{"id":1033,"date":"2017-10-27T13:02:59","date_gmt":"2017-10-27T11:02:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=1033"},"modified":"2024-10-13T13:54:58","modified_gmt":"2024-10-13T11:54:58","slug":"die-vegetarierin-han-kan","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=1033","title":{"rendered":"Die Vegetarierin \u2013 Han Kang"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-1035 alignleft\" src=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/K1024_Die_Vegetarierin-185x300.jpg\" alt=\"\" width=\"185\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/K1024_Die_Vegetarierin-185x300.jpg 185w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/K1024_Die_Vegetarierin.jpg 768w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/K1024_Die_Vegetarierin-631x1024.jpg 631w\" sizes=\"(max-width: 185px) 100vw, 185px\" \/><\/p>\n<p><strong>Aufbau Verlag 2016\u00a0 |\u00a0 190 Seiten.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; Ein\u00a0 Romaneinstieg mit Sog-und zugleich Schockwirkung. Auf 4 Seiten die Bilanz einer 5 j\u00e4hrigen Ehe aus der\u00a0 Perspektive des erz\u00e4hlenden Ehemanns: \u201eAbgesehen von der Kleinigkeit\u201c, dass die Ehefrau keinen BH trug, \u201elief die Ehe gut\u201c. Dabei wurde der Leser gerade Zeuge einer an Desillusion und Pragmatismus kaum noch zu \u00fcberbietenden Beziehung. Die vermeintliche \u201eBeschaulichkeit\u201c erweist sich\u00a0 nach traumatischen Fleischhorrortrips der Ehefrau Yong-Hye als sich beschleunigender psychopathologischer Absturzprozess. Alle Hilfsangebote vergebens, Verweigerung nicht nur von Nahrung (zun\u00e4chst\u00a0 tierische Produkteam Ende als Baummetamorphose gen\u00fcgt Wasser), auch zunehmend von Sprache, Selbstisolation, scheinbar unausweichlich der Weg in die Psychiatrie. \u00a0Dann \u2013 es war schon zu vermuten \u2013 liefert die Autorin erste Erkl\u00e4rungsans\u00e4tze: famili\u00e4re Sozialisation, der Schlag des Vaters ins Gesicht der Tochter ( von Lieblosigkeit und Gewalt , Saufgelage etc. erfahren wir erst gegen Romanende )Zun\u00e4chst muss wieder ein Traum herhalten: Hundesbiss der 9j\u00e4hrigen Yong-Hye, brutale Bestrafung des Hundes durch den Vater\u00a0 (am Motorrad festgebunden). Wiederum sind Traumdeuter gefragt, Spekulatives, wenig Faktisches. Hinweise auf Mentalit\u00e4ten, Traditionen, Kontext S\u00fcdkorea \u2013 leider Fehlanzeige. Mit dem \u201eMongolenfleck\u201c\u00a0 der Einstieg in die Welt der Begierde. Statt Pr\u00fcderie, formalisiertem Eheleben, Eint\u00f6nigkeit\u00a0 kommt jetzt im wahrsten Sinne Farbe ins \u00a0Spiel, nur leider sehr platt und sprachlich Softpornoniveau. \u00a0Statt Fleischverzicht etwas Fleischeslust. Da\u00a0 trifft es sich gut, dass der Schwager ein K\u00fcnstler ist, zumal ein Videok\u00fcnstler mit ausgefallenen erotischen Phantasien. Das Objekt der Begierde: Yong-Hye, ihr Mongolenfleck der Schl\u00fcsselreiz. Es kommt nun die Stunde der \u201ePinself\u00fchrung\u201c (ist sich der \u00dcbersetzer der Plattit\u00fcde bewusst?): \u00a0Location Atelier , Body-Painting, viel Blumiges, Inszenierungsfirlefanz (zun\u00e4chst muss J. ran, dann versteckt die ehemalige Geliebte des Schwagers\u00a0 P. nicht nur dessen Bauchansatz im Blumenmeer) und nachdem sich \u00a0Yong-Hye nicht nur sprachlich zunehmend \u00f6ffnet: \u201eIch bin ganz feucht\u2026.