{"id":1002,"date":"2017-07-26T11:21:41","date_gmt":"2017-07-26T09:21:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=1002"},"modified":"2017-09-01T18:08:15","modified_gmt":"2017-09-01T16:08:15","slug":"der-laerm-der-zeit-julian-barnes","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=1002","title":{"rendered":"Der L\u00e4rm der Zeit  \u2013  Julian Barnes"},"content":{"rendered":"<h1><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-1005\" src=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/K1024_IMG_20170727_0001-198x300.jpg\" alt=\"\" width=\"198\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/K1024_IMG_20170727_0001-198x300.jpg 198w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/K1024_IMG_20170727_0001.jpg 768w, http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/K1024_IMG_20170727_0001-677x1024.jpg 677w\" sizes=\"(max-width: 198px) 100vw, 198px\" \/>Kiepenheuer &amp; Witsch 2017\u00a0\u00a0\u00a0 | 245 Seiten.<\/h1>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt;In seinem Roman breitet Julian Barnes vor den stalinistischen Fallgittern der Nachkriegszeit das Seelenleben des renommierten Komponisten Dmitri Schostakowitsch aus. Vier Jahrzehnte nach dessen Tod \u00fcberlagert der Autor authentische Details des Musikerlebens und der kommunistischen Gewaltherrschaft mit Innenansichten der gespaltenen Psyche des Vorzeigek\u00fcnstlers. Von der diktatorischen Willk\u00fcr wechselnd gefeiert oder verdammt, bereichert oder verurteilt der Sozialist Schostakowitsch gleicherma\u00dfen die entartete Sowjetherrschaft. Herrschaftssystem und Schostakowitsch wirken wie ungleiche Spiegelbilder, die in einer uns\u00e4glichen Symbiose den Eigennutz zu vergr\u00f6\u00dfern trachten. Schostakowitsch sucht die gro\u00dfe B\u00fchne, verzehrt sich nach \u00f6ffentlichem Beifall, pflegt wo n\u00f6tig die N\u00e4he zur Machtelite. Im gleichen Atemzug ist er angewidert von der Kulturlosigkeit ihrer Vertreter und verurteilt im Stillen ihre Willk\u00fcr und Gewaltorgien.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das politische System mit seinem absolutistischen Personenkult um Stalin andererseits ist durchdrungen von der allgegenw\u00e4rtigen Angst des Machtverlustes. In der Folge wird auch Schostakowitsch, der phasenweise als russischer Beethoven inszeniert wird, wiederholt Opfer administrativer Anfeindungen. \u00a0Schaffenskrisen, Todes\u00e4ngste und Freitodsehns\u00fcchte sind seine wiederkehrenden Begleiter. Die Ambivalenz von System und Individuum und ihre wechselseitige Beziehung beleuchtet der \u00fcbergeordnete Erz\u00e4hler im Roman bis zum Schluss. Dabei schl\u00fcpft er in das \u00dcber-Ich des Komponisten, woraus eine polarisierte Sichtweise entspringt. Die Folge ist ein stilles Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Fehler des Protagonisten, nicht aber f\u00fcr das politische System und seine Missbr\u00e4uche.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schon im ersten Kapitel wird uns Schostakowitsch in einer bizarren Angstsituation vorgestellt. Er verbringt mit gepacktem Koffer die N\u00e4chte vor dem Fahrstuhl seines Mietshauses. In der vermeintlichen Gewissheit, dass auch er von der Geheimpolizei abgeholt werden wird, will er seiner Familie den Anblick seiner Verhaftung ersparen. Zwar wird er wiederholt wegen musikalischer Abweichlertendenzen vorgeladen, doch wird er nie inhaftiert werden. Aber woher soll er das wissen? Zu viele Verwandte und Prominente sind lautlos oder lauthals verschwunden, gebrandmarkt, auf den Zensurindex gesetzt, in die Verbannung geschickt und j\u00e4mmerlich zugrunde gerichtet worden. Seine \u00c4ngste steigern sich ins Unertr\u00e4gliche.