{"id":1520,"date":"2021-04-16T18:26:49","date_gmt":"2021-04-16T16:26:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=1520"},"modified":"2021-05-27T12:50:27","modified_gmt":"2021-05-27T10:50:27","slug":"code-kaputt-anna-wiener","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=1520","title":{"rendered":"Code kaputt &#8211; Anna Wiener"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-1518\" src=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/K1024_Code_kaputt-190x300.jpg\" alt=\"\" width=\"190\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/K1024_Code_kaputt-190x300.jpg 190w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/K1024_Code_kaputt-648x1024.jpg 648w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/K1024_Code_kaputt.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 190px) 100vw, 190px\" \/><\/p>\n<p>Droemer 2020 | 311 Seiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; In ihrer sehr pers\u00f6nlich gehaltenen, autobiographischen Reportage weiht die junge New Yorkerin ihre Leserschaft in den real-virtuellen Intimbereich der Hightech-Physiognomie des Silicon Valley ein. Nach dem Studium der Literaturwissenschaften und ersten darbenden Berufserfahrungen im alternativen Milieu kleiner Ostk\u00fcstenverlage folgt Anna Wiener dem Sog kalifornischer Versprechen. Mit selbstgestrickten IT-Grundkenntnissen findet sie Anschluss im kleinsten Start-up und schlie\u00dflich Software Mega-Einhorn, dessen Milliardenver\u00e4u\u00dferung auch ihr ein ordentliches Verm\u00f6gen beschert. \u00dcber mehrere Jahre kostet sie am toxischen Nektar dieser Fr\u00fcchte, berauscht sich an ihren Wirkungen und leidet unter den Nebenwirkungen. Am Ende mutet sie sich den Entzug zu, um sich schriftstellerisch verwirklichen zu k\u00f6nnen. Und dennoch wei\u00df sie schon mit 33 Jahren, dass dieses Kalifornien die wertvollste Zeit ihres Lebens beschreiben wird. Vielleicht, weil es verst\u00f6rend erhellend war und fortan ihre publizistische Kritikf\u00e4higkeit sch\u00e4rfte. Vielleicht auch, weil es Resonanz\u00fcbereinstimmungen mit ihrem Ego gab, welches nach Anerkennung, Wissensbefriedigung und Wohlstand strebt. Etwas, was sie mit vielen teilt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Durch die junge Gr\u00fcnderszene in der Bay Area wabert unentwegt eine Goldgr\u00e4berstimmung. Abenteuerlust, der Traum von \u00fcbersch\u00e4umendem Wohlstand und Ruhestand mit 36 Jahren, Subversivit\u00e4t und Mediensuchtbefriedigung. Unbestritten geniale Produktideen treffen auf Risikokapitalgeber, deren gigantisches Finanzpolster unbeschadet 90% Verluste verkraftet. Das Gros der Hunderttausende ist keine 30. Spektakul\u00e4re Erfolgsgeschichten haben Minderj\u00e4hrige eingeleitet, so dass auch ein 28-j\u00e4hriger Neumilliard\u00e4r niemanden \u00fcberrascht. Es sind die Millennials, Schulabbrecher genauso wie fr\u00fchreife Eliteuniversit\u00e4tsabsolventen, die sich \u201edown to the cause\u201c 70\/80 Stunden die Woche mit Begeisterung oder in brutaler Fremdbestimmung in den ihnen gestellten Aufgaben verlieren. Sie mobilisieren in einem Ausma\u00df Kr\u00e4fte, wie es vermutlich nur in dieser Lebensphase m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Arbeit, die