\u201c, kommt es zum vom Filmapparat pr\u00e4zise festgehaltenen finalen Liebesakt, der Yong-Hye und damit dem Leser die Augen \u00f6ffnet f\u00fcr das, was ihm bisher verborgen geblieben ist. Nicht das Fleisch bedingt die Tr\u00e4ume und damit muss auch Fleischverzicht folgenlos bleiben,\u00a0 es sind die \u201eGesichter im Bauch\u201c. F\u00fcr mich mehr Nebel als Selbsterkenntnis. Dass In-Hye Schwester und Schwager in flgranti\u00a0 beim Ehebruch ertappt und dies die Zwangseinweisung Yong-Hye in die geschlossene Psychiatrie zur Folge hat und auch In-Hyes Ehemann zun\u00e4chst psychiatrisiert , dann von \u201e\u00c4rzten f\u00fcr zurechnungsf\u00e4hig\u201c \u00a0und wegen Ehebruch \u201everhaftet\u201c wird (monatelanger Gerichtsprozess, nach zahlreichen Bittgesuchen Freilassung), ist eines der wenigen Einsichten in rigide s\u00fcdkoreanische Moralvorstellungen (gleichzeitig aber Industrie 4.0).\u00a0 Das abschlie\u00dfende Geschwisterkapitel \u2013 die M\u00e4nner-T\u00e4ter haben sich alle auf ihre Weise verabschiedet- h\u00e4tte psychologisch das Interessanteste\u00a0 werden k\u00f6nnen. Einerseits ist In-Hye f\u00fcr die Anstaltsverwahrung letztlich verantwortlich, andererseits setzt erst die Selbstaufgabe der j\u00fcngeren Schwester\u00a0 In-Hye jene Erinnerungen frei, die zur Aufarbeitung der Familientrag\u00f6die f\u00fchren. Ja man gewinnt bei aller Zur\u00fcckweisung und Verweigerung schwesterlicher Hilfe fast den Eindruck, dass Yong-Hyes zunehmendes \u00a0\u00a0\u00a0Ver-r\u00fcck-t und Ent-r\u00fcckt-Sein \u00a0bei In-Hye letzten Endes doch Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Baummetamorphose der j\u00fcngeren Schwester ausl\u00f6st. Im deutlichen Kontrast zu dieser inneren Handlung steht das \u00e4u\u00dfere Geschehen. Hier dominiert die K\u00e4lte medizinischer Notwendigkeit. Die Allgemeinmedizin greift zu \u00a0Nasensonde und Zwangsern\u00e4hrung. Die Psychiatrie ist scheinbar am Ende des Lateins . Sterben in W\u00fcrde unm\u00f6glich \u2013 stattdessen die letzte Fahrt zur Notaufnahme nach Seoul\u00a0 &#8211; von der Autorin pathetisch \u00fcberh\u00f6ht durch\u00a0 schwarzen Vogelflug und flammenlodernde Baummetaphorik.<br \/>\n<strong>Note: 4\/5<\/strong> (ai) &lt;&lt;<\/p>\n<p>&gt;&gt; Die ersten vier Seiten genial. Sie zogen mich rein. Kommt selten vor. Vergleichbares noch nie gelesen. Die n\u00fcchterne und lobende Beschreibung einer Beziehung, die im Grunde keine ist. F\u00fcnf Jahre geht alles gut. Aber dann wird die Protagonistin Vegetarierin und zur \u201eFallgrube ohne Boden\u201c f\u00fcr ihren Mann. Psychiatrie. Mit Schlauch im Hals f\u00fcr die Reissuppe. Mich w\u00fcrgts beim Lesen. Aber es wird ja eh keiner lesen, soll ja keiner lesen. Und sonst? Kann mich an kein Buch erinnern, in dem so oft die Abk\u00fcrzung BH verwendet wurde. <strong>Note: 4\/5<\/strong> (ax)&lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; Morgens um vier wird Yong-Hye zur Salzs\u00e4ule erstarrt in der bitterkalten K\u00fcche vor dem Gefrierschrank gefunden. Sie hatte einen Traum von der H\u00e4sslichkeit des Fleisches. Die auf dem K\u00fcchenboden ausgesch\u00fctteten tiefgefrorenen Fleischvorr\u00e4te wird sie vernichten. Drei Jahre sp\u00e4ter entspricht das Lebendgewicht der hungernden Frau noch dem eines Kindes. Sie hofft vom fleischlichen Mensch zur fleischlosen Pflanze zu mutieren. Sie glaubt ein Baum zu werden. Vermutlich wird sie in der geschlossenen Psychiatrie nicht \u00fcberleben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Schriftstellerin