{"id":1344,"date":"2019-10-09T11:04:49","date_gmt":"2019-10-09T09:04:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=1344"},"modified":"2019-12-24T16:27:48","modified_gmt":"2019-12-24T14:27:48","slug":"sechs-koffer-maxim-biller","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=1344","title":{"rendered":"Sechs Koffer &#8211; Maxim Biller"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-1343\" src=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/K1024_Sechs-Koffer-191x300.jpg\" alt=\"\" width=\"191\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/K1024_Sechs-Koffer-191x300.jpg 191w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/K1024_Sechs-Koffer.jpg 768w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/K1024_Sechs-Koffer-652x1024.jpg 652w\" sizes=\"(max-width: 191px) 100vw, 191px\" \/>Kiepenheuer &amp; Witsch 2018 |\u00a0 198 Seiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; L\u00e4sst sich die eigene Position im Familiengeflecht \u00fcber die Schuld anderer verorten? Wenn es eine Schuld mit Hinrichtung und langj\u00e4hriger Haft in den Kerkern eines autorit\u00e4ren Regimes ist, wiegt der Versuch umso schwerer. Schwierig wird es besonders, wenn der Versuch im Kopf eines Jugendlichen stattfindet \u2013 beeinflusst von den Einfl\u00fcssen der Verwandten, verwirbelt von aufkeimenden Begierden eines Pubertierenden und verwischt von der Zerrissenheit einer in alle Herrenl\u00e4nder emigrierten Verwandtschaft. Maxim Biller ist in dem autobiographischen Roman <em>Sechs Koffer<\/em> erst f\u00fcnfzehn als er seinen Onkel Dima in Z\u00fcrich aufsucht. Seine Frage lautet, ob dieser seinen eigenen, Schwarzhandel-treibenden Vater, Billers Gro\u00dfvater Tate, an den sowjetischen Geheimdienst verriet. Ebenso k\u00f6nnte es seine unzufriedene Tante Natalia oder Dimas Bruder Lev gewesen sein. Selbst der in Brasilien lebende Bruder Wladimir hatte handfeste Motive. Und ob Billers Vater Sjoma ohne Verdacht bleiben kann, bleibt ebenso eine offene Frage.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die bubenhafte Suche nach dem T\u00e4ter ist jedoch nur der \u00e4u\u00dfere Rahmen des Romans. Im Inneren und im Vordergrund dieses Werks stehen die Eigenarten der Verwandten, ihre Vorlieben, ihre Missverst\u00e4ndnisse, ihre entdeckten Geheimnisse, ihre heilvollen und unheiligen Verflechtungen, ihre Prinzipien, ihre Eifersuchten, Chancen und Lebensentt\u00e4uschungen. Und entfernt und meist unausgesprochen l\u00e4sst sich in diesem Geflecht die Positionierung des Autors vermuten. Wie stark der Drang nach Einordnung und Quellbestimmung in diesem Strudel ist, kann der Leser nur erahnen. Vermutlich erheblich, denn <em>Sechs Koffer<\/em> ist nach <em>Der gebrauchte Jude<\/em> nicht Billers erster Versuch, seinen j\u00fcdisch-russischen Ursprung aufzuarbeiten. Damit folgt er einer Familientradition, da sowohl Mutter Rada Biller wie auch seine Schwester Elena Lappin die Verwandtschaft wiederholt zum Gegenstand literarischer Abhandlungen machten. F\u00fcr den Autor ist es auch der Kampf gegen das infekti\u00f6se Verschweigen im Familienkreis. Dass er dabei nicht derart vernichtend wie in seiner legend\u00e4ren <em>TEMPO<\/em> Kolumne \u201eHundert Zeilen Hass\u201c vorgeht, darf man ihm zugutehalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sechs Koffer sind das Gep\u00e4ck, welches die Roman-Protagonisten schleppen oder sind symbolhaft die Beteiligten selbst. Sechs Kofferinhalte, sechs