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Barnes zeichnet Schostakowitsch als kr\u00e4nklichen Zeitgenossen, dem alle 12 Jahre eine historische Katastrophe widerf\u00e4hrt. So missf\u00e4llt Stalin eine zun\u00e4chst hymnisch gefeierte, russifizierte Neuinterpretation von Shakespeare. Die Oper <em>Lady Macbeth von Mzensk <\/em>wird als linksabweichlerische Entartung entlarvt, in der es lediglich grunzt, quakt und quiekt. \u00c4mterenthebungen, Auftrittsverbote und Zwangsschulungen sollen fortan Schostakowitsch auf den rechten H\u00f6rpfad des Proletariats f\u00fchren, welches nur reine, klare Musikbilder verstehe. Schostakowitsch gehorcht. Rehabilitiert wird er Jahre sp\u00e4ter in die USA zu einem Friedenskongress zwangsentsandt. Als sozialistischer Vorzeigek\u00fcnstler soll er nicht nur das stalinistische Gesellschaftssystem zelebrieren, sondern auch emigrierte K\u00fcnstlerkollegen diffamieren. Schostakowitsch gehorcht erneut. Der \u00f6ffentliche Verrat, welchen Presse und Propaganda multiplizieren, endet in einer weiteren Sinnkrise. Eine besonders schmerzhafte Wiederholung dieses Prozesses vollzieht der Komponist unter Chruschtschow 1960. Auf h\u00f6chst instanzliche Anweisung verleugnet er den \u00fcberaus gesch\u00e4tzten Literaten Solschenizyn. In ein Schaltjahr f\u00e4llt auch sein zun\u00e4chst verweigerter Eintritt in die verhasste Partei. Er gehorcht &#8211; und leidet. Barnes spaltet Schostakowitsch in eine Pers\u00f6nlichkeit, die ihren Mut in die Musik und ihre Feigheit in das Leben steckt (S.210).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Prinzip Feigheit versus Aufrichtigkeit wird letztlich als endogener Zug im Wesen dieses Komponisten dargestellt. Schon die drei sich anbahnenden Ehen werden anf\u00e4nglich der strengen Mutter und sp\u00e4ter der \u00d6ffentlichkeit gegen\u00fcber verheimlicht. Welche Bedeutung weibliche St\u00e4rke andererseits f\u00fcr den schwachen Mann spielt, l\u00e4sst sich an den Schmerzen erahnen, die dem Musiker nach dem Tod der Mutter und seiner ersten krebskranken Ehefrau Nikita zugeschrieben werden. Selbst die gleichzeitige Liebe der lebenshungrigen Gattin zu einem renommierten Physiker kann diese Anh\u00e4nglichkeit nicht schm\u00e4lern. In den ersten Lebensjahrzehnten regiert bet\u00e4ubendes Get\u00f6se um Schostakowitsch, w\u00e4hrend er sich in seine Musik fl\u00fcchtet. Eine Musik, die er f\u00fcr sich und auch als Auftragsarbeit zur Lobpreisung des Systems komponiert. Zum Lebensende hin macht der L\u00e4rm der Zeit ihn taub &#8211; nach innen und nach au\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In gewisser Weise zeichnet Barnes Schostakowitsch weich, indem er ihn schuldig werden l\u00e4sst und gleichzeitig freispricht, weil er bereut und schuldbewusst leidet. Erstaunlich, dass dieser wertende Eindruck erhalten bleibt, obwohl der Musiker als notorischer T\u00e4ter bis zu seinem Lebensende dem Verrat treu bleibt &#8211; dem Autor folgend ohne Schuld mit S\u00fchne.