{"id":1218,"date":"2002-02-26T15:01:39","date_gmt":"2002-02-26T13:01:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=1218"},"modified":"2023-11-22T18:28:39","modified_gmt":"2023-11-22T16:28:39","slug":"rot-uwe-timm","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=1218","title":{"rendered":"Rot- Uwe Timm"},"content":{"rendered":"<h1><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-1226\" src=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/K1024_Rot_Timm-195x300.jpg\" alt=\"\" width=\"195\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/K1024_Rot_Timm-195x300.jpg 195w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/K1024_Rot_Timm.jpg 768w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/K1024_Rot_Timm-664x1024.jpg 664w\" sizes=\"(max-width: 195px) 100vw, 195px\" \/>Kiepenheuer &amp; Witsch,<br \/>\nISBN: 3-462-03023-X, 2001, 430 Seiten.<\/h1>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt;\u00a0 Thomas Linde (52) war wortgewandter Grabredner. Der Romananfang \u00fcberrascht mit seinem Tod. Die folgende Ich-Erz\u00e4hlung entpuppt sich als seine Grabrede &#8211; auf sich selbst. So wie TL ist diese Rede wenig gradlinig, sondern assoziativ, sprunghaft, fortlaufend die Ebenen, die Zeiten, die Personen und Anl\u00e4sse wechselnd. Ein Buch ohne Kapitel wie das Leben des TL. Rot als Signal des Stillstands, Rot als stiller Alarm, Rot als Blut, das ein letztes Mal verflie\u00dft. Bei Rot wird TL schlie\u00dflich \u00fcberfahren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erst als TL die Aufgabe zuf\u00e4llt eine Grabrede \u00fcber den verstorbenen Aschenberger zu halten, begegnet er wie in einem Spiegel sich selbst. Seine Nachforschungen zu dem unbekannten Toten offenbaren ihm einen Bekannten, einen Kommilitonen aus gemeinsamen Zeiten politischer Unruhe. Bis zuletzt blieb Aschenberger der reinen antifaschistisch- sozialistischen Lehre der DKP verpflichtet. Lebte einsam verbarrikadiert hinter B\u00fccherw\u00e4nden. Hatte den Bezug zur Gegenwart verloren. Auch seine Familie war ihm abhandengekommen. Den Unterhalt besserte er durch alternative Berliner Stadtf\u00fchrungen auf. So gesehen war auch er ein Grabredner auf l\u00e4ngst Vergangenes. TL und Aschenberger teilten den Zustand im lebendigen Leben nicht angekommen zu sein. Aschenberger hatte sich so weit entfernt, dass er zu guter Letzt sogar die Sprengung der Siegess\u00e4ule plante. Der Plastiksprengstoff, den TL im Nachlass fand, h\u00e4tte symbolisch die Z\u00fcndung f\u00fcr eine &#8211; seine &#8211; neue Lebensorientierung sein k\u00f6nnen, doch er kommt zu sp\u00e4t, weil das Leben schon zu Ende ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eigentlich stand der Charakter von TL auf soliden Fundamenten: eine frische Genussf\u00e4higkeit, offenes Visier in den k\u00e4mpferischen, promiskuitiven 68ern, musikalische Intuition als Jazzmusiker, politische Intellektualit\u00e4t, attraktive Erscheinung und bis zuletzt noch die erfolgreiche Projektionsvaterfigur, die jugendliche Damen bet\u00f6rt. Doch so wie Aschenberger gelang auch ihm nicht der Bezug zum Hier und Jetzt. Dieses Verlorensein teilte TL mit seiner nicht zuf\u00e4llig gew\u00e4hlten Umgebung. Seine langsam entglittene Exgattin Lena suchte ihr Gl\u00fcck zwischen wiederholten Sch\u00f6nheitsoperationen und einem kraftvollen Schwarzen. Tessy, die ehemalige Kollegin und Urlaubsanimateurin, nahm sich im hoffnungslosen Anrennen gegen das Altern das Leben. Die alten Politfreunde Edmond und Vera wurden als erfolgreiche Bordeaux-H\u00e4ndler selbst Alkoholiker. Und so wie die politischen und Jugend-orientierten Ideale mal Zukunft waren, wurden sie f\u00fcr jeden irgendwann Vergangenheit. Gegenwarten wurden \u00fcberholt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch TL hatte das R\u00fcckw\u00e4rtsgewandte zu seinem Lebensinhalt gemacht und fl\u00fcchtete als Grabredner wieder und wieder in die traurigen, mitunter erb\u00e4rmlichen Lebensentw\u00fcrfe anderer. Dieses M\u00e4andern zwischen kleinen und gro\u00dfen L\u00fcgen fand jedoch ein Ende, als er eines Tages ohnm\u00e4chtig vor der Aufgabe stand weitere Reden halten zu m\u00fcssen. Wie gel\u00e4hmt konnte er nicht l\u00e4nger in die Ableben anderer fl\u00fcchten. Halt fand er erst wieder als er Format und Inhalt wechselte und mit einem Buchprojekt zu Hintergr\u00fcnden von Farben einen inneren Monolog begann. Der Fokus auf Rot gab ihm zun\u00e4chst Halt. Am Ende blieben jedoch wieder nur Farbflecken nicht zusammenh\u00e4ngender Impressionen. Der rote Faden zerfranste erneut. W\u00e4hrenddessen wartete die aufrichtig liebende Lichtdesignerin Iris auf ihn. Doch TL stolperte \u00fcber seine Bindungsunf\u00e4higkeit \u2013 und dies just in dem Moment des sich andeutenden Bekenntnisses zu ihr und ihrer Schwangerschaft. Nicht zuf\u00e4llig l\u00e4sst Uwe Timm den Protagonisten an dieser Stelle bei Rot zu Tode kommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Buch mit literarischen Hochdruckgebieten und verbreiteten inhaltlichen Nebellagen \u2013 gut f\u00fcr wetterbest\u00e4ndige Leser mit gen\u00fcgend Ausdauer. Am Ende nur ein bem\u00fchter Schluss.\u00a0 <strong>Note 2\u20133<\/strong> (ur) &lt;&lt;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kiepenheuer &amp; Witsch, ISBN: 3-462-03023-X, 2001, 430 Seiten. &gt;&gt;\u00a0 Thomas Linde (52) war wortgewandter Grabredner. Der Romananfang \u00fcberrascht mit seinem Tod. Die folgende Ich-Erz\u00e4hlung entpuppt sich als seine Grabrede &#8211; auf sich selbst. 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