{"id":1426,"date":"2020-06-05T12:51:45","date_gmt":"2020-06-05T10:51:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=1426"},"modified":"2020-10-08T13:00:59","modified_gmt":"2020-10-08T11:00:59","slug":"die-pest-albert-camus","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=1426","title":{"rendered":"Die Pest &#8211; Albert Camus"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-1430\" src=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/K1024_Die-Pest-185x300.jpg\" alt=\"\" width=\"185\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/K1024_Die-Pest-185x300.jpg 185w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/K1024_Die-Pest.jpg 768w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/K1024_Die-Pest-631x1024.jpg 631w\" sizes=\"(max-width: 185px) 100vw, 185px\" \/>rororo 92. Auflage 2020| 350 Seiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; Wahrscheinlich h\u00e4tte unser Quartett, das nicht so sehr auf Oldies steht,\u00a0 dieses Buch nie gelesen, ja wenn nicht\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus den bekannten Gr\u00fcnden erlebt der Roman derzeit eine Renaissance. Und es finden sich \u00fcberraschend viele Parallelen zur aktuellen Pandemie. Ignorieren und Verdr\u00e4ngen, Solidarit\u00e4t, aber auch Egoismus, es scheint Kontinuit\u00e4ten zu geben. Das gilt auch f\u00fcr Medien und Beh\u00f6rden. Ebenso f\u00fcr die Feste hinterher, die hierzulande vielleicht schon zu fr\u00fch beginnen. Staatliche Konjunkturprogramme erw\u00e4hnt der Autor nicht. Eindrucksvoll schildert Camus das W\u00fcten der Pest, das Sterben der Menschen, ihre Verzweiflung. Der Arzt Bernard Rieux k\u00e4mpft und k\u00e4mpft gegen die Seuche, wird zum Helden und bleibt dabei trotzdem menschlich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gottesmann Paneloux stellt in seiner ersten Predigt selbstsicher die Epidemie als berechtigte g\u00f6ttliche Strafe f\u00fcr die S\u00fcnden der Menschen dar. Sp\u00e4ter erlebt er die Agonie eines Kindes. \u201eMein Gott, rette dieses Kind\u201c betet er und bleibt unerh\u00f6rt. Seine Hilflosigkeit kleidet er in den Satz \u201cAber vielleicht m\u00fcssen wir lieben, was wir nicht verstehen.\u201c Rieux antwortet ihm, dass er eine andere Vorstellung von der Liebe habe und er sich weigere \u201eeine Sch\u00f6pfung zu lieben, in der Kinder gemartert\u201c w\u00fcrden. Sp\u00e4ter schlie\u00dft sich der Priester einer Helfergruppe an, die Rieux in seinem Kampf unterst\u00fctzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Gruppe wird von Tarrou ins Leben gerufen. Er und Rieux werden Freunde. Ihre Gespr\u00e4che, eher Monologe mit philosophischem Tiefstgang, erinnern manchmal, sorry, an den kleinen Prinzen, wenn er mit dem Fuchs spricht. Der st\u00e4dtische Angestellte Grand von beispielhafter Pflichterf\u00fcllung, bleibt etwas r\u00e4tselhaft mit seinem Romanprojekt, dessen ersten Satz er immer wieder korrigiert, verbessert. Seine Schreibblockade wird manchmal fast zum running gag.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Bekehrung des in Oran gestrandeten Journalisten Rambert vom Egoisten zum Altruisten \u00fcberraschte mich. Die Deutung des Romans als eine Allegorie auf die deutsche Besatzung\u00a0 oder das B\u00f6se an sich scheint mir nicht zwingend zu sein. Warum Camus sich f\u00fcr eine relativ komplizierte Erz\u00e4hlstruktur entschieden hat (Rieux als Erz\u00e4hler, Tarrous Tagebuch als zus\u00e4tzliche Quelle) bleibt f\u00fcr mich unklar.