sie leisten, zielt vor allem auf Finanzmittel und auf Macht. Die Lenkung des Einzelnen durch raffinierte Durchleuchtung der Massen. Es geht nicht um Kultur, Ethik, Gesellschaft oder Politik. Das von Anna Wiener beschriebene Segment instrumentalisiert Informationstechnologie: Codes und Algorithmen, die verwertbare Weisheit aus gigantischen Datavolumina von Konsumenten ziehen. Stets erfolgt die Meta-Einordnung der Arbeit kontextfrei. Der einfachste Weg, um sich aller Verantwortungen zu entziehen. Man arbeitet nur f\u00fcr den Auftraggeber. Ob er das Produkt missbraucht, liegt nicht in ihrem Ermessen. Als just in dem Moment <em>Snowden<\/em> als Whistleblower zum Staatsfeind erkl\u00e4rt wird, weil er Geheimdienstdaten ver\u00f6ffentlichte, antwortet die <em>Analytics<\/em>-Gemeinde mit eisernem Schweigen. Anna Wiener schreibt sp\u00e4ter: \u201eWir haben\u00b4s vergeigt\u201c, und meint damit die kritische Reflexion.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Viele Start-ups zielen auf existente M\u00e4rkte. Ziel ist, Reviere zu erobern, Platzhirsche zu verdr\u00e4ngen und gewinnbringende Abh\u00e4ngigkeiten zu schaffen. Das Schl\u00fcsselkonzept der Epoche hei\u00dft \u201eDisruption\u201c. Online-H\u00e4ndler verdr\u00e4ngen den Einzelhandel, Online-Couching bedroht die Reisebranche, Online-Fahrdienste gef\u00e4hrden das Transportwesen. Selten f\u00fchrt eine <em>disrupted<\/em> Ruine zu gemeinn\u00fctzigen, nachhaltigen Innovationen wie <em>Wikipedia<\/em>. Meist m\u00fcndet es im Hightech-\u00dcberlaufbecken, der Werbeindustrie. Hinter jedem dieser Ans\u00e4tze steht eine Code Idee. Anna Wiener findet: die Balance zwischen Nutzen und Missbrauch ist schon lange gekippt. Code kaputt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zun\u00e4chst bet\u00f6rend ist f\u00fcr sie das Milieu. Die Begeisterung in den kleinen Start-ups ist infekti\u00f6s, Umgangsformen sind total entspannt, Selbstverwirklichung eines jeden ist garantiert. Mit dem Skateboard durch\u00b4s B\u00fcro, Drogendepot im Oval Office, Rave Parties auf dem Lande, Ski-Coming\u2013outs in den Mountains, World Travelling ohne Grenzen. Selbst der Arbeitsplatz darf gerne permanent das Vacation Office sein. Ausgesprochene Bedingung ist jedoch der Hochleistungseinsatz, der weniger am Tun als vielmehr am Erfolg gemessen wird. Ohne diesen mutieren die jugendlichen CEOs zu Kettens\u00e4gen. B\u00e4ume st\u00fcrzen in die Lichtung. Mittlere F\u00fchrungskr\u00e4fte treten erhebliche Gehaltsanteile an Psychotherapeuten ab, um ihrer Angsttr\u00e4ume Herr zu werden. M\u00e4nner bleiben M\u00e4nner, Arroganz und seelische Gewalt sind so selbstverst\u00e4ndlich wie auch au\u00dferhalb des \u00d6kosystems. Eine unfreiwillige Trennung von einem Start-up muss Anna Wiener verarbeiten, zwei weitere vollzieht sie in vier Jahren selbst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Alternative bietet sich ihr eine expandierende Open-Source Firma. Gegenstand sind Codes, die unverschl\u00fcsselt allen zug\u00e4nglich sind. Ein Solidarprodukt, das kollektiv optimiert und vielseitig applizierbar ist. Die Anh\u00e4ngerschaft wird als subversiv, gegenkulturell und tech-utopisch