{"id":1171,"date":"2018-07-27T10:42:35","date_gmt":"2018-07-27T08:42:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=1171"},"modified":"2018-11-21T13:18:08","modified_gmt":"2018-11-21T11:18:08","slug":"der-trafikant-robert-seethaler","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=1171","title":{"rendered":"Der Trafikant &#8211; Robert Seethaler"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-1173\" src=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/K1024_Trafikant-185x300.jpg\" alt=\"\" width=\"185\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/K1024_Trafikant-185x300.jpg 185w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/K1024_Trafikant.jpg 768w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/K1024_Trafikant-631x1024.jpg 631w\" sizes=\"(max-width: 185px) 100vw, 185px\" \/>Kein &amp; Aber AG Z\u00fcrich, 2012 | 250 Seiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt;Ein gl\u00e4nzend gew\u00e4hlter Schauplatz dieser Wiener Trafik. Dem Invalidenentsch\u00e4digungsgesetz hat es der im\u00a0 1.\u00a0 WK beinamputierte Otto Trsnjek zu verdanken, dass er zum Umschlagpunkt\u00a0 von Nachrichten und Rauchwaren aus der kleinen und gro\u00dfen Welt wird. Die Palette so breit gestreut wie die Kundschaft, ein Wiener Mikrokosmos: Reichpost, Bauernb\u00fcbler, \u201eZ\u00e4rtliche Magazine\u201c, das Wiener Journal. In diesen Hotspot der Kommunikation wird der 17j\u00e4hrige Franz Huchel aus Nu\u00dfdorf am Attersee nach dem tragikkomischen Blitztod des Liebhabers seiner Mutter von einem Tag auf den anderen hineingeworfen. Damit beginnt f\u00fcr ihn, dem das \u201aWeltgeschehen damals noch durch die H\u00e4nde und unterm Hintern hinwegglitt\u2018 (trefflicher kann man den Abstand zur Kultur des Zeitungslesens nicht beschreiben), das wirkliche Leben vom \u201eBurschi\u201c zum Franz.\u00a0 Zum einen die ersten sexuellen Irrungen und Wirrrungen in Form der Anezka-Episoden zum anderen und wesentlich bedeutender in Form der schleichenden politisch-gesellschaftlichen Ver\u00e4nderungen in \u00d6sterreich zwischen 1937 und 1938 : Im Trafik \u00e4ndert sich das Kundenverhalten, die Journale zunehmend gleichgeschaltet, Schaufensterschmierereien, Anschl\u00e4ge des Fleischhauers Ro\u00dfhuber und schlie\u00dflich die Verhaftung Trsnjeks unter dem Vorwand der Pornografie. Die Posttasche des Brieftr\u00e4gers Heribert Pfr\u00fcndner \u201ehat einen gro\u00dfen Teil des Gewichts verloren\u201c, das reicht, um zu wissen, was unter der Postzentrale vor sich geht. In \u201eder Grotte\u201c bestimmt eines Tages statt Heinzi ein k\u00e4sig junger Mann mit Dolchkettchen und Totenk\u00f6pfchen. In der Berggasse 19 wird der j\u00fcdische \u201eDeppendoktor\u201c ins Exil nach England gezwungen. All diese verst\u00f6renden Entwicklungen werden ohne Pathos beschrieben, fast im Stil n\u00fcchternen Registrierens und man gewinnt den Eindruck, als beuge sich Franz Huchel den ver\u00e4nderten Umst\u00e4nden. Als dann aber eines Tages das \u201ebeh\u00f6rdliche Packerl\u201c mit Otto Trsnjeks Hinterlassenschaften eintrifft, ist zun\u00e4chst der Ro\u00dfhuber und dann die Gestapozentrale im Metropol an der Reihe. Wie letzterer Akt des Widerstands mit Hilfe von Trsnjeks Zeigefingerhose am mittleren Fahnenmast in einem in direkter Rede wiedergegebenen Einkaufsgespr\u00e4ch einer ungenannten Wiener Kundin beschreiben wird (S.237-243), das ist gro\u00dfartig. \u00dcber weite Passagen misslungen dagegen die Franz Huchel Sigmund Freud Geschichte, die ich sogar \u00fcber weite Strecken f\u00fcr entbehrlich halte. Die Geschichte k\u00f6nnte eigentlich nur gelingen als Demontage der Psychoanalyse, wozu die k\u00f6stliche Mrs. Buccleton Therapie (\u201eEssen Sie weniger Torten\u201c) oder die naiven Empfehlung Freuds zu Franz Liebeskummer (\u201eVergiss sie\u201c, \u201eMit Frauen ist es wie mit Zigarren\u2026..) sogar Ans\u00e4tze gibt. Danach lieferte Franz mit seiner Unbek\u00fcmmertheit einen Beitrag zur Entzauberung des gro\u00dfen Wiener Gelehrten. Wahrscheinlicher ist aber, dass Seethaler Franz und S.Freud auf Augenh\u00f6he ansetzt und das geht schief: sprachlich und inhaltlich. Da will Franz, kaum dass er den \u201eDeppendoktor\u201c erstmals angesprochen hat, seine B\u00fccher kaufen, da hinterfragt er die Methode Couch, da irritiert er den Professor was die Wissenschaftlichkeit seiner Therapie betrifft, da erkl\u00e4rt der ihm, was \u201eLibido\u201c bedeutet, gibt 0815-Ratschl\u00e4ge die Liebe betreffend, da geht\u2019s weiter zur Bedeutung des Traums und seiner Deutung und schon formuliert Franz eigene kleine Traumplakate, \u201eaufgeklebte Absonderlichkeit\u201c, die nicht nur die Kundschaft sondern auch mich als Leser irritieren \u2013 nein, das ist in einem so klug angelegten Buch zu viel.\u00a0 <strong>Note: 2\/3<\/strong> (ai)&lt;&lt;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt;Liebe Mutter,\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Datum unleserlich<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">ich war gar nicht begeistert, als ich jetzt entdeckt hab, dass der Herr Seethaler unsere Korrespondenz einfach so ver\u00f6ffentlicht hat. Wie kommt er dazu?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das war doch alles nur f\u00fcr Dich und mich bestimmt! Wahrscheinlich h\u00e4tte ich manches auch ganz anders geschrieben, wenn ich das geahnt h\u00e4tte. Es waren schlimme Zeiten, ja, das hat er richtig beschrieben. Was zwischen mir und dem Professor ablief, hat er allerdings nicht begriffen. Er war ja auch nicht dabei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">K\u00fcrzlich habe ich zuf\u00e4llig das Buch \u201eMit brennender Geduld\u201c entdeckt. Der Tipp kam von einer Lesegruppe aus T\u00fcbingen, die das Buch hoch-, besser\u00a0 gesagt h\u00f6chstsch\u00e4tzen. Ein Chilene namens Antonio Sk\u00e1rmeta beschreibt darin, wie der Dichter Pablo Neruda seinem Brieftr\u00e4ger Mario hilft, das Herz seiner geliebten Beatriz zu erobern. Mario hatte \u00e4hnliche Probleme mit den Frauen wie ich. Aber wahrscheinlich war Neruda ein besserer Ratgeber als mein Professor. \u201eDenk nicht \u00fcber die Liebe nach!\u201c hat er mir damals gesagt. So ein Stuss.<br \/>\nLeider kam Mario genauso unter die R\u00e4der einer Diktatur wie ich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jedenfalls habe ich das Gef\u00fchl, dass Herr Seethaler dieses Buch kannte und sich davon etwas inspirieren lie\u00df. Der Brieftr\u00e4ger wurde verfilmt, mich haben sie auf die B\u00fchne gebracht. Schau dir das St\u00fcck ruhig mal an, ich verrate nichts.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wei\u00dft Du, manchmal tr\u00e4ume ich von Anezka, aber vielleicht war es doch besser so.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alle Gute Dir.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Liebe Gr\u00fc\u00dfe<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dein Franz\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<strong>\u00a0\u00a0\u00a0 Note: 3\u00a0<\/strong> (ax) &lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&lt;&lt; Wien 1938. Die Kriegsversehrten des ersten Weltkriegs wurden gegebenenfalls mit einer Arbeitsbesch\u00e4ftigung entsch\u00e4digt. Otto Trsnjek (<em>Snj\u00e4ck<\/em>) opferte ein Bein f\u00fcr das Vaterland und erhielt einen Kiosk, eine Trafik. Das sollte ihm den Lebensunterhalt erm\u00f6glichen. Jetzt