<\/p>\n<p>Ist \u201eDie Pest\u201c ein M\u00e4nnerbuch? Frauen existieren nur als M\u00fctter und Geliebte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit \u201eLa Peste\u201c ist Albert Camus ein zeitloses Werk gelungen. Als ich im Fr\u00fchjahr 1971 an seinem bescheidenen Grab in Lourmarin stand, wollte ich den Roman lesen. Leider hat es nun doch fast 50 Jahre gedauert.\u00a0<strong> Note: 1\/2<\/strong> (ax) &lt;&lt;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; Meine Taschenbuchausgabe stammt aus den sp\u00e4ten 60er Jahren und die sp\u00e4rlichen Randnotizen zeigen, mein April 2020 hat die Lekt\u00fcre von Camus \u201eDie Pest\u201c v\u00f6llig ver\u00e4ndert. Die Dimension der Apokalypse, \u00a0sie ist unvergleichlich und doch zeigt das in die 40er Jahre verlegte Geschehen im nordafrikanische Oran Muster und Abl\u00e4ufe, die erstaunlich gegenw\u00e4rtig sind. Ist es nur einfaches Fieber oder doch schon mehr, gar die Pest, wie lange kann man verharmlosen, gar verleugnen und vertuschen bis es zum radikalen \u201eLockdown\u201c, der Schlie\u00dfung der Stadttore kommt? Die Stunde der Pr\u00e4fektur und Verwaltung unterst\u00fctzt durch \u00e4rztliche Expertise, Serum und Impfung wirkungslos, Spit\u00e4ler im Krisenmodus, Quarant\u00e4ne, Pestkurven, Statistiken (zun\u00e4chst t\u00e4glich, dann w\u00f6chentlich!), Expertenstreit, die erbarmungslose \u201eDiktatur der Realit\u00e4t\u201c, von der Einzelbestattung ohne Trauergemeinde zum Massengrab, Todesk\u00e4mpfe, Besuchsverbote in Krankenh\u00e4usern, fehlendes Material und Personal, Sanit\u00e4tshilfstruppen, ein Stadion als Absonderungslager, Isolation, Vereinsamung, Wirksamkeit von Gazemasken \u00fcber Mund- und Nase, \u00f6konomische Kollateralsch\u00e4den, Zusammenbruch des Handels\u00a0 (ersetzt durch \u201eSchleichhandel\u201c), Ende des Fremdenverkehrs, steigende Arbeitslosigkeit \u2013 ein Rest von Begegnung bleibt: Cafes und Restaurants ge\u00f6ffnet, keine Abstandregel. Dann Abflauen der Pest, fallende Statistiken, Lockerungen in\u00a0 Zweiwochenfristen bei gleichzeitiger Warnung vor Aufflammen,\u00a0 \u00d6ffnung der Tore, fahrende Z\u00fcge, ge\u00f6ffnete Bahnh\u00f6fe, Neubeginn, Wiedersehen aber auch Verlusterfahrung. Was wird sich \u00e4ndern, folgt der Zeit des Leidens die Zeit des Vergessens, was bleibt im kollektiven Ged\u00e4chtnis (auch heute?), wie lange halten Lustbarkeiten und Fr\u00f6hlichkeit?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was in Oran \u201edieser frohen Menge unbekannt war\u201c dessen ist sich Dr. Rieux, der sich am Romanende nicht nur als Chronist sondern auch als belesen belehrender Mahner zu erkennen gibt, gewiss: Die Pest kommt wieder. Trotz dieser bedr\u00fcckenden Botschaft bleibt der Erz\u00e4hler nicht ohne Zuversicht: \u201eWas man in den Heimsuchungen lernen kann\u201c bilanziert er zum Schluss \u201en\u00e4mlich da\u00df an den Menschen mehr zu bewundern als zu verachten ist\u201c. Nicht nur die zentralen Figuren des Romans, Dr.Bernard Rieux, Jean Tarrou, Raymond Rambert, Josef Grand, Herr Gottard stehen f\u00fcr dieses Menschenbild Camus. Am liebevollsten findet diese Bewunderung Ausdruck in der Person des nur auf den ersten Blick etwas verschrobenen kleinen Angestellten Josef Grand. Allein seine Geschichte: gl\u00e4nzend!