{"id":1385,"date":"2020-02-28T17:54:21","date_gmt":"2020-02-28T15:54:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=1385"},"modified":"2020-03-29T11:56:28","modified_gmt":"2020-03-29T09:56:28","slug":"mittagsstunde-doerte-hansen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=1385","title":{"rendered":"Mittagsstunde &#8211; D\u00f6rte Hansen"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-1382\" src=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/K1024_Mittagsstunde-215x300.jpg\" alt=\"\" width=\"215\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/K1024_Mittagsstunde-215x300.jpg 215w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/K1024_Mittagsstunde.jpg 768w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/K1024_Mittagsstunde-732x1024.jpg 732w\" sizes=\"(max-width: 215px) 100vw, 215px\" \/>Penguin Verlag 2018 | 320 S.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; Ohne Ingwer Feddersens Sabbatical w\u00e4re Brinkeb\u00fcll in Vergessenheit geraten. Lehrer Steensen und dem namenlosen Landvermesser sei Dank. D\u00f6rte Hansen gelingt mit ihren gro\u00dfartigen Figuren ein Meisterwerk eines sich aufl\u00f6senden d\u00f6rflichen Mikrokosmos. Kein Satz zu viel, Lebensgeschichten auf den Punkt gebracht. \u201eDer erste Akt vorbei, die Pl\u00e4tze alle schon besetzt\u201c , das gen\u00fcgt. Die R\u00fcckkehr aus der gleichfalls treffend beschriebenen Kieler Gegenwelt ist letzten Endes eine Liebeserkl\u00e4rung an einen Generationenabschied, den man einf\u00fchlsamer und liebevoller nicht beschreiben kann. De Ole und Ella haben ihn verdient. <strong>Note: 1<\/strong> ( ai) &lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt;Die Saaleeiszeit hatte kein Nachsehen mit Blick auf das nordfriesische Brinkeb\u00fcll. Auf unfruchtbarer Geest platziert, den polar-verd\u00e4chtigen Nordseewinden ausgesetzt und seit Menschengedenken von Weltstr\u00f6mungen abgeschnitten, konnte sich hier nur ein stures Geschlecht behaupten. Eben Brinkeb\u00fcller. Doch am Ende des zweiten Jahrtausends werden die Sommer w\u00e4rmer, Gem\u00fcter tauen auf, w\u00e4hrend andere verdorren. <em>Mittagsstunde<\/em> ist der Wendepunkt, an dem manche Familiengeschichte einen unerwarteten Verlauf nimmt, pers\u00f6nliche H\u00f6hepunkte \u00fcberschritten werden, und soziale Gef\u00fcge dem Abend entgegenreifen. <em>Mittagsstunde <\/em>ist die Anamnese eines Soziotops, einer Dorfgemeinschaft, in der physiologische Ph\u00e4nomene und pathophysiologische Symptome um das Normative ringen. Irgendwie scheint irgendwo alles irgendwann einmal normal. Auch wenn es abwegig anmutet. <em>Mittagsstunde<\/em> ist aber vor allem die Zeit von Ingwer Feddersen, universit\u00e4rer Fr\u00fchgeschichtler, Allzeitachtundsechziger, Erbschaftsverweigerer und Heimatgebundener, dem wir durch die erdigen Gassen folgen. Mal durch sein Glas, mal am Kaleidoskop vorbei schauend auf die Urgew\u00e4chse seiner Familie und die knorrige Nachbarschaft. <em>Mittagsstunde<\/em> behandelt den Wandel, Verluste und das Ende, Aufbr\u00fcche, Versuche und Durchbr\u00fcche. Und dies erstaunlich sympathisch, einf\u00fchlsam und unaufgeregt, bizarr, bunt und unterhaltend. Nicht ohne der Tragik geb\u00fchrenden Respekt zu zollen. Die Eiszeit h\u00e4tte es nicht anders gemacht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Familie Feddersen betrieb seit Generationen den Gasthof: Stammtische, Psychotherapiebesinnungen, Trunkenboldpsychopathen, Jubil\u00e4umsrituale, musikalische Heiterkeiten, Unterkunft