ist er tot, weil die einfallenden Nationalsozialisten eine abschlie\u00dfende Meinung von dem Juden hatten. Sein Lehrling Franz wird der Nachfolgetrafikant. Da Franz eine Meinung von den Rechten hatte, wird auch er weggerissen. Sieben Jahre sp\u00e4ter entdeckt die kleine Hure Anezka an der verwahrlosten Trafik einen Zettel von Franz. Es ist der letzte seiner Tr\u00e4ume der letzten seiner N\u00e4chte. Auf Anraten seines greisen Bekannten Sigmund Freud notierte Franz seine Traumbilder. Dazwischen lesen wir eine anr\u00fchrende Geschichte des aufrichtigen Landjungen Franz in einer historischen Gewaltepoche \u2013 eingebettet zwischen tr\u00f6stlicher Mutterbeziehung, penetrierendem Antisemitismus, Liebeseruptionen und psychoanalytischem Slapstick. Es ist die Geschichte des Trafikanten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die vielleicht literarisch eindr\u00fccklichsten Seiten erwarten den Leser schon in den Anfangsepisoden. Die Mutter am Attersee im Salzkammergut. Das Wetter war wechselhafter als der schlichte Alltag. Doch \u00fcber dem einfachen Leben der Witwe mit ihrem 17-j\u00e4hrigen Sohn schwebten beh\u00fctend die Alimentenzahlungen des S\u00e4gewerk-Eigners Alois Preiniger. Er fuhr einen Austro-Daimler, auf dessen R\u00fccksitz die Mutter wiederholt Platz fand. Es war eine gute Zeit, bis er vom Blitz erschlagen wurde und die Zahlungen ausblieben. Darauf schickte die Mutter den Buben in die Metropole, damit er ein Auskommen f\u00e4nde. Sie diente ihn Otto Trsnjek an, der zwar keine Alimentenschulden aber noch eine Schuld zu begleichen hatte. Otto Trsnjek stimmte sofort zu.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Franz lernt schnell. Die Produkte der Trafik sind Symbole von Wissen und Genuss: Zeitungen und Zigarren. Aufgabe ist es, das Wesen jedes Kunden zu ergr\u00fcnden, um ihn an das einzige f\u00fcr ihn angemessene Blatt heranzuf\u00fchren. Franz \u00fcberwindet hohe H\u00fcrden, beschr\u00e4nkte sich seine Begegnung mit dem Weltgeschehen bisher nur auf jene Zeitungsfetzen, die daheim der Hygiene nach der Notdurft gewidmet waren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Franz erwachen nicht nur Gesch\u00e4ftsinteressen. Auch Hormone bahnen sich ihren Weg und finden Anezka. Anezka ist wild und begierig. Sie atmet M\u00e4nner wie frische Luft. Auch Franz ist nicht mehr als ein Atemzug. Nat\u00fcrlich verl\u00e4uft sich Franz im Labyrinth ihrer Lungenbl\u00e4schen und bleibt f\u00fcr Anezka nur eine ungewichtige Schrankenlosigkeit. Die erste Sturmflut wirkt wie eine emotionale Naturgewalt, die tiefe Einschnitte in seine Seelend\u00e4mme rei\u00dft. Trost &#8211; wenn auch ohne praktischen Nutzen &#8211; spendet in dieser Situation ein t\u00e4glicher Kunde der Trafik. Es ist Sigmund Freud. Eine gleiche ungleiche Bekanntschaft reift. F\u00fcr Freud entpuppt sich die schlichte Welt des jungen Mannes als viel n\u00e4herliegend als jene seiner arrivierten Kollegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Neben den Schmerzen der Liebe ist Franz mit politischer Gewalt konfrontiert. Anschl\u00e4ge mit zunehmender Heftigkeit prasseln auf die j\u00fcdische Trafik nieder bis Trsnjek schlie\u00dflich verhaftet und ermordet wird. Sigmund Freud muss nach England fliehen. Anezkas Kabarettkollege wird interniert. Der rote Egon st\u00fcrzt sich vor den Verfolgern vom Dach. Franz ger\u00e4t aus dem Gleichgewicht, schwankt und verschont dennoch die Mutter in den w\u00f6chentlichen Postkartengr\u00fc\u00dfen mit den bitteren Wahrheiten. Schlie\u00dflich tritt er unvern\u00fcnftig mutig den Nazischergen entgegen und verk\u00e4mpft sich f\u00fcr Trsnjek und Anzeka. Am Ende ist gerade dies sein Ende.