{"id":1024,"date":"2017-09-01T09:13:37","date_gmt":"2017-09-01T07:13:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=1024"},"modified":"2017-12-05T15:28:34","modified_gmt":"2017-12-05T13:28:34","slug":"ueber-grenzen-denken-julian-nida-ruemelin","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=1024","title":{"rendered":"\u00dcber Grenzen denken &#8211; Julian Nida-R\u00fcmelin"},"content":{"rendered":"<h1><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-1023 alignleft\" src=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/K1024_\u00dcber_Grenzen_denken-184x300.jpg\" alt=\"\" width=\"184\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/K1024_\u00dcber_Grenzen_denken-184x300.jpg 184w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/K1024_\u00dcber_Grenzen_denken.jpg 768w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/K1024_\u00dcber_Grenzen_denken-629x1024.jpg 629w\" sizes=\"(max-width: 184px) 100vw, 184px\" \/>\u00a0 edition K\u00f6rber-Stiftung\u00a0 2017\u00a0 | 241 Seiten.<\/h1>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; Die ersten drei der zehn Kapitel des Buches eignen sich mit ihren allgemeing\u00fcltigen philosophischen Aussagen ideal f\u00fcr eine Mehrfachnutzung. Anspruchsvolles Nachdenken \u00fcber ethische Pflichten, Verantwortung und \u00fcber Kommunitarismus versus Kosmopolitismus. Erst ab Seite 83 n\u00e4hert sich der Autor dem Thema Migration an. Dabei werden Probleme erw\u00e4hnt, die in der aktuellen Diskussion immer wieder ausgeblendet werden. So zum Beispiel die negativen Auswirkungen der Migration f\u00fcr die \u201eZur\u00fcckbleibenden\u201c, vor allem auch dann, wenn es sich bei den \u201eMigrierenden\u201c um gut ausgebildete Menschen handelt. In Deutschland wirkt sich die Migration v\u00f6llig unterschiedlich auf Unter-, Mittel- und Oberschicht aus. Probleme entstehen nur f\u00fcr die Unterschicht (Konkurrenz Wohnraum, Arbeitsplatz), die anderen k\u00f6nnen eher gewinnen (Besch\u00e4ftigung von billigen Arbeitskr\u00e4ften).<br \/>\nSeine Kernthese lautet: \u201cDie Aufnahme von Armutsfl\u00fcchtlingen aus dem globalen S\u00fcden in den reichen L\u00e4ndern des globalen Nordens, also in Nordamerika und Europa, ist kein vern\u00fcnftiger Beitrag zur Bek\u00e4mpfung von Weltarmut und Elend.\u201c (Seite 24). Die Integration von Kriegsfl\u00fcchtlingen h\u00e4lt Nida-R\u00fcmelin nicht f\u00fcr sinnvoll, da die Schutzgew\u00e4hrung nur vor\u00fcbergehend sei. Das Elend von \u00fcber zwei Milliarden Menschen sei auch bei gro\u00dfz\u00fcgigster Willkommenskultur und offenen Grenzen nicht l\u00f6sbar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei der Frage nach den Ursachen spart der Autor die Mitverantwortung des Westens f\u00fcr das Chaos im Nahen Osten und in Nordafrika nicht aus (Interventionismus, Irakkrieg). Dazu kommt die mangelnde Solidarit\u00e4t gegen\u00fcber den Anrainerstaaten und auch gegen\u00fcber Italien, Griechenland oder Spanien. Die L\u00f6sungsvorschl\u00e4ge sind nicht ganz neu: eine gerechte Weltwirtschaftsordnung, Armutsbek\u00e4mpfung vor Ort, keine subventionierten Exporte von Nahrungsmitteln in den S\u00fcden, keine Spekulation im globalen Lebensmittelhandel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Verteidigung der Schr\u00f6derschen Agenda ist nicht nachvollziehbar und erkl\u00e4rt sich h\u00f6chstens aus der Biographie des Autors.Etwas sybillinisch die Schlusss\u00e4tze:\u201cUrteilskraft hat ihren Preis. Ohne Zivilcourage bleibt sie wirkungslos.