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eingestreut f\u00fchrt Barnes in zahlreichen Szenen die Absurdit\u00e4ten des diktatorischen Alltags vor. Gelungen die Darstellung als Schostakowitsch nach der misslungenen Operninszenierung in kafkaesker Willk\u00fcr wiederholt vorgeladen wird, bis schlie\u00dflich sein Aufpasser selbst Opfer des Systems wird. Begierig frisst das Regime seine treuesten Protagonisten. Bizarre Absurdit\u00e4ten werden ins Unendliche perpetuiert. Theolinguisten bereinigen unerm\u00fcdlich die Sprache: Begriffe, Namen, Interpretationen werden ausradiert und wenig sp\u00e4ter mit g\u00f6ttlichem Wahrheitsanspruch wieder eingef\u00fchrt. Gl\u00e4nzend wiedergegeben auch die Wirkkraft der verwendeten Mittel, sei es Gewalt, Druck durch ritualisierte Drohgeb\u00e4rden oder durchdringend freundliche und penetrante Sachgespr\u00e4che, mit denen Schostakowitsch schlie\u00dflich zum Parteimitglied gedungen wird. Sehr nachvollziehbar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zusammenfassend ist Barnes ein gutes St\u00fcck Arbeit zu einem Themenkomplex gelungen, von dem man meinen k\u00f6nnte, dass der Komplex auf Grund seiner Popularit\u00e4t bereits ersch\u00f6pfend abgehandelt sei. Lesenswert. <strong>Note: 2<\/strong> (ur)\u00a0 &lt;&lt;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt;\u00a0Ein Mann wartet nachts auf seine Verhaftung. Mit gepacktem Koffer steht er vor seiner Wohnungst\u00fcr. Er m\u00f6chte vermeiden, dass Frau und Tochter durch die Geheimpolizisten des NKWD aufgeschreckt werden. Eine f\u00fcrchterliche Vorstellung. F\u00fcr den russischen Komponisten Schostakowitsch war sie real. Warum? Seine Oper \u201eLady Macbeth von Mzensk\u201c gefiel Musikfreund Stalin nicht. Die Blechbl\u00e4ser zu laut. Deswegen verlie\u00df er mit den Obergenossen die Regierungsloge. Frau Merkel besuchte am 4. August des Jahres selbige Oper bei den Salzburger Festspielen. Ihr scheint das Werk gefallen zu haben. Und wenn nicht, h\u00e4tte sie keinen Verriss (\u201eChaos statt Musik\u201c) geschrieben. Mit diesem Prawda-Artikel begann im Januar 1936 die erste stalinistische Kulturs\u00e4uberung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDer L\u00e4rm der Zeit\u201c ist der Titel des Romans. \u201eLohn der Angst: Fall und Aufstieg des Komponisten S.\u201c w\u00e4re vielleicht zu lang, k\u00f6nnte aber ganz gut passen. Schostakowitsch passt sich widerwillig an, unterschreibt Briefe gegen Sacharow und Solzenyschin. So kommt\u00a0 er in den Genuss von Privilegien, die Diktaturen loyalen K\u00fcnstlern bieten (hier: Datscha, Auto, Reisen und so fort). Er tut dies ohne Begeisterung, mehr oder weniger gezwungen. Eine Reise nach New York wird ihm f\u00f6rmlich aufgedr\u00e4ngt. An vielen Stellen wird die zerrissene Seele des Komponisten sp\u00fcr- und sichtbar. Der Staat m\u00f6chte einen \u201eoptimistischen Schostakowitsch\u201c, aber dazu ist er zu introvertiert. Seine Liebe f\u00fcr extrovertierte Frauen macht ihn sympathisch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Au\u00dferordentlich gut gelungen finde ich die Dialogszenen. So beim Verh\u00f6r durch die Geheimpolizei und beim \u201eDialog\u201c in dessen Verlauf der widerstrebende K\u00fcnstler zum Parteieintritt \u201e\u00fcberredet\u201c wird. Seine Picasso-Kritik (\u201eFeigling und Schweinehund\u201c) \u00fcberrascht auf den ersten, weniger auf den zweiten Blick (\u201eWie leicht es\u00a0 war, Kommunist zu sein, wenn man nicht im Kommunismus lebte!\u201c Seite 176).