{"id":1061,"date":"2018-04-13T16:40:13","date_gmt":"2018-04-13T14:40:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=1061"},"modified":"2018-05-27T16:59:47","modified_gmt":"2018-05-27T14:59:47","slug":"die-hauptstadt-robert-menasse","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=1061","title":{"rendered":"Die Hauptstadt \u2013 Robert Menasse"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-1069 alignleft\" src=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/K1024_Die_Haupstadt-193x300.jpg\" alt=\"\" width=\"193\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/K1024_Die_Haupstadt-193x300.jpg 193w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/K1024_Die_Haupstadt.jpg 768w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/K1024_Die_Haupstadt-659x1024.jpg 659w\" sizes=\"(max-width: 193px) 100vw, 193px\" \/> <strong>Suhrkamp Verlag, Berlin 2017 | 459 Seiten.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt;Ein herrenloses Hausschwein irrt durch die Metropole. In der Hauptstadt Br\u00fcssel verbindet die Unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit das Zuf\u00e4llige. Das Schwein verbindet Menschen: M\u00f6rder, EU-Funktion\u00e4re, Akademiker, Senioren. Im Prolog streifen wir mit dem Schwein Menasses Protagonisten: den j\u00fcdischen Pension\u00e4r David de Vriend, die ambitionierte EU-Aufsteigerin Fenia und ihren hochdotierten Bettkollegen Frigge, den Killeragenten Matek, den kleinen EU-Advokaten Martin Susman und den tiefsch\u00fcrfenden Gutachter Prof. Erhart. Was haben sie gemeinsam au\u00dfer der folgenlosen Begegnung mit einem desorientierten Schwein?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Schwein als Metapher f\u00fcr die EU? Im Prolog geistert es durch eine ihm fremd bleibende Gegenwart. Und dennoch tut es dies mit gro\u00dfer Entschlossenheit, so dass man intuitiv vor ihm zur\u00fcckweicht. Es ist \u00fcberall und dennoch mysteri\u00f6s unsichtbar. Die Medien multiplizieren es vielfach. Es ist so ambivalent wie <em>Saukerl <\/em>und <em>Gl\u00fccksschwein<\/em> und so schicksalhaft wie <em>Schwein gehabt<\/em>. Im Epilog verschwindet es spurlos. Als die \u00d6ffentlichkeit seine Ernsthaftigkeit untergr\u00e4bt und dem Schwein ausgerechnet den provokanten Namen Mohamed gibt, geben auch die Medien auf. Das Schicksal der EU?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vielleicht schon, denn es geht um die Sinnkrise der EU, im Besonderen der allm\u00e4chtigen Kommission. Das Image ist konturlos, die verblassten Farben tendieren zum volltransparenten Grauschwarz. Ihre Vertreter werden als blutsaugende Insekten am europ\u00e4ischen Volksk\u00f6rper wahrgenommen. Europa droht dem Juckreiz \u00fcberdr\u00fcssig zu werden. Das macht die Zentrale nerv\u00f6s. Sie dringt darauf, das politische Erscheinungsbild zu beleben, wobei sich der EU-Apparat nat\u00fcrlich selbst im Wege steht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In herrlich n\u00fcchternen Grotesken untergraben die konkurrierenden Generaldirektionen die Fundamente der Nachbarn. Initiativen anderer werden erfolgreich sabotiert, indem man durch Zustimmung Vertrauen schafft um dann im unbedachten Moment des Vertrautseins die Zusammenarbeit mit einem b\u00f6sen Dritten nahezulegen. Dieser vollf\u00fchrt darauf den finalen Dolchsto\u00df. Die Schuld liegt dann immer bei dem Anderen. Wirklich chancenreich sind Initiativen, denen mit Desinteresse begegnet wird. Nur dann bleibt die Realisierung