\u201c Lohnende Lekt\u00fcre.<br \/>\n<strong>Note 2\/3<\/strong> (ax) &lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; <strong><em>\u00dcber Grenzen denken<\/em><\/strong> ist der doppeldeutige Versuch \u00fcber nationale Grenzen nach- und hinauszudenken. Im Jahr 2017 geht es &#8211; nicht \u00fcberraschend &#8211; um die Migrations- und insbesondere um die Fl\u00fcchtlingsproblematik. Nida-R\u00fcmelin n\u00e4hert sich diesen Aspekten aus einer politisch-philosophischen Richtung und verbindet abstrakte \u00dcberlegungen mit realpolitischen L\u00f6sungen. Ausgehend von grunds\u00e4tzlichen Fragen der Ethik und ausgewiesenen philosophischen Str\u00f6mungen im ersten Buchabschnitt versucht der Autor in der zweiten H\u00e4lfte des Buches sieben Postulate zu begr\u00fcnden, die in Zukunft konkretes Handeln bestimmen sollten. Ist das gegl\u00fcckt?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nida-R\u00fcmelin pr\u00e4sentiert sich als <em>ethischer Realist<\/em>, dem wenige Verb\u00fcndete zur Seite st\u00fcnden. Koh\u00e4rentistisches Ethikverst\u00e4ndnis, Kommunitarismus versus Universalismus, Pr\u00e4skriptivismus und utilitaristische Theorie, kontraktualistische Versuche und Locke\u00b4sche Individualrechte lassen die wissenschaftlichen Grundlagen des Philosophen f\u00fcr den unge\u00fcbten Leser eher bedrohlich erscheinen. Fairerweise warnt der Autor philosophische Flachschwimmer vor den bevorstehenden st\u00fcrmischen Gew\u00e4ssern. Beruhigend dann aber die Tatsache, dass in der Buchmitte die intellektuelle See ruhiger wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nida-R\u00fcmelin versucht eine kosmopolitische Verantwortung f\u00fcr die Weltbev\u00f6lkerung als Ganzes mit nationalen Interessen jeder Region organisch zu verbinden. Dazu geh\u00f6rt auch die Notwendigkeit von Grenzen und das Selbstbestimmungs- und Abgrenzungsrecht von Nationen. Andererseits verweist er auf eine globale Verantwortung. Obwohl die weltweite Nahrungsmittelproduktion f\u00fcr die globalen Ern\u00e4hrungsbed\u00fcrfnisse ausreicht, hungern Millionen von Menschen. Die Ursachen sind vielf\u00e4ltig und beruhen vor allem auf Kriegen und B\u00fcrgerkriegen, zynischer Politik lokaler Eliten und globalen Marktprinzipien mit einigen Gewinnern und vielen Verlierern. Armut &#8211; gemessen an Bildungszugang, Gesundheitsversorgung, Ern\u00e4hrung, Unterkunft und menschenw\u00fcrdigem Leben &#8211; trifft ein Drittel der Weltbev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine theoretische L\u00f6sung, diese sogenannte \u201ebottom billion\u201c zu versorgen, k\u00f6nnte in der Migration in wohlhabende Weltregionen liegen. Aus kosmopolitischer Sicht jedoch h\u00e4lt Nida-R\u00fcmelin die Armutsmigration f\u00fcr die schlechteste Form der globalen Armutsbek\u00e4mpfung. Gr\u00fcnde f\u00fcr die Negativbewertung sind die sozialen, kulturellen und psychischen \u00dcberforderungen der Aufnahmeregionen sowie der Fl\u00fcchtlinge selbst, wozu er Studien aus verschiedenen Weltregionen zitiert. Zuletzt w\u00fcrden nicht nur die Sozialsysteme