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sitzen wir mit Seethalers Trafikant einer Plagiatsidee auf? Ist das Konzept des Romankontrastes basierend auf der Begegnung eines ungebildeten Landjungen mit einem weltber\u00fchmten Gelehrten nicht schon verbraucht worden in Sk\u00e1rmetas \u201eMit brennender Geduld\u201c? Sk\u00e1rmeta inszenierte eine \u00fcberraschende M\u00e4nnerfreundschaft zwischen dem Weltliteraten Pablo Neruda und einem Postboten, der ihm t\u00e4glich Briefe nach Isla Negra brachte. Parallelen zum Trafikanten sind offensichtlich. Ist nicht auch die literarische Originalit\u00e4t von Sigmund Freud in Yaloms \u201eUnd Nietzsche weinte\u201c mit der fiktiven Begegnung des Philosophen mit dem Begr\u00fcnder der Psychoanalyse ausgesch\u00f6pft?\u00a0 Nein. Denn Seethaler wagt anders als seine Schriftstellerkollegen etwas erfrischend Respektloses: Er entweiht das Denkmal. Hinter der gro\u00dfen Etikette skizziert er fast beil\u00e4ufig und ausschlie\u00dflich das Kleinteilige, das Banale im Leben von Sigmund Freud. Der Mann ist alt und m\u00fcde, sitzt am liebsten am unbeobachteten Kopfende seiner ruhenden Klienten. Er verlangt Stundenhonorare, mit denen man ebenso einen halben Schrebergarten kaufen k\u00f6nnte. Er beneidet in heller Erregung Insekten an der Zimmerdecke, die anders als er, ein unbehelligtes Leben f\u00fchren k\u00f6nnen. Im graut vor der Einsicht, der eigenen Versteinerung entgegen zu trippeln. Er verweigert Antworten, weil unbeantwortete Fragen allein schon das Ziel seien. Und wenn er sich dennoch einmal zu einer psychoanalytischen Erwiderung durchringt, droht man auf ihrer glatten Oberfl\u00e4che auszurutschen. Die seelischen Leiden einer allzu adip\u00f6sen Amerikanerin quittiert er mit der tiefsch\u00fcrfenden Therapieempfehlung, sie solle aufh\u00f6ren, Torten zu essen. Dabei verf\u00e4llt Seethaler nicht einmal in einen trivialen Tonfall, sondern komponiert eine leise klingende Dissonanz, die so zur\u00fcckhaltend ist, dass man sie fast \u00fcberh\u00f6ren k\u00f6nnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein kleiner Sch\u00f6nheitsfleck bleibt dennoch. Nicht immer gelingt es Seethaler, die Rollenverteilung dialogisch durchzuhalten. So wird der siebzehnj\u00e4hrige Landjunge schon mal zum psychologischen Gelehrten, wenn es um Feinheiten in der Auseinandersetzung mit Freud oder seiner Mutter geht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Note<\/strong>: <strong>2 \u2013<\/strong> (ur)&lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt;Wieder mal so ein kleines Schmuckst\u00fcck, das vielfach \u201egerne gelesen\u201c und weiterempfohlen wird.\u00a0 Allerdings: \u00a0Wenn Christine Westermann (WDR) es \u201egro\u00dfartig\u201c nennt, m\u00fcsste man schon skeptisch an die Sache rangehen. Der Plot ist vielversprechend und der Anfang auch literarisch sehr gelungen. Franz, junger Mann aus dem Salzkammergut wird von der Mutter 1937 aus der Not heraus zu einem Bekannten, dem kriegsversehrten Otto nach Wien geschickt, der dort ein \u201eTrafik\u201c betreibt.\u00a0 Dort erlebt er sein \u201e coming of age\u201c, wie es neuerdings neudeutsch hei\u00dft, lernt viel und schnell \u00fcber das Leben, erf\u00e4hrt seine erste Liebe, und das Aufkommen des Nationalsozialismus. Zentral, das wird bei keiner Besprechung ausgelassen, dann die Begegnung, ja sogar eine Freundschaft mit der Ikone der Psychoanalyse Sigmund Freud, dem \u201eDeppendoktor\u201c. Und da, aber nicht nur da, wird es problematisch.\u00a0 Die Schilderung der Beziehung zu Freud ist literarisch derma\u00dfen misslungen, dass man sich fragt, was Seethaler damit bezwecken wollte. Kaum etwa hat der sch\u00fcchterne 17- j\u00e4hrige Junge vom Land den \u201eweltber\u00fchmten\u201c Freud kennengelernt, da gibt er ihm schon altkluge Ratschl\u00e4ge, wie \u201eMit seiner Gesundheit spielt man nicht!