unbehelligt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Prim\u00e4res Interesse jeder Einheit ist zun\u00e4chst einmal das Eigenleben. Manche dieser Einheiten werden bel\u00e4chelt wie etwa das Kulturreferat, auch <em>Arche Noah<\/em> genannt. <em>Arche Noah<\/em>: ziellos dahintreibend und das retten, was an Bord ist. Mitglied dieser Einheit zu sein erfordert allerdings die robuste F\u00e4higkeit, mit Erniedrigungen zu leben. W\u00e4hrend Sitzungen f\u00fcr Toiletteng\u00e4nge der Agrardirektion selbstverst\u00e4ndlich unterbrochen werden, w\u00fcrde man f\u00fcr die Verdauungsbed\u00fcrftigkeiten der Kulturreferenten eine Unterbrechung nie dulden. WC-Wartezeiten als Statussymbol.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ethiker diskutieren derartige Symptomatiken im Krankheitskontext von \u201einstitutional pathologies\u201c.Szenisch herrlich inszenierte Hintergr\u00fcndigkeiten pr\u00e4sentiert Menasse aus dem Innenleben der europ\u00e4ischen Zentrale. Wir lernen die Feuerfestigkeitsverordnung kennen, die eine chemische Impr\u00e4gnierung f\u00fcr Bio-Natur-Kaninchenfell-Unterw\u00e4sche vorschreibt. Immerhin bleibt jetzt nach einem n\u00e4chtlichen Zigaretten-Schlaf die Unterbekleidung von Brandopfern erhalten. Programmstrategien folgen gerne dem <em>Repackaging<\/em> Muster. Man verteilt Geld, das man an sich nicht hat, indem bestehende Hilfsprogramme umtituliert, neue Bedingungen formuliert und damit neue Statistiken garantiert werden. Die fortgeschrittene Variante baut auf ein stufenweises Vorgehen, womit zudem eine ansteigende Dynamik erreicht wird. Das kommt immer gut.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kompetenzstreitigkeiten bleiben naturgem\u00e4\u00df das Lebenselixier der EU &#8211; wie es am Beispiel \u201edas Schwein als Querschnittsmaterie\u201c deutlich wird. Das Schwein im Stall ist Gegenstand der Direktion AGRI. Nach der Schlachtung wechselt die Mettwurst in den Entscheidungsbereich der Direktion GROW und erst wenn die Wurst verschifft wird, kommt die Direktion TRADE ins Spiel. Da kann man nur dankbar sein, wenn einer Direktion das Schwein mal Wurst ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch zur\u00fcck zum Kernproblem der Vereinigung: die Imagekrise, das fehlende sinnstiftende Motiv oder neudeutsch: das europ\u00e4ische Narrativ. Wenn sein Sein oder Fehlen schon im Vagen bleiben muss, dann sollte es wenigstens Feuerwerkszauber zur Ablenkung geben. Mit Blick auf den Kalender ist die L\u00f6sung schnell gefunden. Die Kommission wird 50. Da dr\u00e4ngt sich nat\u00fcrlich ein europ\u00e4isches Geburtstagsfest auf \u2013 das <em>Big Jubelee Project <\/em>wird geboren. Und hier beginnen f\u00fcnf Erz\u00e4hlstr\u00e4nge der vom Br\u00fcsseler Hausschwein gestreiften Protagonisten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die ehrgeizige Fenia bem\u00e4chtigt sich des <em>Jubelee Project<\/em>s, um sich mit einem Leuchtturm-Event f\u00fcr einen Wechsel aus der verlachten DG CULTURE in die prestigetr\u00e4chtige DG TRADE zu profilieren. Ihr bem\u00fchter Mitarbeiter Susman soll es ausbaden \u2013 und in der Tat wird nicht nur er nass. Auf der Jahresfeier zum Andenken an Auschwitz entwirft er den Gedanken, die aus dem Gr\u00e4uel des Genozids erwachsene moralische Erneuerung zum Kern des <em>Jubelee Projects<\/em> zu machen. An diesem Ort sei der vers\u00f6hnende, europ\u00e4ische Gedanke geboren worden. An diesem Ort m\u00fcsste die zentrale