{"id":1486,"date":"2020-12-11T18:32:57","date_gmt":"2020-12-11T16:32:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=1486"},"modified":"2020-12-20T18:26:12","modified_gmt":"2020-12-20T16:26:12","slug":"allegro-pastell-leif-randt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=1486","title":{"rendered":"Allegro Pastell &#8211; Leif Randt"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-1485\" src=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/K1024_Allegro-Pastell-182x300.jpg\" alt=\"\" width=\"182\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/K1024_Allegro-Pastell-182x300.jpg 182w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/K1024_Allegro-Pastell-622x1024.jpg 622w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/K1024_Allegro-Pastell.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 182px) 100vw, 182px\" \/><\/p>\n<p>Kiepenheuer&amp;Witsch | 2020 , 280 Seiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; Eine \u201egute Zeit haben\u201c, omnipr\u00e4sentes Leitmotiv. Hatte ich eine \u201egute Zeit\u201c beim Lesen des Buches? Ja und nein. Schmunzeln und freudige \u00dcberraschung \u00fcber Neuentdecktes, aber auch Z\u00e4hneknirschen. Allerdings schon beim Lesen, nicht nachts wie beim Protagonisten Jerome Daimler. Vielleicht h\u00e4tte ich auch vor der Lekt\u00fcre immer ein bisschen Ketamin oder sonstige in dieser Szene verwendete Aufheller einwerfen sollen. Aber leider war von all dem nix in meiner Hausapotheke. Jerome und seine Freundin Tanja Arnheim gingen mir ziemlich schnell auf den Geist. Soviel Achtsamkeit und Awareness, Hedonismus, Narzissmus, die Bedeutung der Distinktion, der Versuch sich um jeden Preis von anderen abzusetzen, diese Blasiertheit kombiniert mit Ignoranz und systematischem Ausblenden aller Probleme unseres Planeten, die Selbstbezogenheit, diese neurotische Konzentration auf das eigene Ich, Ich, Ich , die Bedeutung von Markenartikeln und Accessoires, diese permanente Selbstinszenierung gepaart mit sprachlicher Verwahrlosung, der Meditationskitsch, die Dummheit, das Leben zwischen 35 und 75 als die \u201everlorenen Jahre\u201c zu bezeichnen, die Lifestylerei, die durchsichtige, vordergr\u00fcndige \u00c4sthetisierung des Alltags, all das war schwer zu ertragen und machte die Lekt\u00fcre emotional anstrengend, aber nat\u00fcrlich auch aufregend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die beiden Hauptdarsteller k\u00f6nnen noch nichts wissen von den Risiken der Selbstfindung, der gef\u00e4hrlichen Reise nach Innen, von der sich manche bis ans Ende ihrer Tage nicht mehr erholen. Von der Politik wissen sie immerhin, dass links mit Wehmut und rechts mit Nostalgie konnotiert ist. Ein Jahr Zivildienst in einer sozialen Einrichtung h\u00e4tte Jerome vermutlich immens gut getan. Tanja, eine in jungen Jahren schon erfolgreiche Schriftstellerin schreibt \u00fcber derart abgelegene Themen, dass man vermuten darf, dass der Autor eine gelungene Persiflage auf den aufgeregten Literaturbetrieb angestrebt hat. Auf der letzten Seite mailt sie dann gereift wie ein Herbstapfel, aber ich nehms ihr nicht ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Unterschied zur von Florian Illies beschriebenen Ego-Gesellschaft \u201eGeneration Golf\u201c (Jahrg\u00e4nge 1965 \u2013 1975) scheint mir nicht sehr gro\u00df zu sein. Zwischendurch bl\u00e4st auch ein bisschen \u201eNordwind\u201c ( Daniel Glattauer).