charakterisiert. Aber dann die Erkenntnis, dass die Algorithmen ebenso zu Suizid- und Bombenanleitungen missbraucht werden und dass auch dieser wie alle Ans\u00e4tze der Widerspr\u00fcchlichkeit des menschlichen Daseins verhaftet bleibt. Am Ende schluckt Microsoft f\u00fcr sieben Milliarden dieses konkurrierende Unternehmen, nachdem ein Prozesskrieg gegen die Open-Source Divisionen keine Landgewinne zeitigte. Und dann die Wahl von Trump, der die ausl\u00e4ndischen Fachkr\u00e4fte aussperrt. \u201eCEOs und Risikokapitalgeber und Verzweiflungspatrioten mit treuh\u00e4nderischen Verpflichtungen reichten den gew\u00e4hlten Amtstr\u00e4gern \u00d6lzweige \u2026 Hoaxing, Desinformation und Memes, lange Zeit die Insignien der Forenkultur, verlagerten sich in die b\u00fcrgerlichen Sph\u00e4ren. Trollen wurde zu einer neuen politischen W\u00e4hrung.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Silicon Valley \u2013 ein Epochen-Biotop. So klein wie ein kartoffelgro\u00dfes Schwarzes Loch aber mit einem Wirkungsradius bis in die Au\u00dfenbezirke des Sonnensystems. Was dieses Buch so lesenswert macht, ist die gelungene Symbiose von Ich-Offenbarung, vom Sezieren der IT-Kultureingeweide, von Branchen-inherenten Philosophien und der soziologischen Dekonstruktion der unglaublich produktiven Youngsterbewegung. Beeindruckend auch Wieners literarische Inszenierung dank ausgewogener Subjektivit\u00e4t, die nicht mit Tr\u00e4nenbeuteln um sich wirft. Lesenswert. <strong>Note: 2+<\/strong> (ur) &lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt;Die 25j\u00e4hrige Anna Wiener taucht nach einem \u201eunsicheren aber angenehmen Leben\u201c in der wenig zukunftsf\u00e4higen Verlagsbranche in New York ein in die high-tech Welt von Big Data von Silicon Valley, in der hippe, smarte hochqualifizierte Mitzwanziger Start-ups gr\u00fcnden um in k\u00fcrzester Zeit beim Big Money zu landen: \u201eEin nicht unerheblicher Anteil meiner ehemaligen Kollegen wurde zu Milliard\u00e4ren\u201c -es muss nicht gegendert werden!- \u00a0l\u00e4sst uns die Autorin im Schlusskapitel wissen. Es ist eine Welt, die fasziniert und zugleich verst\u00f6rt und gerade diese Ambivalenz aufzudecken, ist die St\u00e4rke von Anna Wieners Reportage. Das Buch gibt Einblicke in ein Business, dessen Strukturen letzten Ende verborgen bleiben. Entscheidend, ist das zu vermarktende Produkt, hier Software, erdnah oder in der Cloud. Vielleicht ist das der Frust, der mich bei der Lekt\u00fcre zuweilen beschleicht und mich nach frischer Luft schnappen l\u00e4sst, dass mir die Code-Welt, die Tools, die Datenbank- strukturen und der diversen Metriken, deren Ergebnisse ich t\u00e4glich nutze, reichlich fremd und zuweilen unheimlich sind. Anna Wiener, die im Kundensupportbereich f\u00fcr Softwareentwickler arbeitet, bewegt sich durch dieses Milieu zwischen Identifikation und Distanz und gerade dadurch gelingt ihr eine \u00fcberzeugende Innensicht der Branche, die einerseits Raum f\u00fcr technikaffine Individualisten mit z.T. ausgepr\u00e4gten Spleens und Skurrilit\u00e4ten bietet, sich aber anderseits einem klaren Ziel verpflichtet wei\u00df :\u201cDas h\u00f6chste Ziel war f\u00fcr alle das Gleiche, und zwar Wachstum um jeden