unterminiert. Im Vorfeld w\u00fcrden bereits die politischen Systeme durch populistische Gegenbewegungen (Front National, AfD etc.) kollabieren. Eine Entsch\u00e4rfung der Systemspannungen \u00fcber die z\u00fcgige Integration in den Arbeitsmarkt sei ebenfalls unrealistisch, da die hochtechnisierten Wirtschafts- und Produktionssysteme des globalen Nordens die nicht- oder unterqualifizierten zugewanderten Menschen kaum eingliedern k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Verantwortungsethik st\u00f6\u00dft zudem auf weitere Probleme. Im Deutschland der letzten zwei Jahre waren zwei Drittel der Gefl\u00fcchteten M\u00e4nner &#8211; mehrheitlich im Alter zwischen 14 und 34 Jahren. Dieser ausgepr\u00e4gte <em>Gender-bias<\/em> suggeriert eine sozio\u00f6konomisch motivierte Migration und nicht nur eine Flucht vor B\u00fcrgerkriegen. Die Schw\u00e4chsten jedoch, Frauen, Kinder und Alte, bleiben in den Krisenregionen zur\u00fcck. Die praktizierte Hilfe erreicht damit die Robustesten (also junge M\u00e4nner) und nicht die Hilfsbed\u00fcrftigsten. Gleichzeitig w\u00e4re die Verweigerung von Hilfe gegen\u00fcber den in Deutschland\/der EU gestrandeten Fl\u00fcchtlingen unethisch, selbst wenn die eingesparten\/den hiesigen Fl\u00fcchtlingen verweigerten Mitteln den Bed\u00fcrftigsten in den Fluchtl\u00e4ndern zukommen w\u00fcrden. Damit ergibt sich ein ethisches Dilemma, da in jedem Falle eine Pflichtverletzung begangen wird. Der Mensch muss akzeptieren, dass er schuldig wird, egal was er Gutes tut.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Autor verweist auf die Genfer Fl\u00fcchtlingskonvention, die eine gestaffelte Antwort vorsieht. Demnach sind Fl\u00fcchtlinge zun\u00e4chst ortsnah zum Konfliktherd (im eigenen oder Nachbarland) unterzubringen, wobei die Weltgemeinschaft die Kosten zu tragen habe. Die Unterbringung zielt ausschlie\u00dflich auf den vor\u00fcbergehenden Schutz und nicht auf die Integration im Gastland. Das Ziel muss die R\u00fcckkehr und der Wiederaufbau des eigenen Landes durch die vertriebenen Menschen sein. Problematisch wird es allerdings, wenn der Konflikt zu lange anh\u00e4lt. (Anmerkung: Das gegenw\u00e4rtige, deutsche Vorgehen, setzt diesen Gedankengang quasi au\u00dfer Kraft, in dem es f\u00fcr alle Fl\u00fcchtlinge Integrationsverpflichtungen vorschreibt und f\u00fcr die Mehrheit von Anfang an die Nicht-R\u00fcckkehr als gegeben annimmt.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als einen wesentlichen Faktor zur nachhaltigen \u00dcberwindung von Armut macht Nida-R\u00fcmelin die Wechselbeziehung zwischen Kultur und Wirtschaft aus. Eine prosperierende, umverteilende Wirtschaft erm\u00f6glicht Wohlstand. Wohlstand ist nur durch eine Kultur des gegenseitigen Vertrauens m\u00f6glich. Denn nur dieses Vertrauen erlaubt langzeitstabile Kooperationsstrukturen als Grundlage einer erfolgreichen Volkswirtschaft. Zwingend ist zudem der sozialstaatliche Ausgleich, um die fl\u00e4chendeckende Bildung einer Mittelschicht zu garantieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der entfesselte wie auch der korrupte Markt f\u00fchrt zu politischer Instabilit\u00e4t. \u201eDie Reformen der Agenda Gerhard Schr\u00f6ders haben zwar auch den deutschen Arbeitsmarkt teilweise dereguliert, aber in Verbindung mit sozialstaatlichen F\u00f6rderma\u00dfnahmen (Fordern und F\u00f6rdern) einen bis heute anhaltenden drastischen R\u00fcckgang der Arbeitslosigkeit bewirkt und die Voraussetzungen f\u00fcr die (stabile) Erholung der deutschen Volkswirtschaft von den schlecht gemanagten Vereinigungsfolgen erm\u00f6glicht.