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Leif Randt ist ein starkes Buch gelungen. Ein vorz\u00fcglicher Beobachter und Stilist, der gener\u00f6s den ausgestreckten Zeigefinger mir \u00fcberlassen hat. Ich hoffe, dass das von ihm beschriebene Segment minorit\u00e4r ist und bleibt. Ich hoffe das im Interesse unseres Landes, das, je \u00e4lter ich werde, desto mehr sch\u00e4tze.\u00a0 <strong>Note: 2<\/strong> (ax) &lt;&lt;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; \u201eAllegro Pastell\u201c fasziniert und irritiert auf verschiedenen Ebenen. Schon die Kapiteleinteilung \u201ePhase Eins\u201c \u201ePhase Zwei\u201c \u201ePhase Neu\u201c signalisiert Neuland-Literatur (s. PanoptikumNeu). \u00a0Phase 1+2 spiegeln die Befindlichkeiten, wechselnde N\u00e4he und Distanz, des 36j\u00e4hrigen Webdesigners Jerome und der 30j\u00e4hrigen Erfolgsschriftstellerin Tanja. \u201ePhase Neu\u201c beginnt mit dem Auftritt der 35j\u00e4hrigen Unternehmensberaterin und Grundschulfreundin Marlene Seidl und m\u00fcndet in eine durch Powerpoint-Pr\u00e4sentation abgesicherte Entscheidung Jeromes und Marlenes zum gemeinsamen Kind. Das Schlusswort geh\u00f6rt wiederum Tanja mit einer von ihr eigentlich nicht zu erwartenden anr\u00fchrenden Mail. \u201eABSENDER: Tanja Arnheim BETREFF:us 04.08.2019, 23:21 Uhr\u201c. Nur ein Screenshot dieser Mail k\u00f6nnte diese Form der Kommunikation noch toppen. Wie nahe Randts Erz\u00e4hler seinen Figuren steht, zeigt sich schon auf der 1. Seite. Nicht die Handlung sondern die Reflektion der Handlung steht im Vordergrund. Wie spiegelt sich mein Verhalten im Gegen\u00fcber, welche Erwartungen werden geweckt bzw. entt\u00e4uscht. Sprachcode und Dresscode spielen in diesem Lifestylemilieu ein zentrale Rolle und da muss sich Leif Randt ganz gl\u00e4nzend auskennen. Berliner und Maintal Location, das Personal hip, \u00f6konomisch saturiert, mindestens in Medien, Design, Kunst unterwegs, hedonistisch, in der Clubszene stets kontrolliert auf Droge, nicht ikeaspie\u00dfig sondern declathonaffin, sexuell offen, aber letztlich doch bindungsbed\u00fcrftig. F\u00fcr Pfrondorf, WHO, Derendingen und den \u00d6sterberg ist in dieser Welt kein Platz, auch wenn wir jetzt als Pension\u00e4re die Zeit h\u00e4tten uns unter die 400 G\u00e4ste im Technoclub \u201eGriessm\u00fchle\u201c zu gesellen um am fr\u00fchen Sonntagnachmittag nach 45min. Wartezeit und 15\u20ac Eintritt an der \u201eCocktail d\u2019Amore Party\u201c teilzunehmen. Ob wir allerdings nach der \u201eEinnahme am Tresen\u201c wie Tanja von 14.14 bis Montagmorgen 2.15 ausharren k\u00f6nnten, ist zweifelhaft. Das w\u00e4r bei der Party \u201eLecken\u201c im \u201eUnter Tage\u201c sicherlich eher machbar. Ambivalent bleibt in diesem Roman bis zum Schluss die Frage, welche Lesart des Romans zu welchem Urteil f\u00fchrt. Minuti\u00f6se Beobachtung in Inhalt und Form eines St\u00fccks gesellschaftlicher Wirklichkeit, die mir letztendlich doch fremd bleibt, \u00a0weil sie sich ausschlie\u00dfich mit Innensichten und Selbstwahrnehmung befasst. Die gesellschaftliche Wirklichkeit ist nicht nur in der Gestalt von Bernie Sanders auf den Hund gekommen. Bei der 2. Lesart dominiert Augenzwinkern Leif Randts. Hier wird vorgef\u00fchrt und entlarvt. Tanjas PanoptikumNeu -nach Randt eine \u201eRomanminiatur\u201c zeigt wie im