Preis, Skalierung \u00fcber alles. <em>Disrupten\u00a0 <\/em>und herrschen\u201c(155) \u00a0DFTC \u2013 \u201emit Leib und Seele dabei\u201c das ist das Mantra nicht nur der CEOs und so werden fast alle menschlichen Beziehungen \u00fcber Arbeitsbeziehungen definiert, \u00dcberg\u00e4nge von Arbeit und Freizeit flie\u00dfend, Lunchmeetings, Teambuildingevents, Videokonferenzen vom Poolliegestuhl aus, die Kategorie \u201eParty\u201c sinnentleert, selbst der Kuscheltherapeut beim Rave im Sacramento-Delta erweist sich f\u00fcr die Bay Area als Optimierer. \u00dcberhaupt scheint diese Szene, die ja zuweilen auch noch einen schwachen Hauch von alternativer Lebensform atmet (barfu\u00df, Gitarre,, Gras) dem Fetisch der Optimierungskultur verfallen. Als Begr\u00fc\u00dfungsgeschenk beim Open-Source-Start-up ein Schrittz\u00e4hler-Armband signalisiert nur die simpelste Form der Selbstentm\u00fcndigung. Die von der Autorin genannten \u201eProduktivit\u00e4ts-Hacks\u201c und das sog. \u201eBiohacking\u201c sind die Spitze der Fremdsteuerung. Es scheint schl\u00fcssig, dass sich unsere Autorin nach 5 Jahren dieser Welt entzieht, \u00f6konomisch einigerma\u00dfen abgesichert, keineswegs verbittert, sondern erfahrungsreich und selbstbewusst, um einen neuen kreativen Blick als Schriftstellerin von au\u00dfen auf \u201edas Ger\u00fcst, das System, das da am Werke war\u201c zu richten. Dass f\u00fcr die Autorin dieser Schritt \u201eein Weg aus dem Ungl\u00fccklichsein\u201c ist, zeigt, dass die mitunter flott beschriebene Innensicht der Techwelt, doch Spuren in der Seele hinterlassen hat. Gut, dass da Jan nicht nur ein Robotik-Nerd ist. Die Danksagung verr\u00e4t mehr als das Buch.\u00a0 <strong>Note : 2+<\/strong> (ai) &lt;&lt;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt;Nach Leif Randts Allegro Pastell nun schon wieder ein Exkurs in eine Parallelgesellschaft: Die der Start- up-Szene und der Tech Branche im silicon valley, dem \u201eunheimlichen Tal\u201c, wie der autobiographische Roman Anna Wieners im amerikanischen Original hei\u00dft. Die Ich- Erz\u00e4hlerin Anna, ohne Zweifel die Autorin, lebt 2012, als facebook an die B\u00f6rsen ging f\u00fcr \u00fcber 100 Milliarden Dollar, noch mit einem Mitbewohner, den sie kaum kennt, am Rande von Brooklyn. Sie ist 25 Jahre alt, Soziologin, und in ihrem Job als Assistentin in einer Literaturagentur festgefahren, ohne Perspektive und Aufstiegschancen, eine \u201ePrivilegierte mit guten sozialen Abstiegschancen\u201c. Ihr soziales Umfeld ist gr\u00f6\u00dftenteils analog unterwegs wie sie selbst. Das \u201eOnlinekaufhaus\u201c, wie Amazon im Buch nur genannt wird, hatte sich inzwischen allerdings schon zu einer Krake entwickelt, ohne die das Internet \u201epraktisch nicht mehr nutzbar war\u201c und die die Verlagsbranche im W\u00fcrgegriff hatte. Als Anna von einem E-Reader Start-up in New York liest, ist sie fasziniert von der Aufbruchstimmung, die die Gr\u00fcnder ausstrahlen, und bewirbt sich erfolgreich. Das Start-up war mit Millionen finanziert worden, hat aber nur 5 Mitarbeiter und die App ist noch gar nicht auf dem Markt. Der Nutzen der App, das wird Anna schnell klar, besteht weniger im Lesen, als vielmehr darin, sich