Jubil\u00e4umsfeier inszeniert werden. Wir seien eine europ\u00e4ische Familie, bedrohliche Nationalismen w\u00fcrden \u00fcberwunden. Katalysator der friedensstiftenden Vision sei allein die EU-Kommission \u2013 und nicht etwa der EU Rat. Endlich naht das Ende der Weinerlichkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Susman ist durchaus ernsthaft dabei und geht noch einen Schritt weiter. Ziel m\u00fcsste die vollst\u00e4ndige \u00dcberwindung nationaler Grenzen und Abgrenzung sein. Auch Fenia \u00fcbersieht die damit provozierte offene Flanke im Unterleib der DG CULTURE. Prompt sto\u00dfen die anderen Ratsmitglieder ihre Dolche in das naive Bauchfleisch. Die baltischen Staaten antworten prompt: die Aufgabe nationaler Souver\u00e4nit\u00e4t sei weltfremd, Auschwitz als Einstieg in den Ausstieg v\u00f6llig indiskutabel. Polen bietet an, dass Deutschland Ausschwitz abbauen und als Museumslandschaft im eigenen Land rekultivieren k\u00f6nnte. Schlie\u00dflich handele es sich um eine deutsche Schuld. Deutschland selbst lehnt das <em>Jubilee Project<\/em> ebenso ab, da die Betonung des J\u00fcdischen die aktuelle Bedeutung des Islam vernachl\u00e4ssige. Am Ende stirbt nicht nur die Jubelfeier, sondern es sterben auch in einem konvergierenden Zufall zahlreiche ihrer Bef\u00fcrworter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unter den Bef\u00fcrwortern ist auch Prof. Erhart. Er versucht vergeblich als externer Gutachter in einem EU-<em>Think tank<\/em> einen ernsthaften <em>Brain wash.<\/em> Auch hier wird \u00fcber Image-Putzarbeiten nachgedacht. Doch w\u00e4hrend die EU-Beamten schlicht mehr vom Gleichen wollen, fordert Erhart einen grundlegenden Konzeptwandel. Auch er favorisiert die \u00dcberwindung der Nationen hin zu einer nachnationalen Demokratie und die Gr\u00fcndung einer europ\u00e4ischen Gesamthauptstadt &#8211; auch er favorisiert Auschwitz als symboltr\u00e4chtigen Ort. Auch er scheitert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und w\u00e4hrend in den Amtsstuben administrativ aufger\u00fcstet wird, werden im Halbdunkel bereits die Waffen gez\u00fcckt. Matek erschie\u00dft im Hotelzimmer den Falschen. Fortan wird er seine Energie darauf verwenden herauszufinden, ob sein Arbeitgeber (die NATO?) ihn bewusst auf eine falsche F\u00e4hrte setzte. Diese Spur f\u00fchrt im Nachbarhaus an David de Vriend und im Flugzeug nach Krakau \/ Auschwitz an Martin Susman vorbei, ohne dass diese sich begegnen. Um Aufkl\u00e4rung des Falls bem\u00fcht sich w\u00e4hrenddessen Kommissar Brunfaut. Da seine Untersuchungen von h\u00f6chster Stelle unterbunden werden, bleibt auch ihm der Kontakt zu den anderen Protagonisten verwehrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00c4hnlich isoliert sind die Bem\u00fchungen von Prof. Erhart, der nie Kontakt zu einem anderen Darsteller dieses Literaturplots haben wird. David de Vriend ergeht es ebenso. Auf ihn werden lediglich Susman und Fenia bei den <em>Jubilee Project<\/em>-Recherchen aufmerksam. Als einer der letzten KZ-\u00dcberlebenden scheint ihnen De Vriend ein idealer Festtagsrepr\u00e4sentant zu sein. All diese Figuren werden nur aufeinander zulaufen ohne sich zu erreichen. De Vriend, Erhart, Susmann und Fenia fallen vermutlich dem gleichen U-Bahn-Bombenattentat zum Opfer. Auch Matek stirbt bei einem Notstopp auf den Gleisen als sich ein ehemaliger KZ-Fl\u00fcchtling in Selbstmordabsichten vor seinen Zug wirft. Die Spur des Kommissars Brunfaut verl\u00e4uft wie seine Detektivarbeit im Sande. Und das Schwein ist ebenso tot gesagt. Die Spuren der EU enden im Nirwana.