Literatur- und Kulturbetrieb gehipt wird. \u201eSinnstiftende Virtual Reality\u201c ein \u201eMissverst\u00e4ndnis\u201c, dem nicht nur Figuren wie Markus Lanz erliegen. Kultbuch, \u201eein Ikone f\u00fcr schwule Akademiker zwischen 20 und 45\u201c, Lesungen in Kapstadt und Wien, vermarktet zu einer vierteiligen Miniwebserie, gedreht mit Samsung S7 und was erfahren wir vom Inhalt? Eine Figur namens Liam und seine 4 schwulen Freunde wollen in einem \u201eLandschulheim\u201c (VR riecht nach Cyber space, der Schauplatz aber nach Stockbett) ihre Sucht nach sexueller Befriedigung \u201ein den Griff kriegen\u201c (gro\u00dfartig! Besser kann man die Sache nicht auf den Begriff bringen). Wenn das kein Stoff ist der nach Goethe-Institut ruft!\u00a0 Vergleichbar schlicht gestrickt sind Tanjas weitere Projekte. Jeromes Frage nach dem \u201ethematischen Zentrum\u201c ihrer 2. Romans beantwortet Tanja: \u201cIch glaube man sollte sein Thema nicht zu genau definieren\u2026es geht mehr um Religion als um Psyche\u201c und ihr letztes Romanprojekt f\u00fchrt uns aus der Perspektive einer jungen Pflegerin in ein \u201eleicht futuristische Senior*innenstift. Ein Besuch bei der verstorbenen Gro\u00dfmutter in einer solchen \u201eResidenz\u201c (Altersheim geht in diesem Milieu gar nicht) dient als Hintergrundrecherche. Nicht nur Tanjas vermeintliche literarische Fort\u00fcne erzeugt Schmunzeln, auch dort, wo der Blick mal \u00fcber das eigene Selbst nach Au\u00dfen gelenkt wird, kommt Irritation auf: Jeromes \u201efatalistischer Blick aufs moderne Wirtschaften\u201c m\u00fcndet in einer Teilzeitlandschaftsg\u00e4rtnerutopie (\u201eidealerweise Dienstag\u201c) m\u00f6glichst mit \u201evier Tage Wochenende\u201c, die Tanja noch toppt: \u201eEigentlich will ich gar nicht arbeiten\u201c. Das ist entwaffnend naiv, aber eben auch Teil des Randtschen Mikrokosmos, einer letztendlich doch verlorenen Teilgeneration zwischen Tiefsinn und Oberfl\u00e4chlichkeit. Diese Generation ist einerseits ganz ganz dicht bei sich selbst, lebt das Hier und Jetzt und ist andererseits ganz weit weg von dem, was eigentlich auch von dieser Generation zu erwarten w\u00e4re. Diese Bestandsaufnahme ist Leif Randt hervorragend gelungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass \u201eAllegro Pastell\u201c verschiedene Lesarten erm\u00f6glicht, ist ein Teil der Faszination. Schade, dass Tanja in den n\u00e4chsten Monaten in der Gruppe \u201eAllegro Kalenji \u00a0beim TSV GuthsMuths 1861 in Tiergarten pausieren muss, wie \u00fcberhaupt Randts Personal mit der Berliner Quarant\u00e4ne seine Schwierigkeiten haben d\u00fcrfte. Aber vielleicht nutzt Tanja ja die Zeit f\u00fcr ein neues Panoptikum. <strong>Note: 1\/2<\/strong> (ai) &lt;&lt;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; <strong>Eine Lovestory.<\/strong> Tanja auf dem Frankfurter Hauptbahnhof Gleis 9, Jerome findet es charmanter stehen zu bleiben. Sp\u00e4ter haben sie leicht pathetischen Sex auf seiner Couch in Maintal. Tanja zur\u00fcck in Berlin Hasenheide. Tanja und Jerome haben keine Policies der Informationsvergabe vereinbart. Sie kommunizieren meist in langen iMessages. Sie tanzt 9 Stunden auf der <em>Cocktail-d\u00b4Amore<\/em> Party. Es ist das Jahrzehnt, in dem \u00f6ffentlich ausgetragene Blowjobs den Sprung in den Mainstream schaffen. Jerome will simultan in Offenbach Ecstasy einwerfen, w\u00e4hrend