Erinnerungsans\u00e4tze, sechs Sichtweisen einer Gegenwart, die f\u00fcr jeden andersdeutig und wertverschieden ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beim Aufbau des Romanger\u00fcstes erlaubt sich Maxim Biller fortlaufend Betrachtungsspr\u00fcnge. Zum einen berichtet er als Ich-Erz\u00e4hler. Zum anderen gehen Texte flie\u00dfend in Perspektiven eines \u00fcbergeordneten Erz\u00e4hlers \u00fcber und beschreiben Einzelheiten, die der f\u00fcnfzehnj\u00e4hrige Junge nicht wissen kann. Damit werden subjektive Verfremdung und objektive Faktenlage verwischt. \u00d6lfarben mischen sich in das Aquarell, was durchaus zur Bereicherung des Werkes beitr\u00e4gt. Fiktion und Tatsachen verschmelzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Tate war der famili\u00e4re Gro\u00dff\u00fcrst. Wer wo ihm zur Hand gehen durfte oder musste, war im Verwandtschaftskreis still geregelt. Auch unter seinen vier S\u00f6hnen: Billers patenter Vater Sjoma, der finanzgewandte Wladimir, der Chemiker Lev und der tollpatschige Dima. Die offensichtlich einflussreiche j\u00fcdische Familie lebt zu dieser Zeit im kommunistischen Russland, sp\u00e4ter in der gem\u00e4\u00dfigteren Tschechoslowakei. Handel und Schwarzhandel sind wirtschaftliche Grundlage und Expertise der Billers. Der Gro\u00dfvater hortet die \u00dcbersch\u00fcsse in einer abgelegenen Datscha. Als Wladimir offiziell nach Brasilien und Lev als Wirtschaftsattach\u00e9 nach Berlin entsandt werden um im Tausch f\u00fcr \u00e4thiopischen Kaffee harte Devisen in die verarmte Tschechoslowakei zu schleusen, nutzen sie die Gelegenheit zur Republikflucht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zweimal 40.000 Dollar gibt der Tate den fl\u00fcchtenden S\u00f6hnen mit auf den Weg. Die beiden zur\u00fcckbleibenden S\u00f6hne sollen indirekt von dem Kapital profitieren, indem sie teure Westwaren, die ihnen die Br\u00fcder schicken, noch teurer in der ausgemergelten Tschechoslowakei absetzen. Der Tate wird entlarvt und nach der zweiten Verhaftung hingerichtet. Wurde er verraten? War es Wladimir oder Lev, um die heimliche Transferverpflichtung in Vergessenheit geraten zu lassen? Die Vermutung keimt erneut auf, als auch ihr Bruder Dima, der von den Wertr\u00fcckf\u00fchrungen h\u00e4tte profitieren sollen, beim Fluchtversuch verhaftet wird. Vielleicht war Dima aber selbst an seiner Verhaftung schuld, da halb Prag in seinen Plan eingeweiht war. F\u00fcnf Jahre Haft in Pankr\u00e1c sind die Folge, die zu guter Letzt auch ihn in Verdacht bringen. Denkbar scheint, dass er unter dem Druck der Sicherheitsbeh\u00f6rden seinen Vater verriet und dessen zweite, katastrophale Verhaftung provozierte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein anhaltender Verdacht bleibt an Lev haften, da er jeglichen Kontakt mit allen Familienmitglieder meidet. Hat er eine schwerwiegende Schuld zu verbergen oder ist es die Tatsache, dass ihn sein Bruder Dima in der Aktion \u201eBruder\u201c als Republikfl\u00fcchtling in die DDR locken sollte und wollte, damit sich der Staatssicherheitsdienst seiner bem\u00e4chtigten konnte. Nur weil ihn ein Sekret\u00e4r des Innenministeriums warnte, konnte Lev der Verhaftung entgehen. In einer sp\u00e4teren Plauderei erw\u00e4hnt er dem Beamten und ehemaligen Weggef\u00e4hrten gegen\u00fcber beil\u00e4ufig die illegalen Aktivit\u00e4ten seines Vaters. Wahrscheinlich trug dies zu dessen Verderben bei. Aber dies wird nie publik.