{"id":1533,"date":"2021-05-21T12:42:50","date_gmt":"2021-05-21T10:42:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=1533"},"modified":"2021-08-11T10:52:56","modified_gmt":"2021-08-11T08:52:56","slug":"ein-wochenende-charlotte-wood","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=1533","title":{"rendered":"Ein Wochenende &#8211; Charlotte Wood"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-1535\" src=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/K1024_Ein-Wochenende-199x300.jpg\" alt=\"\" width=\"199\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/K1024_Ein-Wochenende-199x300.jpg 199w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/K1024_Ein-Wochenende-678x1024.jpg 678w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/K1024_Ein-Wochenende.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 199px) 100vw, 199px\" \/>Kein &amp; Aber 2020 | 284 Seiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&lt;&lt; Vier Freundinnen, Adele, Jude, Sylvie, Wendy,vierzig Jahre Freundschaft, inzwischen siebzig plus mit den dazugeh\u00f6rigen Altersmalaisen.<br \/>\nDurch Sylvies Tod vor elf Monaten ist aus dem Quartett ein Trio geworden. Symmetrie futsch. Am Weihnachtswochenende im australischen Sommer r\u00e4umen die \u00dcberlebenden Sylvies Sommerhaus am Meer. Es soll verkauft werden. Dabei ist auch Hund Finn, den Sylvie vor elf Jahren Wendy geschenkt hat, als deren Mann Lance gestorben war und sie sich in einer tiefen Krise befand. Jude und Adele hassen den altersschwachen Sabber-Bello, der seinem imperativen Harn- und Kackdrang nicht mehr gewachsen ist. Ein omnipr\u00e4sentes Memento Mori, dessen Einschl\u00e4ferung permanent gefordert wird. Die vier Frauen sind charakterlich recht verschieden und haben sehr unterschiedlich gelebt. Was sie solange zusammengehalten hat, bleibt f\u00fcr mich offen. Sylvie scheint die integrative Kraft, der Kitt der \u201eViererbande\u201c gewesen zu sein. Jetzt zeigen sich immer mehr zentrifugale Tendenzen, das \u201eGummiband\u201c weitet sich. Jude, Gastronomin und geborenes Alphatier, konnte alle Dinge, die man liebte, durch ihre Ber\u00fchrung \u201ein Schei\u00dfe\u201c verwandeln. Adele, eine extrem k\u00f6rperbetonte Schauspielerin, inzwischen ohne Auftr\u00e4ge aber in Geldn\u00f6ten. Ihre auffallenden Br\u00fcste werden so oft erw\u00e4hnt, dass ich sie (pssst&#8230;) gern live gesehen h\u00e4tte. Wendy mit Uni-und Publikationskarriere, war mit der Betreuung ihrer beiden Kinder wenig erfolgreich. Das bekommt sie jetzt zu sp\u00fcren. Manches Mal schrammt der Roman am Kitsch vorbei. Beispielsweise beim Besuch der Christmette. Der Roman regt an, \u00fcber das Warum von Freundschaften nachzudenken. Wie sind sie entstanden,warum haben sie (aus)gehalten oder auch nicht? Bei der Suche nach belastbaren Antworten bin ich<br \/>\nschneller als gedacht an Grenzen gesto\u00dfen. Der Roman endet mit einem gemeinsamen Bad im Meer. Die Kraft des Wassers. \u201eLa mer m\u2018a donn\u00e9 une carte de visite\u201c von George Moustaki fiel mir ein. Stilbr\u00fcche lassen vermuten, dass eine Schreibwerkstatt am Werk gewesen sein k\u00f6nnte. \u201eDieses Buch hat viele Unterst\u00fctzer\u201c beginnt Charlotte Wood ihre umf\u00e4ngliche Danksagung. <strong>Note : 2\/3<\/strong> ( ax) &lt;&lt;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; Eine 40j\u00e4hrige Freundschaft von vier Frauen, inzwischen alle \u00fcber 70, die sich nach dem Tod von Sylvie f\u00fcr drei Tage an Weihnachten in deren Strandhaus treffen. \u201eNehmt euch, was ihr wollt, betrachtet es als Ferien\u201c, so die Bitte der inzwischen nach Dublin zur\u00fcckgekehrten Lebenspartnerin Gail. Sylvies Haus soll verkauft werden, es gilt alles auszur\u00e4umen. Die aus wechselnder Erz\u00e4hlperspektive beschriebene Anreise- je ein Kapitel &#8211; von Wendy, Jude