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch die\u00a0 \u201ewestlichen Humanit\u00e4tsapostel\u201c (Andr\u00e9 Malraux, Shaw, Feuchtwanger usw.), die die Sowjetunion f\u00fcr ein Paradies hielten, bekommen ihr Fett ab. Manche S\u00e4tze wollen mehrmals gelesen werden: \u201eWer wusste schon, was die Zukunft glauben w\u00fcrde? Wir erwarten zu viel von der Zukunft \u2013 in der Hoffnung, sie werde sich mit der Gegenwart streiten\u201c. (Seite 67)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese beiden S\u00e4tze verstehe ich trotz der aufopfernden exegetischen Bem\u00fchungen meiner drei genialen Lesefreunde immer noch nicht so ganz. Der Autor hat eine beeindruckende Recherchearbeit geleistet. Ist es zu viel des Guten, wenn dabei auch die Zigarettenmarken und Autotypen der damals f\u00fchrenden sowjetischen Komponisten aufgelistet werden? Der Roman beginnt und endet mit eine Szene auf einem Bahnhof in der russischen Steppe. Schostakowitsch und sein Begleiter sto\u00dfen mit einem Bettler an. Diese Klammer wirkt auf mich etwas konstruiert. <strong>Note: 2\/3<\/strong> (ax) &lt;&lt;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt;\u00a0Dieser Roman erz\u00e4hlt die Geschichte eines musikalischen Genies unter den Bedingungen stalinistischer und nachstalinistischer Kulturpolitik. Dort, wo der K\u00fcnstler zum \u201eIngenieur der menschlichen Seele\u201c reduziert wird, die Kunst vermeintlich dem Volk zu dienen hat, in Wahrheit der Parteiideologie, dort, wo das Stalinverdikt aus Schostakowitschs \u00a0Macbeth-Oper in einem Prawda-Leitartikelverriss \u201eChaos statt Musik\u201c macht, dort wird die Luft kreativer Entfaltung von Kunst d\u00fcnn. Als Schostakowitsch gar der Teilnahme an einem Mordkomplotts von Gener\u00e4len\u00a0 gegen \u201edie Macht\u201c verd\u00e4chtigt wird, scheint sein Schicksal besiegelt \u2013 in der bedr\u00fcckenden Fahrstuhlepisode wird die Tragik des Musikers verdichtet.\u00a0 M\u00f6glichem Lageraufenthalt oder gar der Hinrichtung entkommen, beginnt Schostakowitschs eigentliches Martyrium, das ihn lebenslang begleitet. Anders als etwa Prokofjew oder Strawinsky, die das Exil\u00a0 als Zuflucht (und\u00a0 Karriere) w\u00e4hlen, bleibt Schostakowitsch vor allem der Familie wegen in der Heimat. Hin- und hergerissen zwischen Auff\u00fchrungsverbot, notwendiger Anpassung, propagandistischer Vereinnahmung (Redediktat in New York), subtilen Widerstandsformen der Ironie und des Sarkasmus (Stalin Telefonat, Stalin-Brief) vertraut Schostakowitsch der \u201eGeheimsprache der Musik\u201c, wie sie gl\u00e4nzend in einem knappen Dialog zwischen dem Instrument \u201eDer Macht\u201c und \u201eB\u00fcrger zweite Oboe\u201c\u00a0 zum Ausdruck kommt. Ob diese Botschaft der Musik allerdings die Ohren des Publikums erreichte oder diese Sklavensprache taubstumm blieb, m\u00f6gen Musikexperten beurteilen. \u00dcberzeugender ist der Kampf gegen die Macht (Stalin, Chruschtschow etc.) wie er etwa im Schutz- und Possenspiel mit dem Genossen Trochin zum Ausdruck kommt. Ein Musterbeispiel, wie staatlich verordnete Umerziehung scheitern muss. Diskutabel\u00a0 bleibt in diesem K\u00fcnstlerroman, ob denn der Weg der \u201emoralischen Korruption\u201c oder des \u201ePrinzips Feigheit\u201c (Das Prinzip der Feigheit war das Einzige, dem er ein Leben lang treu geblieben ist) in einem repressiven Staat alternativlos war, zumal f\u00fcr einen besessenen K\u00fcnstler, der von der Auff\u00fchrung seiner Werke lebt . Die Unterschrift unter den Solschenizyn -und Sacharow-Brief jedenfalls war ein Tiefpunkt. Der private Solschenizyn gewinnt vor allem in den Frauenbeziehungen (wunderbar Tanja in Anapa, liebevoll \u2013tragisch Nina, ich h\u00e4tte die Beziehung mit A. nicht ausgehalten!!,\u00a0 die 27j\u00e4rige Irina, da gab\u2018s neben H\u00e4uslichkeit und Musik sicherlich noch was), aber auch in dem allzu Menschlichen: Schostakowitsch als Fu\u00dfballfan, Schostakowitschs Sehnsucht nach einem Mercedes, der Volleyball-Schiedsrichter und sein stiller Triumph \u00fcber die Macht in Gestalt des KGB-Chefs Serow.