{"id":1189,"date":"2018-12-07T08:52:52","date_gmt":"2018-12-07T06:52:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=1189"},"modified":"2019-02-27T19:18:10","modified_gmt":"2019-02-27T17:18:10","slug":"die-verwirrungen-des-zoeglings-toerless-robert-musil","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=1189","title":{"rendered":"Die Verwirrungen des Z\u00f6glings T\u00f6rle\u00df &#8211; Robert Musil"},"content":{"rendered":"<p><strong>Manesse<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-1230\" src=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/K1024_T\u00f6rle\u00df_Musil-189x300.jpg\" alt=\"\" width=\"189\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/K1024_T\u00f6rle\u00df_Musil-189x300.jpg 189w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/K1024_T\u00f6rle\u00df_Musil.jpg 768w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/K1024_T\u00f6rle\u00df_Musil-644x1024.jpg 644w\" sizes=\"(max-width: 189px) 100vw, 189px\" \/> Bibliothek 2013, Z\u00fcrich. 317 Seiten.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt;Robert Musil hat seinem Roman drei S\u00e4tze von Maurice Maeterlinck vorangestellt: \u201eSobald wir etwas aussprechen, entwerten wir es seltsam (\u2026).\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn dem so ist, w\u00e4re es dann nicht besser, ich w\u00fcrde meine Gedanken \u00fcber den Roman f\u00fcr mich behalten? Mit zehn Jahren wurde ich fast auch ein Z\u00f6gling. Sicherlich nicht so vornehm wie in M\u00e4hrisch-Wei\u00dfkirchen, halt \u201enur\u201c in Rottenburg\/Neckar. Es war nicht die Idee meiner Eltern, sondern die eines priesterlichen Onkels. Meine Eltern lie\u00dfen mich entscheiden. Ich wollte lieber im warmen und vertrauten Dreigenerationenhaushalt im Jagsttal bleiben. War es schon damals die Angst vor dem Unbekannten? Nachtr\u00e4glich vermutlich die richtige Entscheidung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Fall von T\u00f6rle\u00df war das Internat sicher die bessere L\u00f6sung. So wie er in Wien lebte, geschwisterlos, ohne Freunde, mit speziellen Eltern? Auch wenn Musils erfolgreichster Roman den Weg in die ZEIT-Bibliothek der 100 B\u00fccher gefunden hat, mir blieben Sprache, Ausdrucksweise und Verhalten der vier Protagonisten insgesamt fremd. Am ehesten konnte ich mich noch auf den Beobachtermodus von T\u00f6rle\u00df einlassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So suchte ich Rat und Trost in allen drei Lekt\u00fcrehilfen, die in der Stadtb\u00fccherei T\u00fcbingen zu finden waren. Die im renommierten Klett-Verlag erschienene Interpretationshilfe von Dr. Hanns-Peter Reisner ist sicherlich die kl\u00fcgste und hilfreichste. Reisner zitiert Walter Jens, der den jungen T\u00f6rle\u00df als ein \u201ejanusgesichtiges, von verwegenen Erfahrungen und tollk\u00fchnen Gedankenaufschw\u00fcngen gezeichnetes Ich\u201c bezeichnet. F\u00fcr den Rhetoriker, der es ja wissen mu\u00df, ist er \u201eder erste moderne Mensch in der deutschen Literatur: dem Hofmannsthalschen Lord Chandos oder dem Rilkeschen Malte Laurids Brigge oder Thomas Manns Hanno Buddenbrook um ein halbes Jahrhundert voraus.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Reisner verweist abschlie\u00dfend\u00a0 richtigerweise auf die Zeitlosigkeit sadistischer \u00dcbergriffe und res\u00fcmiert: \u201cWenn die aus dem T\u00f6rle\u00df zu gewinnenden Einsichten wenigstens ansatzweise dazu dienen k\u00f6nnen, mit gesch\u00e4rfter Aufmerksamkeit und strukturiertem Blick solche Ereignisse aufzunehmen und zu verarbeiten, haben sich die M\u00fchen der Romanlekt\u00fcre gelohnt.