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDie Pest\u201c tr\u00e4gt im Gegensatz zu den Schergen des Faschismus und seinen Nachfolgern kein Gesicht, Allegorien k\u00f6nnen auch vernebeln. <strong>Note: 1<\/strong> ( ai) &lt;&lt;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; Im Jahr <em>Corona globalis<\/em> liest sich Camus\u00b4 Roman von 1947 als vision\u00e4res Werk, das den pandemischen Ausnahmezustand des Jahres 2020 in zahlreichen Einzelheiten vorwegzunehmen scheint. Abgesehen davon, dass vermutlich schon vor Camus\u00b4 Zeiten Formen des gesellschaftlichen wie des pers\u00f6nlichen Krisenmanagements \u00e4hnlich den heutigen etabliert waren, darf auch spekuliert werden, ob Camus\u00b4 Pestbazillus nicht vor allem eine Allegorie f\u00fcr das infekti\u00f6s B\u00f6se im Menschen darstellt. Camus platziert das Geschehen in die gesichtslose, algerische K\u00fcstenstadt Oran, im Jahr 194\u2026 Das Drama beginnt mit einem bizarren, massenhaften Rattensterben, dem bald erste Menschen folgen. Nach anf\u00e4nglichem Ignorieren, verk\u00fcnden schlie\u00dflich die Beh\u00f6rden eine Pestepidemie, mit weitreichenden Einschr\u00e4nkungen. \u00dcber Monate darf niemand die milit\u00e4risch abgeriegelte Stadt verlassen. Erkrankte versterben meist innerhalb weniger Tage. Kontaktpersonen werden in Quarant\u00e4nestationen zwangseingewiesen. Haustiere werden exekutiert, Lebensmittel und Strom rationiert. Versorgungs- und Dienstleistungen brechen zusammen. Weil die Infektionszahlen stetig in die H\u00f6he schnellen, werden fortlaufend neue Auffanglager, leistungsf\u00e4higere Leichentransporte, Friedhofserweiterungen und Beerdigungsbeschleunigungen eingef\u00fchrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In diesem Zustand des Grauens, verdr\u00e4ngt das Entsetzen die Zeiten. Erst weicht der Blick f\u00fcr die Zukunft, die nie mehr zur\u00fcckkehren wird. Das Wissen und Erwarten, wof\u00fcr gelebt wurde, versiegt in der Hoffnungslosigkeit. Dann verblassen die Erinnerungen &#8211; die Vergangenheit entgleitet. Die nackte Gegenwart wird schlie\u00dflich zunehmend gegenstandslos. Eine kurze Evolution der Gef\u00fchle macht sich breit. Ungl\u00e4ubigkeit, dann \u00c4rger, Widerstand, Furcht und Verzweiflung und letztlich Lethargie. Die individuellen Schicksale zerrinnen im kollektiven Niedergang. Camus stellt diesen Reaktionen der Stadtgesellschaft eine kleine Gruppe von M\u00e4nnern gegen\u00fcber, die sich mit unterschiedlichen Mitteln und \u00dcberzeugungen der Epidemie entgegenstellen. Die zentrale Figur ist Dr. Rieux, der als Arzt und Agnostiker bis zur Ersch\u00f6pfung Hilfe leistet &#8211; selbst im Wissen der Ausweglosigkeit. Ihm gegen\u00fcber steht Pater Paneloux, der die Pest f\u00fcr eine gerechte Strafe Gottes h\u00e4lt, der man nicht mit medizinischen Mitteln sondern religi\u00f6ser Inbrust begegnen sollte. Der zum Freund reifende Partner im t\u00e4glichen Sanit\u00e4tskampf wird Tarrou. Tarrou ist Moralist und Chronist von Belanglosigkeiten, nachdem er von den gro\u00dfen Gesellschaftsentw\u00fcrfen zutiefst entt\u00e4uscht wurde. Unterst\u00fctzt werden sie durch Rambert, der als Journalist ungl\u00fccklicherweise in der Stadt h\u00e4ngen geblieben ist. Auch der blassgrau wirkende Amtsassistent