und Verpflegung. Der Saal war meist belebt, der Boden musste allmorgendlich von den gr\u00f6bsten Spuren befreit werden. Es war ein gutes Zeichen. Heute kann man schon mal `ne Woche aussetzen. Jahrzehnte beanspruchte der alte S\u00f6nke Feddersen die Thekenhoheit. Seine stille Frau Ella war der verl\u00e4ssliche Diesel im K\u00fcchengetriebe. Sie sprach ausgesprochen wenig, was keiner merkte, weil sie aufmerksam zuh\u00f6rte \u2013 man f\u00fchlte sich endlich einmal verstanden. Das Paar war schon ewig ein Paar, auch wenn die Anf\u00e4nge umstritten blieben. Sie war die Sch\u00f6nste im Umland, und nicht nur von Westwinden umweht. S\u00f6nke war der Gl\u00fcckliche, musste jedoch in den Krieg. Nach seiner R\u00fcckkehr kam Tochter Marret zur Welt. Schon mit geringer Rechenerfahrung war zu erkennen: eine Geburt nach erstaunlich kurzer Schwangerschaft. In der Tat war da noch ein stiller Anderer (Lehrer Steensen). Ella war nicht untreu. Ganz im Gegenteil, sie blieb beiden M\u00e4nnern treu. Ein ganzes Leben lang. S\u00f6nke tr\u00f6stete sich damit, dass Marret misslungen war. Und von ihm hatte sie es ja nicht. Zur Familie geh\u00f6rte auch der deutlich j\u00fcngere Ingwer, f\u00fcr den S\u00f6nke und Ella ebenso <em>Vadder<\/em> und <em>Mudder<\/em> waren. Erst viel sp\u00e4ter sollte sich das als tragischer Irrtum herausstellen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tochter Marret war sonderbar. Immer wieder versank sie in einem unverstandenen Kokon. Unerreichbar, voller Nebel und mit eigenwilligen Bildern. Man verstand zwar, dass vieles unpassend war, aber man lie\u00df sie gew\u00e4hren. Man kannte ihre R\u00fcckz\u00fcge, wusste dass sie stundenlang in einem Schrank oder unter Hecken sitzen konnte. Man ertrug ihre Marotten, wenn sie von T\u00fcr zu T\u00fcr ging um den drohenden Untergang zu beschw\u00f6ren oder Requisiten verendeter Kleintiere f\u00fcr ihr ganz pers\u00f6nliches Heimatmuseum sammelte. Als Marret 17 war, kamen Landvermesser in die Wirtschaft. Als sie gingen wurde nicht nur die alles ver\u00e4ndernde Flurbereinigung Gewissheit, sondern auch Marrets Schwangerschaft. Marret wusste nicht, was die Unruhe in ihrem Unterleib bedeutete, aber eine grenzenlose Furcht beschlich sie. Die Eltern waren umfassend sprachlos. Eines Morgens fand man Marret mit gebrochenen Beinen halberfroren im Schnee. Der Sprung vom Dach war missgl\u00fcckt. Sie lebte noch. Dann kam das Kind zur Welt, dass sie gar nicht wahrnahm. Und so wurde S\u00f6nke ein zweites Mal <em>Vadder<\/em> ohne Vater zu sein. Das uneheliche Kind seines Kuckuckskindes, welches die Scham ins Unertr\u00e4gliche gesteigert hatte, wurde schlagartig seine Herzensangelegenheit als man beschloss, ihm den Namen seines Vaters zu geben: Ingwer. Er trug das Neugeborene monatelang unter dem verschwitzten Hemd auf der nackten Haut. So wurden Marret und Ingwer Geschwister. Erst Jahre sp\u00e4ter sollte Ingwer realisieren, dass seine vermeintliche Schwester seine Mutter war, und dass sein Vater unbekannt blieb. Marret lebte weiter ihre absonderliche Abgeschiedenheit. Als nach der Aufgabe des Gasthofs ihr kleiner Museumsschuppen abgerissen wurde, verlor sie ihre wahre Welt und jeden Halt. Man konnte sie in keinem Schrank mehr finden. Sie blieb verschollen. Selbst einen leblosen Frauenk\u00f6rper fand man nie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr Ingwer blieb Marret die verschwommene, entr\u00fcckte Schwester. Er dagegen \u00fcberraschte mit erkennbar mehr als Bauernschl\u00e4ue. Dies