{"id":1053,"date":"1998-01-09T16:51:56","date_gmt":"1998-01-09T14:51:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=1053"},"modified":"2017-12-11T16:54:18","modified_gmt":"2017-12-11T14:54:18","slug":"anleitung-zum-ungluecklichsein-paul-watzlawik","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=1053","title":{"rendered":"Anleitung zum Ungl\u00fccklichsein  \u2013  Paul  Watzlawik"},"content":{"rendered":"<p>dtv Sachbuch, 1983, 133 Seiten; <em>ISBN 3-423-30367-0<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 &gt;&gt;In kurzen Kapiteln zerlegt Watzlawick mit ironisch-popul\u00e4rwissenschaftlichem Instrumentarium der Kommunikationswissenschaften das verzwungene menschliche Gegeneinander. Die <em>Anleitung zum Ungl\u00fccklichsein<\/em> ist seine Antwort auf die in den USA missionarische Festlegung auf das Gl\u00fccklichsein. Zugleich ist Watzlawicks Anleitung auch ein Spiegel des programmatischen Ungl\u00fccklichseins im deutschen Kulturkreis \u2013 ein Ungl\u00fccklichsein, das gen\u00e4hrt wird aus dem intellektuellen Verhaften an ganzj\u00e4hrigen November Depressionen, dem generalisierten Mangel an Zuversicht oder dem fehlenden Glaube an sich selbst. Entsprechend wird diese fl\u00fcssige, mitunter am\u00fcsante Darstellung des \u00f6sterreichisch-amerikanischen Autors zu einer doppelten Reflexion f\u00fcr zwei Kulturhabitate mit \u00fcberzogenem Selbstwertgef\u00fchl (USA) und l\u00e4dierter Ich-St\u00e4rke (BRD).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Themenwahl wirkt zuf\u00e4llig und die Anordnung folgt keiner inneren Logik. Es ist die kleine Lebensschule zwischen Nachtisch und Espresso, Digestivh\u00e4ppchen verschiedener Geschmacksrichtungen, die der entspannte Leser in kleinen Dosen zu sich nehmen kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die Vergangenheit als Quelle des Ungl\u00fccks nutzen.<\/strong> Watzlawick macht vier Varianten aus. 1) Durch die Konzentration auf die Vergangenheit l\u00e4sst sich erfolgreich die Gegenwart verpassen. 2) Aus der Vergangenheit nicht wie \u00fcblich das Gute, sondern nur das Schlechte erinnern, treu dem Motto \u201edie Jugend ist verronnen.\u201c 3) Ungl\u00fccke der Vergangenheit lassen sich durchaus in der Gegenwart fortsetzen. 4) An ehemals richtige L\u00f6sungen sollte man sich klammern, auch wenn sie nicht mehr in die Zeit passen. Die Devise lautet also: mehr desselben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Negative Projektion.<\/strong> Eine verfeindete Umwelt kann stets vermutet werden. Statt den Nachbarn zu fragen, ob er ein Werkzeug ausleihen w\u00fcrde, sollte man ihn gleich mit dem Vorwurf konfrontieren, dass er es ohnehin nicht ausleihen w\u00fcrde. Die Begr\u00fc\u00dfung wird ihn zwar verwundern, garantiert aber die Ablehnung. Um vermeintliche Probleml\u00f6sungen ist der Autor nicht verlegen, etwa durch die Taktik der <em>R\u00fcckwendung der<\/em> <em>unspezifischen Besonderheit.<\/em> Die Ehegattin fragt: Wo hast du es hingetan? Der Gatte antwortet: Zu den anderen. Durch die inhaltlose Antwort auf eine inhaltlose Frage k\u00f6nnte angeblich die Konfrontation aufgehoben werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Weiteren schl\u00e4gt Watzlawick praktische \u00dcbungen zur negativen Autosuggestion vor: einen Tinnitus h\u00f6ren, wo keiner ist, Ampeln immer rot wahrnehmen oder sich entspannt hinsetzen um endlich den Druckschmerz der bequemen Schuhe wahrzunehmen. Mit best\u00e4ndiger Hartn\u00e4ckigkeit ist ein niederschmetternder Erfolg gewiss. Weiter sollte der Leser alle \u00dcbungen zun\u00e4chst nur in sich gekehrt durchf\u00fchren. Erst mit Erlangen einer negativen Grundsicherheit sollte die \u00dcbertragung auf externe Situation erfolgen. Hierbei d\u00fcrfen die kausalen Zusammenh\u00e4nge keinesfalls hinterfragt werden, weil sich der Proband andernfalls als hysterisch entlarvt. Ziel muss es sein, Konfliktsituationen zu erschaffen ohne noch wahrzunehmen, dass es die eigenen sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Probleme verewigen.