und Adele sind der beste Teil des Romans. Er macht klar, dass es vor allem zwischen diesen Frauen einiges auf- und auszur\u00e4umen gibt, erfahren wir doch, welch unterschiedliche Charaktere da zusammenreffen. Die Gastronomin mit hohem Entsorgungstalent, die deutlich vom Alter gezeichnete Buchautorin \u2013 \u00fcber 282 Seiten treu begleitet von ihrem dementen und tauben Hund Finn, die ehemals erfolgreiche Schauspielerin, immer noch einen Hauch flippig, wenn auch finanziell klamm, aber wie mehrfach betont, mit nach wie vor ansehnlichen Br\u00fcsten. Mir scheint wichtig, dass uns die Erz\u00e4hlerin schon fr\u00fch mitteilt, nicht nur die Fahrten in Sylvies Haus waren \u201eTradition\u201c, auch Jude l\u00e4dt j\u00e4hrlich am Wochenende vor den Weihnachtstagen die Frauengruppe zu Tisch. Dabei gilt auch hier ein wichtiges Ritual: Judes Pavlova mit den getr\u00e4nkten Pflaumen. Sie sollten uns bedeutungsschwanger sp\u00e4ter noch begegnen. Bedeutungstrivial dagegen die Assoziation mit den geviertelten Feigen, die Jude im zur\u00fcckliegenden Jahr auf der Pavlova servierte. Eine Woche zuvor n\u00e4mlich hatte die damals 71j\u00e4hrige Adele ihre neue Liebhaberin Liz zum erstenmal gek\u00fcsst. \u201eUnd dann hatten die Feigen, die so schamlos und offen dort lagen, ein neues Kribbeln in ihr ausgel\u00f6st, als sie sich eine in den Mund steckte. Zuerst war da die trockene \u00e4u\u00dfere Haut auf ihrer Zunge, danach das weiche, s\u00fc\u00dfe Innere\u201c(63) So viel Genauigkeit h\u00e4tte ich mir bei der Kl\u00e4rung der Beziehungen dieser vier Frauen in der Vergangenheit gew\u00fcnscht um die reale Entfremdung nach Sylvie Tod zu verstehen. Warum \u201ehatte Sylvies Tod merkw\u00fcrdige Schluchten der Distanz zwischen sie getrieben\u201c? Zu viert \u201ewaren sie symmetrisch\u201c- \u201ejetzt passten sie nicht mehr zusammen\u201c, Sylvie und Wendy hatten doch bis zuletzt eine Beziehung, Gail als Dritte im Bunde eingeschlossen, Jude und Adeles Beziehung wird beschr\u00e4nkt sich auf Andeutungen (S.87). So bleibt von 40j\u00e4hriger Freundschaft und N\u00e4he nur noch das \u201eausgeleierte Gummiband\u201c. Die Begr\u00fc\u00dfungsatmosph\u00e4re im R\u00e4umungsdomizil bestimmt den Ton: \u201egequ\u00e4lte Freundlichkeit\u201c. Es dominiert Doppelb\u00f6digkeit, es wird anders gedacht als gesagt, es konkurrieren Altersflecken und Verfall mit Streck\u00fcbungen am Strand, Ordnungssinn und M\u00fcllentsorgung mit Anzeichen der Verwahrlosung, die Designercouch und die Dauerprojektionsfl\u00e4che einer Hundekreatur. Man schn\u00fcffelt in Kulturbeuteln, spricht aber nicht offen \u00fcber Schw\u00e4chen. Empathie in diesem Hause dreier Freundinnen(?) \u00a0&#8211; Fehlanzeige. Stattdessen Eitelkeiten, Missgunst, Verstellungen, gar Kr\u00e4nkungen. \u201cOft und das war bei weitem das Schlimmste an Wendy, konnte man sogar das Fehlen der einen Brust sehen\u201c. Es ist der rasch wechselnden Erz\u00e4hlperspektive geschuldet (hoppla, wer ist jetzt eigentlich \u201esie\u201c), dass in diesem Roman fast nicht miteinander sondern \u00fcbereinander gesprochen wird. Lebensperspektiven, Einsamkeit, Alter, Krankheit zentrale Themen vergeigt, stattdessen Schweigen bzw. Verschweigen von Wesentlichem. Die 37j\u00e4hrige Beziehung der Feministin Jude zum verheirateten ehemaligen Westpac-Vorstand Daniel Schwarz wird tabuisiert, das Geheimnis um Sylvies Doppelrolle wird von Adele als dramaturgischer H\u00f6hepunkt erst sehr sp\u00e4t gel\u00fcftet. Donner und Blitzeinschlag k\u00fcndigen ihn melodramatisch an. Wendys Geliebte Sylvie hatte auch eine jahrzehntelange Beziehung mit Wendys verstorbenem Freund Lance. Was in diesem Zusammenhang das \u201eDing vom Strand\u201c (die widerliche Masse begegnet uns mehrfach) zu bedeuten hat, kann uns wahrscheinlich nur die australische Schreibwerkstatt erl\u00e4utern. Unter