selbst als jemand darzustellen, der liest. Die Zauberformel der Tech-Branche \u2013 ask forgiveness, not permission \u2013 also lieber um Verzeihung bitte, als um Erlaubnis, ist Anna noch v\u00f6llig fremd. Sie muss bald wieder gehen. Die Gr\u00fcnder des start-up raten ihr, nach San Franciso zu gehen und geben ihr auch eine Empfehlung mit. Sie ist 25. Einige ihrer College Kollegen waren dort hingezogen, in ein SF der Hippies, Lesben und Schwule, K\u00fcnstler und Aktivisten, der Entrechteten und Nichtangepassten. Inzwischen waren aber alle wieder weg. Denn bay area hatte sich in ein \u201esp\u00e4tkapitalistisches Schreckensszenario\u201c verwandelt. Die Mieten schossen in die H\u00f6he, Galerien und Konzerthallen machten zu, Datingseiten wurden von milchgesichtigen Strebern \u00fcberflutet. Anna bewirbt sich in SF um eine Kundensupport-Stelle in einem Datenanalyse -Start-up, gegr\u00fcndet von College Abbrechern, mit 12 Millionen Risiko Kapital ausgestattet und 17 Mitarbeitern. Die beiden Gr\u00fcnder sind 24 und 25. Das Start-up ging aus einem \u201eInkubator\u201c hervor, eine Art Kaderschmiede f\u00fcr Start-ups, die diesen gegen eine 7% &#8211; Beteiligung beim Start behilflich ist. Das Einstellungsgespr\u00e4ch erweist sich eher als Strafe, als eine Art schikanierendes Initiationsritual. Am Ende wird ihr aber noch \u00fcberraschenderweise der Einstellungstest f\u00fcr ein Jura Studium vorgelegt, den sie mit Bravour besteht. Sie wird eingestellt. Sie verdient 65.000 Dollar. Ihre Freunde aus der Gegenkulturszene in New York stehen der Tech Branche sehr skeptisch gegen\u00fcber. In dieser Phase gibt es widerspr\u00fcchliche Tendenzen bei Anna. Sie redet sich ein, nur einen Brotjob anzutreten, der ihr erm\u00f6glichen w\u00fcrde, weiterhin kreativ zu sein, andererseits ist sie neugierig auf ihr neues Leben, will dass ihr Leben endlich Fahrt aufnimmt. Es war eine Zeit, in der sich die Unternehmen bei den jungen Informatik Absolventen anbiederten, ihnen 100.000 Dollar Geh\u00e4lter versprachen. \u201eDen Programmieren folgten eine Flut nicht-technischer Goldgr\u00e4ber, ehemalige Doktoranden und Mitteschullehrer, Pflichtverteidiger und Kammers\u00e4nger.\u201c Anna versucht sich in die technische Dokumentation der Analyse-Software einzuarbeiten und verf\u00e4llt in Panik: \u201eIch hatte keine Ahnung, wie um alles in der Welt ich Entwicklern technischen Support leisten sollte\u201c. Ihr Analyse Start-up verschaffte anderen Unternehmen durch ihr \u201etool\u201c ma\u00dfgeschneiderte Daten \u00fcber das gesamte Verhalten ihrer Kunden, ihr \u201eengagement\u201c und das noch dazu in farbenfrohen, dynamischen \u201eDashboards\u201c. Es verdr\u00e4ngt etablierte Big Data Unternehmen. Bei den Mitarbeitern herrscht eine sehr entspannte, unkonventionelle Atmosph\u00e4re und Anna erh\u00e4lt viel Unterst\u00fctzung. Die Mitarbeiter im Kundensupport erhielten vollen Zugriff auf s\u00e4mtliche Datenbanken der Kunden, den \u201eGod-Mode\u201c. Auf diese Weise erh\u00e4lt Anna tiefe Einblicke in die Gesch\u00e4fte der Szene. Das Start-Up vertraut naiverweise darauf, dass die Mitarbeiter dies nicht ausn\u00fctzen w\u00fcrden. Es ist die Zeit, in der ein 13 Personen Foto-Sharing Start-Up- offensichtlich ist Instagram gemeint &#8211; von facebook- \u201e das soziale Netzwerk, das alle hassten\u201c f\u00fcr 1 Milliarde Dollar aufgekauft wird. Auch das Analyse start-up ist auf dem besten Weg ein \u201eEinhorn\u201c , d.h. ein Unternehmen mit einer Milliarde Dollar Bewertung zu werden.