{"id":1254,"date":"2019-02-08T15:06:36","date_gmt":"2019-02-08T13:06:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=1254"},"modified":"2019-07-07T14:56:39","modified_gmt":"2019-07-07T12:56:39","slug":"was-dann-nachher-so-schoen-fliegt-hilmar-klute","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=1254","title":{"rendered":"Was dann nachher so sch\u00f6n fliegt \u2013 Hilmar Klute"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-1256 alignleft\" src=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/K1024_Klute-196x300.jpg\" alt=\"\" width=\"196\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/K1024_Klute-196x300.jpg 196w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/K1024_Klute.jpg 768w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/K1024_Klute-669x1024.jpg 669w\" sizes=\"(max-width: 196px) 100vw, 196px\" \/><\/p>\n<p><strong>Galiani Berlin 2018 |\u00a0 365 Seiten<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; Ich stelle mir vor, Hilmar Klute zu Gast bei der Gruppe 47. Er liest ein Kapitel seines Romans. Keiner raucht, keiner trinkt Pils. Bevor H.W. Richter die Kritik freigibt, ergreift R\u00fchmkorf das Wort: \u00a0Klutes Roman ist deshalb\u00a0 so gut gelungen, weil Volker Winterberg lyrisch gescheitert ist. Ein 20j\u00e4hriger zwischen Einmal-Einlagen, dem bundesrepublika-nischen Literaturbetrieb und einer Beziehung gleicherma\u00dfen zerrieben, findet am Ende seinen Anfang. Alles gesagt. Sprachlich grandios!<br \/>\n<strong>Note: 1<\/strong> ( ai) &lt;&lt;<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt;\u00a0 \u201eUnd was dann nachher so sch\u00f6n fliegt, wie lange ist darauf rumgebr\u00fctet worden.\u201c Worte werden ewig gewendet, ihre verstr\u00f6mende W\u00e4rme gepr\u00fcft, ihr inneres Pochen abgehorcht, bis Prosa oder Lyrik ausschl\u00fcpfen darf. Das hat Peter R\u00fchmkorf unwissentlich Klutes Protagonisten Volker ins Pflichtenheft geschrieben \u2013 zumindest meint dies Volker, der wie sein gro\u00dfes Leitbild ebenso ein Schwerstarbeiter der Literatur werden will. Doch noch ist Volker nur ein zwanzigj\u00e4hriger Ersatzdienstleistender, der in den Tiefen des Ruhrpotts desorientierten Alten den Hintern pflegt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Alltag im Altenheim ist ersch\u00f6pfend, die Senioren in einem Kokon der Sprachlosigkeit gefangen und f\u00fcr Lyrik nicht empf\u00e4nglich. Die Kollegen halten Abstand zum Nachwuchsdichter, w\u00e4hrend Volker auf dem Pfad bis zur ersten eigenen Gedenktafel irrt, begleitet von vorget\u00e4uschten Entr\u00fcckungen \u2013 imaginierten Begegnungen mit zeitgen\u00f6ssischen F\u00fchrungskr\u00e4ften: G\u00fcnther Grass, Heinrich B\u00f6ll, Marcel Reich-Ranicki, Erich Fried, Walter Jens. Alle sind sie da. In seinen Fantasien organisiert Volker ein Treffen der Gruppe 47 mal im gesichtslosen Ruhrpott, mal auf der Dachterrasse des Berliner Karstadtgeb\u00e4udes. Herrlich ausschweifende Ideen eines jungen Menschen. Dazwischen flimmert eine verschwommene Liebe mit einer Berliner Katja. Vielleicht h\u00e4tte es auch eine Bremer Katrin sein k\u00f6nnen. Ein bisschen Gef\u00fchl, vor allem aber eine austauschbare Spiegelfl\u00e4che f\u00fcr das ambitionierte Literaten-Ego. Eben wie im richtigen Dichterdasein. Mit dieser Romanarchitektur schafft Klute eine Projektionsfl\u00e4che des deutschen Literaturbetriebs. Keine schlechte Idee.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Klute baut auf eine durchg\u00e4ngig erfrischende Respektlosigkeit. Er legt einem pubertierenden Tagtr\u00e4umer bei\u00dfende Wahrheiten \u00fcber anerkannte Literatur-zeitgenossen in den Mund. Ein Schriftsteller Klute, der fl\u00e4chendeckend \u00fcber seine Berufskollegen herf\u00e4llt \u2013 das ist mutig. F\u00fcr die positive Rezeption seines Romanhintergrunds bedient sich Klute deshalb einer weiteren beschwichtigenden Konstruktion. Schon im ersten Moment persifliert er Volker, indem er ihn genauso sein l\u00e4sst wie die von ihm verrissenen Gro\u00dfp\u00e4pste der dichtenden Kunst. Volker ist kenntnisreich und \u00fcberheblich, belesen und lehrmeisterhaft, intuitiv und abrechnend, manchmal mit dem nuancenarmen Schwarz-Wei\u00df jugendlicher Gedankenwelten verhaftet, oft aber auch fr\u00fchreif elaboriert in seinen Monologen \u00fcber die Psychologie der kleinb\u00fcrgerlichen Fussballseele oder den schwulen Aidsalltag Berliner Gegenwelten. Also ein talentierter Nachwuchskandidat f\u00fcr die deutsche Kulturarena.