\u201c (S.131f.) Weiter folgert er, dass es keine grenzenlosen Migrationsbewegungen ohne Grenzen geben darf, will man nicht die hoch entwickelten Sozialsysteme zerst\u00f6ren. Die gewachsenen Solidarit\u00e4tsstrukturen w\u00fcrden im Migrationsgeschiebe eines ent-grenzten Arbeitsmarktes zusammenbrechen, da es zu einer fatalen Standortkonkurrenz kommen w\u00fcrde (S.133).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Attraktivit\u00e4t Deutschlands und der daraus resultierenden Arbeitslosenquote unter Migranten aus nicht-europ\u00e4ischen L\u00e4ndern von \u00fcber 50% (im Gegensatz zu ca. 6% bei deutschen Staatsb\u00fcrgern in 2016) wird entsprechend auf einen Sogeffekt der hiesigen Sozialleistungen zur\u00fcckgef\u00fchrt. Falsch ist die Annahme, dass sich die j\u00fcngste Immigration nach Deutschland in absehbarer Zeit positiv auf die demographische Problematik auswirkt. Eine zu gro\u00dfe Zahl zugewanderter Menschen bleibt auf absehbare Zeit ohne Arbeit oder in jenem Arbeitsmarktsegment, in dem keine wesentlichen Beitr\u00e4ge in die Rentenkassen erfolgen k\u00f6nnen. Im Gegenteil muss diese Population selbst alimentiert werden und entspannt damit weder den Arbeits- noch den Rentenmarkt. Ferner w\u00fcrde die Migration in den Herkunftsl\u00e4ndern ein Ausbluten verursachen, dass auch durch R\u00fcckzahlungen der Migranten nicht kompensiert wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von diesen \u00dcberlegungen ausgehend formuliert der Philosoph Nida-R\u00fcmelin sieben Postulate. 1) Migrationspolitik muss darauf abzielen die Welt gerechter zu machen. 2) Migration muss so gestaltet sein, dass sie in den Gastl\u00e4ndern nicht als bedrohlich wahrgenommen wird. Durch Teilhabe aller m\u00fcsse dabei die republikanische Identifikation mit dem Gastgeberland gef\u00f6rdert werden. 3) Das Selbstbestimmungsrecht der jeweiligen B\u00fcrgerschaft muss unber\u00fchrt bleiben. 4) Migration darf die sozialen Unterschiede im Gastgeberland nicht versch\u00e4rfen. Erfahrungsgem\u00e4\u00df konkurrieren die Migranten mit den unteren Gesellschaftsschichten auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt und um Sozialleistungen. 5) Nachteile, die sich durch Migration in den Herkunftsl\u00e4ndern ergeben wie der <em>brain drain<\/em> m\u00fcssen von den Gastgeberl\u00e4ndern voll kompensiert werden. 6) Migrationsursachen sollen durch eine gerechtere Weltwirtschaftsordnung aufgehoben werden. 7) Verlange von der Politik nichts, was Du nicht auch im Privatleben bereit bist umzusetzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Verschwommen bleiben die Wege hin zu diesen Zielen. Unbeantwortet l\u00e4sst Nida-R\u00fcmelin grunds\u00e4tzliche Fragen und Widerspr\u00fcche. Der Anspruch auf nationale Selbstbestimmung und damit Grenzen und Abgrenzung scheint unvereinbar mit seiner Forderung nach einer globalen Weltsozial- und Innenpolitik. Zu diesem Zweck sollen globale Institutionen eingerichtet werden. (Erfolglose) Vereinbarungen zwischen Nationen