<br \/>\nAnna zieht in ein winziges Apartement, f\u00fcr 1800$ pro Monat, in einer Gegend, die noch vom Geist der 60 er Hippijahre zehrte. Sie datet verschiedene M\u00e4nner, obwohl sie sich mit Noah, der ihr als eine Art Mentor an die Seite gestellt wird, sehr gut versteht. Bei einem Softwarentwickler sp\u00fcrt sie nach einigen Treffen: Sie w\u00fcrde nicht in dessen \u201eakribisch inszeniertes Leben\u201c passen. Schon die Vorstellung, ein \u00f6ffentliches Bild oder eine individuelle \u00c4sthetik von sich selbst zu kultivieren, wie es zunehmend viele Leute ihres Alters tun, findet sie anstrengend. Es ist die Zeit, als durch Edward Snowden bekannt wird, dass die NSA Menschen in unvorstellbarem Ma\u00dfe ausforscht. Inzwischen w\u00e4chst das Analyse-Startup und Anna darf inzwischen selbst Einstellungsgespr\u00e4che f\u00fchren. Sie verliebt sich schlie\u00dflich in Ian, den Mitbewohner von Noah. Ian arbeitet in einer Robotic Firma, die von Google aufgekauft wurde. Als Noah, einer der besten im Analyse Startup, ultimativ mehr Gehalt und Aktienoption verlangt, wird der prompt gefeuert. Auch Anna wird eines Tages v\u00f6llig \u00fcberraschend vom CEO nahegelegt zu k\u00fcndigen. Sie will aber bleiben und wird sogar noch bef\u00f6rdert. Als Customer-Success Managerin verdient sie jetzt mit ihren 26 Jahren 90 000 Dollar im Jahr.<\/p>\n<p>\u00dcber eine Freundin erh\u00e4lt sie schlie\u00dflich das Angebot eine start-up, das ein open-source Tool f\u00fcr Softwareentwickler herstellt und das mit 100 Millionen Risikokapital ausgestattet ist. Das Unternehmen ist nach dem Community Modell aufgebaut und folgte deren \u201esubversivem, gegen-kulturellem und hochgradig tech-utopischen Ethos\u201c. Anna f\u00fchlt sich wohl in dem Team und hat ein vern\u00fcnftiges Gehalt mit sehr guten \u00b4Zusatzleistungen. Schon bald erf\u00e4hrt sie jedoch von Skandalen um sexuelle Bel\u00e4stigung im Unternehmen und die Stimmung wird schlechter. Auch Trolle, Fake accounts und Hasskampagnen in den sozialen Medien machen dem start-up zu schaffen. Anna l\u00e4sst sich vom Optimierungswahn der Mitarbeiter anstecken und versucht es mit Gehirndopingmitteln.<br \/>\nAls die Pr\u00e4sidentschaftswahlen anstehen, engagieren sich Anna und viele ihr Kolleginnen aus dem Startup im Wahlkampf gegen Trump. (\u201eThis Pussy grabs back\u201c). Nach dem Sieg Trumps macht sich Depression breit: \u201c Es sind keine Erwachsenen mehr im Wei\u00dfen Haus\u201c. Auch Anna f\u00fchlt sich ausgebrannt und verl\u00e4sst Anfang 2018 das open source Unternehmen.\u00a0 Nur kurz sp\u00e4ter wird es von Microsoft aufgekauft. Dadurch werden etliche fr\u00fchere Mitarbeiter von Anna zu Milliard\u00e4ren. Ihre eigenen Aktienoptionen sind 200.000 Dollar wert. F\u00fcr sie sehr viel Geld.