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Billers Vater Smoja hingegen verd\u00e4chtigt wiederholt seine ehemalige Geliebte und jetzige Schw\u00e4gerin Natalia, dem Tate den Tod gebracht zu haben. Vielleicht dient die maximale Schuldzuweisung jedoch dazu, ihre unumst\u00f6\u00dfliche Liebe zu ihm nicht beantworten zu m\u00fcssen. Die attraktive Schw\u00e4gerin arbeitete sich mit eingeschr\u00e4nkten F\u00e4higkeiten, aber einflussreicher Teilhabe an ihrer Nachtstatt bei politischen Entscheidungstr\u00e4gern in die Rolle der Chefin der Filmakademie hoch. Filme wollte man von ihr allerdings kaum f\u00f6rdern. Ihre Liebe zu Sjoma bleibt unverw\u00fcstlich. Und weil es eine unerf\u00fcllte Liebe ist, \u00e4tzt sie sich schmerzhaft in den Herzbeutel. Lange Zeit versucht sie sich durch die Heirat mit seinem mittelm\u00e4\u00dfigen Bruder Dima zu tr\u00f6sten. Am Ende bleibt jedoch nicht mehr als ein pulverisiertes Selbstwertgef\u00fchl, dass sie mit einem Sprung vor einen Lastwagen schlie\u00dflich ausl\u00f6scht. Ihr Koffer war zu schwer. Aber hatte sie ihn durch Verrat erleichtern wollen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Biller seinen Onkel Dima in Z\u00fcrich aufsucht, ist sein T\u00e4terbild gefestigt. Als er ihn verl\u00e4sst, hat er einen ewigen Verlierer kennengelernt, der alles im Leben bekam, was er nicht wollte. Der Vater war vermutlich nicht sein Opfer, sein Bruder Lev h\u00e4tte es aber werden sollen und er selbst war es.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Buch ist bemerkenswert, weil es Biller immer wieder gelingt, durch unscheinbare Requisiten der Erinnerung Tore zu gro\u00dfen Entwicklungsstr\u00e4ngen zu \u00f6ffnen. Bemerkenswert auch der Schluss, in dem seine Schwester Jelena Lappin \u00fcber ein Buchprojekt berichtet &#8211; mit dem gleichen verwandtschaftlichen Frachtgut aber in anderen Koffern. (Dieses Buch wurde tats\u00e4chlich zwei Jahre vor diesem mit dem Titel <em>In welcher Sprache tr\u00e4ume ich?<\/em> ver\u00f6ffentlicht.)\u00a0 <strong>Note: 1\u2013<\/strong> ( ur) &lt;&lt;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt;\u201e &#8211; aber dann hatte ich endg\u00fcltig genug von diesem ganzen Familienirrsinn.\u201c\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 denkt der junge Erz\u00e4hler auf Seite 135 des Romans, der ein Familien-, Schelmen- oder Briefroman sein k\u00f6nnte. Ich hatte schon\u00a0 nach 99 Seiten genug.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Frage, wer am Tod Tates schuldig ist, wird von allen Protagonisten des\u00a0 Buches bearbeitet. Auf unterschiedliche Weise zwar, trotzdem bleiben Wiederholungen nicht aus. Sie langweilen. Am ehesten wecken die zeitgeschichtlichen Informationen das Interesse des Lesers. Man erf\u00e4hrt viel \u00fcber Krieg, Diktaturen, Antisemitismus und Migration. Und auch \u00fcber menschliche Grundbefindlichkeiten: Hass, Misstrauen und Missgunst, Vertrauen und Verrat. Die Sprache l\u00e4sst zu w\u00fcnschen \u00fcbrig. So sind die Dialoge h\u00e4ufig von ausgesuchter Allt\u00e4glichkeit und Banalit\u00e4t. Ein \u00fcberlanger Brief von elf Seiten, eine Zumutung.<br \/>\n\u201eBettelnde Dritte-Welt-Kinder\u201c mit Eichh\u00f6rnchen zu vergleichen finde ich degoutant (Seite 135). Den Mund einer Frau als \u201eziemlich deutschen Mund\u201c (Seite 197) zu beschreiben ist genau so daneben,\u00a0 wie wenn ich von einer \u201eziemlich j\u00fcdischen Nase\u201c schreiben w\u00fcrde.