beschreibt in diesem Szenenverlauf das Krankheitsbild eines Individuums \u2013 medizinisch gesehen ein besonders schwerwiegendes Syndrom aus Magersucht und Schizophrenie. Als Leser wird man verleitet, ganz unmittelbar das Patientenbild als bizarres Einzelschicksal zu deuten. Tiefgr\u00fcndiger scheint jedoch die mittelbare Interpretation im Kontext der asiatischen Gesellschaft &#8211; eine Gesellschaft mit einem krankhaften Kodex? Zugegeben, der Text enth\u00e4lt keinen direkten Verweis auf gesellschaftliche Normen, keine Anklage famili\u00e4rer Unterdr\u00fcckungsprinzipien, keine offenen Wertungen der Geschlechterrollen. Dennoch liefert der Plot zahlreiche Hinweise, die psychotische Metamorphose von Yong Hye als finale Abwendung vom Rollen-Alltag zu verstehen. In dem Sinne entpuppt sich das Konvertieren zur Vegetarierin als Metapher, als verzweifelte Losl\u00f6sung von der Normalit\u00e4t eines hochgradig regulierten Daseins hin zu einer illusion\u00e4ren botanischen Selbstversunkenheit. Es ist die v\u00f6llige, selbst bestrafende Entmenschlichung, die Verordnung Baum zu sein, nur von Wasser und Sonnenlicht erhalten zu werden und damit eben nicht mehr Mensch zu sein. Nach der k\u00f6rperlichen wie seelischen Nahrungsverweigerung bleibt nur das selbst verordnete Ableben. Es ist eine ernste und h\u00f6chst befremdliche Vision &#8211; auch deshalb, weil die Konsequenz des Widerspruchs nicht den Widerspruch l\u00f6st, sondern das Opfer sich selbst opfert. Bemerkenswert ist an dieser Stelle der Kunstgriff der Autorin mit dem harmlosesten aller Dinge, einem Baum, ein so \u00fcberaus ersch\u00fctterndes Bild zu malen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Han Kang l\u00e4sst einen Ich-Erz\u00e4hler nur im ersten Kapitel zu: den Ehemann von Yong-Hye. Er skizziert nicht nur seine Wahrnehmung \u00fcber die Ver\u00e4nderungen seiner Frau, sondern liefert auch einen bemerkenswerten Einblick in das famili\u00e4re Normenger\u00fcst und sein ungew\u00f6hnliches Selbstverst\u00e4ndnis. Als absoluter Durchschnittstypus baut er sein Leben gezielt auf v\u00f6llig farblose Eckpfeiler: sein beliebiger Alltag, seine bewusst anspruchslose Arbeit, die Wahl seiner gesichtslosen Frau. Liebe war nie ein Ziel. Wenn man keine Liebe hat, kann man auch keine verlieren. Ein Funktionieren durch eine perfekte Anpassung an Grau.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er ist zun\u00e4chst erbost \u00fcber die vegetarischen Extravaganzen seiner Gattin, die damit verbundene Normenverletzung im Betriebskreis und die bef\u00fcrchteten Arbeitsplatzsanktionen. Nicht \u00fcberraschend gibt er bald seinen Widerstand auf. Parallel zum voranschreitenden Verstummen und der Weigerung seiner Gattin, ihn regelkonform zu bedienen, nimmt die Entfremdung der Ehepartner ihren Lauf. Der ritualisierten Trunkenheit mit den Arbeitskollegen folgt im Rauschzustand die Vergewaltigung seiner in sich gekehrten Frau. Ehepflichten. Auf einer Familienfeier entsagt Yong-Hye erneut dem Fleisch. Der autorit\u00e4re Vater z\u00fcchtigt sie vor den Augen der Verwandtschaft und stopft Fleisch in sie hinein. Sie erbricht sich, greift zum Messer und schlitzt sich die Pulsader auf. Ein langer Krankenhausaufenthalt folgt. Die Ehe bricht auseinander. Die alten Eltern quittieren die Ereignisse mit kompromissloser Ablehnung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Verschl\u00fcsselt