<br \/>\nAnna will schreiben, eine kreative Arbeit machen. Sie kann sich nicht mehr vorstellen, \u201enoch einmal so gef\u00e4llig zu sein und mich derart aufzehren zu lassen\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Selten hat man so einen klug geschriebenen, sehr pers\u00f6nlichen Einblick in die fremdartige, zuweilen verst\u00f6rende Welt der Techbranche erhalten. <strong>Note: 1\/ 2<\/strong> ( \u00fcn)&lt;&lt;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; Von der Ost- an die Westk\u00fcste und nach f\u00fcnf Jahren retour. Zwei sehr unterschiedliche Welten. Anna Wiener lernt sie beide kennen. In New York als Assistentin in einer Literaturagentur, im Silicon Valley von San Francisco in der Kundenbetreuung, neudeutsch Support, von zwei IT-Firmen. Diese T\u00e4tigkeit f\u00fcllt sie \u00fcber die Jahre immer weniger aus. Der Leser*** erf\u00e4hrt viel \u00fcber die Arbeitsbedingungen und die Unternehmenskultur von IT-Firmen, \u00fcber die Denke der dort Besch\u00e4ftigten, die so ganz anders ticken als als die Lebenszeitbeamten deutscher Bundesl\u00e4nder.\u00a0 Beeindruckend ist bei aller vordergr\u00fcndigen L\u00e4ssigkeit die Forderung nach \u201eDown for the cause\u201c (DFTC), die Hingabe f\u00fcr die Firma. Selbstoptimierung in all ihren Spielarten wird gro\u00df geschrieben. Breiten Raum nehmen die Kleidung, Essen und Trinken, Freizeitgewohnheiten der \u00fcberwiegend jungen M\u00e4nner ein. Mich interessiert das in dieser F\u00fclle nur bedingt, vor allem, wenn ich dann noch nachschauen muss, was mit manchen Kleidungsst\u00fccken eigentlich gemeint ist. Die detaillierte Beschreibung m\u00e4nnlicher K\u00f6rper langweilt. Umgekehrt entst\u00fcnde Sexismusverdacht. Corporate Identity entsteht und wird gepusht durch zahlreiche au\u00dferbetriebliche Freizeitveranstaltungen. Alles sehr cool, flache Hierarchien, aber die \u201eW\u00e4rme im Team\u201c ist nur bedingt echt, wenn ein Mitarbeitergespr\u00e4ch damit endet, dass die Autorin zum Heulen aufs Klo rennt. Personeller Wechsel ist gang und g\u00e4be, anders als in beamteten Arbeitsverh\u00e4ltnissen. Bundesverdienstkreuze f\u00fcr 50-j\u00e4hrige Betriebszugeh\u00f6rigkeit sind nicht vorgesehen. Anna Wiener gelingen viele ironische und gleichzeitig sch\u00f6ne S\u00e4tze, wenn sie etwa auf einer Tagung ein \u201eMeer von M\u00e4nnern im Zaumzeug laminierter Tagestickets\u201c entdeckt oder von sich sagt: \u201eMein Hirn war zu einem M\u00fcllstrudel geworden.\u201c Man ahnt, was sich hinter dem Netzwerk verbirgt, \u201edas alle hassten\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Glossar der \u00fcberreich verwendeten Fachbegriffe und weniger Wiederholungen h\u00e4tten die Lekt\u00fcre erleichtert. Die \u00dcbersetzung des Originaltitels \u201eUncanny Valley\u201c mit \u201eCode kaputt\u201c erschlie\u00dft sich mir nicht.<br \/>\n\u201ePures Lesevergn\u00fcgen\u201c lese ich im Netz. Na ja. Lohnend auf jeden Fall.<br \/>\n<strong>Note: 2\/3<\/strong> (ax)&lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Droemer 2020 | 311 Seiten. &gt;&gt; In ihrer sehr pers\u00f6nlich gehaltenen, autobiographischen Reportage weiht die junge New Yorkerin ihre Leserschaft in den real-virtuellen Intimbereich der Hightech-Physiognomie des Silicon Valley ein. 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