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich jedenfalls habe in diesem Roman viel erfahren \u00fcber die Sprache der \u00a0Musik, \u00fcber eine musikalische K\u00fcnstlerexistenz und die Mechanismen totalit\u00e4rer Macht, von einem unaufgeregten Erz\u00e4hler, der dem Leser den Spielraum l\u00e4sst, der notwendig ist, um aus der heutigen Beschaulichkeit das Leben im \u201eL\u00e4rm der Zeit\u201c zu beurteilen. <strong>Note:1\u2013<\/strong> (ai) &lt;&lt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&gt;&gt;\u00a0Als Dimitri Schostakowitsch am 26.01. 1936 den \u201eBefehl\u201c erhielt, \u00a0einer Auff\u00fchrung seiner Oper \u201eLady Macbeth von Mzensk\u201c beizuwohnen, bei der auch die obersten F\u00fchrer des Landes bis hin zu Stalin pers\u00f6nlich zugegen waren, war er schon 10 Jahre lang ein ber\u00fchmter Komponist in der Sowjetunion. Zwei Tage sp\u00e4ter liest er in der Prawda eine vernichtende Kritik der Auff\u00fchrung mit der \u00dcberschrift \u201e Chaos statt Musik\u201c, in dem von \u201eGequake, Geknurre und Gekreische\u201c die Rede ist. Die ganze Oper sei \u201elinksabweichlerisch\u201c und eine Abkehr von der wahren Kunst. Es ging das Ger\u00fccht, Stalin h\u00f6chstselbst habe die Kritik geschrieben, wof\u00fcr auch die zahlreichen, nicht korrigierten Rechtschreibfehler in dem Artikel als Beleg herangezogen wurden, da man Stalin selbstverst\u00e4ndlich nicht korrigieren d\u00fcrfe. Schostakowitsch rechnet nun jeden Tag mit seiner Verhaftung und wartet, um seiner Familie den f\u00fcrchterlichen Augenblick der Verhaftung zu ersparen, mit gepacktem Koffer schon am Aufzug auf die Schergen Stalins. Eine der bewegendsten Szenen in einem klugen und erhellenden Roman \u00fcber die schrecklichen Bedingungen f\u00fcr K\u00fcnstler und Intellektuelle in einem totalit\u00e4ren System, das nichts weniger als den neuen , besseren Sowjetmenschen schaffen will und sich dabei der grausamsten Methoden und massenhafter Schauprozesse und Massenhinrichtungen bedient. Ein Buch \u00fcber Anpassung, Feigheit und \u00dcberlebenswillen in einem unmenschlichen System.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu Recht wird auch die Frage gestellt, warum so manch ber\u00fchmte K\u00fcnstler im Westen, wie etwa Picasso, der die Schrecken des Regimes niemals am eigenen Leib habe erdulden m\u00fcssen, zeitlebens der Sowjetunion zugejubelt habe. Ein Gedicht von Jewtuschenko \u00fcber Gewissen und Standhaftigkeit spendet ihm Trost und stellt ihn gleichzeitig in Frage:<\/p>\n<p>Ein gelehrter Mann zu Galileos Zeit<br \/>\nWusste wie Galileo Bescheid:<br \/>\nDie Erde dreht sich, ganz bestimmt.<br \/>\nJedoch er hatte Weib und Kind.<\/p>\n<p><strong>Note: 1\/2 (<\/strong>\u00fcn) &lt;&lt;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kiepenheuer &amp; Witsch 2017\u00a0\u00a0\u00a0 | 245 Seiten. &gt;&gt;In seinem Roman breitet Julian Barnes vor den stalinistischen Fallgittern der Nachkriegszeit das Seelenleben des renommierten Komponisten Dmitri Schostakowitsch aus. 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