erscheint in diesem mit \u201eDie Vegetarierin\u201c betitelten Kapitel eine zweite Ich-Erz\u00e4hlerin. In Form von Traumdarstellungen erfahren wir von Yong-Hyes zunehmend gewaltt\u00e4tigen Fleisch-, Tier und Mordvisionen. Am Ende dieser Sequenz erscheint schlie\u00dflich die Metapherdeutung: \u201eIch habe geglaubt, das Fleisch sei daran schuld. Ich dachte, ich br\u00e4uchte nur auf Fleisch zu verzichten und h\u00e4tte diese Tr\u00e4ume nicht mehr. Erst jetzt \u2026 habe ich verstanden. Diese Gesichter leben in meinem Bauch\u201c (S. 121). Tats\u00e4chlich ist es nicht das Fleisch und der damit vorangegangene gewaltt\u00e4tige Tod. Es sind die Fratzen ihrer Familie und deren Anspr\u00fcche, die Gesichter der ehelichen Konventionen und ihre Unterdr\u00fcckungsselbstverst\u00e4ndlichkeiten, die sich in ihrem Magen festgebissen haben. Der Magen ist verschlossen. Der Mensch muss \u00e4u\u00dferlich und innerlich verhungern. Der letzte verzweifelte Versuch, sich aus der menschlichen in eine Baum-Gesellschaft zu transformieren, muss selbstverst\u00e4ndlich scheitern. Wenn das letzte Kapitel dann hei\u00dft \u201eB\u00e4ume in Flammen\u201c, ist auch diese Welt verbrannt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im zweiten Kapitel stellt die Autorin mit dem Schwager und Ehemann von Yong-Hyes Schwester ein zweites Normenopfer\/einen zweiten Norment\u00e4ter in den Mittelpunkt. Beide werden literarisch verflochten, beide scheitern. Er ist erfolgloser Videok\u00fcnstler, der mit nekrotischen Konzentraten von Weltuntergang, Krieg und menschlicher Niedertr\u00e4chtigkeit wenig Aufmerksamkeit und keinen Unterhalt f\u00fcr die Familie erreicht. Wie Yong-Hye, aber eben anders, entspricht auch er nicht den gesellschaftlichen Erwartungen. Auch er erlebt eine quasi botanische Wandlung, indem er eine k\u00fcnstlerische Obsession entwickelt: auf nackte K\u00f6rper gemalte Blumenmeere. Mit dem Zur\u00fccklassen deprimierender Katastrophenfixierung erfolgt eine Hinwendung zu farbenfroher K\u00f6rperlichkeit. Ausgangspunkt dieser neuen Faszination ist die Fetischierung einer Anomalie: Mongolenflecke, die auch koreanische Kinder als Hautpigmentierung entwickeln. Erwachsene verlieren typischerweise den Mongolenfleck, Yong-Hye nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nachdem Yong-Hye sich \u00fcber mehrere Monate bei ihm und seiner Frau vom Krankenhausaufenthalt erholt hatte, bl\u00fcht seine Begierde fokussiert auf den Mongolenfleck von Yong-Hye auf. Sie ist inzwischen geschieden. Ihr K\u00f6rper wird es sein, den er in stundenlagen Videoprotokollen mit Ihrer Zustimmung verziert. Nach der Weigerung eines ebenso bemalten K\u00fcnstlerkollegen, sich zu einem schlingpflanzenartigen Gew\u00e4chs mit ihr sexuell zu vereinen, \u00fcbernimmt er selbst die Rolle. Yong-Hye wirkt zur\u00fcckgenommen, letztlich jedoch stimuliert, nachdem er pflanzlich verfremdet ist. Die ekstatische Vereinigung wird zur Katastrophe, da Yong-Hyes Schwester zuf\u00e4llig in die pornographische Szene ger\u00e4t. Mit den detaillierten Videobeweisen wird der Schwager juristisch belangt und Yong-Hye der geschlossenen Psychiatrie \u00fcbergeben. Diese wird sie nie wieder verlassen. Er wird untertauchen und wie zuvor schon Frau und Kind vernachl\u00e4ssigen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Schlusskapitel richtet Han Kang den Lichtkegel auf die Schw\u00e4gerin. Sie ist die einzige, die den Kontakt