sie in Berlin plant 155mg mdma zu konsumieren. Theorie vom europ\u00e4ischen <em>Energiefeld der Love Interests<\/em>. Jedem Protagonisten f\u00e4llt eine Rolle zu. Jeromes Aufgabe: Paarbeziehungen retten, indem er sich als schlechtere Seitensprungwahl entlarvt. Jerome mit Sparticket in Berlin. Der erste Sex in Tanjas Wohnung hat etwas Formelles. Im Szechuan Lokal lobt Tanja das Interieur. Am Abend betrinken sie sich. Zwischen den Getr\u00e4nken schnupfen sie vom Briefkastenschl\u00fcssel Ketamin. Tanja lobt das <em>Highfidelity-Gef\u00fchl<\/em>. Tanjas 30. Geburtstag. Jerome geht ihr unvermittelt auf die Nerven. Trennung. Sie ist fasziniert von ihrem Kontrollverlust als Janis, der Freund ihrer Freundin, auf ihrer Bettkante sitzt. Jerome bem\u00fcht sich zu feiern. Nach dem Kauf eines Marihuana Vaporizers vapt er verschiedene Hybridsorten mit Blick auf das Naturschutzgebiet. Als die Schulfreundin Marlene und Jerome ein F\u00fcnfer-Bembel Apfelwein geleert haben, spricht er: \u201eZwischen Samstag und Dienstag haben wir jetzt Cross-Partnerlook gemacht\u201c. Dass sie zwischenzeitlich Calvados bestellen, ist ein gutes Zeichen. Marlenes alte Beziehung war im dritten Jahr bei sprachloser L\u00e4hmung aber noch gro\u00dfartigem Sex zu Ende gegangen. Marlene: Dort hatte ich meinen ersten Mushroom-Trip. Jerome: <em>Psychedelics <\/em>sind die Leerstellen in meinem Konsumportfolio. Marlene zieht ein rotes Kondom aus ihrer Tasche. Er wei\u00df jetzt, dass er mit Marlene okayen bis sehr guten Sex haben w\u00fcrde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Janis pocht bei Tanja erneut auf seine gut funktionierende Aff\u00e4re mit dem Dresdener Dennis. Tanja bleibt mit ihrem Rest Eiscreme sitzen. Tanja mit Alex im <em>Tattersall<\/em>. Er wei\u00df Rat. Gruppensex im <em>Unter Tage<\/em>. Bei den Parties \u201eLecken\u201c sind auch Heteros, das entspannt. Tanja und Jerome nach f\u00fcnf Monaten erneut bei einer Hochzeitsparty. Sie nehmen eine schwarze Levi\u00b4s vom <em>saferparty.ch<\/em> Versand. Jerome sp\u00fcrt eine Erektion. Tanja will in Berlin mehr Langeweile wagen. Jerome feiert seinen sechsunddrei\u00dfigsten Geburtstag bei Mutter. Er isst mit Marlene, sie Steak, er Dorade. Sie probieren gegenseitig und best\u00e4tigen ihren jeweiligen positiven Eindruck. Sie knutschen kurz. Die n\u00e4chste Knutschphase dauert etwas l\u00e4nger. Jerome will wissen, ob er es gut ertragen kann, sie zu lecken. Die Einsicht ist, dass er es gerne tut. Jerome und Marlene in Como. Sie schlafen sechsmal miteinander, an zwei Tagen gar nicht, daf\u00fcr am Ankunftstag dreimal. Am vierten Tag nehmen sie psychedelische Pilze. Der Rausch nimmt sich \u00fcberraschend freundlich aus. Marlene wird schwanger. Jerome arbeitet die Familienzukunft in einer PowerPoint Pr\u00e4sentation auf. Marlene ist die ges\u00fcndeste Liebe seines Lebens. Sie w\u00fcrde immer Geld verdienen. Tanja bewahrt sich ihre Liebe f\u00fcr Jerome. Finito.