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So gesehen bereue ich nichts.\u00a0 <strong>Note:\u00a0 3+\u00a0<\/strong> (ax) &gt;&gt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; Was uns ein 26j\u00e4hriger Autor in seinem 1906 erschienen Roman \u00fcber das Internatsleben 16-18j\u00e4hriger Z\u00f6glinge\u00a0 berichtet, gibt sowohl einen Einblick in die Entwicklung zum Erwachsenwerden wie in die Elitenrekrutierung der Zeit. In dem Konvikte zu W. wurden die \u201eS\u00f6hne der besten Familien des Landes\u201c f\u00fcr den sp\u00e4teren Milit\u00e4r- und Staatsdienst vorbereitet. Abgeschiedenheit, so l\u00e4sst uns der Erz\u00e4hler wissen, schien die Gew\u00e4hr daf\u00fcr zu bieten, \u201edie aufwachsende Jugend vor den verderblichen Gefahren einer Gro\u00dfstadt zu bewahren\u201c. Dass die Gef\u00e4hrdungen auf ganz anderer Ebene lauern, ist das Thema von Musils Roman. Stehen zun\u00e4chst der Prozess des behutsamen Abschieds von den Eltern, die Erfahrung von Einsamkeit und Selbstzweifel, \u00a0T\u00f6rless\u00a0 Zuwendung zu Reiting und Beineberg und deren Gedankenwelt, etwa die erotischen Phantasien in der Bozena Episode im Vordergrund, so wird der Gelddiebstahl des Sch\u00fclers Bansini \u00a0zum Wendepunkt der Geschichte. Zum Skandalon gegen\u00fcber Kameradschaftsideologie und Moralrigorismus\u00a0 \u00fcberh\u00f6hlt, erkennt der Sch\u00fcler Reiting, vom Erz\u00e4hlers schon fr\u00fch als Typus des \u201eunnachsichtigen Tyrannen\u201c charakterisiert, die Chance, aus Bansinis \u201eGemeinheit\u201c ein \u201eVergn\u00fcgen\u201c werden zu lassen und so nimmt das Verh\u00e4ngnis mit Bansinis unterw\u00fcrfigem Bekenntnis zum \u201eSklavendienst\u201c seinen Lauf. In der Gegenwelt zum Lehrsaal unten, in der Dachstuhlkammer oben \u00a0offenbaren sich die Abgr\u00fcnde der Psyche in drei verschiedenen Typologien. Zum einen k\u00fchl kalkulierend , zynisch\u00a0 sadomasochistisch\u00a0 Reiting, der Basini am Ende gar der Lynchjustiz der Klasse ausliefert, ein strategisch perfider Plan, um die eigentlichen drei T\u00e4ter in einer gl\u00e4nzend inszenierten \u201ewohlverabredeten Kom\u00f6die\u201c straffrei davon kommen zu lassen. Zum zweiten Beineberg, Sohn eines Reiteroffiziers,\u00a0 der von einer kruden\u00a0 buddhistisch, mystisch esoterischen Zauberwelt inspiriert, glaubt an Bansini gar ein Menschenexperiment durchf\u00fchren zu k\u00f6nnen. Als diese l\u00e4cherliche Hypnose der Seelenreinigung (Befreiung der Seele aus den Naturgesetzen) scheitert, kommt die Peitsche und der Revolver zum Einsatz, letzterer noch nicht in seiner sp\u00e4teren Realit\u00e4t . Und schlie\u00dflich die Hauptfigur T\u00f6rless. \u00a0Im Gegensatz zu seinen Mitsch\u00fclern sensibel und verschlossen und von deren Andersartigkeit merkw\u00fcrdig angezogen, reagiert er zun\u00e4chst pragmatisch. Bansini m\u00fcsse beim Direktor angezeigt und vom Institute entfernt werden. Zugleich sp\u00fcrt er, was die Entscheidung Reitings letzten Endes auch f\u00fcr ihn bedeutet. Dies ist eine Schl\u00fcsselstelle des Romans: \u201eAlles, was sich in ihm regte, lag noch im Dunkeln, aber doch schon sp\u00fcrte er eine Lust in die Gefilde dieser Finsternis einzudringen\u201c. Zun\u00e4chst noch beobachtend, befremdet, Bedenken \u00e4u\u00dfernd, ob der sich zunehmend steigernden Bestrafungsrituale wird schlie\u00dflich auch T\u00f6rless zum Mitt\u00e4ter. Im Zusammenprall zweier Welten, der Vernunft und der Irrationalit\u00e4t, siegt bei T\u00f6rless die \u201em\u00f6rderische Sinnlichkeit\u201c. Doch w\u00e4hrend sich bei Reiting und Beineberg der