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Klute gelingen dabei am\u00fcsante Sequenzen wie etwa Volkers Vorstellung von Uwe Johnson. So ersinnt Volker f\u00fcr Johnson die Einsch\u00e4tzung: \u201eMein Schreiben ist derart impr\u00e4gniert und versiegelt, dass es spontane Kritik nicht mehr zu erreichen \u2026 vermag. Ich halte mich weiterhin an das beredte Schweigen\u201c (S. 232). Also w\u00fcrde Johnson nichts sagen, worauf Volker sich Johnson stramm und stumm wie einen Stock bei einer Literatentagung in den USA vorstellt. Volker w\u00fcrde ihm dennoch hoch anrechnen, dass er den weiten Weg aus Europa auf sich genommen habe, um auch einmal in \u00dcbersee zu schweigen. Eine bissige Wertsch\u00e4tzung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So wie Volker in seinen Vorstellungen in der Gruppe 47 hinterh\u00e4ltige Scharm\u00fctzel von Richter und Reich-Ranicki ausmacht, so sind auch in seiner Gegenwartswelt bei einem Berliner Wettbewerb von Nachwuchslyrikern Opfer zu beklagen. Mit Blick auf seine Mitbewerber schwankt Volker zwischen mentaler Gewaltanwendung und empathischer F\u00fcrsorge. Seelen zerbrechen, verkannte und \u00fcberstrapazierte JungdichterInnen brechen in hysterische Schreikr\u00e4mpfe aus, nachdem sie von der Jury vernichtend beurteilt wurden. Jahrgangskonkurrenten sind zum \u00c4u\u00dfersten bereit. Volkers Altenheimkollege Dirk, dem kein rechter intellektueller Wurf wie Volker gelingen will, l\u00e4sst erst einen Senior an einem zu trockenen Br\u00f6tchen ersticken und versucht sich dann selbst das Leben zu nehmen \u2013 erkl\u00e4rterma\u00dfen nur, weil er es seinem Idol Volker nicht gleichtun kann. So nachhaltig kann literarischer Nahkampf sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Klute gelingt es durch eine Vielzahl anekdotischer Einsch\u00fcbe am\u00fcsante Querschl\u00e4ger zu platzieren \u2013 dies umso mehr als er dabei einen quirligen Sprachduktus pflegt.<br \/>\n<strong>Note: 2<\/strong> (ur)&lt;&lt;<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; Was der \u00a0Nachwuchsschriftsteller Volker Winterberg zwischen Zivildienst im Altersheim im Ruhrgebiet, auf diversen Lyrikwettbewerben im aufregenden \u00a0Berlin der 80 er Jahre und Ruhrgebiet ( \u201eLyrik-im-Pott-Preis\u201c) sowie getrampten Fluchten nach Paris erlebt, \u00a0ist ein gl\u00e4nzend geschriebener Roman des &#8222;S\u00fcddeutschen&#8220; Redakteurs Hilmar Klute (Streiflicht), der in Winterbergs Tagtr\u00e4umen den ganzen Literaturbetrieb mit derartiger Raffinesse auf die Schippe nimmt, dass man manchmal wirklich lauthals loslachen muss. Aber auch einf\u00fchlsame Beobachtungen, wie schwierig und zerbrechlich Ann\u00e4herungen an das andere Geschlecht sich in jungen Jahren gelegentlich entwickeln, gelingen ihm m\u00fchelos und mit gro\u00dfer Sprachsch\u00f6pfungskraft.<br \/>\n<strong>Note: 1<\/strong> (\u00fcn)&lt;&lt;<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; H\u00e4tte Hilmar Klute nicht Ersatzdienst statt Wehrdienst geleistet, h\u00e4tte er vermutlich \u00fcber Siechtum und Sterben im Seniorenheim nicht so eindr\u00fccklich schreiben k\u00f6nnen. So\u00a0 hat alles sein Gutes. Dieser erste Teil des Romans hat mich am nachhaltigsten beeindruckt. Der Junglyriker Volker Winterberg fantasiert sich in eine Begegnung mit der verflossenen Gruppe 47 hinein. Dabei kommt es zu seltsamen Dialogen. Zu G\u00fcnther Eich sagt er:\u201cIch bin nicht genial genug f\u00fcr so etwas.\u201c (Seite 45) Was f\u00fcr eine Antwort erhofft sich Volker W.?\u00a0 Vermutlich nicht: \u201eGanz genau.\u201c Geht&#8217;s noch schr\u00e4ger? Insgesamt wei\u00df der\u00a0 Autor beeindruckend viel \u00fcber die Literatur der Nachkriegszeit. Die Namen dropen. Man merkt, dass Hilmar Klute Streiflichter in der S\u00fcddeutschen schreibt. Deren\u00a0 ironischer Grundton wird fast konsequent durchgehalten. Jochen Overbeck fragt in seiner Rezension (Spiegel online), was der sch\u00f6nste Satz in diesem Buch sei und meint dann, dass es schwer sei, dies zu sagen. So schwer ist das doch gar nicht. Es ist eindeutig der Satz: \u201eSchmei\u00dfen Sie alles weg\u201c auf Seite 104. Wer will, kann sich w\u00e4hrend der Lekt\u00fcre \u00fcber einen hemmungslos romantischen und weltfremden Jungidealisten anhaltend\u00a0 und k\u00f6stlich am\u00fcsieren. Etiam si omnes, ego non.<br \/>\nPreisfrage: Wie viele Zigaretten (selbstgedrehte und andere) werden in diesem Roman geraucht? Jede richtige Einsendung wird mit einem B\u00fcchergutschein in H\u00f6he von 20 \u20ac (f\u00fcr Nichtleser\/innen auch Zigarren) belohnt!<br \/>\n<strong>Note: 2+<\/strong> (ax)&lt;&lt;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Galiani Berlin 2018 |\u00a0 365 Seiten &gt;&gt; Ich stelle mir vor, Hilmar Klute zu Gast bei der Gruppe 47. Er liest ein Kapitel seines Romans. Keiner raucht, keiner trinkt Pils. Bevor H.W. 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