{"id":108,"date":"2015-03-22T11:58:38","date_gmt":"2015-03-22T09:58:38","guid":{"rendered":"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/?page_id=108"},"modified":"2015-05-03T19:55:53","modified_gmt":"2015-05-03T17:55:53","slug":"sils-maria","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?page_id=108","title":{"rendered":"Sils-Maria 2004"},"content":{"rendered":"<h2 align=\"justify\"><span style=\"color: #666666;\"> Erinnerung an eine Literaturreise<\/span><\/h2>\n<p align=\"justify\"><em><span style=\"color: #808080;\">10. Juli 2004 T\u00fcbingen<\/span><\/em><br \/>\nEin sommerlicher Freitag Sp\u00e4tmittag. Platzeinnahme in einem BMW mit Langzeitkomfort. Wohlwollende Erwartungen in der kleinen Gesellschaft, die noch nie ein gemeinsames Reiseziel ins Auge fasste. Das viele, \u00fcber die Jahre durchdrungene Papier macht es m\u00f6glich. Wie sch\u00f6n. Kaum zwei Stunden sp\u00e4ter: Eingang in das Ausland, die Schweiz gr\u00fc\u00dft mit alpinen H\u00f6henlagen. Doch &#8211; die Lesegruppe wird von einer Reiseschw\u00e4che \u00fcberrascht. Den Fahrer suchen die Folgen einer zu kurzen Nacht derart heftig heim, dass ein Ersch\u00f6pfungsschlaf unvermeidlich wird. Den auch nicht mehr ganz jugendlichen Restlesern gelingt es, in einer unliterarischen Autobahnrastst\u00e4tte die Zeit und M\u00fcdigkeit (wo kommt die eigentlich her?) zu vertreiben. Noch ist Literatur kein Thema.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am fr\u00fchen Abend Halt auf der letzten Naturh\u00fcrde (Julierpass) vor den Tiefen des Inntals, welches als eines der sch\u00f6nsten Hochgebirgst\u00e4ler gepriesen wird. Bei so viel Lobpreisung ist ein respektvolles Innehalten eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit. Das Wetter zieht an und will mit der Natursch\u00f6nheit nicht mithalten. Ankunft im Hotel Edelweiss, 130 Jahre Hotelgeschichte, 110 Jahre unmittelbare Nachbarschaft zum Nietzsche Haus.<br \/>\n**** Hotel mit ebenso vielen Freiheitsgraden im Aufbau. Die Herausforderungen der G\u00e4nge, Treppenh\u00e4user und Anbauten d\u00fcrfte f\u00fcr orientierungsbegeisterte Pfadfinder ein Genuss sein. Dennoch gelingt es der Literaturgruppe, die sich besser in durchnummerierten Buchausgaben zurechtfindet, wiederholt, die Wege von den Zimmern ins Freie zu meistern. Nach kurzer Orientierungslosigkeit folgt freudige Gelassenheit. Die Vierergesellschaft belegt zwei Doppelzimmer (mit Halbpension). Die Aufteilung erfolgt ohne jeden Streit in Ger\u00e4uschgruppen. Nichtschnarcher bleiben unter sich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Abendessen. Ein erster Spaziergang vermittelt den Eindruck, wie dunkel das gebirgige Ausland bei Nacht sein kann. Oder ist es das das Gem\u00fct verdunkelnde Weltbild Nietzsches? Sils-Maria ein kleiner, feiner Ort, der f\u00fcr die Rezensenten mit dem gro\u00dfen Thema eine angemessen bedachtvolle Ausstr\u00f6mung hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #808080;\"><em>11. Juli 2004 Sils Maria<\/em><\/span><br \/>\nSchlaf. Fr\u00fchst\u00fcck in einem der &#8222;sch\u00f6nsten Jugenstilspeises\u00e4ale der Schweiz &#8222;. Die M\u00e4nnergruppe ist beeindruckt. Eingetr\u00fcbt wird der morgendliche Glanz von einem Fieberangriff auf den mitgereisten ber\u00fchmten Literaturkritiker des Klettverlags. Die geplante Bergwanderung steht in Frage, wird dann jedoch wegen des robusten Leistungsstandes des Patienten (Stelios sei Dank) mit Nachsicht begonnen.Die Gruppe n\u00e4hert sich der Talstation einer Seilbahn. Winterlicher Zugwind provoziert die angeschlagene Gesundheit, wird dann aber mit einer winddichten \u00dcberhose abgewehrt.