Beachtung einer intensiven Hund-Mensch Beziehung ist dagegen nachvollziehbar, dass sich nach Adeles Enth\u00fcllung Ersatzlance Finn (er ist nach dem Tod von Lance eine Geschenk Sylvies an Wendy) auf Judes Designercouch vom H\u00fchnerfleisch entleert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0Eine Episode, die als gro\u00dfartiges Schauspiel beginnt, sollte an dieser Stelle hier nicht unerw\u00e4hnt bleiben, weil sie auch literarisch furios gestaltet ist. Das zuf\u00e4llige Zusammentreffen der beiden B\u00fchnenrivalinnen Adele und Sonia Dreifus hat \u2013 ich greife zu Reich Ranickis \u00dcberh\u00f6hung &#8211; Shakespearesches Niveau (Streit der K\u00f6niginnen Maria Stuart\/Elisabeth). Das ist unterhaltsames Theater vom feinsten. Was jedoch daraus im letzten Akt folgt, ist bestenfalls Schmonzette (G.H.), eher saurer Kitsch. Die Dynamik nimmt ungew\u00f6hnlich Fahrt auf. Der schwule in Schaffenskrise befindliche Joe Gillespie und seine alternde verheiratete Gespielin Sonia , die abendliche Essenseinladung mit dem Abtritt Sonjas und dem Auftritt Adeles bei Plattenmusik und \u201eungehinderten Blicken Gillespies\u201c auf ihre \u201esommersprossigen Br\u00fcste\u201c (die kennen wir ja schon!), der Blitzeinschlag, der peitschende Wind, die weihnachtliche Vereinigung von \u201eNasser-Hund-Geruch\u201c und \u201eWeihrauch\u201c in einer kleinen Kapelle nach Wendys gegl\u00fcckter Hundesuche, schon das ist zu viel des Schlechten. Als dann auch noch Jude den Verlust des geliebten Daniel verarbeiten muss, trifft es sich gut, dass Adele bei der n\u00e4chtlichen Suche nach Wendy und Finn ihre Badeanz\u00fcge \u201eins Auto geworfen hatte\u201c. So ist m\u00f6glich, dass sich erstmals im frischen und kalten Ozean wellenumtost diese drei Freundinnen nicht nur ber\u00fchren sondern \u201eumklammern\u2026als ginge es um ihr Leben\u201c. Ja, so k\u00f6nnen lange Freundschaften enden oder ist eher gemeint neu beginnen? Selten war ich so froh, dass jetzt Schluss war.\u00a0 <strong>Note: 4 \u2013<\/strong> ( ai) &lt;&lt;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt;Die drei Freundinnen Jude, Adele und Wendy verbringen ein Wochenende im Landhaus ihrer verstorbenen Freundin Sylvie, die wohl so etwas wie die Klammer dieser Freundschaft gewesen sein muss. Nach ihrem Tod treten die Unterschiede in den Charakteren hervor. Nervende Eigenheiten werden nicht mehr \u00fcbersehen. Ebenso Runzeln und Flecken auf der altgewordenen Haut der anderen. Das Alter fordert Tribut. Neidvoll wird beobachtet, wie man sich ohne M\u00fchen noch aus dem Sitzen erheben kann oder eben auch nicht. \u201eHaare wie Adeles sah man in Werbungen f\u00fcr Seniorenresidenzen, die suggerierten, \u00c4lterwerden k\u00f6nnen etwas anderes als absto\u00dfend sein.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Menetekel f\u00fcr die Verg\u00e4nglichkeit ist der\u00a0 hinf\u00e4llige, teildemente Hund von Wendy dauerpr\u00e4sent. Sein bemitleidenswerter Zustand wird von Wood sehr fein beschrieben. Der Hund war \u00a0einst ein Geschenk von Sylvie an Wendy , um sie \u00fcber den Tod ihres Mannes Lance hinwegzutr\u00f6sten. Etwas Spannung wird aufgebaut, als angedeutet wird, dass es noch einem anderen Grund gegeben habe. Wie dies dann aufgel\u00f6st wird, entt\u00e4uscht in seiner vorhersehbaren Banalit\u00e4t. Noch schlimmer ger\u00e4t der Schluss, der die Kitschgrenze deutlich \u00fcberschreitet.\u00a0 <strong>Note: 4<\/strong> (\u00fcn) &lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kein &amp; Aber 2020 | 284 Seiten. &lt;&lt; Vier Freundinnen, Adele, Jude, Sylvie, Wendy,vierzig Jahre Freundschaft, inzwischen siebzig plus mit den dazugeh\u00f6rigen Altersmalaisen. Durch Sylvies Tod vor elf Monaten ist aus dem Quartett ein Trio geworden. Symmetrie futsch. 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