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So gelesen h\u00e4tte diese Love Story nicht geschrieben werden m\u00fcssen, ist sie doch so fade wie der allegropastelle Einband der Originalausgabe. Zugegeben, da ist noch etwas mehr. Ein Mehr, dass \u00e4hnlich wie die Inspektion der \u201eGeneration Golf\u201c von F. Illies (2000) bedingt analytisch wie auch selbstironisch die Generation Y (Abk\u00f6mmlinge der 80er Jahre) erhellt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Virtuelle Welten<\/strong>. Die Protagonisten dieses Romans sind nicht unwesentlich affin f\u00fcr virtuelle Lebensgestaltung. Hierf\u00fcr setzt Randt alte und neue Welten au\u00dferhalb des Wahren unmittelbar nebeneinander und l\u00e4sst sie ineinanderflie\u00dfen. Tanja ist Jungautorin mit dem Fokus einer sinnstiftenden <em>Virtual Reality<\/em>. Literatur war immer schon irreal-real und scheint es hier sogar in zweifacher Hinsicht. Die IT-Welt des Webdesigners Jerome bewegt sich zwischen Medien-fokussierter Selbstinszenierung seiner Kundschaft in Form von Webpages und entr\u00fcckten Lavalampen-Pitches, in denen verquirlte Ger\u00e4usch- und Farbverl\u00e4ufe seelische Erhellungen provozieren sollen. Virtuell-reale Zust\u00e4nde. \u00c4hnlich farbenfroh wirkt schlie\u00dflich die Welt biologischer und synthetischer Rauschmittel, die wie die Literatur Elemente der Realit\u00e4t in Formen des Irrealen transformiert und verfremdet. So betrachtet, ist die virtuell fixierte Generation Y von der durch Literaturklassiker gepr\u00e4gten Elterngeneration nicht prinzipiell verschieden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Literaturbetrieb. <\/strong>Tanja versucht sich als Schriftstellerin. Das erste und einzige Werk liegt schon dreieinhalb Jahre zur\u00fcck, ist d\u00fcnn und f\u00fchrt zu Missverst\u00e4ndnissen. Ihre Einladung zum Fernsehmoderator Lanz weist ihr eine Rolle zu, der sie sich nicht gewachsen f\u00fchlt. Die Urteile \u00fcber ihre Person schwanken zwischen hochn\u00e4sig und erfrischend inkompetent. Ihre Protagonisten sind schwul, worauf homosexuelle Akademiker sie zur Ikone stilisieren, w\u00e4hrend FeministInnen ihr vorwerfen, dass sie sich \u00fcberhaupt mit M\u00e4nnern besch\u00e4ftigt. W\u00e4hrend der Schauplatz ihres \u201ezukunftsweisenden\u201c Miniaturromans ein altes Landschulheim ist, soll ihr zuk\u00fcnftiger Roman aus Seniorenstiften gespeist werden. Die staunende R\u00fcckblicks-Melancholie am Lebensende. Ihre Freundin empfiehlt dagegen das Thema Wechseljahre, das sicher niemand besser in Szene setzen k\u00f6nne als Tanja. Tanja selbst: Nehmt mich nicht ernst. Vielleicht ist es dieser Aspekt von Allegro Pastell, mit dem der Jungschriftsteller Randt auch sich und den Literaturbetrieb ironisch inzeniert. Vom Sprachduktus der Y-ers ganz zu schweigen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die Charaktere.<\/strong> Die Repr\u00e4sentaten der urbanen Generation: Gut-Drei\u00dfigj\u00e4hrige, akademisch vorbereitet, berufliche Individualisten, angedeutete Hedonisten, aufgekl\u00e4rt, konsumselektiv, rauschoffen, depressiv (Schwester), triebbereit, bindungsbegrenzt (Tanja), ritualbeengt (Jerome), mobilbetont, tolerant. Summa summarum: ein moderner Sapiens Subtyp. Kann man leben lassen. Auch hier darf dem Autor Randt ein ambivalentes Augenzwinkern zugetraut werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gelegentliche Originalit\u00e4t ist eingef\u00fcgt. Mit Wohlwollen sogar Sinnhaftigkeit. Ein bisschen Popkultur, ein wenig Generationenstudie unter einer gro\u00dfz\u00fcgig aufgetragenen Deckschicht Pomade. Das Buch kann man lesen, will es aber nicht unbedingt m\u00fcssen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Note: 3<\/strong> (ur) &lt;&lt;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; Verschiedene