Missbrauch ohne jede Irritation vollzieht, Basini zum Objekt verdinglicht wird, unterzieht T\u00f6rless sein Handeln einer fortw\u00e4hrenden Selbstreflexion. Die Innenperspektive, sein seelischer Zwiespalt , Ich-Br\u00fcche stehen im Vordergrund und die wechselnden Empfindungen von Lust, Begierde, Z\u00e4rtllichkeit, Erniedrigung Scham und Ekel offenbaren ihm zunehmend die Abgr\u00fcnde auf der Suche nach sich selbst. Dass ihm die finale Gewaltorgie, die Bansini durch Reiting und Beineberg erf\u00e4hrt, \u201eals eine gedankenlose, \u00f6de, ekelhafte Qu\u00e4lerei\u201c! erscheint, ist der Beginn einer Selbstbefreiung. Erst mit der sp\u00e4teren Lekt\u00fcre seiner Erinnerungen erkennt er ohne Schuldbewusstsein, warum ihm jede \u201eethische Widerstandskraft\u201c damals fehlte. Wie wenig die Institution des Internats den Verwirrungen ihrer Z\u00f6glinge gewachsen war, belegt vor allem die Schlussszene des Romans, eine Bankrotterkl\u00e4rung p\u00e4dagogischer Arbeit: Basini strafweise entlassen, T\u00f6rless vom Direktor zur \u201esorgsamen \u00dcberwachung seiner geistigen Nahrung\u201c einer Privaterziehung anempfohlen, Beineberg und Reiting straffrei \u2013 \u201e in der Schule ging alles einen gewohnten Gang\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein f\u00fcr die Jahrhundertwende sicherlich au\u00dfergew\u00f6hnlicher Blick in die Irrungen der Adoleszenz, die sich heute bei 16 bis 18 J\u00e4hrigen sicherlich weniger bildungsbefrachtet, aber vielleicht in anderer Weise gewaltaffin zeigen w\u00fcrden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Note: 2<\/strong> ( ai) &gt;&gt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; Mit dem Internatssch\u00fcler <em>T\u00f6rle\u00df<\/em> behandelt Musil vermutlich eigene Verwirrungen: Sinnsuche, Wahrheitsverbundenheit, Ethos und Logik, Instrumente der Reifung einschlie\u00dflich Gewalt, Homosexualit\u00e4t, Erotik, Lebenszweifel, kollektive Grenzerfahrung, Verrat, Schuld und Flucht. Eine eher d\u00fcstere Thematik &#8211; und dar\u00fcber hinaus eine, die \u00fcberwiegend in \u00dcberlegungen verl\u00e4uft. Wenig Bewegung, meist nur tastendes Fortbewegen in aschfahlen Gedankengew\u00f6lben. Obwohl thematisch zeitlos, leidet die Rezeption des Romans zudem an seinem hundertj\u00e4hrigen Sprachduktus, der die heutige Wahrnehmung zumindest herausfordert. Man qu\u00e4lt sich durch die Seiten und leidet auf inhaltlicher und formaler Ebene.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <em>T\u00f6rle\u00df<\/em> dr\u00e4ngt seine wohlhabenden Eltern, ihm einen Internatsaufenthalt zu erm\u00f6glichen. Die Trennung f\u00e4llt dennoch auch dem Sohn schwer. Im Internat gefangen, qu\u00e4lt den Jungen Heimweh, vergeistigt im stillen Abseits einer Gemeinschaft von Jungen aus meist standesbewussten Elternh\u00e4usern. Seine drei ungleichen Weggef\u00e4hrten sind umstrittene Burschen mit zwielichtigen Ambitionen. <em>Basini<\/em> k\u00e4mpft gegen das Unterschichtdasein seiner mittellosen Herkunft, bestiehlt andere um materiell anerkannt zu werden und verstrickt sich in L\u00fcgen und Abbitten. Seine kleinen Untaten erlauben den anderen ihn zum gemeinsamen Opferobjekt zu profilieren. <em>Reiting<\/em> schult seine k\u00f6rperliche Widerstandsf\u00e4higkeit mit ausdauernden Schlag\u00fcbungen gegen Zimmerw\u00e4nde und kennt kein gr\u00f6\u00dferes Vergn\u00fcgen als Menschen gegeneinander aufzuwiegeln. Er ist der berufene Nachwuchstyrann. Auch <em>Beineberg <\/em>entpuppt sich als der Praktikant des B\u00f6sen, der Nachschl\u00fcssel f\u00fcr alle ungenutzten Verschl\u00e4ge und Dachkammern des weitl\u00e4ufigen Schulgeb\u00e4udes besitzt, geladene Revolver hinterlegt und mit Strenge Gewaltanwendung einfordert. <em>T\u00f6rle\u00df<\/em> hingegen besitzt in all diesen Dingen kein Geschick, ist jedoch der geistig Beweglichste. Entsprechend avanciert er still zur theoretischen Autorit\u00e4t des Trios.