wurde Dorfschullehrer Steensen sofort klar, als der kleine Bub, sein Enkelkind, sich f\u00fcr sein Steckenpferd fr\u00fchgeschichtliche Bodenkunde zu interessieren begann. Studiert, promoviert, aber immer fremd geblieben im universit\u00e4ren Milieu, zu dem sein Geestwesen nicht so recht passen mochte. Er blieb unangepasst, wohnte seit \u00fcber zwei Jahrzehnten in derselben Kieler Dreier-WG, teilte sich mit dem m\u00e4nnlichen Mitkommunarden dieselbe weibliche Mitkommunardin und litt ordnungsgem\u00e4\u00df an den unausgesprochenen Freiheiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Herrlich in Szene gesetzt von D\u00f6rte Hansen sind auch die Mitbewohner. Ragnhild Dieffenbach, emanzipiert laute Diplomarchitektin mit der Passion Sichtbeton \u2013 nicht nur grob st\u00e4dtebaulich, sondern auch fein prozessiert als Visitenkarte. Ihr H\u00e4ndedruck grenzte an K\u00f6rperverletzung. Auch f\u00fcr den gescheiterten, aber Ich-gefestigten Studenten Claudius war alles zu klein, weshalb er immer die gro\u00dfen L\u00f6sungen suchte. Fenster putze er mit einer generalstabsm\u00e4\u00dfigen Vorbereitung wie Chirurgen eine Herztransplantation planen. Er machte die Gepflogenheiten seines Elternhauses zur Lebensaufgabe, geh\u00f6rte fortan zu den regelm\u00e4\u00dfigen Siegern der Kieler Woche und baute Mahagoni-Yachten f\u00fcr den betuchten Freundeskreis. Da wirkte Ingwers l\u00e4ndliche Gasthaus-Pr\u00e4gung immer etwas arg verweht. Und dennoch mochten sie sich aufrichtig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als <em>Vadder <\/em>und <em>Mudder<\/em> mit dem Alter entglitten, verbrachte Ingwer ein Sabbatical-Jahr daheim. Es war ein weiterer r\u00fchrender Abschnitt in der Brinkeb\u00fcller Chronik. Mit unendlicher Nachsicht begleitete der inzwischen 48-J\u00e4hrige die Senioren in einem neu definierten Vater-Mutter-Kind-Format. Als Erziehungsberechtigter erduldete er mit olympischer Geduld S\u00f6nkes Gutsherrenged\u00f6ns ebenso wie Ellas bizarre Demenzeskapaden. Da nur Ellas Gliedma\u00dfen, nicht aber der Kopf noch guttaten, lie\u00df Ingwer der Motorik jeden erdenklichen Freiraum. Beim t\u00e4glichen Abwaschritual schlug Ella so lange auf das angenehm warme Sp\u00fclwasser ein, bis es vollst\u00e4ndig auf dem K\u00fcchenboden verteilt war. Wie jeden Morgen nutzte Ingwer die Zeit zum Putzen, die Ella f\u00fcr das folgende Broteschmieren ben\u00f6tigte. Dies dauerte hinreichend lange, seitdem sie das Brot weglie\u00df, die Butter direkt auf Teller oder K\u00fcchentisch auftrug und dann l\u00e4nger brauchte, um den Honig gro\u00dffl\u00e4chig zu verteilen. Ingwer sch\u00e4tzte die ausgeglichene Stimmung dieser Stunden. Sch\u00f6n auch, dass das gleiche Programm am n\u00e4chsten Tag erneut Freude bereitete.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der schw\u00e4chelnde Vadder S\u00f6nke beschleunigte noch einmal auf der Zielgeraden und beschloss, den 70. Hochzeitstag mit Ella \u00fcbersch\u00e4umend zu feiern. Monate vorher wurden Einladungen verschickt. Getr\u00e4nkefolge, Begleitmusik und Garderobe waren l\u00e4ngst beschlossen, als er eine Woche vorher in seinem Sessel entschlief. Es war ein sch\u00f6ner Umstand. Begraben wurde er am Tag der Gnadenhochzeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Gasthof wurde Heiko Ketelsen \u00fcbertragen, der einen Westernsaloon daraus machte. Er holte seine verlorene Jugend nach, die ihm sein j\u00e4hzorniger Vater zerpr\u00fcgelt hatte. Nicht von ungef\u00e4hr trug er den Spitznamen <em>Jaulnich<\/em>. Auf <em>Jaulnich<\/em> hatte auch Lehrer Steensen eingeschlagen. Er mochte keine Dummheit. Und von dieser vermutete er bei Heiko Ketelsen ein \u00dcberma\u00df. Bei der \u00fcberaus st\u00f6rrischen G\u00f6nke Boysen hingegen durchschaute er schnell, dass ihre Absonderheit Ausdruck gr\u00f6\u00dftm\u00f6glicher Einsamkeit war. Dahinter vermutete er versch\u00fcttete Intellektualit\u00e4t. Entsprechend f\u00f6rderte er sie gegen den Widerstand der Eltern, so dass sie das erste und einzige Brinkeb\u00fcller M\u00e4dchen wurde, das je studierte. Was wusste man nicht genau, aber es war irgendetwas mit \u2013istik.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr Ingwer Fedddersen war die R\u00fcckkehr eine Einkehr, ein letztes notwendiges Atmen sinngebender Ger\u00fcche, ein Aufnehmen erinnerungstr\u00e4chtiger Ger\u00e4usche, ein Beleben versch\u00fctteter Abl\u00e4ufe, ein Kontrastieren verschwommener Umrisse. Auch wenn die Dorfstra\u00dfe schon begradigt war, und die B\u00e4ume schon gef\u00e4llt waren. Das Album ist vollendet. Sch\u00f6nes, Besch\u00e4mendes, Ungew\u00f6hnliches, Emp\u00f6rendes, R\u00fchrendes, Ermutigendes. Ingwer hat verstanden. Die Eiszeiten kommen und gehen. Und das ist gut so. Jetzt kann auch er gehen, angef\u00fcllt aber ohne Wehmut.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit beeindruckender Treffsicherheit zielt D\u00f6rte Hansen in die Weichstellen sozialer Physiognomie und legt in friesischer N\u00fcchternheit endemische Ph\u00e4notypen des Homo Geesticus frei. Dass sie dabei ohne verspielte Gef\u00fchlsromantik sondern mit trockenem Humor in schicksalhafte Seelentiefen vordringt, macht die <em>Mittagsstunde<\/em> zum Lesegenuss. Vielleicht darf das Werk auch als Hommage an ihren verstorbenen Geistesnachbarn Siegfried Lenz verstanden werden, der mit ganz \u00e4hnlichem Gestus in \u201eDer Geist der Mirabelle\u201c die herrlichen Besonderheiten der Geestbewohner skizzierte. Zwar taufte Lenz seinen literarischen Ort Bollerup, all ihre Bewohner aber trugen den Namen Feddersen. Ihre Welt war nicht minder bemerkenswert wie die des Brinkeb\u00fcller B\u00e4ckers, der immer nur Schwarz-, Grau und Rosinenbrot backen durfte. Nur in der Weihnachtszeit scherte er aus, wurde zum ge\u00e4chteten und nur von wenigen geachteten Konditor, wenn er f\u00fcr die Weihnachtskrippe Marzipan-Hanomags bastelte. Erst als er sich nach Neujahr wieder auf Schwarz-, Grau- und Rosinenbrot beschr\u00e4nkte, kam seine besorgte Frau zur Ruhe.\u00a0\u00a0 <strong>Note:\u00a0 1<\/strong> (ur) &lt;&lt;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; Kann ein Roman \u00fcber die eigenbr\u00f6tlerischen Bewohner eines nordfriesischen Dorfes namens Brinkeb\u00fcll, die dazu noch platt <em>snaken<\/em>, ein Erfolg werden? Kann es, wenn einem eine so gro\u00dfartige detailgenaue, kenntnisreiche Sprache zur Verf\u00fcgung steht, wie D\u00f6rte Hansen! Mit wenigen Skizzen kann sie auch Nebenfiguren, wie etwa das wilde Kind G\u00f6nke Boysen, das zur Disziplinierung in einen Hundezwinger gesperrt wird, gro\u00dfartig zeichnen. Im Zentrum aber stehen Ella und S\u00f6nke Feddersen, die Tochter Marret, das r\u00e4tselhafte, verdrehte Kuckuckskind, das \u201eangeschlossen war an etwas Gro\u00dfes, Heimliches, von dem die anderen nichts wussten\u201c, Ingwer Feddersen, der Sohn von Marret, der seine Mutter lange f\u00fcr seine Schwester und S\u00f6nke f\u00fcr seinen Vater h\u00e4lt, \u00a0der eine Schuld abzutragen hat bei S\u00f6nke und Ella. Auch