Leser haben gefragt: \u201eIst das alles ernst gemeint? Die Figuren gehen mir ganz sch\u00f6n auf die Nerven\u201c. Die richtige Frage und ein richtiger Befund. Trotzdem oder gerade deswegen ein sehr gutes Buch, das dem Leser die Parallelwelt einer Generation der um die 30-j\u00e4hrigen offenbart, in deren Alltag sich einerseits viel um \u00c4u\u00dferlichkeiten und Distinktion durch Markennamen, hippen Restaurants, Essen und Kommunikationscodes dreht, andererseits aber unendlich viel auch um Selbstreflexion und Befindlichkeiten dreht.\u00a0 Ein typischer Satz: \u201eJerome mochte den Gedanken, dass er sich selbst gegebenenfalls unertr\u00e4glich finden w\u00fcrde, k\u00f6nnte er sich von au\u00dfen in der U4 sehen\u201c. Das ist \u00e4u\u00dferst klug von Leif Randt beobachtet und mit psychologischer Tiefenbohrung beleuchtet. Das Leben einer extrem selbstbezogenen Generation in Berlin \u2013 Tanja &#8211; und Frankfurt- Jerome- \u00a0bilden den Rahmen. In Berlin geht es darum \u201em\u00f6glichst publikumswirksam eine gute Zeit zu haben\u201c.<br \/>\nDrogen geh\u00f6ren selbstverst\u00e4ndlich dazu. Die Unentschlossenheit, die Ambivalenz, These und Antithese in ein und demselben Gedanken und das Fehlen eines festen Standpunkts durchdringen Allegro Pastell porentief. \u201eSie diskutierten dar\u00fcber, ob Marlenes Kontaktaufnahme nun steril und abgeschmackt oder das genaue Gegenteil davon gewesen war\u201c. Everything is possible. In der auff\u00e4llig h\u00e4ufig verwendeten Vokabel \u201e erstaunlich\u201c dr\u00fcckt sich schon der halbe R\u00fcckzug von jeglicher \u00a0Festlegung aus. Sex mit Mitte 30 war \u201eauch ein klein wenig austauschbar, unpers\u00f6nlich und egal\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass man Leif Randts Roman deshalb als Parodie, Ironie, Satire, Persiflage lesen muss, um einen veritablen Lesegenuss zu haben, liegt auf der Hand. Das geschilderte Milieu wird zu Kenntlichkeit decouvriert. Schon das in der Belletristik verp\u00f6nte , von Randt aber in Tanjas und Jeromes Gedankenwelt selbstverst\u00e4ndlich verwendete Gendersternchen (Autor*innen) spricht f\u00fcr sich.<br \/>\nHerrlich der Literaturbetrieb, der Tanja mit ihrer \u201eRomanminiatur\u201c PanoptikumNeu f\u00fcr \u201e schwule Akademiker zwischen 20 und 45 zu einer Art Ikone\u201c \u00a0macht.\u00a0 \u201eVon Tanja wusste Jerome, dass sie Peter Handke ebenfalls mochte, er hatte in Erinnerung, dass er ihr liebster Autor aus der Schweiz war\u201c. Das ist auf den Punkt gebracht. Besser kann man den literarischen Kosmos von Jerome oder von Tanja oder von beiden nicht beschreiben. Sp\u00e4testens wenn Jerome , als er erf\u00e4hrt, dass er Vater wird, schnell eine Power Point Pr\u00e4sentation Pro und Contra Kind entwirft\u00a0 und meint,\u00a0 ihr Kind k\u00f6nnte &#8222;eine sinnvolle Religion&#8220; erlernen, muss klar sein, in welchem literarischen Sujet sich Randt meisterhaft bewegt.\u00a0 <strong>Note: 1 \u2013<\/strong> (\u00fcn) &lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kiepenheuer&amp;Witsch | 2020 , 280 Seiten. &gt;&gt; Eine \u201egute Zeit haben\u201c, omnipr\u00e4sentes Leitmotiv. Hatte ich eine \u201egute Zeit\u201c beim Lesen des Buches? Ja und nein. Schmunzeln und freudige \u00dcberraschung \u00fcber Neuentdecktes, aber auch Z\u00e4hneknirschen. 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