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Rezensent bleibt man unschl\u00fcssig, ob dieses Konzept der ber\u00fchrungslosen Parallelstr\u00e4nge gelungen ist. Gelungen sind in jedem Fall die facettenreichen Euro-Mosaike. Besonders gelungen sind die Lebensr\u00fcckblicke der Protagonisten, ihre Jugendqualen und Momentfreuden, ihre Familiendramen und Schicksalswendungen, ihre Pers\u00f6nlichkeitsentwicklungen und Erkenntnisoffenbarungen, ihre Widerspr\u00fcche und Entschlossenheit. Vor allen in diesen Passagen kommt der gro\u00dfe Schriftsteller Menasse zur Geltung. Wenn doch nur alles stimmiger eingebettet w\u00e4re.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In gewisser Weise unverstanden bleiben auch das dichterische Anliegen und seine Ausgestaltung zum Thema: das Ende der historischen Scham. Ist der literarisch breit angelegte Versuch, Auschwitz zum Ausgangspunkt einer EU-Vereinigungsidee zu machen, eine geniale staatspolitische Idee oder doch eher inflation\u00e4rer Missbrauch? Ist es eine weitere EU Bizarrheit a la Seligmanns \u201eDer Musterjude\u201c oder eine Revitalisierung verantwortlicher Erinnerungskultur? Mir scheint es eine Wanderung auf vereistem Grat direkt an der Fallkante. Dennoch:\u00a0 <strong>Note: 2 \u2013<\/strong> (ur) &lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt;Zweifellos, Robert Menasse schreibt \u00fcber weite Teile gro\u00dfartig, deckt mit sympathisch ironischer Art das gigantische Beziehungsgeflecht der Europ\u00e4ischen Institutionen, hier der Kommission, auf, zeigt Typologien des EU-Eliten-Beamtenapparats, Idealisten, Karrieristen (\u201eSalamander\u201c), Intriganten, Taktiker, Strozzis, die mit Raffinesse nicht nur das verbale Florett f\u00fchren, legt die interessensgeleitete Sichtweise der\u00a0 jeweiligen EU-Staaten \u00a0und deren Winkelz\u00fcge offen, \u00a0veranschaulicht die Irrungen und Wirrungen von Entscheidungsprozessen und zeigt die Stolpersteine des \u201eEU-Sprech\u201c z.B. Rettungsschirm. \u00a0All dies veranschaulicht er am Big Jubilee Projekt, mit dem das reichlich ramponierte Image der Kommission aufgebessert \u00a0werden soll. Dieser Teil ist akribisch recherchiert,\u00a0 das Personentableau vor allem die Schl\u00fcsselfiguren Fenia Xenopoulou und Dr. Martin Susman \u00a0\u00fcberzeugend, die Einblicke des Lesers ins ferne EU-Br\u00fcssel\u00a0 k\u00f6stlich erhellend, ohne dass\u00a0 dies in einem billigen EU-Bashing \u00a0endet. Die Handlungsstr\u00e4nge um \u00a0diesen Romankern herum \u00a0, l\u00f6sen dagegen eher Irritation als Klarheit aus. So versanden teilweise die Spuren, die das brillante Eingangskapitel ums Schwein legt. Der Atlas-Mord und die Oswiecki-Figur \u00a0entwickeln sich zu einer eigenst\u00e4ndigen Krimi-Geschichte, polnischer Geheimdient und Vatikan lassen gr\u00fc\u00dfen, die Kommissar Brunfaut Episode versackt im NATO-Nebel. Hotelgast \u00a0Professor Erhard bleibt in einer Mischung von Vision\u00e4r und Karikatur in einem reichlich skurrilen Think-Tank eher an der Peripherie der EU-Machtzentrale,\u00a0 Gouda Mustafa, jene doch reichlich kalauernde Mischung aus Hollandk\u00e4se und Migration, wird g\u00e4nzlich vergessen (dabei h\u00e4tte doch diese Figur einen wunderbaren Einstieg ins Migrationsmilieu geboten). Das Eingangsschwein wird in den Epilog verbannt und verschwindet g\u00e4nzlich aus