<br \/>\nDer Patient gibt nicht auf. Auf 2312m \u00fcber dem Meeresspiegel, wenig oberhalb der Mittelstation der Furtschellas Bahn gewinnt der Kritiker dank der gesunden H\u00f6henluft seine volle Leistungsf\u00e4higkeit zur\u00fcck. Es folgt eine allerliebste mehrst\u00fcndige Wanderung an bl\u00fchenden Alpenrosen und gurgelnden Wasserf\u00e4llen vorbei. Die durchbrechende Sonne, der leicht abfallende Weg ohne Steigungen und die gem\u00fctliche Gangart verbreiten eine freudige Stimmung, die die Gruppe Herrn Nietzsche allzu gern geg\u00f6nnt h\u00e4tte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Nachmittagsstunde h\u00e4tte sich im kleinen Bergrestaurant im Fextal eigentlich R\u00fcblitorte aufdr\u00e4ngen sollen, doch passt die hitzige Skiatmosph\u00e4re des Restaurants so gar nicht in die sommerlich warme Grundstimmung. Die Wandergruppe, die durch die bereits gemeisterten Halbabenteuer enorm an Selbstvertrauen gewonnen hat, entschlie\u00dft sich, ohne Unterbrechung weitere Kilometer auf sich zu nehmen. Gesucht wird ein romantisches Bergcafe mit Freiterrasse und bodenst\u00e4ndigem Kuchenangebot. Eine Dreiviertelstunde sp\u00e4ter wird die Mannschaft in den Alpen f\u00fcndig. Darauf folgt der Abstieg nach Sils-Maria. Zu diesem Zeitpunkt zeigt die Mehrzahl der Teilnehmer un\u00fcbersehbare Zeichen der Ersch\u00f6pfung. Der geplante Besuch des Nietzsche Hauses muss deshalb stillschweigend einer Bettruhe weichen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Rechtzeitig vor dem **** Abendmen\u00fc gelingt es allen Teilnehmer doch noch, sich in das G\u00e4stebuch des Nietzsche Museum einzutragen und damit die letzte Vorbereitung f\u00fcr den bevorstehenden Diskussionsabend abzuschlie\u00dfen. Der Fahrer des BMW regeneriert im Laufe einer professionellen Massage, w\u00e4hrend einer der Freunde in der Sauna zu Kr\u00e4ften kommt. In den weitr\u00e4umigen Hallen des altehrw\u00fcrdigen Hotels wird eine dem Anlass angemessene Diskussionsecke gefunden. Thema des heutigen Abends: Nietzsche zum Zweiten. Nach dem katastrophalen ZARATHUSTRA jetzt geniale Terti\u00e4rliteratur:<br \/>\n<strong><a href=\"http:\/\/www.literarisches-quartett-tuebingen.de\/?p=179\">Und Nietzsche weinte<\/a>.<\/strong> Auch wenn nicht alle das Werk gelesen haben (das hatten wir noch nie!), ist der Tenor zun\u00e4chst durchaus positiv. Erst am n\u00e4chsten Tag dringt ein sehr pers\u00f6nlicher Kommentar durch: &#8220; Ich mag keine Geschichtsromane&#8220;. Gut, auch Nietzsche und Freuds Lehrer Breuer, die beiden Protagonisten des Buches, d\u00fcrfen als Gestalten der Geschichte gelten. Ungeschichtlich ist jedoch ihre Begegnung. Die Meinungen bleiben geteilt, auch wenn es mindestens zweimal eine &#8222;Eins&#8220; gibt. Belegt ist allerdings auch das nicht. Bezeichnend bleibt jedoch, dass ein Teilnehmer von dem Roman so gefesselt wird, dass er Fiktion und Wirklichkeit nicht mehr auseinander halten will. Verst\u00e4ndlicherweise ist es ihm auch nicht mehr m\u00f6glich, den Autor zu erinnern &#8211; Realit\u00e4t passiert eben ohne Autoren.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/sils_max.jpg\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-641 size-full\" src=\"http:\/\/lq.kunstundwohnen.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/sils_max.jpg\" alt=\"\" width=\"227\" height=\"292\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #808080;\"><em>12. Juli 2004 Sils-Maria<\/em><\/span><br \/>\nDer Rest der Reise gleicht dem Morgen nach einem berauschenden Fest: Seespaziergang auf Spuren Nietzsches. Wahnsinn und Genialit\u00e4t wie so oft \u00fcberlappend. Da ist die k\u00fcrzeste aller Sinnformeln: Werde, der du bist. Tragisch, dass bei so viel Einsicht, so wenig Lebensfreude Platz fand. Das wollen wir anders machen. Heimfahrt und Vorbereitung neuer Feste.<\/p>\n<p><span style=\"color: #808080;\"><em>Nachwort zum Reiseanlass<\/em><\/span><br \/>\nEin Quartett feiert 10 Jahre munteres Lesen. Kaum ein Wort wird geschrieben, so dass nichts Ewigliches \u00fcberliefert wird. Oder doch? Statt dessen die guten Erinnerungen. Nie fehlt ein Mitglied. 10 Jahre und 50 B\u00fccher sind 500- fache geistige Freundschaft und die \u00dcberraschung, Emp\u00f6rung oder Begeisterung immer noch nicht voraussagen zu k\u00f6nnen. Wunderbar unkompliziert und doch mit einer stillen, erhaltenden Ordnung. Kein redef\u00fchrender Reich-R., statt dessen ein ausge-glichener Mannschaftssport, bei dem eine solidarische Rollenverteilung f\u00fcr Sturm-spitze, Mittelfeld und Verteidigung ausgemacht ist. Warum es weder Torwart noch Schiedsrichter gibt und nur wenig Doping, bleibt ungekl\u00e4rt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erinnerung an eine Literaturreise 10. 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