ist \u00fcber weite Strecken des Buches literarisch gekonnt. M\u00f6gen die Wechsel der Zeitebenen und die tagebuchartigen Einsch\u00fcbe zuweilen\u00a0 auch irritieren und den Leseflu\u00df st\u00f6ren, das Leben, zumal wer szenisch denkt, ist gespickt mit Vor- und R\u00fcckgriffen. Die Klammer von Hildegard Knefs autobiographischem Roman bilden zwei Generationen, eine vergangene und eine zuk\u00fcnftige: Der Romananfang geh\u00f6rt der anr\u00fchrenden Liebeserkl\u00e4rung an einen Gro\u00dfvater \u201eSein J\u00e4hzorn war das Sch\u00f6nste an ihm\u201c , das Romanende \u2013 sicherlich nicht zuf\u00e4llig- der ersten Entt\u00e4uschungserfahrung der 2 j\u00e4hrigen Tochter Christina.\u00a0 Dazwischen liegen 45 bewegte Jahre, eigentlich viel viel zu fr\u00fch f\u00fcr ein Verm\u00e4chtnis.\u00a0 <strong>Note: 1\/2<\/strong> (ai)&lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lingen Verlag 1970 \u2013 364 Seiten &gt;&gt;Was f\u00fcr ein au\u00dfergew\u00f6hnliches Buch ! Atemlos, stakkatoartig, S\u00e4tze die nicht zu Ende gebracht werden. Berlin, Hollywood, die Schaupl\u00e4tze vermischen sich, auch teilweise die Zeitebenen. 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