der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung, nachdem das Ergebnis\u00a0 der Kampagne \u201eBr\u00fcssel sucht einen Namen f\u00fcr sein Schwein\u201c, bei \u00a0-witzig witzig- \u201eMohamed\u201c \u00a0landet. Einzig David de Vriend, der altersbedingt nach 60 Jahren seine Wohnung \u201ebesenrein\u201c\u00a0 verlassen muss um im Altersheim die letzten Jahre zuzubringen \u2013 f\u00fcr mich die gelungenste Figur des gesamten Romans-\u00a0 bildet ,wie sich allm\u00e4hlich im Verlaufe der Romanhandlung zeigt als letzter Zeitzeuge, einen Bezug zum zentralen Big Jubilee Projekt. Mit dem Thema \u201eAuschwitz\u201c begibt sich Menasse allerdings \u00a0auf ein Terrain, bei dem der Leser von Beginn an nicht immer eindeutig zu unterscheiden vermag, wo und wann die Tonlage zwischen ironisch und tragisch kippt. Alles nimmt seinen Ausgangspunkt mit der allj\u00e4hrlichen Einladung zum 27. Januar, dem Tag der Befreiung des Lagers Auschwitz. Diese ritualisierte \u201eDienstreise\u201c (!!!!) trifft dieses Mal Dr. Martin Susmann von der Abteilung Kultur, in der die karrierefrustrierte\u00a0 Fenia \u00a0Xenopolou mit der Gestaltung des Big Jubilee Projekts \u00a0betraut ist.\u00a0 Susmanns Einladungsschreiben ist der f\u00fcrsorgliche Rat beigef\u00fcgt sich \u201ewarme Unterw\u00e4sche\u201c zu besorgen um in dieser Jahreszeit in \u201eAusschwitz-Birkenau\u201c nicht\u00a0\u00a0 \u201ekrank zu werden\u201c. Alles, was Susmann sp\u00e4ter seinem Nebenzimmerbeamten Bohumil berichtet, ist nicht frei von Bizarrem und Grotesken. Das beginnt schon\u00a0 damit, dass die \u201eSalamander\u201c Auschwitz in der Ukraine verorten, f\u00fchrt \u00fcber den \u201evom Hals baumeln lassen\u201cden\u00a0 \u201eGuest of Honour in Auschwitz\u201c-Badge \u00fcber die \u201eNo-Smoking in Auschwitz\u201c-Aufforderung bis zum Hei\u00dfgetr\u00e4nke-Automaten \u201eEnjoy\u201c an der Lagerstra\u00dfe. Gleichwohl f\u00fchrt Susmanns Auschwitz-Begegnung zu seiner Idee &#8211; historisch reichlich emotional\u00a0 aufgeladen \u2013 Auschwitz als Geburtsstunde der europ\u00e4ischen\u00a0 Kommission mit der geplanten Jubelfeier zu verkn\u00fcpfen. Es bleibt letzten Endes offen, wie ernsthaft und \u00fcberzeugend dieser Gedanke von Susmann wirklich gemeint ist, die unmittelbare Vermarktungsstragie, \u00dcberlebende als Zeitzeugen auftreten zu lassen, Fenia \u00a0Xenopolou spricht ganz n\u00fcchtern davon \u201eVielleicht gen\u00fcgt einer. Im Grunde brauchen wir nur eine Symbolfigur\u201c n\u00e4hrt eher den Verdacht der \u00a0Instrumentalisierung. Nach kurzfristiger Euphorie und gesch\u00e4ftiger Recherche von Deportationslisten d\u00e4mmert das Projekt langsam dahin , ein Zeichen f\u00fcr den durch nationalstaatliche Egoismen und Vorurteile bestimmten Entscheidungsprozess innerhalb des EU-Apparats. (polnische Bedenkentr\u00e4ger, der Ungar Hurtigurti \u201aSport statt Juden, geheuchelte Islamr\u00fccksichtnahme Deutschlands). Der absurde H\u00f6hepunkt\u00a0 der \u201eMoralkeule\u201c \u00a0Auschwitz findet allerdings an einem anderen Ort Br\u00fcssels statt. In seinem finalen Auftritt entwickelt Prof. Erhards vor dem schon genannten Think Tank seine sicherlich ernstgemeinte\u00a0 Vision eines Europas durch die \u00dcberwindung von Nationalstaaten und National\u00f6konomie. Sein Abgang mit der Forderung\u00a0 Auschwitz zu dessen Hauptstadt zu machen, entl\u00e4sst mich als Leser mit Kopfsch\u00fctteln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So gelungen Menassesr