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>T\u00f6rle\u00df<\/em> verharrt als Grenzg\u00e4nger. Grenzg\u00e4nger zwischen den Geschlechtern, Grenzg\u00e4nger zwischen den erotischen Zielen, Grenzg\u00e4nger zwischen den Logikwelten in der verzweifelten Suche nach Wahrheiten, verunsichert durch un-eindeutige Signale seiner Seele und seiner Erzieher. Als Kind war es im unbegreiflich, warum er kein M\u00e4dchen sein durfte. Bei grausamen Gewaltritualen seiner Kameraden \u00fcberrascht ihn beim Anblick des blut\u00fcberstr\u00f6mten, nackten <em>Basini<\/em> eine Erektion. Die verschwommenen Antworten seines Lehrers auf Fragen mathematischer Logik entt\u00e4uschen ihn zutiefst. Das Verst\u00e4ndnis seiner Eltern f\u00fcr <em>Basinis <\/em>Verfehlungen stellen seine Wertvorstellungen in Frage. Und auch die Wahl der Mittel f\u00fcr den Erkenntnisgewinn bleiben unbeholfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als ein verl\u00e4ngertes Wochenende ihn und <em>Basini<\/em> allein im Internat zur\u00fcckl\u00e4sst, gibt er sich einem erotischen Impuls hin. Schon in n\u00e4chsten Moment wird die homosexuelle Ann\u00e4herung von Gewaltpraktiken durchdrungen, die sich kaum von denen seiner Weggef\u00e4hrten <em>Beineberg<\/em> und <em>Reiting<\/em> unterscheiden. Musil f\u00e4rbt die Szene ein und gibt ihr den Farbton einer Sinnsuche: \u201eJa, ich qu\u00e4le dich. Aber nicht darum ist es mir; ich will nur eines wissen: Wenn ich all das wie ein Messer in dich hineinsto\u00dfe, was ist in dir? Was vollzieht sich in dir?\u201c <em>Basini <\/em>als Medium und sexualisierte Gewalt als Methode um eine universelle Lebenserkenntnis zu erwirken? Musil bleibt vage, worum es eigentlich geht: Moral? K\u00f6rperlichkeit? Identit\u00e4t? Genuss der Ohnmacht? Mathematik? Als Leser m\u00f6chte man sich so wie der sp\u00e4ter vergeblich nach Erkl\u00e4rungen suchende Direktor von dieser Verschwommenheit trennen. <em>T\u00f6rle\u00df <\/em>wird vom Internat verwiesen. Zuvor hatte <em>T\u00f6rle\u00df Basini<\/em> sch\u00fctzend empfohlen, den Fall und damit auch sich selbst bei der Direktion anzuzeigen. Die Tortur findet ein Ende \u2013 Musil l\u00e4sst <em>Basini<\/em> kurzentschlossen im Off verschwinden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schl\u00fcssiger erscheint dagegen der perverse Gewaltcharakter der anderen Protagonisten. In immer perfideren Verfahren hatten sie ihre brutalen Orgien verfeinert, bis <em>Basini<\/em> in einem Prozess der Selbstaufgabe Schmerz und Angst verloren hatte. Damit verfl\u00fcchtigte sich jedoch der orgastische Reiz der Qu\u00e4lerei, weshalb <em>Reiting<\/em> und <em>Beineberg<\/em> schlie\u00dflich <em>Basini<\/em> der gierigen Klassengemeinschaft auslieferten. Ihre Darstellung, dass sie sich vergeblich aufgeopfert h\u00e4tten, ihn durch m\u00fchevolle Zucht auf den rechten Pfad zu f\u00fchren, wird allseits wertgesch\u00e4tzt \u2013 die Gewaltt\u00e4ter werden zu Wohlt\u00e4tern stilisiert. Dieser Teil des Romanplots ist eindr\u00fccklich und besch\u00e4mend zugleich. Auch Exorzismus versteht sich als religi\u00f6se L\u00e4uterung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Musil l\u00e4sst <em>T\u00f6rle\u00df <\/em>sp\u00e4ter zu einem feinsinnigen Erwachsenden werden. Hat die harte Schule somit doch ihre Sinnhaftigkeit nachweisen k\u00f6nnen? Oder ist es am Ende die aufwertende Selbstdarstellung des Autors, der in der Tat trotz einer problematischen Schulpr\u00e4gung zum empathischen Seelenschriftsteller wurde? Womit will uns Musil entlassen?