Grand unterst\u00fctzt sie durch beflissene Schreibtischarbeiten. Interessiert, aber ohne erkennbaren Einsatz werden sie zudem begleitet von dem Rentner Cottard. Er wird von der Seuche vor\u00fcbergehend profitieren, da die Polizei lange keine Zeit findet, ihn &#8211; den Straft\u00e4ter &#8211; dingfest zu machen. Warum diese Figuren? Dass sie im allegorischen Szenenbild des B\u00f6sen die Guten, die Mitl\u00e4ufer, die Verblendeten, die Tr\u00e4umer und die Aufrichtigen verk\u00f6rpern, darf vermutet werden. Bemerkenswert bleibt, dass Frauen in diesem Plot keine gr\u00f6\u00dfere Rolle zuf\u00e4llt. Am Ende des Romans wird der Leser erfahren, dass das Gelesene die Aufzeichnungen Rieuxs sind, der sich lange Zeit nicht zu erkennen gibt, um den Anschein der Objektivit\u00e4t zu wahren. Eine kleine erz\u00e4hltechnische Raffinesse, zumal suggeriert wird, dass \u00fcber dem Protokollanten doch noch ein allwissender \u00dcber-Erz\u00e4hler steht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Seuchenbakterien w\u00fcten erbarmungslos und in atemberaubendem Tempo. Von Fl\u00f6hen und Mitmenschen \u00fcbertragen, befallen sie Organe und verursachen steinharte Schwellungen der Lymphknoten, die als schwarze Beulen auf der Haut erscheinen, verbunden mit unertr\u00e4glichen Schmerzen. Wenn die Lunge befallen wird, tritt der stinkende Tod h\u00e4ufig schon nach zwei Tagen ein. Therapiebem\u00fchungen bleiben erfolglos. Dr. Rieux kann nur den Niedergang verwalten, muss mit Polizeigewalt Infizierte einweisen, die ihn als Richter und die Einweisung als Todesurteil empfinden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein zentraler Begriff, den Camus schon fr\u00fch in das Pest-Szenario einf\u00fchrt, ist der des \u201eExils\u201c. Ein Zustand des \u00dcberlebens, der von innerer Heimatlosigkeit gepr\u00e4gt wird. Eine Heimatlosigkeit, die sich im Romankontext nicht als geographischer, sondern als emotionaler Verlust darstellt. Ein Verlust, dem sein gr\u00f6\u00dfter Schmerz durch das Getrenntsein von vertrauten Menschen eingebrannt ist &#8211; \u201ezusammen mit der Angst das schlimmste Leid dieser langen Zeit des Exils\u201c (S. 77). Eine bei\u00dfende Leere, die f\u00fcr die gerade zu Ende gegangenen Weltkriegsjahre des Autors pr\u00e4gend war. Am Ende des Romans ist es gerade die Aufl\u00f6sung des Exils, das Wiedererlangen der sozialen Verbundenheit, das reale und psychische Umarmen der lange Getrennten, welches eine \u00fcberw\u00e4ltigende Lebensfreude entfacht. \u201eSie wussten jetzt, dass es, wenn \u00fcberhaupt, etwas gibt, was man immer ersehnen und manchmal bekommen kann, n\u00e4mlich menschliche Z\u00e4rtlichkeit\u201c (S. 341). Als tragischen Held dieser Gef\u00fchle gestaltet Camus den verschroben wirkenden Grand. W\u00e4hrend sich ringsherum die Toten h\u00e4ufen bastelt er mit grotesk wirkender Eifrigkeit in Sisyphos-artiger Endlosigkeit am ersten Satz eines literarischen Epos zu Ehren seiner Angebeteten, die ihn nicht erh\u00f6ren will.