Romaneinstieg, so wenig \u00fcberzeugt der Schluss seines Romans. In der Metrostation Maelbeek &#8211; ein v\u00f6llig unvermittelter Satz \u201eDa detonierte die Bombe\u201c- , ereilt David de Vriend, Prof. Erhard, Dr. Martin Susmann und Fenia Xenopoulou ihr gemeinsames Schicksal . Damit werden, reichlich konstruiert, die meist parallel laufenden Handlungsstr\u00e4nge doch noch zusammengef\u00fchrt. \u00a0Hier scheint dem Autor recht \u00fcberraschend der reale Terroranschlag in Br\u00fcssel am 22. M\u00e4rz 2016 die Feder gef\u00fchrt zu haben und dies, ohne dass es \u00a0im \u00a0ganzen\u00a0 Roman \u00fcber die Hauptstadt auch nur eine einzige Andeutung \u00fcber das gibt, was im Molenbeek Br\u00fcssels ein Jahr zuvor schon seinen Ausgang nahm.\u00a0 <strong>Note : 2 \u2013<\/strong> ( ai) &lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; Um welche Hauptstadt geht es? Erst relativ sp\u00e4t wird dem Leser klar, dass nicht Br\u00fcssel, sondern Auschwitz gemeint ist, wenn Professor Alois Erhart fordert, die Europ\u00e4ische Union m\u00fcsse ihre Hauptstadt in Auschwitz bauen \u201eals Stadt der Zukunft, zugleich die Stadt, die nie vergessen kann.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auschwitz, das Schl\u00fcsselwort des Romans.\u00a0 Die Generaldirektion Kultur bereitet ein \u201eJubilee Project\u201c vor, in dessen Mittelpunkt Auschwitz stehen soll.\u00a0 Auschwitz als Begr\u00fcndung f\u00fcr die europ\u00e4ische Einigung? Vor allem aber soll das Image der Kommission aufpoliert werden. Doch in den Interessenkonflikten zwischen der Mitgliedsstaaten und den Institutionen der EU wird das Projekt subtil zerrieben. Intrigen und Empfindlichkeiten im Beamtenapparat werden ironisch und gleichzeitig gut nachvollziehbar erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Roman beginnt mit einem Schwein (oder sind es mehrere), das \u00e0 la Rennschwein Rudi R\u00fcssel durch Br\u00fcssel rennt. Ein running gag im w\u00f6rtlichen Sinne, der von sechs Protagonisten beobachtet wird (David de Vriend, KZ-\u00dcberlebender, Fenia Xanopoulou, ehrgeizige Leiterin der Generaldirektion f\u00fcr Kultur, Kai-Uwe Frigge, B\u00fcroleiter f\u00fcr Handel, Mateusz Oswiecki, polnischer Attent\u00e4ter und die Br\u00fcder Martin und Florian Susmann, ersterer der Ideenspender f\u00fcr das Jubil\u00e4umprojekt, Florian Lobbyist f\u00fcr die europ\u00e4ischen Schweineproduzenten). Nur Moustafa Gouda, der sich durch das unreine Tier beschmutzt f\u00fchlt und in den Dreck f\u00e4llt, verschwindet kurioserweise vollst\u00e4ndig vom Tableau. Die meisten Kapitel\u00fcberschriften geben R\u00e4tsel auf. Zum Beispiel: \u201eKann man ein Comeback der Zukunft planen?\u201c\u00a0 Oder eine Kapitel\u00fcberschrift in polnischer Sprache.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDas war alles\u201c sagt Monsieur Hugo auf der letzten Seite des Buches.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">PS: Ach nein, da war doch noch was. Die Aktentasche von Professor Erhart, seine Schultasche, von der sich nicht trennen will und kann. Das macht ihn mir so unendlich sympathisch.