<\/strong> F\u00fcr einen anhaltenden Erfolg der Autosuggestion m\u00fcssen Probleme verewigt werden. Technisch l\u00e4sst sich dies einfach durch Wiederholungen oder Rituale umsetzen. Ein eindrucksvolles Beispiel ist, dass permanentes Klatschen Elefanten fernh\u00e4lt \u2013 deshalb seien auch nie welche da.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Ziele meiden<\/strong>. Ein weiterer Kunstgriff ist die Zielvermeidung. Man sollte nie ankommen \u2013 nur unterwegs sein. \u00dcbrigens ein Prinzip, das schon im anderen Kontext von Laotse und Kollegen angedacht wurde. Das Ankommen oder das Ziel k\u00f6nnte ohnehin eine Entt\u00e4uschung sein. Au\u00dferdem h\u00fctet man sich vor fremden Anspr\u00fcchen &#8211; etwa dass man etwas erreichen m\u00fcsste. In diesem Zusammenhang sind die Auf-morgen-Vertager und Utopia-nirgendwo-Anh\u00e4nger ihrer Zeit voraus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Problemmechanismen.<\/strong> Probleme k\u00f6nnen nat\u00fcrlich auch durch best\u00e4ndigen Pessimismus, Vermischung von Objekt- und Beziehungsebene und die Illusion der Alternativen erreicht werden \u201eKannst du dies oder das f\u00fcr mich tun?\u201c \u201eIch tu dies.\u201c \u201eWarum tust du nicht das?\u201c Es bleibt keine Alternative. Erfahrene werden zudem jeder Freude ein beliebiges Leid hinzuf\u00fcgen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Ungl\u00fcckliche Kooperation.<\/strong> B\u00f6sartiger Pessimismus erlaubt \u00fcberall negative Interpretationen: er hilft sein Gewissen zu beruhigen, nicht weil er helfen will. Die symbiotische Ko-Illusion (Kollusion) ist ebenso ein lohnendes Ungl\u00fccklichkeitsziel \u2013: einer hilft, der andere gibt sich schwach, damit der erstere helfen kann \u2013 und beide wollen nicht wirklich das, was sie tun.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Der Laing Knoten.<\/strong> Und dann ist da noch die Selbstverneinung mit Disqualifizierung der Mitmenschen als ein besonders wirkungsvoller Ansatz f\u00fcr eine dunkelschwarze Weltsicht. Schritt 1: Ich liebe mich nicht. Schritt 2: wer mich liebt, muss verkehrt sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Aufruf zum solidarischen Miteinander.<\/strong> Am Ende seiner Ausfl\u00fcge wendet Watzlawick den Blickwinkel und empfiehlt einen mathematischen Ansatz f\u00fcr die menschliche Psychologie. Das Leben sollte als Nicht-Nullsummenspiel aufgefasst werden. Das Grundmotiv der Menschen sollte gemeinsames Gewinnen und nicht einer gewinnt nur dadurch, dass ein anderer verliert. Entsprechend endet sein Epilog mit Dostojewski: \u201eAlles ist gut.\u201c Der Mensch ist gut. Das allein anzunehmen, bewirkt Vertrauen und Toleranz. Die Folge ist Gl\u00fcck. Eine klare Anweisung zum Gl\u00fccklichsein.\u00a0 <strong>Note:\u00a0 2\/3<\/strong> (ur) &lt;&lt;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>dtv Sachbuch, 1983, 133 Seiten; ISBN 3-423-30367-0 \u00a0 \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 &gt;&gt;In kurzen Kapiteln zerlegt Watzlawick mit ironisch-popul\u00e4rwissenschaftlichem Instrumentarium der Kommunikationswissenschaften das verzwungene menschliche Gegeneinander. 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