w\u00fcrden sich damit er\u00fcbrigen. Als Negativbeispiel zitiert er das Weltklimaabkommen. Diese \u00c4nderungen sollten von einem zweiten Paradigmenwechsel begleitet werden: statt Transferpolitik (Kompensationsleistungen des globalen Nordens an den globalen S\u00fcden) soll es eine Ordnungspolitik globaler Gerechtigkeit geben. Der Wandel soll nicht durch Demokratieexporte erfolgen, da der jeweilige regionale Wandel aus den betroffenen Gesellschaften selbst kommen muss. Das Scheitern des arabischen Fr\u00fchlings habe dies eindr\u00fccklich verdeutlicht. Direkter Handel mit kleinen Kooperativen statt mit den Oligarchen der Regionen soll die politische Mobilisierung f\u00f6rdern. Transferpolitik einerseits aufzugeben und andererseits umfangreiche Transferkompensationen f\u00fcr einen <em>brain drain<\/em> in den Fluchtl\u00e4ndern zu fordern (Postulat 5) ist ein weiterer Widerspruch im Gedankengeb\u00e4ude des Philosophen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Etliche Visionen klingen so ermutigend wie illusion\u00e4r. Wenn schon ein homogener Kulturkreis wie die EU zu keiner gemeinsamen Migrationspolitik findet, kann dann eine heterogene Weltgemeinschaft erfolgreicher sein? Wohl kaum. <strong><em>\u00dcber Grenzen denken<\/em><\/strong> liefert Denkanst\u00f6\u00dfe &#8211; und \u00fcbrigens einen informativen, detailreichen Anhang. An einigen grundlegenden Stellen w\u00e4re es jedoch n\u00f6tig gewesen, prinzipielle Grenzen als gegeben anzuerkennen, um der Wirklichkeit n\u00e4her zu kommen.<br \/>\n<strong>Note: 3-<\/strong> (ur)&lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; Die <strong>\u201eEthik der Migration\u201c<\/strong> ist gut gemeint, in den ersten drei\u00a0 Kapiteln mit einem breiten Exkurs in die Philosophiegeschichte sehr theorielastig vorbereitet, bleibt aber als praktische Handlungsanweisung mehr als vage. Gut ist Nida-R\u00fcmelins klare Differenzierung von Armutsmigration, politischem Asyl und Kriegsfl\u00fcchtlingen . Diskutabel ist seine provokante These, dass die Aufnahme von Armutsfl\u00fcchtlingen ethisch und politisch nicht verantwortbar ist (Lebensgefahr der Migrierenden, kulturelle Verluste der Migrierenden, sozio\u00f6konomische Verluste der Elendsregionen, Integrationskosten\u00a0 und nationalstaatliche Identit\u00e4t), seine Forderung von Kompensationszahlungen des reichen Norden an den S\u00fcden k\u00f6nnte angesichts korrupter Eliten braindrain eher bef\u00f6rdern als verhindern. Kriegs- und B\u00fcrgerkriegsfl\u00fcchtlingen nur tempor\u00e4ren Schutz zu bieten (R\u00fcckkehrpflicht nach Kriegsende) und damit Integrationsangebote zu hinterfragen, bleibt angesichts von Dauerkonflikten (Syrien, Afghanistan, Irak) fragw\u00fcrdig. Fragw\u00fcrdig ist aber ebenso, wenn demographische Prozesse\u00a0 in Industriestaaten (Schrumpfung, Fachkr\u00e4ftemangel) Migration legitimieren (s. Einwanderungsgesetze), das ist das Gegenteil von win-win.