\u00a0 <strong>Note: 3\/4<\/strong>\u00a0 (ur) &lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; Als der junge T\u00f6rle\u00df einmal eine Reclamausgabe von Schriften KANTs in die H\u00e4nde bekam, verstand er kein Wort und es war ihm \u201eals drehe eine alte, knocherne Hand ihm das Gehirn in Schraubenwindungen aus dem Kopf\u201c. Das Buch hat er bei seinem Mathematiklehrer liegen sehen, der ihm mit Kant die Erkenntnis vermitteln will, dass es sowohl in der Mathematik wie auch in der Philosophie Denknotwendigkeiten, Axiome sind, die am Anfang stehen und deren Bedeutung und Sinnhaftigkeit man erst dann verstehen kann, wenn man sich intensiver mit der Materie besch\u00e4ftigt hat. T\u00f6rle\u00df will zu den Grundlagen der Erkenntnisf\u00e4higkeit vordringen, ein f\u00fcr heutige 17-j\u00e4hrige schwer nachvollziehbarer Drang und sicher auch f\u00fcr die Verh\u00e4ltnisse vor hundert Jahren, sagen wir mal, au\u00dfergew\u00f6hnlich. Er ist auch die Triebfeder daf\u00fcr, dass er sich in das unheilvolle Spiel seiner Mitsch\u00fcler Beineberg und Reiting\u00a0 hineinziehen l\u00e4sst, die den Au\u00dfenseiter Basini in ein immer qualvolleres, psychisches Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnis treiben. T\u00f6rle\u00df beobachtet mit Neugier und mit dem n\u00fcchternen Blick des Forschers, was seine Beteilung an den Qu\u00e4lereien Basinis in seinem Inneren bewirkt. Seine erwachende Sinnlichkeit analysiert er ebenso k\u00fchl als Kampf zwischen Verstand und Trieb. Der psychologische Blick, der Wechsel der Perspektive, das Zusammendenken von Qual und Lust, von Ekel und Anziehung geh\u00f6rt zweifelsohne zu den starken Passagen des Buches. Sp\u00e4ter wird T\u00f6rle\u00df seine Erlebnisse und Grenzerfahrungen als Bereicherung seiner pers\u00f6nlichen Entwicklung sehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die sadistischen Exzesse, die empathielose Haltung der restlichen Klassenkameraden, das Versagen des Lehrerkollegiums als Vorboten des 1. Weltkrieges und des Faschismus zu deuten, ist nicht abwegig. Ob die Qualen des Erwachsenwerdens, in der Sprache Musils erz\u00e4hlt, f\u00fcr heutige Abiturienten, die den T\u00f6rle\u00df lesen m\u00fcssen, noch nachvollziehbar ist, darf allerdings bezweifelt werden.\u00a0 <strong>Note: 2<\/strong> (\u00fcn) &gt;&gt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Manesse Bibliothek 2013, Z\u00fcrich. 317 Seiten. &gt;&gt;Robert Musil hat seinem Roman drei S\u00e4tze von Maurice Maeterlinck vorangestellt: \u201eSobald wir etwas aussprechen, entwerten wir es seltsam (\u2026).\u201c Wenn dem so ist, w\u00e4re es dann nicht besser, ich w\u00fcrde meine Gedanken \u00fcber &hellip; <a href=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=1189\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1189"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1189"}],"version-history":[{"count":12,"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1189\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1252,"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1189\/revisions\/1252"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1189"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1189"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1189"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}