<br \/>\nUnterm Strich: Kein Leservergn\u00fcgen.\u00a0 <strong>Note: 4<\/strong> ( ax) &lt;&lt;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; Da macht sich ein Autor auf die Suche nach seiner Identit\u00e4t und ger\u00e4t in die Abgr\u00fcnde eines j\u00fcdisch-russischen Familienlebens, eines wahren \u201eFamilienirrsinns\u201c, der sein eigentliches Geheimnis bis zum Schluss gl\u00fccklicherweise nicht freigibt. Wer hat denn nun wirklich Schuld an der Hinrichtung unseres Gro\u00dfvater? &#8211; weder der autobiographische Erz\u00e4hler noch seine Schwester Jelena lassen uns wissen, \u201ewie es wirklich gewesen war\u201c. Was der sich erinnernde Autor an Mosaiksteinchen von 1960 als 6j\u00e4hriger bis zum Romanverfasser als 58j\u00e4hriger zusammentr\u00e4gt, f\u00fchrt uns in ein komplexes Beziehungsgeflecht von drei Generationen, bei dem sich Privates und Politisches mischt. \u00a0Ob bei Schwarzmarkt- und Devisengesch\u00e4ften des Moskauer Gro\u00dfvaters, ob in der Biographie des Vaters Semjon oder der der \u00a0beiden Onkel des Erz\u00e4hlers Lev und Wladimir, ja selbst bei den beiden weiblichen Protagonistinnen Rada und Natalja, geheimdienstliche Ber\u00fchrungspunkte haben sie alle, und so verwundert es nicht, dass Misstrauen und Verdacht diese Familiengeschichte pr\u00e4gen. Liebe und Eifersucht (Rada, Natalia) tun ein \u00dcbriges die Br\u00fcche zu versch\u00e4rfen. \u00a0Zugleich spiegelt sich in dieser Individualgeschichte auch ein St\u00fcck exemplarischer osteurop\u00e4isch-j\u00fcdischer Geschichte: Emigration (Entfremdung, Ortswechsel ), Widerstand gegen den Faschismus (Lev-Wladimir), KZ-Traumatisierung (Natalia), stalinistische Schauprozesse (Gottwald ,\u201eBruder-Akte\u201c), offener und verdeckter Antisemitismus (generationen- und l\u00e4nder\u00fcbergreifend, SU,CSSR,BRD). Max Biller erz\u00e4hlt dies aus der Perspektive der verschiedenen Familienmitglieder, wobei ihm eine fr\u00fche Begegnung mit Onkel Dima in Z\u00fcrich als wesentliche Quelle dient. Diese Schweizer Episode ist zugleich ein brillantes St\u00fcck einer Adoleszenzgeschichte \u00a0des Erz\u00e4hlers. Eigentlich sp\u00fcrt man nur da etwas vom W\u00e4rmestrom, ansonsten herrscht Beziehungsk\u00e4lte im Hause Biller, die an keiner Stelle so treffend beschrieben wird wie in dem Satz \u00fcber Onkel und Tante:\u201e Dima und Natalia waren schon geschieden, aber sie gingen trotzdem so schlecht miteinander um, als w\u00e4ren sie immer noch verheiratet\u201c.<br \/>\n<strong>Note: 1 \u2013<\/strong> (ai) &lt;&lt;<\/p>\n<p>&lt;&lt; Maxim Biller hat sich als zeitweises Mitglied im literarischen TV Quartett nicht gerade als Sympathiebolzen, sondern oft als knallharter, schonungsloser und humorfreier Kritiker gezeigt. Einschr\u00e4nkung:Sein\u00a0 Ton im Umgang mit\u00a0 Christine Westermann war uncharmant, aber oft nachvollziehbar. Umso gespannter durfte man auf einen Roman aus einer Feder sein.<br \/>\nIn &#8222;Sechs Koffer&#8220; erz\u00e4hlt er seine Familiengeschichte aus verschiedenen Perspektiven. Literarisch raffiniert, seine Familie nicht schonend, historisch interessant, unangepasst, humorvoll.<br \/>\nLesenswert. <strong>Note 2+<\/strong> (\u00fcn)&lt;&lt;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kiepenheuer &amp; Witsch 2018 |\u00a0 198 Seiten. &gt;&gt; L\u00e4sst sich die eigene Position im Familiengeflecht \u00fcber die Schuld anderer verorten? 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