S\u00f6nke meint, dass er eine Schuld abzutragen hat, nachdem er aus dem Krieg heimgekehrt war und sp\u00fcrte, dass er zu sp\u00e4t war und dass Dinge ihren Lauf genommen hatte. Allein diese einf\u00fchlsame Passage ist schon die Lekt\u00fcre wert. Auch Lehrer Steensen, der eine nicht unerhebliche Rolle im sozialen Gef\u00fcge des Dorfes spielt und dem auch im Roman mehr als eine Nebenrolle zukommt, ist grandios und mit viel hintergr\u00fcndigen Humor gezeichnet. Die Ver\u00e4nderungen im Dorf kommen in den sp\u00e4ten 60-er Jahren mit der Flurbereinigung, die Stra\u00dfen werden begradigt und die Hofeinfahrten, manche H\u00f6fe werden gr\u00f6\u00dfer, andere gehen zu Grunde, Gasth\u00f6fe sterben, manche Bauern sehen keine Zukunft mehr. Auch die \u201eMittagstunde\u201c, die fr\u00fcher den Tag strukturierte und den D\u00f6rflern heilig war, gibt es nicht mehr.<\/p>\n<p>\u201eMittagsstunde\u201c ist gro\u00dfe Literatur, spannend, witzig, liebevoll und sprachlich brillant. <strong>Note: 1<\/strong> ( \u00fcn)&lt;&lt;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt;\u201e<em>De Welt geiht \u00fcnner\u201c<\/em>, sagt uns Marret Feddersen gleich auf der ersten Seite. Nicht die ganze Welt, ihre Welt, die Welt des Dorfes, sie geht unter und der Untergang spiegelt sich nicht nur im Sterben der Ulmen. Die \u00fcber f\u00fcnf Jahrzehnte beschriebenen Ver\u00e4nderungen des Dorfkosmos w\u00fcrden Soziologen schlicht als Strukturwandel bezeichnen. Bezogen auf das Buch w\u00e4re das fast zu platt. Nat\u00fcrlich nicht im Sinne von Platt-oder Niederdeutsch, ein Idiom, das das Buch auch pr\u00e4gt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">D\u00f6rte Hansen ist ein ergreifender Roman gelungen. Das liegt an ihrer lakonischen, manchmal boshaften, aber insgesamt genialen Erz\u00e4hlweise. Besonders deutlich wird dies bei der Schilderung menschlicher \u201eExtremsituationen\u201c zwischen Leben oder Tod. F\u00fcr Marrets Schw\u00e4ngerung reicht ihr ein Satz:\u201cGar nichts Weltbewegendes, nur eine kleine uralte Geschichte, aber Marret kannte sie noch nicht.\u201c Oder als der Sohn den gerade verstorbenen Vater findet:\u201cGanz still. Ingwer stand ein paar Sekunden in der T\u00fcr, bevor er es verstand.\u201c Hansen beherrscht auch die hohe Kunst der Ironie. Im Zusammenhang mit dem Antrag f\u00fcr eine DFG-Projekt liest man:\u201c Drapieren, tarnen, mauscheln, blenden. Es war die Pest.\u201c K\u00f6stlich.<br \/>\nDie Portionierung in 22 \u00fcbersichtliche Kapitel empfand ich als \u00e4u\u00dferst leserfreundlich. Insgesamt wird im Roman wie gesagt viel Plattdeutsch gesprochen. Klar, das macht das Buch authentischer. W\u00fcrde ein Roman, in dem die Bewohner eines Albdorfes originales Schw\u00e4bisch reden w\u00fcrden, auch in Hamburg Leser finden?<\/p>\n<p>Abschlie\u00dfend ein lobendes Haiku auf den Roman, kontrapunktisch in der hiesigen Mundart:<br \/>\nS\u2018Dorf got onder, weh<br \/>\nD\u00f6rte Hansen schreibt\u2018s genial<br \/>\nHeula kennt mer do.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Note: 1\u2013<\/strong> (ax)&lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Penguin Verlag 2018 | 320 S. &gt;&gt; Ohne Ingwer Feddersens Sabbatical w\u00e4re Brinkeb\u00fcll in Vergessenheit geraten. Lehrer Steensen und dem namenlosen Landvermesser sei Dank. D\u00f6rte Hansen gelingt mit ihren gro\u00dfartigen Figuren ein Meisterwerk eines sich aufl\u00f6senden d\u00f6rflichen Mikrokosmos. 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