\u00a0<strong> Note : 2<\/strong> (ax) &lt;&lt;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; In einem furiosen Prolog galoppiert ein herrenloses Schwein durch Br\u00fcssel und die wesentlichen Protagonisten des Romans, zumeist EU B\u00fcrokraten, sind irgendwie involviert und werden so schon mal auf die B\u00fchne gestellt. Dazu noch gleich zu Beginn ein Mord in einem Hotel. Ein Auftakt, der enormen Drive hat und richtig Lust aufs Lesen macht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Mechanismen der EU Maschine werden mit vielen Detailkenntnissen offengelegt. Das ist aufschlussreich und zuweilen am\u00fcsant zugleich. Zu einem anstehenden EU Jubil\u00e4um (Big Jubilee) werden Ideen gesucht. Dr. Martin Susman, Kind \u00f6sterreichischer Bauern, besucht dienstlich Auschwitz und hat dabei die Idee, Auschwitz als\u201c Hauptstadt\u201c der EU in den Mittelpunkt der Feiern zu stellen. Er stellt diese Idee seiner Vorgesetzten Femia Xenopoulou vor, die er nicht ausstehen kann. In der Folge entfaltet die Idee eine ungeheure Eigendynamik, bei der Kompetenzgerangel und Karriereambitionen im Mittelpunkt stehen. Im Protokoll steht: \u201eAllgemeine Zustimmung\u201c. Dann kommen einzelne Bedenken, bis nichts mehr \u00fcbrig ist. Seltsamer Einfall Menasses: Deutschland meint, dass \u201eMuslime nicht ausgeschlossen sein sollten\u201c und findet ausgerechnet Zustimmung bei Ungarn. Gro\u00dfartig dagegen, wie der Vorgesetzte von Femia, der mit allen Wassern gewaschene Strozzi, dieser eine Lektion in Sachen Macht und Ohnmacht erteilt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Leider kann sich Menasse nicht richtig entscheiden, ob er nun die Absurdit\u00e4t des Vorschlages (Auschwitz Keule) thematisieren m\u00f6chte oder die Idee doch durch den Kern des EU Gr\u00fcndungsmythos \u2013 Nie wieder Auschwitz \u2013 quasi adeln m\u00f6chte. Auch ger\u00e4t der Schluss dann doch etwas klischeehaft und mit zu viel Bedeutung angereichert. (Selbstmord eine Holocaust \u00dcberlebenden und Unfall mit Fl\u00fcchtlingstreck)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass ein Roman \u00fcber die Hauptstadt der EU ohne jeglichen Bezug zum Problemviertel Molenbeek auskommt, au\u00dfer dass am Ende an der U Bahnstation Maelbeek eine Bombe hochgeht, und sich die Wege einiger Protagonisten dort schicksalhaft just in dem Augenblick der Detonation kreuzen, mutet seltsam an. Auch werden manche F\u00e4den nicht wieder aufgenommen, wie etwa die Figur des Muslim \u201eGouda Mustafa\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fazit: Furioser Auftakt, Sehr gelungene Innensicht der EU, Schluss unbefriedigend.<br \/>\n<strong>Note: 2\/3<\/strong> (\u00fcn) &lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Suhrkamp Verlag, Berlin 2017 | 459 Seiten. &gt;&gt;Ein herrenloses Hausschwein irrt durch die Metropole. In der Hauptstadt Br\u00fcssel verbindet die Unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit das Zuf\u00e4llige. Das Schwein verbindet Menschen: M\u00f6rder, EU-Funktion\u00e4re, Akademiker, Senioren. Im Prolog streifen wir mit dem Schwein Menasses Protagonisten: &hellip; <a href=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=1061\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[126],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1061"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1061"}],"version-history":[{"count":8,"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1061\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1131,"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1061\/revisions\/1131"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1061"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1061"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1061"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}