\u201c\u00a0 und antwortet ihm \u201estreng\u201c. (S.76); absolut unglaubw\u00fcrdig. Die Ratschl\u00e4ge Freuds f\u00fcr den ungl\u00fccklich verliebten Franz sind banal (\u201eH\u00f6r auf \u00fcber die Liebe nachzudenken\u201c) und nichts mehr als Kalenderweisheiten. Man k\u00f6nnte einwenden, dass Seehthaler Freud deskonstruieren, die ganze Psychoanalyse als Scharalanterie entlarven wollte. (\u201eWarum darf ich, der weltber\u00fchmte Begr\u00fcnder der Psychoanalyse nicht bleiben?\u201c l\u00e4sst Seethaler Freud auf S. 224 tats\u00e4chlich sagen!) Aber von Entlarvung oder vom \u201eSockel holen\u201c ist in Besprechung nichts zu lesen und auch in Interviews st\u00fctzt Seethaler diese These nicht. Ich f\u00fcrchte, er hat es ernst gemeint. Ges\u00fctzt wird meine These durch folgendes Musterbeispiel f\u00fcr Verk\u00fcndigungsprosa: Der 17j\u00e4hrige Junge aus der Provinz entschl\u00fcsselt nach kurzer Bekanntschaft mit Freud desssen Methode. &#8222;Kann es viellicht sein, dass Ihre Couchmethode nichts anderes macht, als die Leute von Ihren ausgelatschten, aber gem\u00fctlichen Wegen abzudr\u00e4ngeln, um sie auf einen v\u00f6llig unbekannten Steinacker zu schicken, wo sie sich m\u00fchselig ihren Weg suchen m\u00fcssen, von dem sie nicht die geringste Ahnung haben, wie er aussieht, wie weit er geht und ob er \u00fcberhaupt zu irgendeinem Ziel f\u00fchrt?&#8220; (S.141). Freud &#8211; wenn wundert es &#8211; muss zustimmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Insgesamt wirken die Dialoge \u00fcber weite Strecken h\u00f6lzern, dem sozialen Status der Protagonisten nicht ad\u00e4quat und pulverisieren damit zunehmend das eigentlich interessante historische Ger\u00fcst der Geschichte. Auch die Postkarten an die Mutter und deren Zeilen zur\u00fcck, sind nahe an der Kitschgrenze oder dar\u00fcber und von plakativen, wenig glaubhaften Lebensweisheiten durchzogen. Der 17j\u00e4hrige (!) Franz an seine Mutter: \u201eAber vielleicht ist es ja so mit dem ganzen Leben: Man entfernt sich von Geburt an und mit jedem einzelnen Tag ein bisschen weiter von sich selbst, bis man sich irgendwann gar nicht mehr auskennt\u201c (S.66). Was soll das? Das erinnert unangenehm an die pseudophilosophische Penetranz vielen amerikanischen Filme. Oder \u2013 noch schlimmer: Die Mutter schreibt in einem Brief an den 17j\u00e4hrigen Sohn im Jahre 1937 : \u201eIch hab\u2018 schon graue Haare, aber wenigstens ist der Hintern noch einigerma\u00dfen fest.\u201c (S.171).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt kaum eine Besprechung, in der nicht die \u201eLeichtigkeit\u201c der Sprache Seethalers lobend erw\u00e4hnt wird. Nun, ich w\u00fcrde die Sprache Seethalers in diesem Roman nicht \u201eleicht\u201c nennen. Das erinnert zu sehr an die \u201eleichte Sprache\u201c, mit der z.B. Beh\u00f6rden neuerdings versuchen, komplexe Sachverhalt in eine \u201eeinfache Sprache\u201c zu \u00fcbersetzen, die ein leichteres Lesen erm\u00f6glichen soll. \u00a0Nun, leicht zu lesen war der Trafikant in der Tat. Aber die Sprache ist zuweilen doch recht d\u00fcrftig und die massenhafte Verwendung schlichter Adverbien (\u201esagte xy streng\u201c, \u201ezerknirscht\u201c, \u201eerschrocken\u201c, usw.)\u00a0 entt\u00e4uscht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Note: 4+<\/strong> (\u00fcn)&lt;&lt;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kein &amp; Aber AG Z\u00fcrich, 2012 | 250 Seiten. &gt;&gt;Ein gl\u00e4nzend gew\u00e4hlter Schauplatz dieser Wiener Trafik. 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