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Einordnung des Romans in einen Erkenntnis- und Moralkontext erlaubt vor allem der Gedankenaustausch zwischen Tarrou und Rieux. W\u00e4hrend Rieux einem altruistischen Reflex folgt \u2013 ihm ist nur Gutes m\u00f6glich, selbst wenn es nicht gew\u00fcrdigt wird \u2013 ist Tarrous Einsatz das Ergebnis eines schmerzlichen Entwicklungsprozesses. In einem Richterhaushalt gro\u00df geworden, schockiert ihn die Anma\u00dfung, dass \u00fcber Leben und Tod geurteilt wird. Orientierung suchend vagabundiert er anf\u00e4nglich durch das Leben, um sich in der Folge militanten Befreiungsbewegungen anzuschlie\u00dfen. Getragen wird seine Unruhe von der Hoffnung, nicht nur Ideale auszumachen, sondern deren nachhaltige G\u00fcltigkeit zu erzwingen. Der Umstand, dass programmatische Gewalt auch hier zur Durchsetzung zwingend scheint, ersch\u00fcttert seine Zuversicht. Das B\u00f6se tun, um das Gute zu wollen, bleibt ein inakzeptables Paradoxon. In einem Punkt n\u00e4hert sich hier die pragmatische Einsicht des Atheisten der des Klerus an. Sowohl Tarrou wie auch Pater Paneloux bewerten die Pest als Z\u00e4sur des menschlichen Daseins, die in ihrer erbarmungslosen Grausamkeit den Menschen zum Einhalt und zur Einsicht zwingt. Und damit zur Umkehr zu einem gef\u00e4lligeren, humanistischen Leben. In diesem Zusammenhang entpuppt sich die Pest in der Tat als Allegorie des B\u00f6sen: das vielleicht prinzipiell B\u00f6se im Menschen, vielleicht das politisch B\u00f6se in Form des Totalitarismus wie der gerade \u00fcberwundene Faschismus. Die literarische Pest ist vom Autor mit einem dialektischen Doppelcharakter angelegt: sie ist das Subjekt, das den Niedergang bewirkt. Sie k\u00f6nnte aber auch der reinigende Prozess werden, der das Diabolische \u00fcberwinden hilft &#8211; wenn denn der Mensch die Zeichen annimmt. Ob die Allegorie und der offensichtliche Doppelcharakter gl\u00fccklich gew\u00e4hlt sind, darf diskutiert werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vermutlich spiegeln Tarrou und Rieux widerstreitende Z\u00fcge Camus\u00b4. Hoffnungslos, aber dennoch \u00a0nach Erkenntnis strebend in der Person von Tarrou, und dem\u00fctig akzeptierend und empathisch bei Rieux. Verbindend wohnt beiden der humanistische Glaube an den Menschen inne, auch wenn der Mensch ewig vom moralischen Abgrund fasziniert bleibt, und der Pestbazillus nie sterben wird.\u00a0 <strong>Note: 2 \u2013<\/strong> ( ur) &gt;&gt;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&lt;&lt; In Zeiten von Corona liest sich die Pest von A. Camus als fr\u00fche Vision, wie sich das Leben in einer Pandemie anf\u00fchlen kann. Da ist die Rede von Schlangen vor den Gesch\u00e4ften, von Massengr\u00e4bern, von Fahndungstrupps, von Lagern im Fu\u00dfballstadion, von Isolation, auch davon, ob man nicht \u201eeine Lockerung ins Auge fassen\u201c k\u00f6nne. Nat\u00fcrlich bildet sich nicht alles 1:1 ab, aber die Parallelen sind doch frappierend. Im Zentrum steht aber nat\u00fcrlich die Frage, wie sich Menschen in einer solchen Ausnahmesituation verhalten und wie sich das ethische Koordinatensystem verschieben kann. \u201eEr war nicht da um Leben zu retten, er war da, um Isolation anzuordnen\u201c.<br \/>\nEin wiederentdeckter, sehr lesenswerter Klassiker.\u00a0 <strong>Note: 1\/2<\/strong> ( \u00fcn) &lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>rororo 92. Auflage 2020| 350 Seiten. &gt;&gt; Wahrscheinlich h\u00e4tte unser Quartett, das nicht so sehr auf Oldies steht,\u00a0 dieses Buch nie gelesen, ja wenn nicht\u2026 Aus den bekannten Gr\u00fcnden erlebt der Roman derzeit eine Renaissance. 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