zur Schwester in der Psychiatrie h\u00e4lt, obwohl diese sie mit ihrem Mann betrog. Die Eltern brechen bezeichnenderweise auch mit der betrogenen Tochter, da durch die Tat ihres Gatten auch sie befleckt sei. Die Einsamkeit und der Verrat an ihrer Seele werden zunehmend infekti\u00f6s und breiten sich rasant in ihr aus. Die w\u00f6chentliche Teilhabe am beschleunigten Verfall Yong-Hyes konfrontiert sie zunehmend mit sich selbst. Todesgedanken dr\u00e4ngen sich auf, ein Sprung vor die einfahrende U-Bahn w\u00e4re so einfach, die blutenden Geb\u00e4rmutterpolypen k\u00fcndigen vielleicht vom nahenden Ende, der Lebensr\u00fcckblick ist niederschmetternd. Die dahinsiechende Yong-Hye wird zu ihrem Spiegelbild.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schon als Kind war Yong-Hye vom cholerischen Vater gedem\u00fctigt worden. Der betrunkene Vater schlug die stille Yong-Hye &#8211; nicht die \u00e4ltere Schwester. Sie entging der Gewalt, weil sie die Versorgung des Vaters anstelle der ersch\u00f6pften Mutter \u00fcbernommen hatte. Und was danach kam, war eine lieblose Ehe mit einem egomanischen Videok\u00fcnstler. Doch so fern der eigene Gatte und ihre Schwester ihr sind, so nahe r\u00fccken sie paradoxerweise in das Hier und Jetzt, das vielleicht kein morgen kennt. \u201eWenn nicht ihr Mann und Yong-Hye die Ersten gewesen w\u00e4ren, die Grenzen \u00fcberschritten und damit ihre heile Welt zerst\u00f6rt hatten, dann w\u00e4re es wahrscheinlich sie selbst gewesen, die sich aufgel\u00f6st h\u00e4tte&#8230;\u201c (S.188). Der Buch Text endet mit einem Fragezeichen. Wird auch sie ihre vermeintlich heile Welt hinter sich lassen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ist das Werk auch eine kritische Geschlechterbilanz? Dass die Autorin in der Tat eine Rollenkritik impliziert, kann schon aus der Personalbeschreibung abgeleitet werden. Han Kang l\u00e4sst alle M\u00e4nnerfiguren des Romans befleckt erscheinen: der inhaltlose Gatte Yong-Hyes, der gewaltt\u00e4tige Vater, der ich-besessene Schwager. Frauen dagegen sind Opfer genau dieser M\u00e4nner und damit auch der patriarchalischen Gesellschaft: die unterdr\u00fcckte Yong-Hye, die betrogene Schwester, die ausgelaugte Mutter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Han Kang schafft es mit einer schlichten Sprachgebung einen beklemmend-fesselnden Plot zu inszenieren. Im Rahmen der Dialoge entsteht jedoch gelegentlich der Eindruck besch\u00e4digter \u00dcbersetzungen ins Deutsche. Ebenso begegnet man im Verlauf der Geschichte gewissen literarischen Verwerfungen wie bei den erstaunlich prompten Konsequenzen auf das floristische Pornomotiv. Auch wenn die Geschichte in Korea angesiedelt ist, sind viele dargestellte Elemente zwischenmenschlicher Repressionen sicher unabh\u00e4ngig vom Kulturkreis. <strong>Note: 2 \u2013<\/strong> (ur)&lt;&lt;<\/p>\n<p>&gt;&gt; \u201eVerst\u00f6rend\u201c ist eine Beschreibung, die in den Rezensionen zu diesem Werk der koreanischen Schriftstellerin Han Kang h\u00e4ufig vorkommt. Ich kann mich dem nicht anschlie\u00dfen. Dazu ist eine tiefe, emotionale Ber\u00fchrung unabdingbar, die sich bei mir nicht eingestellt hat.<strong> Note 4\/5<\/strong> (\u00fcn) &lt;&lt;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aufbau Verlag 2016\u00a0 |\u00a0 190 Seiten. &gt;&gt; Ein\u00a0 Romaneinstieg mit Sog-und zugleich Schockwirkung. 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