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was Nida R\u00fcmeiin \u201eAuf dem Weg zu einer gerechten Gesellschaft\u201c anbietet (Kap.X) , Ende der Transferpolitik (nebul\u00f6s\u00a0 die Kategorie \u201eOrdnungspolitik globaler Gerechtigkeit\u201c, Aufbrechen oligarchischer Strukturen, politische Mobilsierung der unterentwickelten L\u00e4nder von innen, Aufbau globaler Institutionen, ja gar eine \u201einstitutionalisierte Weltinnenpolitik\u201c erscheint angesichts realpolitischer Machtpolitik utopisch. Hilfreicher w\u00e4ren Antworten auf Fragen gewesen: Wie lassen sich Fluchtursachen bek\u00e4mpfen? Gibt es beim Grenzschutz auch ethische Grenzen ? Wie kann Integration gelingen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer die Frage nach der Ethik der Migration stellt, muss auch die Frage stellen: Gibt es eine universelle Ethik? Vor allem Imame in den Moscheen sollten sie beantworten.<br \/>\n<strong>Note: 3<\/strong> (ai) &lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt; Nun also noch ein Debattenbeitrag zur Migrationsproblematik von philosophischer Seite. Niada-R\u00fcmelin greift tief in die philosophische Begrifflichkeiten von Moral, Ethik, Kommunitarismus, Kosmopolitismus, Partikularismus und Universalismus. Das ist erkennbar dem wissenschaftlichen Anspruch geschuldet, wie auch die umfangreichen, aber lesenswerte Anmerkungen, die alleine 40 Seiten seines 240 Seiten umfassenden Essays einnehmen, mit dem er politische Fragestellungen mit philosophischen \u00dcberlegen verschr\u00e4nken will. Durchaus \u00fcberraschend ist etwa sein Postulat, dass eine Integration von Kriegs- und B\u00fcrgerkriegsfl\u00fcchtlingen nicht sinnvoll ist und auch die Aufnahme von Armutsfl\u00fcchtlingen eine extreme Benachteiligung derjenigen ist, f\u00fcr die die Flucht nach Europa aus den verschiedensten Gr\u00fcnden nicht m\u00f6glich ist. Nach seiner Ansicht geh\u00f6rt es zu den ureigensten Rechten eines Volkes, dar\u00fcber zu bestimmen, ob und gegebenenfalls wieviel Migration in sein Land es erlauben will. \u201e Es gibt keine moralischen Gr\u00fcnde, die sie zwingen k\u00f6nnten, dieses Selbstbestimmungsrecht aufzugeben.\u201c Damit hat jedes Land nat\u00fcrlich das Recht, seine Grenzen zu kontrollieren. Offene Grenzen lindern das Leid in den Herkunftsl\u00e4ndern nicht wesentlich, schw\u00e4chen diese L\u00e4ndern aber betr\u00e4chtlich und k\u00f6nnen in den aufnehmenden L\u00e4ndern zu betr\u00e4chtlichen sozialen Verwerfungen f\u00fchren. Seine \u201eWege zu einer gerechteren Welt\u201c bleiben allerdings doch \u00a0etwas banal, so etwas der Vorschlag \u201e globale Institutionen\u201c aufzubauen oder vage, wie der von \u201edem Wechsel von einer Transferpolitik\u201c zu einer \u201eOrdnungspolitik sozialer Gerechtigkeit\u201c. Auch der Vorschlag, dass B\u00fcrgerkriegsfl\u00fcchtlinge von umliegenden Staaten nach einem fairen Verteilungsschl\u00fcssel aufgenommen werden, wirkt angesichts der realen Weltlage etwas blau\u00e4ugig.<br \/>\nWas v\u00f6llig fehlt, ist ein ganz praktischer Vorschlag, wie die Grenzen wirksam kontrolliert werden sollen. Alles in allem aber, \u00a0ein lesenswertes Buch : <strong>Note : 2\/3<\/strong> (\u00fcn)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 edition K\u00f6rber-Stiftung\u00a0 2017\u00a0 | 241 Seiten. &gt;&gt; Die ersten drei der zehn Kapitel des Buches eignen sich mit ihren allgemeing\u00fcltigen philosophischen Aussagen ideal f\u00fcr eine Mehrfachnutzung. Anspruchsvolles Nachdenken \u00fcber ethische Pflichten, Verantwortung und \u00fcber Kommunitarismus versus Kosmopolitismus. 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